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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Mozarts Oper „Così fan tutte“ in der Oper Frankfurt – Eine Maskerade in parallelen Welten 

Das Spiel von Liebe, Treue und Täuschung  – Alles nur Schein und Trug?

Von Petra Kammann
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt 

Ebenso frisch, spritzig und komödiantisch wie hintergründig war in der Oper Frankfurt die Premiere von Mozarts „Così fan tutte“ zu erleben, inszeniert von der französischen Regisseurin Mariame Clément. Fabelhaft agierte der springlebendige junge GMD Thomas Guggeis, der abwechselnd das renommierte Frankfurter Opern- und Museumsorchester dirigierte und dazu im Orchestergraben Begleitpassagen auf dem Hammerklavier spielte. Was die Solisten und Solistinnen wie Jonas Müller, Magnus Dietrich, Liviu Holender, Teona Todua, Karolina Bengtsson und Kelsey Lauritano sicher noch mehr anspornte, ihr Bestes zu geben. Ein mutmachender Auftakt für die neue Saison!

Liviu Holender (Don Alfonso; in der Bildmitte) und Ensemble, Foto: Barbara Aumüller

Eigentlich ist die Geschichte der Oper „Così fan tutte“ haarsträubend, die Mozart kurz vor seinem Tode 1791, im Revolutionsjahr 1789, vertont hat. So treiben es alle? Nein, das italienische Plural e im Titel deutet darauf hin, dass hier ausschließlich die Frauen gemeint sind, die sich verführen und an der Nase herumführen lassen. Ihrer Treue könne man sich niemals sicher sein, so die darin liegende Unterstellung. Führte diese Verblendung am Ende nicht sogar zur kämpferischen weiblichen Nationalheldin Marianne, die historisch wenig später und bis heute Frankreichs republikanische Werte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ verkörpert?

Zwar wurde das Werk ab 1791 auch schon an den Theatern Frankfurt am Main, Dresden, Mainz, Prag und Amsterdam in italienischer, aber auch deutscher Sprache unter den Titeln Liebe und Versuchung und So machen’s die Mädchen aufgeführt, bisweilen auch in bearbeiteter Form. War die Geschichte damals moralisch anstößig?

v.l.n.r. Bianca Tognocchi (Despina), Liviu Holender (Don Alfonso), Kelsey Lauritano (Dorabella) und Magnus Dietrich (Ferrando), Foto: Barbara Aumüller 

Immer schon wurde die Rezeption von Mozarts Così fan tutte seit der Uraufführung 1790 im Burgtheater in Wien von Kontroversen begleitet, galt das Werk wegen seines Librettos von Da Ponte, der auch die Texte zu Le nozze di Figaro und Don Giovanni schrieb, doch als unmoralisch und albern. Dabei unterschied man lobend durchaus zwischen dem Libretto und der kunstvollen Musik als Meisterwerk mit feinsinnigen Charakterzeichnungen. Nach Mozarts Tod geriet es dann erst einmal in Vergessenheit.

So richtig jedenfalls wurde Così fan tutte neben Figaro und Don Giovanni erst im 20. Jahrhundert als Mozarts gleichberechtigtes Meisterwerk akzeptiert.

Heutige Inszenierungen thematisieren entweder die gesellschaftlichen Erwartungen an Geschlechterrollen oder sie stellen die komplexen psychologischen Abgründe der menschlichen Gefühlswelt heraus, auch die Unbeständigkeit von Gefühlen und die Manipulierbarkeit der Menschen. Damit wird der in der Tradition der Opera buffa stehenden opernhaften Komödie eine tiefer gehende Dimension verliehen. In dieser Linie steht auch die Frankfurter Inszenierung, die gewissermaßen als eine Art Gemeinschaftswerk zwischen der französischen Regisseurin Mariame Clément und Frankfurts GMD Thomas Guggeis entstand.

Guggeis, der das Frankfurter Opern- und Museumsorchester virtuos dirigierte, hatte wohl im Sinn, aus der Aufführung ein Spiel aus einem Guss zu schaffen. Temporeich und mit schier unerschöpflicher Energie treibt der gerademal 32-Jährige das Geschehen über die Musik voran, indem er sich als Teil des Orchesters begreift. Einfach bravourös, wie es ihm gelingt, trotz der kompliziert-komplexen Partitur Spaß, Dynamik und Dramatik auf das Orchester wie auf das Geschehen und das begeisterte Publikum zu übertragen.

Aber zunächst einmal zur Geschichte selbst, beruhend auf dem Libretto von Lorenzo da Ponte, dem Mozart in seinen letzten drei Opern, nach „Le nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“ gefolgt ist.

Sechs Hauptfiguren bestimmen das Geschehen der Oper: zwei junge Offiziere, der romantisch idealistische Ferrando (Magnus Dietrich) und der eher pragmatische Guglielmo (Jonas Müller), und deren Verlobte zwei Schwestern: die brave Fiordiligi (Tenoa Todua) und die eher emotional und leichtsinnig agierende Dorabella (Kelsey Lauretano); weiter der zynische Philosoph Don Alfonso (Liviu Holender, Bariton) sowie die gewitzte und durchtriebene Zofe Despina (Bianca Tognochi).

Auf der sich immer wieder drehenden Bühne mit ein paar angedeuteten klassizistischen Stilelementen nimmt man zur Rechten und zur Linken parallele Welten wahr, wie zum Beispiel neben den schmachtend Liebenden eine pompöse Hochzeitsgesellschaft. Sie sind nur durch einen schäbig-alltäglichen Durchgangsraum miteinander verbunden. Geschickt hat die Bühnenbildnerin Etienne Pluss das Auf und Ab der Gefühle auf diese Weise in Szene gesetzt.

Liviu Holender (Don Alfonso), Foto: Barbara Aumüller 

Wasser in den Wein der auf Wolke sieben schwebenden Heiratswilligen hat nämlich der alternde intrigante Don Alfonso gegossen und Zweifel an der Treue der Liebenden geäußert und damit gezielt das Täuschungsspiel der Männer angespitzt, um ihre Geliebten mit unlauteren Mitteln auf die Probe zu stellen. Dabei unterstützt ihn die so verwandlungsfähige wie geerdete Dienerin Despina, die auch bereit ist, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, sei als Arzt oder später als Notar. Spielerisch und sängerisch in ihrer ganzen Bandbreite eine Glanzleistung der italienischen Sopranistin Bianca Tognochi.

Beide halten den Heiratswilligen, die sich die gegenseitige Treue schwören, den Spiegel vor. Aber nicht nur Despina, auch die Männer Ferrando und Guiglielmo spielen die Maskerade der Gefühle mit. Mit Vergnügen verkleiden sie sich, um ihre Geliebten zu testen und zu täuschen. So simulieren sie gar eine Vergiftung aus Liebeskummer, aus der die Frauen sie erlösen sollen. So entblößen sich schließlich die Männer nicht als weniger frivol und amoralisch als die beiden Frauen, die sich am Ende zum Partnertausch verführen lassen.

v.l.n.r. Kelsey Lauritano (Dorabella), Teona Todua (Fiordiligi), Jonas Müller (Guglielmo; kniend), Magnus Dietrich (Ferrando), Liviu Holender (Don Alfonso) und Bianca Tognocchi (Despina), Foto: Barbara Aumüller

Das Verkleidungsspiel, das die Zuschauer zu sich amüsierenden Mitwissern macht, führt einerseits zu humorvollen Momenten, aber auch zu ernsten Fragen der Selbsterkenntnis. Inwieweit können wir unseren eigenen Gefühlen trauen? Werden wir nicht auch von äußeren Umständen in unseren Reaktionen beeinflusst? Und können Menschen unter veränderten Bedingungen nicht am Ende ganz anders handeln, als sie es zunächst von sich selbst erwartet hätten? Geschickt überlässt es die renommierte Regisseurin Mariame Clément dem Publikum, den Stab über menschliches Verhalten zu brechen und Schlüsse aus Grundfragen zu ziehen, die alle Menschen betreffen.

Doch wäre Mozart auch nicht Mozart, würde er uns mit dem moralischen Zeigefinger drohen. Aus der schlichten Operngeschichte in zwei Akten entwickelt er vielmehr ein Feuerwerk vielfältiger musikalischer Einfälle. Das Publikum wird in der dreinhalbstündigen Aufführung durch höchst kunstvolle Arien und Duette animiert und emotional gefangen genommen.

Teona Todua (Fiordiligi; oben) und Kelsey Lauritano (Dorabella; unten), Foto: Barbara Aumüller 

So hat hinreißend und überzeugend die georgische Sopranistin Tenoa Todua Fiordiligis berühmte „Felsenarie“ gesungen, in der sie ihre vermeintliche Standhaftigkeit und ihren Widerstand gegen die Verführung beschwört: „Come scoglio immoto resta. Contra i venti e la tempesta, Così ognor quest’alma è forte. Nella fede e nell’amor. Con noi nacque quella face“ („Wie der Felsen unerschütterlich Wind und Wetter widersteht, so ist dieses Herz immer standhaft in Treue und Liebe“. In diesem Moment glaubt man ihr und ihrem Versprechen.

Umso herzzerreißender bringt sie dann im zweiten Akt ihren inneren Konflikt zwischen der Liebe zu Guglielmo und der Verlockung durch Ferrando in der Arie „Per pietà, ben mio, perdona“ zum Ausdruck. Gleichsam unmittelbar erlebt man den emotionalen Wendepunkt mit, wenn sie später um Vergebung bittet.

Ebenso überzeugend klingt schon im ersten Akt Ferrandos Liebes-Arie „Un aura amorosa“, („Der Odem der Liebe“), gesungen  von Magnus Dietrich, der sich der Liebe Dorabellas völlig sicher wähnt und dabei der Liebe selbst huldigt („Bei dem süßen Worte Liebe Fühl‘ ich nie empfundne Triebe, Wo ich nur ein Mädchen sehe, Schlägt mein Puls noch eins“).

Teona Todua (Fiordiligi), Liviu Holender (Don Alfonso) und Kelsey Lauritano (Dorabella), 

Im Gegensatz zur blonden Fiordiligi in ihrem feminin üppigem Brautkleid aus Tüll, der einen Teil des Bühnenzaubers verströmt und der nach und nach von ihr abfällt, tritt die dunkelhaarige Dorabella (Kelsey Lauritano) souverän im elegant weißen Hosenanzug auf (ein sinnfälliger Einfall der Kostümbildnerin Bianca Deigner). So wird auch die Verkleidung Teil der Dramaturgie.

Die japanisch-amerikanische Mezzo-Sporanistin Kelsey Lauritano klingt beherrschter und überlegener, anders als Fiordiligi (Tenoa Todua), die ausdrucksstark ihre furiose Arie auf dem Tisch stehend singt, während sie sich dabei  vom verschwenderischen Tüll befreit. Dorabella wirkt gegenüber dem so sensibel wie leidenschaftlich singenden Tenor Ferrando Magnus Dietrich (seit einem Jahr Mitglied der Frankfurter Oper) selbstbewusster und emotional überlegen. Das alles wird getragen vom großartigen Opern- und Museumsorchester und dem hervorragend einstudierten Chor (Alvaro Corral Mutate).

Und die Moral von der Geschicht‘? Gibt es die überhaupt? Denn nur zu sagen: Drum prüfe, wer sich ewig bindet… wäre allzu banal. Klar muss das e in tutte durch ein i ersetzt werden, also Così fan tutti? Männer unterliegen den Irrungen und Wirrungen ebenso wie die Frauen. Nichts und niemand ist sicher und unerschütterlich. Wir alle sind Menschen aus Fleisch und Blut. Konventionen und Übereinstimmungen auf dem Papier zählen nicht viel.

Das Publikum applaudierte diesem doppelbödigen Gesamtkunstwerk frenetisch.

Schlussapplaus für alle Beteiligten (in der Mitte die Regisseurin Mariame Clément), Foto: Petra Kammann

W. A. MOZART,COSÌ FAN TUTTE

Dramma giocoso in zwei Akten
Text von Lorenzo Da Ponte
Uraufführung 1790, Burgtheater, Wien

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Sonntag, 28. September 2025, Beginn18.00 Uhr

Einführungen eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer und als Audioeinführung überall, wo es Podcasts gibt.

Dauer: ca. 3 ½ Std. inkl. 1 Pause nach 1 ½ Std

Am 12. Oktober findet die 2. Kammermusik und am 25. Oktober das Nachgespräch Oper im Dialog anlässlich der Premiere von Così fan tutte  statt.

Trailer von Thiemo Hehl zur Premiere von Wolfgang Amadeus Mozarts Così fan tutte (Musikalische Leitung: Thomas Guggeis; Inszenierung: Mariame Clément) ist auf der Website der Oper Frankfurt freigeschaltet:

https://oper-frankfurt.de/de/oper-frankfurt-zuhause/?id_media=493

Thiemo Hehl (* 1971) arbeitet seit 1996 in München, Berlin und Hannover in den Bereichen Kino-, Fernseh- und Dokumentarfilm sowie Werbung und Videoclips. Von 2006 bis Juli 2010 war er als Leiter der Dokumentarfilm-Produktionsfirma filmtank stuttgart (Zweigniederlassung der filmtank GmbH) tätig. In dieser Funktion war er Produktionsleiter bei diversen Dokumentarfilmen (u.a. Die Frau mit den 5 Elefanten von Vadim Jendreyko, der u.a. den Schweizer Filmpreis gewann und für den Deutschen Filmpreis 2010 nominiert war). Er ist Autor des Drehbuches zum Dokumentarfilm Die singende Stadt über den Alltag eines Opernhauses. Dieser Film wird anhand der Inszenierung von Wagners Parsifal von Calixto Bieito an der Staatsoper Stuttgart erzählt und lief 2011 bundesweit im Kino; zudem wurde er auf 3sat ausgestrahlt. Von 2008 bis Ende der Spielzeit 2013/14 erstellte Thiemo Hehl die Premieren-Trailer der Staatsoper Stuttgart. In gleicher Funktion arbeitet er seit 2010 für die Oper Frankfurt, seit 2012 bzw. 2014 für das Theater und Orchester der Stadt Heidelberg sowie seit 2015 für das Nationaltheater Mannheim und das Theater Koblenz. Weitere Informationen finden Sie unter www.thiemohehl.de.

 

 

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