„Hélène de Beauvoir. Mit anderen Augen sehen“ – Retrospektive in den Opelvillen
Kunst als Akt der Befreiung
Von Hans-Bernd Heier
Die Opelvillen präsentieren die erste museale Ausstellung zum Werk der Malerin Hélène de Beauvoir (1910 – 2001) in Deutschland, der in Vergessenheit geratenen Schwester von Simone de Beauvoir. Ihre Werke reichen von Kupferstichen über Aquarelle bis zu großformatigen Malereien in Öl oder Acrylfarbe. Mit Stichel, Stift oder Pinsel lotete die experimentierfreudige Künstlerin die Möglichkeiten gegenständlicher und ungegenständlicher Kunst aus, bis sie die Trennlinien in den 1960er-Jahren ausdrucksstark auflöste. In der retrospektiven Ausstellung „Hélène de Beauvoir. Mit anderen Augen sehen“ sind rund 170 Exponate versammelt, darunter über 70 Ölgemälde und erstmalig auch Skizzenblöcke, Entwürfe und Vorzeichnungen der Malerin.

Hélène de Beauvoir „Selbstporträt [Autoportrait]“, 1955, Privatsammlung; © Ute Achhammer, APP, Foto: Christian Kempf
Fast fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod von Hélène de Beauvoir werden zum ersten Mal Bilder aus den Jahren von 1930 bis 1990 ausgestellt, die beleuchten, welche Bedeutung die Figur der Frau von Anfang an für die Malerin hatte. „Unberücksichtigt blieb lange auch die Beschäftigung von der Künstlerin mit dem weiblichen Körper, der Sexualität und der Verletzlichkeit der Frau. Bislang unbekannte Werke erweisen sich nun als Schlüsselwerke und erschließen neue Erkenntnisse über ihre Bedeutung für die Malerei und feministische Kunst des 20. Jahrhunderts“, so die Direktorin der Opelvillen Dr. Beate Kemfert.
Möglich wird diese neue Sichtung ihres Werkes durch langjährige Recherche und durch vielfältige und umfangreiche Leihgaben aus verschiedenen europäischen Privatsammlungen. Die Leihgaben stammen aus Frankreich, Italien, Deutschland, England und der Schweiz. Für die Opelvillen entwickelte Kemfert, die auch die facettenreiche Ausstellung kuratiert hat, ein Konzept, das die gesamte Spannweite von Hélène de Beauvoirs Schaffen würdigt und dabei bislang nicht berücksichtigte Thematiken fokussiert.

Hélène de Beauvoir, Ohne Titel, 1970; © Ute Achhammer, APP
Künstlerische Anfänge in den 1930er Jahren
1934 bezog die junge Malerin Hélène de Beauvoir ihr erstes Atelier in Paris und präsentierte schon zwei Jahre später ihre erste Einzelausstellung in der Galerie Jacques Bonjean. Mitbegründer der Galerie war der spätere Modeschöpfer Christian Dior. Die Galerie Bonjean stellte auch Werke von Pablo Picasso, Georges Braque oder Salvador Dalí aus und ermöglichte Leonor Fini, ähnlich wie Hélène de Beauvoir, ihre erste Einzelausstellung. Pablo Picasso beurteilte anerkennend Hélènes Bilder als »originell«.
Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Ausstellungen in Städten wie Paris, Mailand, Turin, Tokio, Genf, Lausanne oder Brüssel. Ölbilder von Hélène de Beauvoir gelangten in die Uffizien, Florenz, und ins Pariser Centre Pompidou. Zu den letzten großen Schauen zu Lebzeiten zählt ihre Präsentation 1995 an der Universität Aveiro in Portugal, der sie rund achtzig Werke schenkte.
Danach geriet die Malerin Hélène de Beauvoir in Vergessenheit. Auch die Veröffentlichung ihrer Lebenserinnerungen 2014 auf Deutsch und eine Ausstellung ihres Werkes 2018 im Musée Würth France Erstein änderten nichts an der Tatsache, dass die Bedeutung ihrer Malerei bislang kaum wahrgenommen wurde und Hélène de Beauvoir im Schatten ihrer Schwester Simone de Beauvoir (1908–1986) blieb – eine der großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und Ikone der Frauenbewegung.

Hélène de Beauvoir in ihrem Atelier, Goxwiller, August 1990; © Foto: Christian Kempf
Die Kriegsjahre in Portugal
Ohne Zweifel beeinflusste Simone de Beauvoir Hélènes Leben und Arbeit auf tiefgreifende Weise. Zunächst stand Simone de Beauvoir dem Werk ihrer jüngeren Schwester durchaus kritisch gegenüber und war der Überzeugung, dass diese kein Talent habe, weil sie Vorbildern folge. Das hat sich später grundlegend geändert und Simone lobte die Arbeiten der vielseitigen Schwester und unterstützte diese auch finanziell.
Im Jahr 1940 wurde Hélène von ihrer Schwester eingeladen, für einen Monat nach Portugal zu fahren, um ihren Freund Lionel de Roulet, einen Schüler Jean-Paul Sartres zu besuchen. Als währenddessen der Zweite Weltkrieg begann, zog sie es vor, bis zum Kriegsende in Portugal zu bleiben.
1942 heiratete sie dort Lionel de Roulet, der später in den diplomatischen Dienst Frankreichs eintrat, weshalb das Paar mehrere Ortswechsel vollzog – von Wien über Bukarest und Marokko bis nach Mailand. Während ihres Nomadenlebens malte die Künstlerin unter ihrem Mädchennamen Hélène de Beauvoir weiter und beschäftigte sich intensiv mit Abstraktionen des 20. Jahrhunderts. Es entstanden Bilder mit zunehmend aufgesplitterten, kristallinen Formen sowie neuen Bewegungsmustern und Farben.
Ihren Ehenamen Madame de Roulet benutzte sie in diesen Jahren nur für gesellschaftliche Verpflichtungen und nach ihrer Rückkehr nach Paris 1957 nannte sie sich ausschließlich Hélène de Beauvoir.

Hélène de Beauvoir, Ohne Titel [Venedig], 1957, Privatsammlung; © Ute Achhammer, APP, Foto: Frank Möllenberg
Die 1950er Jahre in Paris und im Elsass
Hélène de Beauvoir hatte als Malerin Ende der 1950er-Jahre wieder erfolgreich in Paris Fuß fassen können und stellte u. a. 1960 in der angesehenen Galerie Synthèse ihre Werke aus: „Als wir nach Paris zurückkehrten, eroberte ich meine Freiheit zurück“, in einem Interview. Diese Phase brach jäh ab, als Lionel de Roulet an den Europarat nach Straßburg gerufen wurde.
Wieder folgte Hélène de Beauvoir ihrem Mann, wollte aber nicht in Straßburg leben, sondern abgeschieden in Goxwiller, einem kleinen Ort im Elsass. Dort begann Hélène de Beauvoir sich – mittlerweile Mitte fünfzig – in der Malerei neu auszudrücken. Die seitdem entstandenen Arbeiten bilden einen Schwerpunkt der Ausstellung.
Zunehmend befreite sich die wandlungsfähige Hélène de Beauvoir von der Abstraktion und kehrte in der Reduktion der Linie und im Schwarz-Weiß zur Figuration zurück: Mit nackten weiblichen Körpern und vereinfachten Formen werden nun kritisch vorherrschende Rollenbilder thematisiert und Lust, Liebe, Enttäuschung und Einsamkeit zu Bildinhalten.

Hélène de Beauvoir „Die Riesin [La Géante]“ 1988, Sammlung Dendl; © Ute Achhammer, APP, Foto: Frank Möllenberg
Im schönen Monat Mai – Die Befreiung
Die große Wandlungsfähigkeit der Malerin zeigt sich in ihrem Werkzyklus „Der schöne Mai [Le Joli Mois de Mai]“ mit dreißig Bildern. Zum ersten Mal bezieht sie politische Stellung, indem sie an die Studentenproteste, an Mut und Unterdrückung erinnern wollte: „Diese Bilder ermutigten mich, meine Vorstellungskraft zu entwickeln“, so Hélène de Beauvoir. „Wenn ich nicht gemalt hätte, wäre ich vielleicht in der Psychiatrie gelandet. Die Malerei gab mir ein Projekt, eine Hoffnung“. Für die künstlerische der geschichtsträchtigen Ereignisse erschloss sie sich eine neue Ausdrucksform, die Collage. In Hoch- und Querformaten sind verschieden Aquarelle auf farbigem Grund collagiert.
Seitdem hatte sie zu sich und neuen Bildthemen gefunden. Kunst bedeutete für Hélène de Beauvoir eindeutig einen Akt der Befreiung. Sie wurde sich zunehmend bewusst, dass Künstlerinnen Dinge zu sagen haben, die Männer in ihren Bildern noch nicht ausgedrückt haben. Es entstanden großformatige Ölgemälde, in denen sie die herrschenden Rollenbilder offenlegte und in klarer und verständlicher Bildsprache auf die Lage der Frau aufmerksam machte.

Hélène de Beauvoir „Gesicht in einem zerbrochenen Spiegel [Visage dans un miroir brisé]“, 1969–92, Amar Singh; © Ute Achhammer, APP, Courtesy Auktionshaus Dannenberg, Berlin
Weibliche Selbstbestimmung
„In den 1970er Jahren begann sie sich in ihrer Malerei richtungsweisend feministischen und ökologischen Themen zu widmen, und spiegelte dabei ausdrucksstark ihre emotionalen und intellektuellen Kämpfe wider. Innere Gefühlswelten erkundete die Malerin in ihren Bildern ebenso wie komplexe weibliche Erfahrungen“, so Kemfert. Ihre eindrucksvollen Statements zur weiblichen Selbstbestimmung lieferte die engagierte Malerin in einer Zeit, in der Frauen in der Kunstwelt unterrepräsentiert waren und die Malerei als Männerdomäne galt. Ebenso kritisch reflektierte die Künstlerin Transformationen der Natur in Form von Umweltschäden, verursacht durch den Menschen.
Besonders in ihrem Spätwerk bestimmt der Kampf für Frauenrechte die Motive. Noch 1992 prangerte sie in einem Vortrag die patriarchalen Zustände im Kunstgeschehen an. Ihr Appell, „mit anderen Augen sehen“, mündete in dem gewählten Ausstellungstitel. Bis ins hohe Alter war Hélène de Beauvoir kreativ und produktiv, 2001 starb sie im Alter von 91 Jahren.
In der Ausstellung „Mit anderen Augen sehen“ in den Opelvillen wird die vergessene Künstlerin und ihr vielschichtiges Werk neu bewertet – eine echte Entdeckung! Die Schau, die bis zum 8. Februar 2026 zu sehen ist, wird gefördert von der Hessischen Kulturstiftung, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen sowie der Sparkassen-Stiftung Groß-Gerau.
Der exzellente Katalog: „Hélène de Beauvoir. Mit anderen Augen sehen“, herausgegeben von Dr. Beate Kemfert, deutsch/englisch, 200 Seiten, 194 Abbildungen, ist bis zum 31. Oktober 2025 zum Vorzugspreis von 38,00 € in den Opelvillen erhältlich, danach für 42,00 €.
Weitere Informationen
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