Sharon Eyals hochemotionale Choreografie „Delay the Sadness“ – Eine Uraufführung der Ruhrtriennale
Ein stummer Schrei
von Simone Hamm
Tänzer, die auf halber Spitze mit kleinen Schritten aufeinander zugehen, eine Gruppe bilden, mit weit ausholenden Armbewegungen zu einer einzigen Welle werden, zu einem einzigen Körper, dazu lauter Rave: das ist unverkennbar Sharon Eyal.
Delay The Sadness, Héloïse Jocquevile, Johnny McMillan © Vitali Akimov, Ruhrtriennale 2025
In „Delay the Sadness“, die Sharon Eyal und ihre Gruppe S-E-D- als Uraufführung bei der Ruhrtriennale zeigte, gibt es diese Szenen auch. Doch ein anderer Tanzstil dominiert. Eyal gibt Duetten einen viel größeren Raum. Paare finden zu einander. Ihre Drehungen, ihre Sprünge muten beinahe klassisch an.
Keren Lurie Pardes, Darren Devaney © Vitali Akimov, Ruhrtriennale 2025
Sie beugen sich zu einander, als wollten sie sich küssen, die Gesichter bleiben reglos. Kein Lächeln. Die Tänzerinnen winkeln die Arme an. Die Tänzer legen ihren Kopf darauf. Sie spreizen die Finger. Berühren die Brustwarzen. Immer wieder fassen sie sich an den Hals. So elegant und kühl das scheinen mag, es ist in jeder Sekunde hochemotional. Und unendlich traurig. Der Schmerz des Verlustes ist in jeder Geste zu spüren. Es ist unglaublich, wie Sharon Eyal diese Emotionen hervorzurufen vermag.
Auch die Musik ist besonders. Nicht der hämmernde 4/4 Beat. Sounddesigner Josef Laimen hat – in enger Zusammenarbeit mit Sharon Eyal – Technomusik im Walzertakt komponiert. Eine Musik, die immer lauter wird, immer treibender. Bis schließlich Stimmen, Choräle zu hören sind.

Sharon Eyal, Foto: © David Giorgadze
„Delay the Sadness“ hat Sharon Eyal, die in Jerusalem geboren wurde und in Frankreich lebt, ihrer vor zwei Jahren verstorbenen Mutter gewidmet.
Anfangs schreiten Tänzer über die Bühne, heben die Hände, zeigen mit dem Finger nach oben. Die Wangen der Tänzerinnen sind mit dickem Rouge geschminkt, Männer wie Frauen haben die Haare streng nach hinten gegelt.
Die hautfarbenen Trikots der Tänzer sind mit roten Strichen versehen, so als bluteten sie, als wollten sie ihr Inneres nach Außen tragen. Und genau das tun sie ja auch. Sharon Eyal, die sonst mit DIOR zusammenarbeitet, hat diesmal die Kostüme selbst entworfen, zusammen mit ihrem Partner Gai Behar. Nichts will sie anderen, schon gar nichts dem Zufall überlassen.
Am Ende steht eine Tänzerin gebeugt auf der Bühne, hält sich die Hand vor den Mund. Es ist ein stummer Schrei. An diesem Abend blieb niemand unberührt.


