Aufstieg und Fall der Stadt Theben
„Anthropolis“ wird wieder am Hamburger Schauspiel gezeigt. Griechische Antike at it’s best.
Ein Gespräch mit dem Autor Roland Schimmelpfennig
Von Simone Hamm
Roland Schimmelpfennig ist Lyriker, Autor von Romanen, Hörspielautor und einer der meistgespielten Dramatiker auf deutschen Bühnen. Sein neustes Buch ist „Sie wartet, aber sie weiß nicht auf wen“, ein düsterer Reigen aus Gewalt und Sex, und manchmal auch aus zarten Gefühlen. Im Herbst wird sein Gedichtband „Bericht von der Mondlandung“ erscheinen. Zuletzt wurde seine Fassung des Nibelungenliedes „See aus Asche“ bei den Wormser Nibelungenspielen gezeigt. Am Schauspiel Hamburg wird seit 2023 überaus erfolgreich „Anthropolis“ aufgeführt.

Der Autor und Dramatiker Roland Schimmelpfennig, Foto: © Adriana Jacome / Verlag S. Fischer
Zur Erinnerung
„Dionysos“, „Laios“, „Iokaste“, „Ödipus“ und „Antigone“ hat Roland Schimmelpfennig die fünf Teile von „Anthropolis“ genannt, in denen er die Geschichte der Stadt Theben, der Menschen, die hier leben und der Götter, die dort herrschen, erzählt. Theben ist die Stadt der Gründungsmythen, die Stadt der Zivilisationsgeschichte Europas. Hier spielen die berühmtesten griechischen Dramen.
Etwa die Geschichte von Ödipus, der unwissentlich seine Mutter heiratet und seinen Vater erschlägt, oder die von Antigone, die verbotenerweise den Leichnams ihres Bruders Polyneikes bestattet, damit er ins Reich der Toten gelangen kann und die dafür grausam bestraft wird. Bis heute nehmen diese Dramen in Literatur, Philosophie und Psychologie zentrale Rollen ein.
Weniger bekannt sind ihre Vorfahren und Verwandten: Dionysos, Laios und Iokaste. Auch deren Konflikte sind bis heute aktuell.
Es gibt darin unvergessliche Szenen. Wenn etwa die Raserei der blutberauschten Bakchen dargestellt wird durch 20 Taiko-Trommlerinnen, die immer schneller, immer lauter werden. Wenn Lina Beckmann als Agaue ganz langsam begreift, dass sie im Wahn keinen Löwen zerrissen hat, sondern ihren eigenen Sohn. Wenn sie mit Schmerz in der Stimme wirklich Rotz und Wasser heult. Wenn Lilith Stangenberg als Antigone, wie verloren auf der Bühne steht, den ganzen Körper bedeckt mit Staub, zart und fein und doch stolz und unnachgiebig.
Schimmelpfennig hat die Dramen von Sophokles, Aischylos und Euripides übertragen. Vorgeschichten wie die des Vaters des Ödipus (Laois) und der Mutter der Antigone (Iokaste) hat er selbst geschrieben.

Erschienen im Verllag S. Fischer
Simone Hamm: Wie lange haben Sie an Anthropolis gearbeitet? Das war doch sicher ein langer Prozess. Zwei Jahre?
Roland Schimmelpfennig: Ich glaube, es waren eher drei Jahre, aber die Periode der Pandemie, in die die meiste Schreibarbeit fiel, hat meine Zeitwahrnehmung sicher auch verwischt. Der ganze, lange Prozess dieses Riesenprojektes beginnt mit einem unangekündigten Anruf von Karin Beier. Das war an einem Freitag, später Nachmittag oder früher Abend. Draußen war schon dunkel, soweit zumindest erinnere ich das ziemlich deutlich.
Karin und ich kannten und schätzten uns seit langem, aber wir hatten nie direkt miteinander gearbeitet.
Es gab zu dem Zeitpunkt bereits Texte von mir, die sich im engeren oder weiteren Sinne mit der griechischen Antike beschäftigten: darunter den „Idomeneus“, das letzte Stück, das Jürgen Gosch, schon todkrank, mit Johannes Schütz als Bühnenbildner noch zur Premiere gebracht hatte, und meine Übertragung der „Bakchen“ des Euripides.
Die „Bakchen“ waren dann der Grundstein für den ersten Teil von „Anthropolis“, was in erweiterter Form in Hamburg dann zu „Dionysos“ wurde.
Was war Ihr Motiv, ein Antikenprojekt auf die Bühne zu bringen?
Karin skizzierte in dem Anruf an jenem dunklen Nachmittag erstmals die zu dem Zeitpunkt noch nicht im vollen Umfang klare Idee einer Reihe von Stücken zum Aufstieg und Fall der Stadt Theben.
Warum? Weil es keinen vergleichbaren Dramenkomplex gibt, der die Reibung von Individuum und Staat und die Frage nach Religion, den Göttern oder dem Übernatürlichem oder irgendeiner höheren Instanz, gleich ob real oder nicht, in dieser komplexen Weise umreißt .
Sie haben Antigone, Ödipus und die Bakchen (bei Ihnen DIONYSOS) neu übersetzt.
Ich kann und darf und will mich nicht als Übersetzer bezeichnen. Das Wort Übertragung trifft es besser.
Zwei Stücke haben Sie – an Anlehnung an antike Dramen von Sophokles, Aischylos und Euripides – selbst geschrieben und hinzugefügt. Darin werden die „Vorgeschichten“ von „Ödipus“ und „Antigone“ erzählt. Warum war Ihnen das so wichtig?
Wichtig war mir – und war uns – das Gesamtbild. „Ödipus“ und „Antigone“ sind bekannt, die „Bakchen“ schon deutlich weniger, sicher, weil das Stück irrationaler, noch verstörender ist als die anderen antiken Vorlagen.
„Iokaste“ ist eine Auseinandersetzung mit Aischylos, also mit „Sieben gegen Theben“, und den „Phönizierinnen“ des Euripides, die trotz des irreführenden Titels um dasselbe Thema kreisen. Diesen Teil der Geschichte, die unmittelbare Vorgeschichte von „Antigone“, kennt man eher wenig, obwohl sie von höchster Wichtigkeit ist, denn spätestens in diesem Stück mischen die Götter oder das Orakel nicht mehr mit: hier erklären sich Brüder den Krieg, die beiden Söhne des Ödipus.
Und, ja, das andere, das wirkliche „missing link“ in der Reihe war das Stück zu Laios, das der Welt verlorene antike Stück über den Vater des Ödipus. Diese Leerstelle zu füllen, wie auch immer, erschien mir von Anfang an von größter Wichtigkeit – trotz des damit verbundenen Risikos.
Anders als andere Autoren nehmen sie den Text nicht völlig auseinander und stellen ihn neu zusammen, nehmen auch kein modernes Stück dazu, sondern sie schreiben ihn weiter.
Bei „Iokaste“ haben wir Antikes und Neues kombiniert, Karin Beier und Sybille Meier, die Dramaturgin des ganzen Projekts, sahen in dem Fall von Anfang als ein klares thematisches Motiv das Scheitern der Diplomatie. Während der Vorgespräche fiel Kabul. Menschen klammerten sich an die Fahrwerke von Flugzeugen und stürzten dann vom Himmel.
Ich habe in der Begegnung mit allen Teilen von „Anthropolis“ immer die Berührung mit unserer Gegenwart gesucht, aber ich wusste gleichzeitig eines ganz klar: gerade „Ödipus“und „Antigone“ sind in ihrer Thematik und Form nichts weniger als Grundsteine unserer westlichen Dramatik, unseres Denkens.
Diese Stücke sind, was sie sind, und daran gilt es sich zu reiben. Sie umzuinterpretieren, zu variieren oder zu kommentieren kam für mich nicht in Frage.
Bei „Iokaste“ konnten Sie auf Euripides und Aischylos zurückgreifen und die „Iokaste“ dann weiterschreiben. „Iokaste“ erzählt die Vorgeschichte zu Antigone. Iokaste versucht vergeblich, die streitenden Brüder Antigones Polyneikes und Eteokles vom Krieg abzuhalten. So etwas kann man natürlich nicht schreiben, ohne direkt im Jetzt zu sein. Verhandlungen scheitern. Kriege werden geführt ohne Sinn und Verstand. Bei „Iokaste“ gibt es Dialoge, die Diskussion, das Gespräch.
Das Scheitern der Diplomatie, um nur einen Aspekt zu nennen, waren für Karin Beier und Sybille Meier von den ersten Vorsprechen an, ein zentrales Thema: Kabul.
Die Uraufführung fand wenige Tage nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober statt. Ich habe niemals ein so tiefes Schweigen im Publikum erlebt wie an jenem Abend.
Sie lassen die alten Griechen die alten Griechen sein. Sie biedern sich niemals an, verfallen in kein Neusprech. Und doch ändern Sie, kürzen Sie. Das muss doch eine unglaublich genaue Arbeit gewesen sein.
Es war ein Geschenk. Anders kann ich es nicht sagen. Ich musste und durfte jedes einzelne Wort dieser Werke drehen, wenden, ansehen. Das ist, ja, eine Arbeit, die höchste Genauigkeit erfordert, höchste Konzentration, denn es kommen dabei neue, ungeahnte Schichten zu Tage, Charakterzeichnung, Irrationalität, auch Komik fern all dessen, was man sich im schlimmsten Fall unter „griechischer Tragödie“ so im Klischee vorstellen könnte. Jene großen Autoren waren keine Gipsköpfe. Sie haben in Epidauros ein riesiges Theater gefüllt. Sie wussten, was sie taten.
Die Figuren der antiken Tragödien sind allesamt ambivalent. Hat sie das gereizt? Heute verschwinden im öffentlichen Diskurs diese Ambivalenzen mehr und mehr. Alles ist entweder so oder so.
Ich glaube: Ambivalenz ist und bleibt ein Merkmal des Menschen. Ja, es gibt Schubladen, bubbles etc., aber nein: am Ende ist das Leben eben komplizierter, und daraus besteht spannendes Theater. Immer. Es lebt von der Zerrissenheit. Wir sind keine Ameisen. Und wir sind auch keine Instagram-Profile.
„Laios“ erzählt, wie es zum Ödipus Konflikt gekommen ist. Meines Wissens gibt es kein Stück, auf dass Sie zurückgegriffen haben. Das ist ganz Ihres. Und: es ist ein Monolog. Warum haben Sie die Form an diesem Abend so drastisch geändert?
Laios ist allein mein Text, ja, da gab es keine Vorlagen, es gab nichts. Mir war klar, dass es galt, sich dieser Leerstelle zu stellen, und mir war auch klar, dass nichts peinlicher und sinnloser wäre, als hier im Ansatz ein „griechisches Drama“ zu imitieren. Mein Ansatz ist offen, anders kann es nicht sein. Ich würde das gar nicht als „Monolog“ bezeichnen.
Auch wenn Lina da nun alleine auf der Bühne steht.
Ist Iokaste bewusst ein Gegenentwurf zum Laiosabend?
Aber nein: Laios war nie als theoretisches Gegenstück konzipiert, die Gegensätzlichkeit ergibt sich allein aus der unterschiedlichen Thematik.
Dass Lina Beckmann phantastisch ist, dass die Zuschauer gebannt sind von der ersten bis zur letzten Minute, hat nun wirklich jeder Kritiker, jede Kritikerin geschrieben. Auch als Agaue ist sie großartig. Der Moment, in dem sie erkennt, dass sie ihren eigenen Sohn in Raserei getötet hat, ist überwältigend. Sie geht ganz auf in Ihrem (Schimmelpfennigs)Text. Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspielern, mit der Regisseurin Karin Beier, der Dramaturgin Sybille Meier?
Die Zusammenarbeit war beides: sehr eng – sehr ungewohnt für mich als sonst eher isoliert arbeitender Autor- und trotzdem gleichzeitig frei, losgelöst, immer im Wechsel. Von tiefem Respekt geprägt vor dem wertvollen, kreativem Anteil des Partners. Es gab da einen kostbaren Austausch gegenseitiget Überforderung.
Sie lassen die Schauspieler sehr dezente Kritik an griechischen Mythen, dem griechischem Glauben, äußern. (Etwa durch an der Bühnenrampe gesprochene Einschübe. Es wird z.B. gefragt, wie man denn an das Orakel von Delphi glauben könne oder an Männer, die aus Drachenzähnen wachsen, an ein Baby, das im Schenkel eines Gottes ausgetragen wird oder an eine versteinerte Frau.)
Kritik? Eher Reibung. Da sind einfach viele offene, nicht zu beantwortende Fragen. Übermächtige Setzungen. Manchmal gab es da so etwas wie eine befreiende Explosion aus dem scheinbaren „Korsett“ der Antike, ja, kann sein.
Es gibt noch eine zweite Form der Verfremdung bei Ihnen. Lina Beckmann tritt im Vorspiel von „Dionysos“ als Sommelieuse auf. Sie ist unglaublich komisch. Eine wirkliche Komödiantin.
Die Weinprobe: einfach fulminant. Ich habe sie definitiv nicht geschrieben, auch nicht angestoßen, nichts davon. Ich habe schlicht keine Ahnung, wie und wann sie entstanden ist, aber sie ist schlicht sensationell.
Indem sie auf die Vorgeschichte etwa von Ödipus eingehen, gehen sie auch auf die Schuld seiner Eltern ein. Damit sind wir bei der modernen Traumaforschung, die besagt, das Traumata über Generationen weitergegeben wird. War das ein wichtiger Aspekt für Sie?
Ganz ehrlich: ich bin 1967 geboren, in der Bundesrepublik. Traumata allüberall. Schuld überall. Es hat ein etwa vier oder fünf Jahrzehnte meines Lebens gedauert, bis ich anfing, die Dynamiken jener Übertragungen von Generation zu Generation, jener weitergereichten Verwundungen, sehen zu können.
Aber: die Schuldverkettungen im Kontext der Antike sind da einfacher. Sie bilden sich in Königsfamilien ab. Das über Generationen traumatisierte Volk hat hier nur die Stimme des Chors.
Die griechischen Dramen sind sehr gewalttätig. Da wird ein Kind mit zerstochenen Füßen in der Wildnis ausgesetzt, Frauen werden vergewaltigt, Gegner werden nicht einfach getötet, sondern zerrissen. Diese Gewalt finde ich auch in Ihren Romanen wieder. Tendenz steigend. War „Die Linie zwischen Tag und Nacht“ noch düster, aber es gab doch ein wenig Hoffnung, so ist „Sie wartet, aber sie weiß nicht auf wen“ eine Aneinanderreihung von wildem Sex und unfassbarer Brutalität. Ich brauchte ein paar Tage, um mich davon zu erholen und habe schlecht geschlafen. Das zeigt natürlich, dass mich Ihr Roman ergriffen hat.
Gewalt ist das Thema jeder Zeit. Die monströse Gewalt, die in „Ödipus“ zu Tage kommt – und nun folgerichtig, auch in „Laios“ – ist nicht meine Erfindung. Es ist der Mythos. Der Roman ist davon klar zu trennen. Ja, auch hier kam ich am Thema der Gewalt nicht vorbei, aber aus ganz anderen Notwendigkeiten. Gewalt ist kein Thema, das ich suche. Ich kann es nur nicht umgehen. Es gibt gleichzeitig in dem Roman auch den Versuch der Beschreibung einer fast verzweifelten Suche nach Nähe, nach Zärtlichkeit, nach Liebe.
In ihrem Roman und in ihren Gedichten gibt es Protagonisten verschiedener Nationalitäten und auch Schichten. Sie sind herausgetreten aus der – ich sag jetzt mal – so gemütlichen Prenzelbergblase. Das macht ihre Werke so spannend. Wie haben sie recherchiert?
Oder sind das Erfahrungen, die Sie einfach gemacht haben, als Sie durch die Stadt gingen, mit der U-Bahn gefahren sind? Einfach, weil Sie genau hingeschaut haben?
Nun, die Prenzlauerberg-Blase hat mich einfach nie interessiert. Ich mag keine Gewinner-Literatur, mich interessieren grundsätzlich die Verlierer. U-Bahn-Fahrten sind da in der Tat mehr als lehrreich, noch mehr die Ringbahn, also die Berliner S-Bahn.
Ihre Gedichte wirken auf mich zarter als ihre Prosatexte. Obwohl es auch da tödliche Krankheiten, betrunkene Kinder, Mord und Totschlag gibt. Manchmal sind sie sogar melancholisch, etwa wenn es um alte Menschen geht, die langsam die Gegenwart vergessen. Oder wenn es um die Kindheit geht.
Die Gedichte sind ein Projekt, an dem ich im Grunde schon mein ganzes Schriftsteller-Leben lang arbeite. Ein Gedicht ist immer ein sehr bewusst gewählter Ausschnitt, fast wie bei einem Bild, bei einem Photo, das sich einfach nicht löschen lässt. Die Gedichte sind sicher zarter, persönlicher – aber gewiss nicht verklärend.
Weitere Infos:
Der „Anthropolis“- Marathon wird am Hamburger Schauspiel zum nächsten Mal vom 26/9 bis 28/9/2025 gezeigt werden:
Freitag, 19.30 Uhr »Prolog/Dionysos«
Samstag, 16.00 Uhr »Laios«
Samstag, 20.00 »Ödipus«
Sonntag, 16.00 Uhr »Iokaste«
Sonntag, 20.00 Uhr »Antigone«
Weitere Aufführungen sind in Vorbereitung.
Bücher von Roland Schimmelpfennig:
Roland Schimmelpfennig:
Anthropolis. Ungeheuer. Stadt. Theben.
Neuübersetzungen, Überschreibungen und Neudichtungen
»Dionysos«, »Laios«, »Ödipus«, »Iokaste« und »Antigone«
S. Fischer. 512 Seiten. 22 €
Roland Schimmelpfennig:
Sie wartet, aber sie weiß nicht auf wen
S. Fischer. 186 S. 24 €
Roland Schimmelpfennig:
Die Linie zwischen Tag und Nacht.
S.Fischer . 208 S. 22 €

Roland Schimmelpfennig:
Bericht von der Mondlandung
S.Fischer. 112 Seiten. 18 €
Das Buch erscheint am 29.10.25
