FC Bergman Toneelhuis aus Antwerpen zeigt Guernica. Guernica in der Jahrhunderthalle Bochum
Brandaktuell. Tiefsinnig. Bildreich. Bewegend.
Das hätte der Eröffnungsabend der Ruhrtriennale sein sollen! Es war der Abschiedsabend.
von Simone Hamm
Zuerst scheint es so, als lägen Puppen auf der Bühne. Versehrt, verletzt, in unnatürlichen Posen, kopfüber über einem Stuhl hängend, verkrampft auf dem Rücken. Dann sieht man, wie sich eine Brust hebt und senkt, ein Finger sich bewegt. Es sind die Schauspieler des FC Bergman Toneelhuis aus Antwerpen, die das große, von Pablo Picasso geschaffene Gemälde „Guernica“ nachstellen.

Fotoprobe des Theaters Guernica Guernica mit dem Theater Kollektiv FC Bergmann am 18.09.2025 in der Jahrhunderthalle in Bochum. Foto: RT2025/ Caroline Seidel
Eine Drohne fliegt herein und filmt ganz langsam Gesicht für Gesicht. Das ist in seiner Ruhe bedrohlich und eindrucksvoll zugleich.
Es ist ein stummes Bild. An diesem Abend wird nicht gesprochen. Die Bilder allein, die Schauspieler, die Statisten erzeugen die große Wirkung. Diese Aufführung in ihrer Intensität hat niemanden kalt gelassen. Sie ist von großer Kraft.
Das Publikum sitzt rechts und links von einer weißen Spielfläche, sitzt sich gegenüber, kann sich sehen.
Die zweite Szene ist laut, bunt und schrill. Der Geburtstag des General Emilio Mola wird gefeiert. Er hatte 1937 den Luftangriff auf Guernica befohlen. Die Deutsche Legion Condor und die Italienische Corps Truppe Volontarie hatten den Luftangriff geflogen.
Die Feier hat es so nie gegeben. Aber genauso hätte sie sein sollen, wenn Emilio Mola nicht kurz vor seinem Geburtstag verunglückt wäre. Achtzig Statisten schlürfen zusammen mit den Schauspielern Sekt, heben den Arm zum Hitlergruß, tanzen und singen, während der Spanische Bürgerkrieg tobt.
Eine Geburtstagstorte wird hereingetragen. Elegante Frauen, Männer in Uniform, Kinder, die mit kleinen Kriegsflugzeugen spielen, drängen sich darum. Während der ganzen Feier werden sie alle unermüdlich fotografiert. Diese Fotos werden auf große Leinwände geworfen. Sie spielen auf ein Thema an, dass FC Bergmann problematisiert. Wie sind der Krieg und seine Begleitumstände in Bilder und Fotografien zu fassen?
Rütteln die Fotos die Betrachter auf oder lassen sie sie abstumpfen?

Fotoprobe des Theaters Guernica Guernica mit dem Theater Kollektiv FC Bergmann am 18.09.2025 in der Jahrhunderthalle in Bochum. Foto: RT2025/ Caroline Seidel
Immer reißender wird die Musik, immer gröber die Pinselstriche, am Ende nimmt Picasso einen Schrubber zur Hilfe. Er übermalt seine Figuren mit beiger Farbe, die Konturen bleiben sichtbar.
Die Scheibe rollt langsam von rechts nach links, bewacht von einem Mann und einer Frau. Zuschauer strömen herein. Museumsbesucher. Reisegruppen, die einem Fähnchen folgen. Eine schöne junge Frau mit roten Locken wird von einem anderen Besucher angesprochen.
Wieder und wieder wird „Guernica“ fotografiert. Selfies werden davor gemacht. „Guernica“ zeigt nicht nur ein historisches Ereignis, es zeigt die Schrecken des Krieges.
Kann das ikonographische Bild den Schrecken noch transportieren? Was vermag Kunst in Zeiten des Krieges?
FC Bergmann gibt bewusst keine Antwort. Und das ist wohltuend. Denn eine eindeutige Antwort gibt es nicht, kann es nicht geben. Stattdessen will das Künstlerkollektiv Raum für Fragen schaffen. Das sei das Wichtigste, das Kunst leisten könne.
Und doch: „Guernica“ scheint bis heute Wirkung zu zeigen. Es gibt Leute, die es lieber nicht ausgestellt sehen wollen.
Eine Kopie von „Guernica“ befindet sich in New York bei den Vereinten Nationen. Auf Wunsch der USA wurde es verhüllt. Wer es sehen möchte, muss nach Madrid reisen ins Museo Reina Sofía. Dort hängt das Original.
