Eindrucksvolle filmische Installationen der philippinisch-kanadischen Video-Künstlerin Stephanie Comilang in der Schirn
Dokumentarisch-poetische Perlen der Video-Kunst, textile und skulpturale Arbeiten
Von Petra Kammann
Noch vor dem Gastlandauftritt der Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse (14.10. bis 19.10.2025), und parallel dazu präsentiert die SCHIRN in ihrem Übergangsquartier in Bockenheim die philippinisch-kanadische Künstlerin und Filmemacherin Stephanie Comilang (*1980) mit einer raumgreifenden Soloschau. Erstmals in Deutschland sind dort ihre beiden jüngsten Filme „Search for Life. Diptych“ (2024/25) sowie ihre frühere Arbeit „Diaspora Ad Astra“ aus dem Jahre 2020 zu sehen:„Coordinates at dawn“. Eine echte Entdeckung!

Die Video-Künstlerin Stephanie Comilang in der Schirn, Foto: Barbara Walzer
Es ist die erste Ausstellung der Schirn in den aufgefrischten Räumen der einstigen Druckerei der ehemaligen jüdischen Unternehmerfamilie Dondorf in Frankfurt-Bockenheim. Doch das ist eine andere und eigene Geschichte. Kurzum: nach einem Beschluss vor einem Jahr jedenfalls hat die Kunsthalle während der Zeit der Renovierung der Schirn in der Neuen Altstadt ein interessantes Interimsquartier gefunden.

Der neue Eingang im Gabriel-Riesser Weg 3 zum Interimsquartier der Schirn in Bockenheim
Der Industriebau aus Backstein strömt nach wie vor den Charme der einstigen Druckerei aus, die sich auf hochwertige lithografische Druckerzeugnisse spezialisiert hatte. Nach Bockenheim war diese 1873 von der Saalgasse in den erweiterten Bau umgezogen, der wiederum – um es kurz zumachen – 1944 bei den Bombenangriffen auf Frankfurt teilweise zerstört worden war, zuletzt leerstand und eigentlich hätte abgerissen werden sollen…

Der neue Eingangsbereich der Schirn im Zwischenquartier, Foto: Petra Kammann
Stattdessen wurde nun alles in der Kürze der Zeit für die heimatlos gewordene Schirn auf den neuesten, auch technischen Stand gebracht: die Schadstoffsanierung, barrierefreie Zugänge, neue Sanitäranlagen, Fluchtwege, Brandschutz und moderne Sicherheitssysteme. Dazu wurden zwei Ausstellungsräume nach musealen Standards im Nebengebäude eingerichtet, einen davon mit umfassender Klimatisierung. Und im Erdgeschoss des Haupthauses gibt es nun auch ein Café.
Das historisch bedeutende Gebäudeensemble mit seiner markanten Industriearchitektur wirkt nun mit seinen frischen Farben ausgesprochen einladend. Außerdem bieten sich im rauhen unfertigen Charme der einstigen Werkshallen nun auch neue Ausstellungsmöglichkeiten. Sie kommen der Schau der Video-Künstlerin Stephanie Comilang entgegen.

Schirn-Direktor Sebastian Baden öffnet die Tür zum neuen Ausstellungsraum, Foto: Petra Kammann
Im unteren Ausstellungsraum des Nebengebäudes schlägt einen die jüngste raumgreifende Arbeit von Stephanie Comilang, eine Einkanal-Videoinstallation Search for Life II aus dem Jahr 2025 gleich in Bann. Buchstäblich eine echte Perle ist diese Arbeit, schillernd zwischen alltäglicher Realität und magisch-ästhetischem Traum. Mit der Kamera, teils mit Drohnen, teils mit dem Handy gefilmt, geht es in dieser Videoarbeit auch um reale Perlen, wie sie gefischt werden und um Geschichten, die sich um das Perlenfischen ranken. Und das in überzeugenden Bildern, erzählt aus den verschiedensten Perspektiven, aus sozialen, ästhetischen, ökologischen wie aus ganz realistischen. Schließlich war die Perlenfischerei lange Jahre ein zentraler Bestandteil der Kultur der Philippinen wie auch der Vereinigten Arabischen Emirate.

Die Videokünstlerin Stephanie Comilang vor ihrem einkanaligen Video „Search for Life“ II, Foto: Petra Kammann
Beim Betreten des unverputzten, nur leicht geweißelten Ausstellungsraums – eben kein White Cube – nimmt man erst einmal einen Vorhang wahr, der projiziert wird. Hergestellt ist er aus Kunststoff-Perlen aus einer Fabrik bei Shanghai. Und schon werden wir damit unmittelbar in die reale Gegenwart geführt, aber auch in die Vergangenheit, die einen teils bezaubert und doch auch wieder ob der Armut und Enge der harten Realität des Alltags verstummen lässt.
Und wie wurden Perlen traditionnell gefischt? Mittels der 18-minütigen Videoarbeit Search for Life II können wir uns ein Bild von der Arbeit der traditionellen Perlentaucher der indigenen Sama-Bajau auf den Philippinen machen, von ihrer einst so gefährlichen aber auch ertragreichen Arbeit unter Wasser, von ihrer handwerklichen Fertigkeit, die über Generationen weitergegeben wurde, und von der sie nicht zuletzt gut leben konnten. Schließlich wurden die kostbaren Perlen weltweit nicht nur in edlen Schmuckstücken verarbeitet, sie wurden auch als Zahlungsmittel verwendet.

Szene mit einem Perlentaucher aus dem Video Search für Life II, Foto: Petra Kammann
Im Video wird ganz sinnlich die Geschichte des Perlenhandels vermittelt. Da sieht man Männer, die elegant und ohne jede Ausrüstung in tiefem klaren Wasser tauchen. Die Erträge ihrer landestypischen Kostbarkeiten, die aus Muscheln herausgelöst wurden, sehen wir aber auch in kurzen Kamerablicken, die auf einem chinesischen Perlenmarkt auf Berge von Muschelschalen gerichtet sind. Die noch lukrativere Geschichte der Perlenzucht wird noch weitergesponnen. Die Augen wandern dann zu den am Wasser liegenden Hochhäusern in den Emiraten oder in Shanghai, wo auch die Geschichte der Migration der Philippinen beginnt.
Denn mit dem Verlust der Arbeit der ursprünglichen Bewohner wanderten mit der effektiveren Perlenzucht auch die Menschen aus. Im Film nehmen wir Anteil an ungewöhnlichen Begegnungen: mit den indigenen Tauchern, welche das traditionelle Handwerk bestens beherrschten, mit der Leiterin eines Perlenzuchtbetriebs sowie mit einer emiratisch-philippinischen Migrantin der zweiten Generation, die – attraktiv und ganz gegenwärtig – als Tänzerin einer K-Pop-Gruppe zwischen den Kulturen steht.
Die Künstlerin Comilang verfolgt in ihren Recherchen immer auch die Handelswege globaler Tauschgüter, wie, dass die Perle in den Golfstaaten durch das Erdöl als zentralem Rohstoff abgelöst wurde. Dabei verweist sie gleichzeitig in völlig unaufgregter Weise – und damit umso eindrücklicher – mit ihren Videoarbeiten auf die Arbeitsrealität der Philippinen hin, die heute eine der größten Migrant*innengruppen in den Vereinigen Arabischen Emiraten darstellen.

Stephanie Comilang vor „Search for Life“ I. Da erscheint der Falter in verschiedenen Varianten: filmisch, erzählerisch und stofflich, Foto: Barbara Walzer
Der filmische Zweiteiler Search for Life I und II, dessen erster Teil aus dem Jahr 2024 im Obergeschoss auf zwei gegenüberliegende Leinwände projiziert wird, ist mindestens ebenso beeindruckend. Die Künstlerin vom gleichnamigen Song der New Yorker Indie-Band Dirty Projectors hat dafür den Titel übernommen. Er verbindet sowohl musikalisch als auch thematisch die beiden Teile ihrer Videoarbeit, die 20-minütige Zweikanal-Videoinstallation aus dem vergangenen Jahr mit der aktuelleren Arbeit Search for Life II von 2025. Da werden am Ende der Filme jeweils Karaoke-Szenen gesungen, die voller Melancholie Ausdruck ihrer Träume und Sehnsüchte sind. Auch ist es ein Hinweis auf die Dauer und Kontinuität von Comilangs Arbeit.
In beiden Teilen spielen immer auch das Wasser, das Meer, der Ozean und die damit verbundenen kolonialen Schiffsrouten, die bis heute genutzt werden, eine wichtige Rolle, nur jeweils mit anderen, thematisch verschiedenen Schwerpunkten. Im ersten Teil erfahren wir, dass auf den gleichen Routen, wo damals noch spanische Konquistadoren segelten, heutzutage dort riesige Containerschiffe des globalen Handels unterwegs sind.
So filmt Comilang etwa an Bord eines Frachtschiffs den Arbeitsalltag des philippinischen Matrosen und Künstlers Joar Songcuya als Teil einer globalen Industrie, während der Florist Michael John Díaz dem Leben auf See entkommen ist. Dann verfolgt sie den langen Migrationsweg eines zunächst so zart erscheinenden Wanderschmetterlings, des Monarchfalters, der seinen Flug von Kanada bis Mexiko schadlos hinter sich gebracht hat und für sie damit als Metapher für Resilienz und Wandlungsfähigkeit gilt. Inspiriert dazu haben sie wohl der philippinische Schmetterlingsforscher Jade Aster T. Badon wie auch die Historikerin Guadaluoe Pinzón Eios.

Heutige Stickobjekte auf traditionellen Textilfasern aus Ananasblättern sind den Videos zur Seite gestellt, Foto: Petra Kammann
Die ausgestellten textilen Arbeiten und skulpturalen Elemente bilden eine Art physischen Kontrapunkt zu den virtuellen Videoarbeiten: Zwei lebensgroße Figuren, drapiert aus dem sogenannten Piña-Gewebe, einer traditionellen Textilfaser aus Ananasblättern, verweisen auf die kolonialen Verflechtungen zwischen den Philippinen, Spanien und Mexiko. Auch hier nimmt die Künstlerin heutige Praktiken wahr. So wird inzwischen die traditionelle Handwerkstechnik des Stickens durch das Digitale ersetzt. Und mithilfe modernster Computertechnik werden diese Stoffe mit Pflanzen- und Schmetterlingsmotiven bestickt. Auf zwei weiteren Arbeiten aus Jeansstoff sehen wir die digitalen Stickereien von abstrahierten Blüten von Kolonialwaren wie beispielsweise Mango, Kakao, Kaffee oder Bananen.

Ein Patchwork aus Denim und digitaler Stickerei, Foto: Petra Kammann
Trotz des dokumentarischen genauen kritischen Blicks auf die Gesellschaft und die mit ihr verbundene Kolonialgeschichte haben Comilangs mehrschichtige Arbeiten nie etwas Belehrendes, sondern immer auch etwas poetisch Leichtes, das uns an die Schönheit der Natur erinnert, sei es an die Schönheit der Perlen oder an die Leichtigkeit und das zart-schwebende Fliegen eines Falters.
Auch die 5-minütige Einkanal-Videoinstallation Diaspora ad Astra im Nebenraum aus dem Jahre 2020 hat mit dem Meer zu tun. Der Titel Diaspora ad Astra – eine Anspielung auf die lateinische Redewendung „Per aspera ad astra“ („durch das Raue zu den Sternen“) –, verbindet das Durchleben großer Mühsal auf See immer mit der Hoffnung auf neue Räume und damit verbundene neue Möglichkeiten.
Da etwa 40.000 Philippiner jährlich auf Handelsschiffen arbeiten, erzählt Comilang in lebenden Bildern darin die fiktive Geschichte eines philippinischen Matrosen in der Corona-Pandemie. Schon unter „Normalbedingungen“ müssen die Matrosen oft monatelang ihre Heimat verlassen, haben meist keinen oder nur selten Kontakt nach Hause, beschwören in in ihren melancholischen Liedern voller Sehnsucht die meerjungfräulichen Sirenen.
Blick in den Raum mit der Video-Installation Diaspora ad Astra, Foto: Petra Kammann
Als die Frachter während der langanhaltenden Pandemie aus Angst vor Ansteckung oft nicht in Häfen anlegen durften, belastete das die prekäre Situation der Crew zusätzlich. Im Video wechseln daher statische Aufnahmen eines Schiffs auf stiller See mit Szenen des prallen Lebens an Land, dann wieder erleben wir den endlosen Horizont über dem Meer. Ein Spiegel ihrer Einsamkeit.
Im Voiceover beschreibt ein Seefahrer dieses einsame Leben an Bord (gesprochen übrigens vom Vater der Künstlerin) und endet mit einem sehnsuchtsvollen Liebeslied. Dazu findet er Trost in der Lektüre der philippinischen Science-Fiction-Anthologie Diaspora ad Astra (2013), der dem Film den Titel gab. Darin dürfen Raumfahrer nach langer Handelsreise aus Angst vor der Infiltrierung durch Aliens nicht etwa auf ihren Heimatplaneten zurückkehren, sondern müssen in dessen Orbit kreisen. Die Weite des Horizont, in der man isoliert ist, macht eben nicht nur frei. Ein Element der fictional documentary?

Der fiktive Sehnsuchtsblick der Seefahhrer, Foto: Petra Kammann
Schirn-Direktor Sebastian Baden freut sich, der so zeitgemäßen Künstlerin Stephanie Comilag als erster im neuen Schirn-Quartier mit ihrer Schau ein Forum bieten zu können, wenn er sagt: „Es ist das Video, das zentrale Medium der Künstlerin, das heute, über Smartphones geteilt, die Menschen auch im Alltag weltweit verbindet. In poetischen Bildern dokumentieren Comilangs filmische Installationen globale Realitäten, berichten von Einsamkeit und Beziehungen, von Migration, Diaspora und Resilienz.“
Und Schirn-Kuratorin Martina Weinhart, die Cominlangs Arbeit schon seit 2019 verfolgt, unterstreicht das Mehrstimmige von Comilangs ungewöhnlicher Arbeit: „Das Narrativ ihrer Filme ähnelt eher einer freien Assoziation als einer klassischen filmischen Dokumentation. Sie sind nicht der Suche nach der einen Wahrheit verpflichtet und weit mehr als Aufzeichnung oder Vermittlung von Informationen. Jenseits des Dokumentarischen entfalten sich hier in einem poetischen Geflecht der Erzählstränge auch Träume, Sehnsüchte, Gesänge, Kunst und Magie. Dies verleiht Comilangs Arbeiten ihre besondere Tiefe und ihren künstlerischen Reichtum.“
Da kann man ihr nur zustimmen.

Stephanie Comilang vor dem Perlenvorhang ihrer Videoarbeit Search for Life II, Foto: Petra Kammann
STEPHANIE COMILANG (*1980, Toronto, Kanada)
Die philippinisch-kanadische Künstlerin lebt und arbeitet derzeit in Berlin. Ihre Arbeiten wurden bereits in der Tate Modern in London (2022), dem Hamburger Bahnhof in Berlin (2021), auf dem Internationalen Film Festival in Rotterdam (2018), im Museo Thyssen Bornemisza in Madrid (2024) sowie auf der Sharjah Biennale in den Vereinigten Arabischen Emiraten (2025) gezeigt. 2019 erhielt Comilang mit dem Sobey Art Award den renommiertesten kanadischen Kunstpreis.
ARTIST TALK
Donnerstag, 20. November, 19 Uhr
Die Künstlerin Stephanie Comilang spricht mit der Kuratorin Martina Weinhart über die Werke und die Konzeption der Ausstellung. Das Event findet mit der Unterstützung der Botschaft von Kanada statt.

