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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Interview mit der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Karin Schmidt-Friderichs

Die zukunftsorientierte Brückenbauerin

2019 wurde  die Mainzer Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs (Verlag Hermann Schmidt) als Nachfolgerin von Heinrich Riethmüller (Osiandersche Buchhandlung) in das Amt der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewählt: Nach Dorothee Hess-Maier (Ravensburger) ist sie die zweite Frau an der Spitze in der Geschichte des 200-jährigen Börsenvereins. Nach der diesjährigen Frankfurter Buchmesse 2025 endet ihre zweite Amtsperiode. Im Interview mit FeuilletonFrankfurt-Herausgeberin Petra Kammann resümiert sie ihre Amtzeit mit den Aufs und Abs und wirft einen Blick auf die Zukunft der Branche. Und sie spricht über die Bedeutung des Friedenspreises, der in diesem Jahr 75 Jahre alt wird.

Börsenvereinsvorsteherin Karin Schmidt-Friderichs 2025 blickt positiv in die Zukunft, Foto: Gaby Gerster

Petra Kammann: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wurde in diesem Jahr 200 Jahre alt. Was hat sich für Sie als das Essenzielle dieses Verbandes im Laufe Ihrer zweimaligen Amtszeit herausgestellt?  Glauben Sie, es wird den Verband noch in weiteren 100 Jahren geben?  

Karin Schmidt-Friderichs: Der Börsenverein ist heute so relevant wie vor zweihundert Jahren, er vertritt die Interessen der Branche gegenüber der Politik und Gesellschaft mit großem Engagement. Die konkreten Themen ändern sich im Lauf der Zeit, manche Themen – wie die Preisbindung – begleiten ihn über Jahrhunderte, andere kommen hinzu: wie der Schutz geistigen Eigentums in Zeiten von Künstlicher Intelligenz (KI).
Ich bin keine Zukunftsforscherin, aber ich glaube fest an die Zukunft des Börsenvereins.

Neben der traditionellen Verlegerei gibt es inzwischen viel Self-Publishing, neue Zielgruppen wie Tiktok und New Adults bilden sich, die ganz andere literarische oder auch ästhetische Maßstäbe haben als die klassischen, wie wir sie auch von der Literaturkritik her kennen. Eine fundamentale Veränderung?

Die Digitalisierung bringt Veränderungen mit sich, auch für die Buchbranche. Fundamentaler als in der Belletristik sind die Veränderungen im Fachbuchbereich. Ich glaube, jede Zeit betrachtet die Veränderungen, die sie erlebt als bedeutsamer als diejenigen vergangener Zeiten. Aber was künstliche Intelligenz und die Plattformökonomie betrifft: da stehen wir vor echten Herausforderungen!
KI wurde anhand von Kreativleistungen trainiert, die ohne das Einverständnis der Urheber:innen genutzt wurden und werden – und ohne, dass diese dafür honoriert werden! Da muss die Politik auf klare Regeln drängen!

Paulskirche 2020: Erste digitale Verleihung des Friedenspreises 2020 in der Pandemie an den indischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Amartya Sen, der aus Boston zugeschaltet war, die Laudatio hielt statt des Bundespräsidenten der Schauspieler Burkhard Klaußner, Foto: privat 

Die Funktion des klassischen stationären Buchhandels wird durch den Online-Vertrieb angegriffen. Löst auch das – zumindest langfristig – die Grundstrukturen des Buchgeschäftes auf?

Wir Leser:innen entscheiden mit jedem Kauf über die Frage, ob wir auch morgen noch von engagierten, informierten, top ausgebildeten Buchhändler:innen beraten werden und in gut sortierten Buchhandlungen auf Lektüre stoßen, die uns findet und begeistert. Wir sollten uns des Wertes eines der dichtesten Buchhandlungsnetze der Welt bewusst sein und unser Kaufverhalten daran ausrichten!

Während der Pandemie: Karin Schmidt-Friderichs auf Abstand, nicht nur mit Buchmessechef Juergen Boos, Foto: privat

Was war für Sie der herausforderndste Moment in Ihrer Amtszeit, deren Beginn vor allem durch die Pandemie geprägt war? Hart betroffen war damit auch das wichtige Tochterunternehmen, die große internationale Buchmesse. Hat diese Zeit bislang unbekannte Fähigkeiten hervorgebracht und geschult? 

Die größte Herausforderung dieser Jahre war sicher, die Frankfurter Buchmesse durch die Pandemie zu führen. Das ist – auch durch die Unterstützung von Bund und Land – gelungen und der „Run“ auf die Tickets für dieses Jahr ist jetzt schon groß. Jeder Besuch auf der Buchmesse beweist, wie wichtig eine solche Veranstaltung ist: Die Frankfurter Buchmesse ist eine der wichtigsten Kulturveranstaltungen der Welt.

Eröffnende Worte der Vorsteherin bei der Buchmesse 2024 im Pavillon mit Buchmessechef Juergen Boos, Foto: Petra Kammann 

Als Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels spricht man nicht nur für die Branche, man verantwortet auch die Führung des Vereins und seiner Wirtschaftstöchter – gemeinsam mit dem Vorstand und den Mitarbeiter:innen vor Ort. Wenn so etwas wie eine Pandemie kommt, trifft das alle. Wir alle mussten angesichts neuer Herausforderungen wachsen. Und ja, das schult Fähigkeiten.

Die Buchbranche ist weiblich geprägt. Und doch sind Sie erst die zweite Frau an der Spitze dieses dreispartigen Verbandes. Gab es Momente, die Sie vor in dieser Hinsicht komplizierte Situationen gestellt haben? 

Ich durfte in den sechs Jahren Amtszeit immer auf die Unterstützung der Branche bauen. Da hat die Frage Frau/Mann keinerlei Rolle gespielt. Mein Nachfolger, so viel steht schon vor der Hauptversammlung fest, wird ein Mann sein. Wenn ich ein paar Frauen Mut gemacht habe, über eine Kandidatur in einigen Jahren wenigstens nachzudenken, freut mich das. Ich glaube, es ist wichtig, Frauen in wichtigen Positionen zu sehen, damit in den Köpfen der Menschen die Positionen auch weiblich konnotiert sind.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Salman Rushdie 2023 in der Frankfurter Paulskirche, Foto: Petra Kammann

Das Ende Ihrer Amtsperiode findet in einem Jahr statt, in dem nicht allein der Börsenverein einen besonderen Geburtstag hat, auch der Friedenspreis wird 75. Haben Sie als Vorsitzende des Stiftungsrates Veränderungen in der internen Diskussion wahrgenommen? Und welcher Friedenspreisträger oder welche Friedenspreisträgerin hat/ben Sie besonders beeindruckt? 

In der Tat bin ich als Vorsteherin auch Vorsitzende des Stiftungsrats des Friedenspreises, das ist die schönste „Nebenwirkung“ dieses Amtes – und eine wahrhaft anspruchsvolle Aufgabe. Der Stiftungsrat arbeitet verantwortungsvoll und diskret, das liegt in der Natur eines solch wichtigen Preises. Und beeindruckt haben mich bislang alle Friedenspreisträger:innen, jede:r auf eine ganz eigene Weise. Ich durfte kurz vor meinem 16. Geburtstag die Friedenspreisverleihung an Max Frisch miterleben. Ich habe die damit verbundene besondere Bedeutung des Ortes tief empfunden und mir natürlich nicht ansatzweise vorstellen können, dort einmal selbst diesen Preis verleihen zu dürfen.

Im Einsatz für den inhaftierten algerisch-französischen Friedenspreisträger Boualem Sansal auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 25, Foto: privat

Weil die Reden es wert sind, noch einmal nachgelesen zu werden, empfehle ich die Publikation zum Friedenspreis, die jedes Jahr im November erscheint.

Frankfurt ist mit der Paulskirche und dem Friedenspreis ein bedeutender – auch symbolischer – Ort der Buchbranche. Wird die Stadt diese Rolle behalten? Schließlich sind große Verlage weggezogen, wichtige Buchpreisverleihungen finden in Städten wie Berlin, Leipzig, München oder auch Hamburg statt. 

Die Paulskirche bleibt, Verlage aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr im Oktober nach Frankfurt, der Deutsche Buchpreis wird immer zum Start der Buchmessenwoche in Frankfurt verliehen, darauf kann Frankfurt gut bauen.

Bereichernd: die persönliche Bgegegnung mit dem mutigen Friedenspreisträger Salman Rushdie in Frankfurt, der sich auch durch den lebensgefährlichen Messerangriff nicht einschüchtern ließ, durch den er ein Auge verlor, Foto: privat

Sie haben den Sachbuchpreis eingeführt. Werden Sachbücher in Zukunft noch bedeutender? Oder werden Sachthemen heute eher im Internet verhandelt? 

Der Deutsche Sachbuchpreis wurde in meiner Amtszeit erstmals verliehen, eingeführt habe ich ihn (leider) nicht, aber wenn er noch nicht angestoßen worden wäre, dann hätte ich die Idee dazu gerne gehabt. Sachbüchern kommt gerade im Zusammenhang mit Angriffen auf Demokratie und Meinungsfreiheit eine besondere Bedeutung zu. Denn komplexe Themen in einer großen Tiefe und durch kompetente Lektorate begleitet verhandeln, das kann in dieser Intensität nur das Sachbuch. Das in den Fokus zu rücken, finde ich eine sehr wichtige und richtige Entscheidung.

20 Jahre Deutscher Buchpreis – Verleihung im Frankfurter Römer 2024, Foto: Petra Kammann

Gab es Momente, bei denen Sie bei dem gewaltigen Pensum, das Sie auf sich genommen haben, am liebsten aufgegeben hätten – sei es, weil jegliche Planungssicherheit durch äußere Umstände verlorenzugehen drohte oder weil Lese- und Kauflust oder die Lesekompetenz bei den jungen Digital Natives offensichtlich abgenommen haben? Was hat Ihre Durchhaltekraft beflügelt?

Wenn man für ein so verantwortungsvolles Amt kandidiert, dann muss man bereit sein, Verantwortung auch dann zu übernehmen, wenn alles viel wird. Dass diese Zeit keine erholsame sein würde, war mir schon klar. Anderes konnte ich nicht kommen sehen. Aufgeben ist nicht mein Ding. Ich glaube fest daran, dass wir Menschen mit unseren Aufgaben wachsen. Deshalb halte ich es auch für gar nicht sinnvoll, sich über Herausforderungen zu beklagen. Ich durfte in einem Alter, in dem manche:r an den Ruhestand denkt, noch mal richtig wachsen. Das habe ich immer als persönliche Chance gesehen.

„200 Jahre neue Kapitel“ – Karin Schmidt-Friderichs im Gespräch mit dem witzigen Erfolgsautor Sebastian Fizek auf dem Jubiläumskongress des Börsenvereins in Berlin, Foto: privat

Welcher Moment hat Sie als Vorsteherin am glücklichsten gemacht?

Das sind so viele, dass es schwerfällt, auf diese Frage zu antworten. Vor vielen Jahren haben wir – ich war damals Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses des Börsenvereins – das Zukunftsparlament eingeführt. Dort verhandeln die jungen Menschen aus der Branche die Themen der Zeit. Als ich im Juli dieses Jahres zum letzten Mal zur Eröffnung des Zukunftsparlaments nach Frankfurt fuhr, sprach mich die allererste Sprecherin des Parlaments an, inzwischen eine gestandene Branchenpersönlichkeit, und sagte „irgendwann werde ich mal Ihre Nachfolgerin“. Wenn sich die Phasen des eigenen Lebens so verweben und man jüngeren Menschen Mut macht, Verantwortung zu übernehmen … das bedeutet mir viel.

Vita Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs (*1960) hat nach dem Architekturstudium an der Universität Stuttgart als Architektin gearbeitet, bevor sie 1992 begann, gemeinsam mit ihrem Mann Bertram Schmidt-Friderichs den Verlag Hermann Schmidt aufzubauen. Angetrieben von dem Wunsch, Bücher zu machen, die „kreative Köpfe kribbeln und die Herzen von Kreativen
höher schlagen“ lassen, erscheinen seither jährlich ca. zwanzig Neuerscheinungen, die für den deutschsprachigen Raum konzipiert wurden und durch Koproduktionen und Lizenzverkäufe zunehmend weltweit reüssieren.

Heute gilt der Verlag als eine der weltweit renommierten Adressen, wenn es um Bücher zu Gestaltungsthemen geht. Regelmäßig werden Titel des Verlages in internationalen Gestaltungswettbewerben ausgezeichnet.

Karin Schmidt-Friderichs verantwortet im Verlag neben der Programmplanung, die beiden Verlegern gemeinsam obliegt, Marketing und Vertrieb.

Karin Schmidt-Friderichs wurde als Mitglied in den Art Directors Club für Deutschland sowie in den Art Directors Club of Europe aufgenommen, zudem in die Society of Typographic Designers.

2014 verlieh die Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz Karin und Bertram Schmidt-Friderichs für ihr kulturelles Engagement den Verdienstorden des Landes.

Im Januar 2018 erhielten Karin und Bertram Schmidt-Friderichs den mit 10.000,- Euro dotierten Antiquaria-Preis, der besondere Leistungen zur Förderung und Pflege der Buchkultur auszeichnet.

Von 2003 bis 2011 engagierte sich Karin Schmidt-Friderichs als Vorsitzende des Berufsbildungs­ausschusses des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.

Von 2011 bis 2016 entsandte der Börsenverein sie in den Vorstand der Stiftung Buchkunst, wo sie als Vorstandsvorsitzende einen umfassenden Change-Prozess zur Rettung der Stiftung vorantrieb.

Von März 2018 bis Mitte 2019 vertrat sie den Börsenverein des Deutschen Buchhandels in der Deutschen Literaturkonferenz und war von dort als stellvertretende Sprecherin in den Deutschen Kulturrat entsandt. Der Deutsche Kulturrat ist Ansprechpartner und Ratgeber der Politik, wenn es um Kulturfragen geht.

Seit 2019 ist Karin Schmidt-Friderichs Vorsteherin des Börsenvereins. Im Juni 2022 wählten die Mitglieder des Verbandes sie für eine zweite Amtszeit als Vorsteherin bis 2025.

Neben ihrer verlegerischen und ehrenamtlichen Tätigkeit berät Schmidt-Friderichs seit 1998 Unternehmen innerhalb und außerhalb der Buchbranche in Fragen der Positionierung und Markenbildung und ist als Moderatorin, Dozentin, Speaker und Coach aktiv.

 

Und zur Erinnerung: ein Rückblick auf die Anfangszeiten

→ Ein Interview mit der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Karin Schmidt-Friderichs

 

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