Städel zeigt „Carl Schuch und Frankreich“ (1)
Ein Fest für die Sinne – Betörendes Wechselspiel aus Licht und Farbe
Von Hans-Bernd Heier
In der Herbstausstellung „Carl Schuch und Frankreich“ präsentiert das Städel Museum eine großartige Wiederentdeckung. Im Zentrum steht das Werk eines Malers, der sich keiner Kunstströmung zuordnen lässt. Besonders beleuchtet werden Schuchs Jahre in Paris. Dort erlebte er die produktivste Phase seines künstlerischen Schaffens. Seine beeindruckenden Gemälde werden bedeutenden Werken französischer Künstler gegenübergestellt: darunter herausragende Arbeiten von Paul Cézanne, Camille Corot, Gustave Courbet, Édouard Manet und Claude Monet. Zu sehen sind rund 70 Gemälde von Schuch in einem anregenden Dialog mit etwa 50 hochkarätigen Werken des französischen Realismus und Impressionismus.

Carl Schuch „Äpfel auf Weiß, mit halbem Apfel“ um 1886–1894, Frankfurt am Main, Städel Museum
Carl Schuch (1846–1903) war ein Einzelgänger, der zu Lebzeiten selten ausstellte und der Überlieferung zufolge nur ein einziges Werk verkaufte. Von der Öffentlichkeit wurde er daher kaum wahrgenommen. Erst nach seinem Tod erlangte Schuchs Werk wegen dessen Qualität schnell Aufmerksamkeit bei Kritikern, Museen sowie Sammlern, geriet aber anschließend wieder in Vergessenheit. Schuch wird deshalb als der wohl bekannteste „Unbekannte“ der Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts bezeichnet. Seit Langem gilt er als Geheimtipp.
„Mit unserer großen Herbstausstellung ‚Carl Schuch und Frankreich‘ führen wir unser Programm der Entdeckungen und Wiederentdeckungen konsequent fort“, betont Städel-Direktor Philipp Demandt und hofft an die äußerst erfolgreichen Präsentationen mit Werken von Rembrandt Bugatti, Louise Breslau, Lotte Laserstein, Ottilie W. Roederstein oder Victor Vasarely anzuknüpfen. Denn Schuchs Malerei sei ein „Fest für die Sinne, ein betörendes Wechselspiel aus Licht und Farbe“.

Ausstellungsansicht „Carl Schuch und Frankreich“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Und die Kuratoren Alexander Eiling, Juliane Betz und Neela Struck ergänzen: „Carl Schuch verfolgte mit großer Beharrlichkeit seinen künstlerischen Weg. In seinem Werk verbinden sich deutsch-österreichische Prägung und eine langjährige, intensive Auseinandersetzung mit der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung lädt zum intensiven Schauen und Entdecken ein. In der Gegenüberstellung mit der französischen Moderne erschließen sich Schuchs befreiter Einsatz von Farbe und seine unverwechselbare Handschrift. Beides macht seine Malerei zu einer lohnenden Entdeckung. Carl Schuchs Motto lautete: ‚Selbst sehen und selbst finden‘ – dazu möchten wir auch die Besucherinnen und Besucher ermutigen.“
Der erste Teil der Schau im Erdgeschoss des Ausstellungsgebäudes ist grob biografisch-chronologisch gegliedert und stellt Schuchs Ausbildung sowie seinen malerischen Werdegang bis 1882 vor.
Carl Schuch wurde 1846 in Wien geboren. Nach einem kurzen Studium an der Akademie der bildenden Künste nahm er Privatunterricht bei dem Landschaftsmaler Ludwig Halauska. Ab 1869 reiste der aus einem wohlhabenden Elternhaus stammende Künstler durch Europa, unter anderem nach Italien, Frankreich, Belgien und in die Niederlande. Zwischen 1871 und 1876 hielt er sich wiederholt in München auf und kam mit Künstlern wie Wilhelm Trübner und Wilhelm Leibl in Kontakt. Beide schufen Porträts von Schuch, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Wilhelm Leibl, Der Maler Carl Schuch, 1876, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, neue Pinakothek © bpk | Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Um Leibl versammelte sich ein Kreis fortschrittlicher Künstler, die sich der „reinen Malerei“ verschrieben hatten. Sie wählten einfache Motive und machten den Malprozess durch eine offene Pinselführung sichtbar. Gustave Courbet galt für diesen sogenannten „Leibl-Kreis“ wie auch für Schuch als wichtiges Vorbild. Schuch malte in dieser Zeit mehrfach dieselben Motive wie Trübner. 1876 entstand Schuchs erstes Stillleben „Äpfel und Birnen“, eines der wenigen Werke, die er zwischen 1869 und 1877 öffentlich ausstellte.
Ende 1876 löste der Maler sich bewusst aus dem Münchner Umfeld und zog nach Venedig. Bis 1882 lebte Schuch in der „Serenissima“, wo er eine großzügige Wohnung mit Atelier bezog, nur wenige Schritte vom Canal Grande entfernt. Anfangs nahm er noch am gesellschaftlichen Leben teil, zog sich aber zunehmend zurück und widmete sich ganz der Malerei. In seinem aufwendig eingerichteten Atelier entstanden detailreiche Stillleben und Interieurbilder. Ein Schlüsselwerk dieser Zeit ist „Hummer mit Zinnkrug und Weinglas“ von 1877, das an der Wand seines Ateliers hing und als erstes Werk nach seinem Tod verkauft wurde. 1904 erwarb Hugo von Tschudi das Gemälde für die Berliner Nationalgalerie.

Ausstellungsansicht „Carl Schuch und Frankreich“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Ab 1880 begann Schuch, Werke von Künstlerkollegen in seiner eigenen Sammlung systematisch zu analysieren, darunter Trübners „Fasane“. Akribische Notizen dokumentieren seine Farbstudien. Seine Notizhefte spiegeln ab 1881 deutlich den Wunsch wider, Venedig zu verlassen und ins künstlerische Zentrum der damaligen Zeit, nach Paris überzusiedeln.
Zunächst ging es aber in den Sommermonaten mehrmals in die Mark Brandenburg, wo er zahlreiche Landschaftsbilder schuf. „Die unspektakuläre märkische Landschaft ermöglichte ihm, sich auf seine wesentlichen Themen – Farbe und Licht, Raum und Komposition – zu konzentrieren. Dabei erschloss Schuch die Landschaft häufig mithilfe architektonischer oder konstruktiver Elemente, etwa Gebäude, eine Sägegrube oder ein Siel“, so Eiling. „In diesen Sommern entwickelte er eine zunehmend warme Farbpalette, die sich in Werken wie „Backofen in Ferch“ (1878) und „Schilffeld bei Ferch“ (1881) mit leuchtenden Tönen und einer lockeren, skizzenhaften Malweise manifestiert“.

Ausstellungsansicht; Foto: Hans-Bernd Heier
1873 lernte Carl Schuch am Hintersee bei Berchtesgaden den Maler Karl Hagemeister kennen. Die beiden standen rund zehn Jahre in engem persönlichem, brieflichem und künstlerischem Austausch. Hagemeister veröffentlichte 1913 die bislang einzige Schuch-Biografie, die trotz bekannter Ungenauigkeiten bis heute unser Bild des Künstlers prägt. (Teil 2 folgt – Schuchs Jahre in Paris, Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens).
WEITERE INFOS:
Ein opulenter Begleitband (264 Seiten), der im Prestel Verlag erschienen ist, kostet an der Museumskasse 44,90 Euro.
Die höchste sehenswerte Schau, die bis zum 1. Februar 2026 zu genießen ist, wird gefördert durch die Sparkassen-Finanzgruppe mit der Deutsche Leasing AG, der Frankfurter Sparkasse und dem Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, die Fontana-Stiftung, die Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH sowie den Städelschen Museums-Verein e.V. mit den Städelfreunden 1815. Weitere Unterstützung erhält die Ausstellung von der Aventis Foundation und der Rudolf-August Oetker-Stiftung.
Ein kostenfreies Digitorial® bereitet multimedial auf den Besuch der Ausstellung vor – mit anschaulichen Kurztexten, interaktiven Modulen und spannendem Hintergrundwissen. Die digitale Anwendung ist unter: schuch.staedelmuseum.de verfügbar und kann auf Smartphone, Tablet und Desktop genutzt werden. Das Digitorial® ist eine Marke von SCHIRN, Städel und Liebieghaus. Gefördert wird das Digitorial® von der Aventis Foundation.
Audioguide-App: Die rund einstündige Audiotour mit ca. 20 Stationen ist in deutscher und englischer Sprache verfügbar und wird von der Schauspielerin Sophie Rois gesprochen.
