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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Louise Nevelsons unbekanntes Collagenwerk im Museum Wiesbaden

Auf der Suche nach dem Leben – weiterer Höhepunkt im Jubiläumsprogramm

Von Hans-Bernd Heier

Louise Nevelson zählt zu den bedeutendsten Bildhauerinnen der US-amerikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit ihren monumentalen Assemblagen prägte sie ab Mitte der 1950er-Jahre maßgeblich die US-Kunstszene und gilt als Pionierin der Installationskunst. Das Museum Wiesbaden rückt in der faszinierenden Ausstellung „Louise Nevelson. Die Poesie des Suchens“ jetzt erstmals ihr weniger bekanntes Collagenwerk in den Fokus. Arbeiten der vielseitigen Bildhauerin und Malerin, die durch ihre Teilnahme an der Biennale in Venedig (1962) sowie der Documenta in Kassel (1964 und 1968) internationale Anerkennung erlangte, waren bereits früher im Landesmuseum zu sehen.

Ausstellungsansicht; Foto: Christoph Boeckheler

In dem Begleit-Katalog der damals gut besuchten Ausstellung „Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts“ wurde Louise Nevelson (*1899 bei Kiew, +1988 New York) als „Star in der New Yorker Szene“ in den sechziger Jahren apostrophiert. Das ist nun 35 Jahre her, dass Werke von Louise Nevelson im Museum Wiesbaden gezeigt wurden. Jetzt wird ihrer einfühlsamen und materialstarken Kunst zum ersten Mal eine museale Präsentation im deutschen Raum mit besonderem Fokus auf die Collagen gewidmet. Die Bedeutung von Collagen in ihrem Denken umreißt Nevelson mit den Worten: „Meine Art zu denken ist eine Collage“.

Neben ihren berühmten Assemblagen schuf Nevelson ein umfangreiches Werk an Collagen, die von 1953 bis kurz vor ihrem Tod entstanden sind. „Diese Arbeiten wurden zu Lebzeiten nur selten gezeigt und haben bis heute nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen“, betont Museumsdirektor Dr. Andreas Henning. Ob wandfüllende Reliefs, freistehende Skulpturen oder kleinformatige Collagen: Nevelson verwendete für ihre Werke Fundstücke, die sie auf Streifzügen durch New York aufspürte. „Wenn eine Stadt über die Jahre entsteht, wird sie eine Collage von Zeit und Raum. New York City ist die größte Collage der Welt“, sagte Louise Nevelson.

Louise Nevelson; © Lynn Gilbert 1976

Louise Nevelson wurde 1899 als Leah Berliawsky in der Nähe von Kiew geboren und emigrierte mit ihren Eltern 1905 nach Rockland/Main. 1920 heiratete sie und nahm den Namen ihres Mannes an. 1929/30 studierte sie an der Art Students League in New York und begann 1931 ihr Studium bei Hans Hofmann, zunächst in München, dann in New York. Während ihres Europaaufenthaltes lernte sie im Pariser Musée de l’Homme afrikanische Skulpturen kennen, die sie nachhaltig beeinflussten. Zurück in New York arbeitete sie als Assistentin des mexikanischen Star-Muralisten Diego Rivera. Das Whitney Museum of American Art in New York richtete ihr 1967 die erste umfassende Retrospektive aus. 1983 wurde ihr die Goldmedaille für Skulptur der American Academy of Arts and Letters verliehen. Mit 88 Jahren starb Louise Nevelson 1988 in New York.

Die für sie grundlegende Arbeitsweise lässt sich aus heutiger Sicht als ein Prozess des „Upcyclings“ beschreiben. Die Künstlerin häufte einen immensen Fundus an „objets trouvés“ (gefundenen Objekten) an. „Aus ihnen schuf sie einzigartige Kunstwerke, denen eine Poesie des Suchens innewohnt. Eine zweifache sogar: zum einen diejenige des aufmerksamen Sondierens all des achtlos Weggeworfenen in den Straßen der Metropole. Zum anderen diejenige des gestalterischen Zusammenfügens der Fundstücke zu konkreten Werken“, erläutert Kuratorin Valerie Ucke. Und Henning ergänzt: „Es lohnt sich, dieser Poesie des Suchens auch heute in Nevelsons Werken nachzuspüren. Diese Ausstellung ist ein weiterer Höhepunkt in unserem Jubiläumsprogramm, mit dem wir unser 200jähriges Bestehen feiern.“

Ab den frühen 1950er-Jahren arbeitete Nevelson nach einem besonderen Prinzip: „Sie zerlegte die Welt, um sie anschließend nach ihren eigenen Vorstellungen neu zusammenzusetzen. Die Werke entstehen in ständigem Wechselspiel zwischen Fundstück und Verwandlung, Fläche und Raum sowie Nähe und Distanz. Dabei sind die Arbeiten weit mehr als nur Collagen oder Assemblagen“, betont die Kuratorin „Sie laden als poetische Reflexionen eines neugierigen Suchens dazu ein, neue Perspektiven und Wahrnehmungsräume zu entdecken“.

Ausstellungsansicht; Foto: Hans-Bernd Heier

Die sehr sehenswerte Ausstellung präsentiert die Collagen in fünf Sektionen im Dialog mit großformatigen, skulpturalen Wandreliefs und Skulpturen. Insgesamt vereint sie fast 70 Arbeiten von Nevelson. Die Werke sind nicht chronologisch angeordnet, sondern anhand ihrer technischen, materiellen und visuellen Merkmale und Ähnlichkeiten gruppiert. Die unterschiedlichen Collagen versammeln sich unter den Titeln: Gesprühte Poesie, Die Suche nach dem Alltäglichen, Vom Suchen und Finden, Das fortwährende Entdecken und die Suche nach Struktur und Ordnung.

Zur Ausstellung „Louise Nevelson. Die Poesie des Suchens“ ist der gleichnamige, von Valerie Ucke herausgegebene Katalog im Hirmer Verlag erschienen; 160 Seiten, Preis: 34 € an der Museumskasse. Eine kostenfreie Media-Tour in der MuWi-App sowie eine digitale Anwendung im Ausstellungsraum begleiten die Schau.

Die Präsentation, die noch bis zum 15. März 2026 zu sehen ist, wird unterstützt durch die Art Mentor Foundation Lucerne, die Rudolf-August Oetker Stiftung, die Fondazione Marconi sowie die Freunde des Museums Wiesbaden e.V.

Spezialhinweis für Swiftie-Fans:

Das Museum Wiesbaden lädt ab dem 13. November Fans zur originellen „The Swiftie Tour“ ein. So wie Taylor Swift, offenkundig inspiriert von dem Jugendstil-Gemälde „Ophelia“ von Friedrich Heyser, dem Kunstwerk eine neue Deutungsebene verleiht, führt ein Suchspiel – angeregt von Themen aus Swifts beliebten Songs – zu einer spannenden, höchst kurzweiligen Schnitzeljagd durch die Dauerausstellungen Kunst und Natur im Museum.

 

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