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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Unter Dichtern“ mit Michael Krüger – Eine literarische Tour d’horizon durch ein halbes Jahrhundert

Den Echoraum der Dichter ausloten

Von Petra Kammann

„Michel“ Krüger, wie der frühere Hanser Verleger (1986 bis 2013) von Insidern genannt wird, hat nahezu sein ganzes Leben mit Dichtern verbracht, sie gelesen, kritisiert, verlegt, ist mit ihnen gereist. Beim Petrarca-Preis, den er mit Hubert Burda und Peter Handke, mit Nicolas Born und Bazon Brock gründete, konnte er ihnen sehr unmittelbar begegnen. Einige hat er zum Nobelpreis nach Stockholm begleitet. In seinem Erinnerungsband „Unter Dichtern“ legt er uns aber auch Autoren und Bücher zur Lektüre ans Herz, von denen einige im schnelllebigen Büchermakt kaum mehr präsent sind. Im Gespräch mit dem Journalisten Paul Ingendaay schöpfte er während einer Open Books-Veranstaltung im Foyer des Frankfurter Kunstvereins aus dem Vollen seines Anekdotenschatzes. Dabei ist Michael Krüger übrigens nicht nur Verleger, sondern in erster Linie selbst Dichter…

Der Verleger, Lektor, Übersetzer und Autor Michael Krüger, Foto: Petra Kammann

Der 1943 in Wittgendorf geborene Michael Krüger, der eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler und Buchdrucker gemacht hat, besuchte daneben immer wieder als Gasthörer Veranstaltungen der Philosophischen Fakultät an der Freien Universität Berlin. Von 1962-1965 arbeitete Michael Krüger als Buchhändler bei Harrods in London. Bereits 1966 begann seine Tätigkeit als Literaturkritiker. Zwei Jahre später, 1968, übernahm er zunächst die Aufgabe des Verlagslektors im Carl Hanser Verlag, bevor er 1972 erstmals seine eigenen Gedichte Reginapoly veröffentlichte. Und seit 1981 war er Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente und debütierte 1984 als Erzähler mit dem Band Was tun?.

Wenn Krüger ausholt, wird nicht nur die Vergangenheit lebendig und nacherlebbar – er erzählt ausgesprochen anschaulich und assoziativ,– und er schafft sich beim Erzählen Raum fürs Innehalten und für Exkurse. Lauscht man seinen Erzählungen, gewinnt man den Eindruck, man wäre dabeigewesen, so wie in seiner (damals viel zu kleinen Wohnung) und könnte Mäuschen spielen, um mitzubekommen, wie es seinerzeit der rumäniendeutsche Autor Oskar Pastior, den Martin Walser mitgebracht hatte, schaffte, statt nur eine Nacht ein ganzes Jahr zu bleiben. Dabei schaute Pastior tagsüber in Krügers Wohnung vor allem Fernsehen, um die aktuelle deutsche Sprache perfekt beherrschen zu lernen. „Oskar kam und blieb. Fast ein Jahr. Er ging nicht mehr weg“. Krüger plus Freundin mussten nach einer neuen größeren Wohnung Ausschau halten.

Michel Krüger im lockereren Gespräch mit dem Journalisten und Autor Paul Ingendaay bei den Open Books, Foto: Petra Kammann

Wie auch immer: Michael Krügers Spürsinn für literarische Ausnahmebegabungen ist unnachahmlich. Deswegen ließ er sich auf solche Situationen ein. Und er kennt sie (sämtliche Autoren) alle – und „hat auch mit allen getrunken“, wie Paul Ingendaay als Moderator der Open-Books-Lesung während der Buchmesse schmunzelnd anmerkte.

Dann wiederum erinnert Krüger sich des Schreckens anlässlich Pastiors plötzlichem Tod kurz vor der Überreichung des Büchner-Preises im Oktober 2006, wo dieser nochmal seine Rede überarbeiten wollte, während die anderen Dichter und Kritiker ausgeflogen waren und Pastior dann plötzlich leblos neben der Kommode bei den Reicherts lag: „Ich habe unter größtem Herzklopfen im Theater in Darmstadt seine Dankesrede verlesen müssen.“

Ja, den Schock über den überraschenden Tod seines Dichterfreundes hatte er emotional überwunden, Krüger bewunderte die Dichter. Wieviele Trauereden, wieviele Lobreden er wohl in seiner Zeit als Verleger allein gehalten haben mag? Aber ebenso sehr trauerte er nicht nur über den Verlust des zarten, traurigen Menschen Oskar Pastior. Schon die Abwesenheit von Dichtern im damaligen Berlin hatte er als schmerzhaft empfunden. Da habe es eigentlich keine gegeben, außer dem suizidgefährdeten und zutiefst melancholischen Wolfgang Bächler, übrigens auch ein Freund von Paul Celan.

14 der von Krüger betreuten Autoren wurden unter Krügers Ägide im Hanser Verlag Nobelpreisträger. Das wäre eine eigene Geschichte wert. Immer war es die besondere Sprache der Dichter, die Krüger faszinierte, ja, für ihn eine geradezu magische Anziehungskraft hatte, und sei es der spezielle Tonfall einer poetischen Stimme. Man spürt es als Zuhörer oder auch als Leser, wenn er an „Die Pappeln flirren im schwindenden Licht, und man/ spürt den Abschied von etwas, das noch nicht da ist“ erinnert und damit an den wunderbaren Lyriker Jürgen Becker aus Erfurt, mit seinem ganz eigentümlichen Sound, eine Art rheinisch beeinflussten, melancholischem Singsang, oder wenn er vom St. Petersburger Dichter Joseph Brodsky spricht, der 1972 ausgebürgert wurde und nach New York kam, wo er sich nach einer Stadt am Meer sehnte, nach Venedig, wo er 1990 beigesetzt wurde. Einer, der die Weitschweifigkeit der Sprache verabscheute.

Oder aber über den polnischen Dichter Zbigniew Herbert, der ein so „wunderbar altmodisches Deutsch“ sprach oder über den serbischen Dichter Danilo Kiš, der dem in Auschwitz ermordeten Vater und der Kultur Mitteleuropas in seiner „Enzyklopädie der Toten“ ein Denkmal gesetzt hatte. Alexander Tišma wiederum brachte uns mit seinem Roman Der Gebrauch des Menschen der einstigen Vielvölkerstadt Novi Sad näher.

„Unter Dichtern“ ist eine Fundgrube von Widersprüchlichkeiten aller Art, die uns anders, bisweilen mit einem frischen Blick über die Welt nachdenken lassen. Man zieht mit Michel Krüger von Wohnung zu Wohnung um, von Berlin nach München, nach Ambach, man begleitet ihn nach Frankfurt zu Klaus Reichert, geht mit ihm und seinen Autoren auf Reisen wie mit dem polnischen Dichter Adam Zagajewski an die pazifische Küste nach World’s End, fährt zum kleinen korpulenten Elias Canetti mit dem präzisen Blick für Details, der „die deutsche Sprache vor den Nazis retten wollte“, nach Zürich, wo auch so bedeutende literarische Agenten wie Ruth(chen) Liepmann lebten, die er dann auch in Zürich aufsuchte.

Mit Günter Grass war Krüger auf einer Lesereise im Jemen. Mit den Stammeshäuptlingen rauchten sie verdruckst Wasserpfeifen und waren gespannt, wie ihre Gedichte in arabischer Übersetzung klingen würden. „Unter Dichtern“ spielt Grass keine poetische Rolle außer der des stiftenden Freundes und dann wieder der des Oberlehrers.

Wir begleiten Krüger bis nach Allmannshausen in sein Holzhaus oberhalb des Starnberger Sees, wo, wie in Schuberts Winterreise, die Krähen seine Nächsten sind. Dort bekämpfte Krüger während der Pandemie seine Leukämie. Dort entdeckte er aber auch den schottischen Schriftsteller John Burnside, dem Meister des unscheinbaren Augenblicks, in dem sich das abgründige Wesen der alltäglichen Dinge offenbart, oder er nimmt Abschied vom Welschschweizer Dichter Philippe Jacottet und widmet ihm nach dessen Tod von dort aus eigens ein Gedicht.

Lauter Geschichten über das uns in vielem so unbekannte Mitteleuropa enthält der Band, Geschichten und Gedichte über die „Unlesbarkeit der Welt“ und auch heitere Grillen, die das Leben und vielleicht auch den nahenden Winter erträglich machen, indem wir „das Ungeplante zulassen“, wie er eines der Kapitel überschreibt. Den Echoraum der Dichter erleben, die in den Buchhandlungen bei uns meist unter Wert gehandelt werden und das ausgerechnet „beim Volk der Dichter und Denker“.

Das ist alle Mühe wert, diese persönliche und kenntnisreiche Tour d’horizon quer durch ein halbes Jahrhundert zu verfolgen, und doch auch nicht wirklich anstrengend, denn Krüger nimmt uns mit, schließt uns in seine Überlegungen mit ein und wirkt mit seiner Neugierde einfach ansteckend. Ob Dichterinnen für ihn ebenso inspirierend waren? Nur Christine Lavant? Aber das ist eine andere Geschichte, vielleicht für ein neues Buch?

 

 

 

 

 

Michael Krüger
Unter Dichtern
Suhrkamp
618 Seiten
34 €

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