Jette Steckels phänomenale Inszenierung „Das große Heft“ nach einem Roman von Ágota Kristóf
Was Krieg aus den Menschen macht…
von Simone Hamm
Dutzende von Aluminiumrohren hängen von der Bühne, die von schwarzem Sand bedeckt ist. Lichtbänder fassen sie ein. Es ist fast dunkel. Ein Geiger (Matthias Jakisic) und ein Schlagzeuger (Karsten Riedel) spielen sehr laute Musik (Musikalische Leitung: Mark Badur). Noch bevor der erste Satz gesprochen ist, ist da ein verstörendes Gefühl. Die Aluminiumstangen können zusammenfahren, nach oben rauschen, einen Wald bilden oder einen Duschraum, können Kirchenglocken sein. Aber immer bedeuten sie Enge. Die quadratische Spielfläche wird zur Schräge. Es gibt kein Entkommen.

Linde Dercon, Risto Kübar, Pierre Bokma, Ole Lagerpusch, Guy Clemens (v. li.), Foto: Armin Smailovic
Dieses Bühnenbild von Florian Lösche wirkt bedrohlich. Bernd Felders Lichtregie lässt den Wald aus Metall und Erde im Halbdunkel, dann leuchtet er ihn grell aus, hebt einzelne Stellen hervor, scharf und schneidend. Die Metallrohre bilden lange Schatten. Besser können Bühnenbildner und Lichtdesigner nicht zeigen, was Kälte ist. Bühnenbild, Licht, Musik (die an diesem Abend auch sehr leise sein kann, aber immer beklemmend wirkt) gehen perfekt zusammen. Dieser Abend wird keiner sein, in dem die Zuschauer sich wohlig zurücklehnen können, das wird klar.
Jette Steckels Vater verstorbener Vater Frank Patrick Steckel war Bochumer Intendant, sie kennt die Stadt. Jetzt hat sie am Bochumer Schauspiel Regie geführt. Und wie!
Unterstützt wird sie von den großartigen Schauspielern des Bochumer Ensembles. Auf der Bühne stehen vier Schauspieler und eine Schauspielerin (Pierre Bokma, Guy Clemens, Rist Kübar, Ole Lagerpusch, Linde Dercorn) in kurzen dunklen Hosen, weißen Hemden in dicken Schuhen und weißen Kniestrümpfen. Sie werden den ganzen Abend über in verschiedene Rollen schlüpfen. Blaue Hoodies tragen.
Sie singen Brechts Kinderlied, vom Pflaumenbaum, der verkümmert ist und nicht wachsen kann, weil er im engen Hinterhof eingegittert ist. Er wird auch keine Pflaumen tragen. Man erkennt ihn nur an seinen Blättern.
Es herrscht Krieg. Die Mutter bringt die Zwillinge (stets verdoppelt, dargestellt von vier Schauspielern) aus der großen Stadt, die bombardiert wird und in der es nichts mehr zu essen gibt, heraus aufs Land zu ihrer Mutter. Sie nimmt an, dort sei es sicher.

Linde Dercon, Foto: Armin Smailovic
Pierre Bokma zieht sich einen weiten lang Rock über die kurzen Hosen und knotet ein Kopftuch unterm Kinn. Er wird zur garstigen Hexe aus dem Märchen. Und Hexe wird die Großmutter genannt, sie soll ihren Mann vergiftet haben. Sie wäscht sich nie. Sie trinkt.
Die Großmutter nennt die Kinder Hurensöhne und lässt sie hart arbeiten. Die Kinder bleiben ruhig. Unentwegt schaufeln sie den dunklen Sand von einer Ecke in die andere. Sie erzählen, dass sie sich um das Vieh kümmern und die Schubkarre mit Gemüse beladen. Sie erzählen, dass sie einen toten Soldaten im Wald finden, sich dessen Gewehr und die Handgranaten nehmen und sie verstecken. Sie werden immer schmutziger.

Risto Kübar, Pierre Bokma, Ole Lagerpusch (v. li.), Foto: Armin Smailovic
Und dann fassen sie einen Plan. Sie wollen sich abhärten gegen dieses Leben, abhärten gegen die Schläge der Großmutter und anderer Dorfbewohner. Sie verprügeln sich gegenseitig, bleiben still. Sie schneiden sich mit dem Messer. Irgendwann verspüren sie kaum noch Schmerz. Nur so, indem sie jedes Gefühl und jedes Mitgefühl in sich sterben lassen, glauben sie, überleben zu können. Als die Mutter sie in einem Brief mit Kosenamen anspricht, lesen sie diese immer wieder. So lange, bis sie bedeutungslos geworden sind.
Sie erbetteln sich ein großes Heft, in dem sie genau protokollieren, wie sie sich verhärten, sie schreiben, was sie erleben. Es gibt nur eine Regel: wahr muss es sein. Aus diesem Heft zitieren sie. Das Heftigste, was sie erleben an Kriegsgräuel und Gewalt (vor allem sexualisierter Gewalt gegen Frauen), findet in der Imagination der Zuschauer statt. Sie beobachten das Nachbarmädchen Hasenscharte. Ihre Mutter gibt vor, blind und taub zu sein. Das Kind ist so einsam, dass es einen Hund herbeipfeift und ihm den Hintern entgegenstreckt.
Risto Kübar als Hasenscharte macht eine Brücke, spreizt die Beine. So läuft er auf allen vieren über die Bühne, vor- und rückwärts. Als Hasenscharte trägt er eine Strumpfmaske, die Scharte und Gesicht verdeckt. Er wagt nicht, sich zu zeigen, ist demütig, unterwürfig.
Hasenscharte wird sterben, als die herannahenden Soldaten, die Befreier, sie vergewaltigen. Dass sie dabei vor Lust juchzt, ist der einzige Moment an diesem Abend, der mich sprachlos macht. So etwas kann ich mir einfach nicht vorstellen: eine Frau, die vor Lust stöhnt, während sie von einem Dutzend Männer zu Tode vergewaltigt wird.
Missbrauch ist ohnehin an der Tagesordnung. Weder der Pfarrer (Risto Kübar) noch seine Haushälterin (Guy Clement) schrecken davon zurück. Nachdem sie sich an ihnen vergangen haben, werden die dreckigen Kinder gebadet. Die Kinder sehen einen Zug von schweigenden Frauen und Kindern, die abgeführt werden. Sie schweigen.

Ole Lagerpusch, Foto: Armin Smailovic
Die Mutter kehrt mit einem fremden Soldaten und einem Baby zurück, will ihre Söhne holen und in ein anderes Land bringen. Die weigern sich und sehen mit an, wie Mutter und Baby von einer Bombe zerfetzt werden.
Der Vater kommt wieder. Die Söhne erklären ihm, wie man über die mit Stacheldraht geschützte und durch ein vermintes Feld abgesicherte Grenze in die Freiheit fliehen kann. Man müsse im Zickzack über das Gelände gehen. So könne man, sagen ihm die Kinder, den Minen ausweichen. Sie sagen ihm nicht, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt: einem Flüchtenden zu folgen. Der Vater tritt auf eine Mine. Der hinter ihm gehende Sohn gelangt über die Grenze. Sie haben ihn geopfert.
Schonungslos, unsentimental schreibt die 2011 in der Schweiz lebende Ágota Kristóf über den Krieg. Nach der Niederlage des ungarischen Volksaufstandes 1956 ist sie mit Mann und Tochter dorthin geflohen.

Ole Lagerpusch, Risto Kübar (v. li.), Foto: Armin Smailovic
In „Das große Heft“ lässt sie keine Brutalität, keine Perversion, aus. Ihre Sprache ist minimalistisch, ihre Sätze sind kurz. Deswegen kann man den Roman überhaupt nur lesen, das Erzählte ertragen. Ágota Kristóf schreibt radikal aus der Perspektive der Schwächsten, der Kinder. „Das große Heft“ ist einer der eindrücklichsten Kriegsromane, die ich kenne.
Und genauso inszeniert Jette Steckel. Kühl; kühl, unsentimental, bestechend, überzeugend.
Ein Bruder bleibt im Haus der Großmutter. Der andere geht von der Bühne ins Publikum. Dann fällt der eiserne Vorhang.
Weitere Aufführungen:
„Das große Heft“ von Ágota Kristóf
29. November und am 12. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr
am Bochumer Schauspielhaus
