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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Anatomie der Fragilität – Körperbilder in Kunst und Wissenschaft im Frankfurter Kunstverein

Visionen vom idealisierten und real fragilem Körper

von Petra Kammann

Wer sind wir? Wie verletzlich sind wir? Die Reise durch die Geschichte der Bilder vom Körper ist schlicht faszinierend, zumal der zunehmend  wissenschaftliche Blick ins Innere unseres Körpers uns vor neue Fragen stellt. Im Entrée des Frankfurter Kunstvereins scheint die Welt noch heil zu sein, wenn uns zunächst die antike Kroisos-Kouros-Statue – eine zwei Meter hohe, männliche Figur aus archaisch-griechischer Epoche (530 v. Chr.) – ins Auge sticht. Der Blick des jungen edlen Mannes in idealtypischer Gestalt ist in die undefinierbare Ferne oder auf seine Zukunft als Held gerichtet. Auf den weiteren Etagen des Hauses geht es dann ans „Eingemachte“: ins Innere, ins Austauschbare, ins Fragile, ins Ritualisierte und ins Imaginierte des Körpers…

Von diesem „perfekten“Jüngling“ Kouros – eine Leihgabe aus der Antikensammlung der Goethe-Universität – werden Sie im Kunstverein empfangen,  Foto: Petra Kammann

Der verletzte Körper

Schon eine Treppe höher sehen wir, wie verletzlich wir sind, bzw. unser Körper ist. Radikal ist der Schnitt zur Gegenwart. Prothesen ersetzen ein verloren gegangenes Körperteil. Aber auch das bietet die Möglichkeit der Transformation, sofern man kreativ damit umgeht. Das hat uns nicht zuletzt die Olympiade der Paralympics im vergangenen Jahr in Paris gezeigt. Es bedarf der Phantasie und der besonderen Herausforderung, um neue Chancen zu sehen.

Blick in die künstlerische Prothesenwerkstatt, Foto: Petra Kammann

Die Londoner Designerin, Künstlerin und Prothetikerin Sophie de Oliveira Barata (*1982 London) präsentiert absolut verblüffende Prothesen, sie bildet nicht etwa ein fehlendes Körperteil möglichst naturgetreu nach, sie gestaltet es künstlerisch, um so zu einem Empowerment der betroffenen Persönlichkeit beizutragen, die auf diese Weise sogar als Model reüssieren kann. „The Alternative Limb Project“ nennt sie es.

Die Skulpturen der koreanischen Künstlerin Yein Lee, Marshmallow-Laser-Feast. FKV

Da der Frankfurter Kunstverein für die Ausstellung auch Kooperationen mit wissenschaftlichen Instituten wie zum Beispiel mit dem Frankfurter Universitätsklinikum gesucht hat, finden sich gleich im Nebenraum ganz reale Wachsmodelle von Hautkrankheiten und -verletzungen leidender Personen. Ihnen wiederum sind die menschenähnlichen, lebensgroßen, wenn auch etwas gruselig wirkenden Figuren der in Wien lebenden südkoreanischen Künstlerin Yein Lee (*1988) räumlich gegenübergestellt. Sie legen einen Blick auf die innere Struktur des Menschen frei. Konstruiert hat Lee diese aus gefundenen Gegenständen wie Kabeln und Zweigen, Stahlrohren und Computerteilen. Eine Erweiterung der Duchamp’schen Ready mades.

Zwischen anatomischem Wissen und künstlerischer Interpretation

Real und historisch sind die anatomischen Experimente, die vor allem im Italien  des 18. Jahrhunderts gemacht wurden. Eine große Besonderheit stellt das Exponat der anatomischen Venus aus Florenz (ca. 1782) des Künstlers Clemente Susini (1754 -1814) dar, das zum ersten Mal auf die Reise nach Deutschland, nach Frankfurt, ging.

Die anatomische Venus des Florentiner Künstlers Clemente Susini, Foto: Petra Kammann

Eine fast überirdische weibliche Schönheit mit langem echten Haar und geschlossenen Augen liegt in ihrer anmutigen Haltung unbekleidet in voller Gänze vor uns da, auch mit aufgeschlitzten Rumpf, welcher die inneren Schichten freilegt. Somit steht die anatomische Wachsfigur symbolisch für das Zeitalter der Aufklärung, in der Wissen ins Zentrum menschlicher Welterfahrung gerückt wurde. Auch die weiteren spektakulären Wachsskulpturen wurden von der Universität Bologna und deren Sammlungen “Luigi Cattaneo” für die Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Evolver-Meditation von Marshmallow Laser Feast als VR-Erlebnis, Foto: Norbert Michaletz /FKV

Demgegenüber erscheint die künstlerische Arbeit, eine Laser-Installation „Evolver“ des Londoner Künstler:innenkollektiv Marshmallow Laser Feast, das aus medizinischem Rohmaterial wie Ganzkörper-MRT-Scans, MRA-Untersuchungen und Blutflussdaten dank der Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin und MEVIS aus Bremen entstand, in seiner Virtualität geradezu irreal. Die beginnt mit einer zehn-minütigen Audio-Meditation, unterstützt von Cate Blanchetts Stimme (natürlich auf Englisch), die für die Ruhe der eigenen Atmung und damit des eigenen Herzschlags  sorgt. Im Anschluss tauchen die Betrachter mittels einer vierundzwanzig-minütigen VR-Erfahrung in die Blutkreisläufe, Lungenräume und das pulsierende Herz ein. Mittels des über allem schwebenden 15 Meter hohen Bewegtbildes kann man zwar in die medizinisch-künstlerischen Körperbilder eintauchen, aber vielleicht wohl eher abheben…

Etruskische und süddeutsch barocke Votivgaben

Etruskische Votivgaben aus der Sammlung des Anatomen Ludwig Stieda, Justus-Liebig-Universität Gießen, Foto: Petra Kammann

Eine Etage höher wiederum geht es um Opfergaben, um sogenannte Ding gewordene Gebete, die Menschen in Zeiten ihrer Not Heilung und zum Schutz in Zeiten ihres Leids einen Dank spenden für wundersame Rettung und Hilfe. Die Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität Gießen hat dazu 23 etruskische Terrakotta-Votive aus dem späten 3. bis mittleren 2. Jahrhundert v. Chr. zur Verfügung gestellt. Sie gehören zu den frühesten erhaltenen Zeugnissen einer religiösen Praxis, die in verschiedenen Kulturen über Jahrtausende fortgeführt wurde.

Votivgaben aus dem Süddeutschen Raum 

Ihnen gegenüber stehen blutrot gefärbte Votivgaben aus formbarem organischen Bienenwachs und die dazugehörigen Holzmodeln aus der Sammlung von Hans und Benedikt Hipp aus dem süddeutschen Pfaffenhofen, deren Beispiele bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückreichen. Diese wiederum treten mit den kleinformatigen Gemälden der italienischen Künstlerin Chiara Enzo (*1989 ) in einen räumlichen Dialog. Enzos hyperrealistische Gemälde weisen Spuren von Verletzungen und Eingriffen auf.

Rauminstallation mit Mischwesen

Die Skulpturen von Mischwesen und die Wandobjekte von Agnes Questionsmark, Foto: Petra Kammann

Eine Art Höhe- und Schlusspunkt der ungewöhnlichen Schau stellt in der obersten Etage die große Rauminstallation der jungen italienischen Künstlerin Agnes Questionmark (*1995) dar. Sie schuf eigens für diesen Raum drei lebensgroße Skulpturen – halb Mensch, halb Tier–, Wesen zwischen Alien und und mythologischen Wasserfiguren, dazu für die Wände sechs digital und analog verfremdete und mit Silikon oder wachsüberformte Wandobjekte.

Die Mischwesen – eine Attraktion für Kinder, Foto: Petra Kammann

Für die 30jährige Künstlerin stellen diese Bilder chirurgische Eingriffe am offenen Herzen dar. Questionmark setzt damit außerdem Zuschreibungen wie männlich und weiblich, gesund und krank, menschlich und nicht-menschlich, fragil und resilient außer Kraft.

Fazit: Körper sind verwundbare Gebilde , vergänglich und damit endlich. Die Verletzlichkeit des Körpers ist für den Menschen eine existenzielle Bedingung. Oder am Ende gar nur ein Problem, das wir versuchen unter Kontrolle zu bringen?  Dass Körper darüberhinaus auch gleichzeitig politisch und nicht ausschließlich eine private Angelegenheit sind, auch davon handelt die vielfältige Ausstellung mit den so spannenden Exponaten aus unterschiedlichen Zeiten. Und wie sieht es damit aus, dass die Verletzlichkeit in der Gesellschaft ungleich verteilt ist und wie kann man mehr Menschen einbeziehen, damit auch sie Teil der Gesellschaft werden?

Politische Gefühle: Harald Welzer und Ines Geipel

13.11.2025, 19:30 Uhr

Die nächste öffentliche Führungen:

Im Dialog mit: Der Körper als Archiv. Moulagen zwischen Empathie und Lehre

15.11.2025, 16:00 Uhr

Im Gespräch mit der Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, Prof. Franziska Nori, gibt Prof. Dr. Falk Ochsendorf , Leitender Oberarzt für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Klinikum der Goethe-Universität, einen Einblick in die faszinierende Geschichte der Frankfurter Sammlung – von ihrer Blütezeit im 19. Jahrhundert bis zu ihrer Wiederentdeckung in der Gegenwart. Gemeinsam sprechen sie darüber, warum Moulagen heute wieder relevant sind, welche Krankheiten sie dokumentieren und wie sie die Empathie in der medizinischen Ausbildung fördern.

29.11.2025, 16:30 Uhr

Anita Lavorano und Pia Seifüßl aus dem kuratorischen Team des Frankfurter Kunstvereins eröffnen im Dialog mit den Besucher:innen unterschiedliche Perspektiven auf die Fragilität des Körpers und seine Darstellung in der Vergangenheit und Gegenwart.

Die Führung kostet 5 € zzgl. Eintritt. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

 

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