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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Ein Paukenschlag am Kölner Schauspiel: „GEHEIMPLAN GEGEN DEUTSCHLAND – Ein Nachspiel“

Eine szenische Lesung noch vor Beginn der offiziellen Spielzeit

von Simone Hamm

Auf der Bühne steht Andreas Beck. Hinter ihm ein langer Tisch mit weißem Tischtuch. Umgeworfene Weinflaschen, vertrocknete Blumen, übrig gebliebener Streuselkuchen.

Andreas Beck in GEHEIMPLAN GEGEN DEUTSCHLAND – Ein Nachspiel, Foto: © Anna Sorgalla 

Es ist dasselbe Bühnenbild, das 2024 am Berliner Ensemble zu sehen war. Die szenische Lesung hieß seinerzeit „Geheimplan gegen Deutschland“ und erinnerte an das Geheimtreffen Rechtsradikaler in Potsdam. Der Regisseur und damalige Intendant des Volkstheaters Wien Kay Voges brachte die Recherche als Koproduktion des Berliner Ensembles und des Volkstheaters Wien auf die Bühne des Berliner Ensembles. Danach führten andere Theater den „Geheimplan“ auf. Das Berliner Ensemble stellte einen Stream ins Netz, der über eine Million mal abgerufen worden ist.

Kay Voges ist seit dieser Spielzeit Intendant am Kölner Schauspiel. In seinem Programm setzt er auf Stimmenvielfalt. Er hat Großes vor. 29 (!) Premieren, Klassiker und Zeitgenössisches, davon 13 Uraufführungen. Inhaltlicher Schwerpunkt wird die Auseinandersetzung mit kriegerischen Konflikten sein. Politisches Theater rückt in den Mittelpunkt.

In den kommenden fünf Jahren wird es zudem einen Schwerpunkt „Theater und Journalismus“ geben. Fünfmal wird er mit „Correctiv““ zusammenarbeiten. „Correctiv – Recherchen für die Gesellschaft“ finanziert sich durch Spenden, etwa von der Rudolf Augstein Stiftung, wird gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Kay Voges hat die neueste Recherche von „Correctiv“ in Köln gezeigt – noch vor Beginn der Spielzeit.  „Geheimplan gegen Deutschland – Ein Nachspiel“ von Andreas Beck, Calle Fuhr, Alexander Kerlin, Lolita Lax, Jean Peters und Kay Voges. Regie führt Calle Fuhr.

Andreas Beck in schwarzem Smoking mit Kummerbund erinnert noch einmal an das Geheimtreffen Rechtsradikaler in Potsdam und an das, was folgte.

Beck zeichnet auf der Bühne die juristische Auseinandersetzung um die Veröffentlichung des Recherchenetzwerkes „Correctiv“ nach, die Siege und die Niederlagen, den Kampf um die Deutungshoheit, die juristischen Feinheiten und Winkelzüge.

Im November 2023 lädt ein Düsseldorfer Zahnarzt rechte Politiker und Unternehmer aus dem Umkreis der AfD ins Landhaus Adlon in Potsdam ein. Was dort besprochen wird, soll geheim bleiben.

Einer der Hauptredner ist Martin Sellner, Kopf der rechtsextremen identitären Bewegung. Einige Wochen später enthüllt das Medienhaus „Correctiv“, worüber dort gesprochen wurde: Remigration. Sellner, so heißt es, soll einen Masterplan skizziert haben. Sellner fasst unter dem Begriff Remigration nicht nur Flüchtlinge und Asylbewerber, sondern auch „nichtassimilierte“ Deutsche, also auch Einwanderer, die deutsche Staatsbürger sind. Das wäre klar verfassungsfeindlich, so haben es hohe deutsche Gerichte festgeschrieben.

Millionen von Menschen gehen daraufhin auf die Straße und protestieren. Der Ruf nach einem AfD-Verbot wird immer lauter. ARD und ZDF berichten. Staatsrechtler Ulrich Vosgerau, der in Potsdam dabei war, und die Anwälte der Kanzlei Höcker aus Köln klagten auf Unterlassung. Es sei auf der Veranstaltung nie diskutiert worden, dass auch massenhaft Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit ausgewiesen werden sollten. Und sie bekamen Recht.

Die ZEIT befragte Teilnehmer des Treffens, die ebenfalls abstritten, dass über Remigration in diesem Sinne ein Masterplan diskutiert worden sei. Die FAZ und die Süddeutsche Zeitung sahen die gesellschaftliche Relevanz der Correctivrecherche, kritisierten aber handwerkliche Fehler und einen Mangel an Belegen. Die Welt, die Süddeutsche Zeitung und die NZZ hinterfragten die journalistische Sorgfaltspflicht.

„Correctiv“ konnte und wollte seine Quellen für die Veröffentlichung nicht namentlich nennen, um sie nicht zu gefährden, verwies auf den Quellenschutz.

Andreas Beck beim Vorlesen der Dokumente, ein Entertainer, der das Publikum fesselt, Foto: © Anna Sorgalla 

All das erzählt Andreas Beck auf der Bühne und streut dabei immer wieder persönliche, selbstironische Erinnerungen ein: „Die Proben für ,Geheimplan gegen Deutschland‘ am Berliner Ensemble waren im 4. Stock, ich hatte Knieschmerzen und es gab keinen Aufzug.“ Oder: „Ich saß da nach der Knieoperation in der Reha im Burgenland – viel konnte ich ja nicht tun – und ließ mir alle Unterlagen zu den Prozessen gegen ,Correctiv‘ kommen.“ Oder: „Ich werde nicht aufhören, das zu erzählen und wenn es sein muss, auch zu tanzen, die Knie sind ja wieder in Ordnung.“ 

Was Beck allerdings zur Sache vorträgt, hat mit einem Theatertext nichts zu tun, mutet eher an, als ob sich da jemand akribisch auf alle möglichen Klagen aus der rechten Ecke vorbereitet habe.

Beck zeigt Papppuppen von den AfD-Strategen. Etwa von Maximilian Krah, dessen Immunität aufgehoben wurde. Am Tag nach der Aufführung. Gegen Krah läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Bestechlichkeit im Amt. Krah hat mit seinen TikTok-Beiträgen Millionen von meist jungen Zuschauern erreicht. Zuständig für diese TikTok-Auftritte war Erik Ahrens. Der sah sich bereits als neuer Führer Deutschlands und baute mit an einem internationalen Netzwerken aus Rassisten, wie der britische „Guardian“ und der österreichische „Standard“ recherchiert haben. Ahrens überwarf sich zunächst mit Krah, dann mit anderen AfD-Größen.

Und dann der Höhepunkt des Abends: Andreas Beck liest eine notariell beglaubigte Erklärung vor. Sie stammt von Erik Ahrens. Der ist ein ausgewiesener Rechtsextremer, der nach eigener Aussage ausgestiegen ist und nun an Eides statt gegen seine ehemaligen Mitstreiter aussagt. Eine wirkliche Überraschung:

Er sagt aus, dass er an der Ausarbeitung des Remigrationskonzepts beteiligt gewesen sei. In Potsdam sei tatsächlich der „Masterplan“ von dem Rechtsextremen Martin Sellner vorgetragen worden. Von Vertreibungen, auch von Deutschen, freiwillig oder unfreiwillig, sei darin die Rede. Erik Ahrens benützt in seiner Aussage den Begriff „Ethnische Säuberung“

Der AfD-Fraktionschef von Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der Landtagswahlen 2026, habe bei diesem Treffen angekündigt, dieses Konzept in Sachsen-Anhalt umzusetzen, wenn er gewählt werde. Er wolle zunächst Ausländer, die Restaurants führen, unter Druck setzten.

Da ist er, der Kronzeuge, den „Correctiv“ so dringend braucht, um seine Recherche zu verteidigen, präsentiert auf einer Theaterbühne und zeitgleich gestreamt im Netz und von „Correctiv“ in einem Artikel, veröffentlicht.

Bestes Polittheater, das die Debatte um ein AfD-Verbot wieder beleben wird. Es gibt sieben andere eidesstattliche Erklärungen von Teilnehmern, die behaupten, es sei in Potsdam nie über Remigration, so wie Ahrens den Begriff beschreibt, diskutiert worden. „Correctiv“ hat sie alle angeschrieben. Werden sie nun bei ihrer Aussage bleiben?

Eine Stunde nach Ende der Aufführung informierte die Presse bereits über Ahrens‘ eidesstattlicher Erklärung.

Die Zuschauer haben einen fulminanten Theaterabend gesehen, mit einem großartigen Andreas Beck. Er präsentiert die Fakten wie ein guter Entertainer. 100 Minuten lang. Dabei stockt er bisweilen, fasst sich an den Kopf, schaut fragend, als könne er nicht begreifen, was da geschehen ist.

„GEHEIMPLAN GEGEN DEUTSCHLAND – Ein Nachspiel“ ist selbst für die, die wissen, worum es geht, spannend wie ein Krimi. Da wird nicht belehrt, nur einmal aufgefordert, wachsam zu sein. Genau so soll Politik auf die Bühne gebracht werden.

„Geheimplan gegen Deutschland – Ein Nachspiel“ ist als Stream zu sehen unter:

https://www.schauspiel.koeln/produktion/geheimplan-gegen-deutschland-ein-nachspiel

„Ein Nachspiel“ soll wieder aufgeführt werden. Das Datum ist aber noch nicht bekannt.

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