„We Are The Lucky ones“ – die Wirtschaftswunderkinder
Kollektive Erinnerung in der Jahrhunderthalle
von Simone Hamm
Sie haben einfach Glück gehabt. Die Generation derer, die zwischen 1940 und 1949 geboren ist. Sie haben nach Kriegende viele Jahre in Frieden leben können. Sie sind die Wirtschaftwunderkinder. Von ihrem Leben erzählt „We Are The Lucky Ones“, die Oper von Philip Venables, die in diesem Jahr in Amsterdam uraufgeführt wurde. Es ist seine erste große besetzte Oper. Jetzt war sie auf der Ruhrtriennale in Bochum in der Jahrhunderthalle zu sehen.

Öffentliche Hauptprobe von „We Are The Lucky Ones“ in der Jahrhunderthalle in Bochum, Foto: Caroline Seidel / RT2025
Der britische Komponist Philip Venables hat zu einem Libretto von Ted Hufmann eine schöne, eingängige Musik geschrieben. Ganz zu Anfang klingt sie noch dissonant, das werden die Nachwehen des Zweiten Weltkrieges sein. Dann wird es munterer. Anklänge an Swing, Jazz, Rock n’ Roll und sogar Pop sind zu hören. Die vergangenen Jahrzehnte werden durch die Musik wieder gespiegelt. Bisweilen wird eine Jahreszahl an die Wand projiziert.
Die acht Sänger Claron McFadden, Sophia Burgos, Nina van Essen, Helena Rasker, Steven van der Linden, Frederick Ballentine, Michael Wilmering und Alex Rosen überzeugen allesamt. An ihnen liegt es gewiss nicht, dass der Abend bisweilen so öde wirkt. Und auch nicht an den Bochumer Symphonikern, die der polnisch-libanesische Dirigent Bassem Akiki leitet und die sich fein zurückziehen, wenn es gilt, den Sängern Raum zu lassen.
Darstellerisch haben die Sänger nicht viel zu tun. Sie laufen (manchmal tänzeln sie auch) auf einem breiten Laufsteg um die große viereckige Vertiefung herum, in dem das Orchester spielt.
Der/diejenige, der/die (den englischen Text) singt, tritt er nach vorn. Einmal kleben die Sänger weiße Blätter auf die große Fensterfront der Jahrhunderthalle, an die dann KI generierte Fotos von Menschen aus den jeweiligen Jahren zu sehen sind. Typische Fotoalbenbilder.

Öffentliche Hauptprobe von „We Are The Lucky Ones“ ain der Jahrhunderthalle Foto: Caroline Seidel/ RT2025
Regisseur Ted Hufmann und die Dramaturgin Nina Segal haben 80 Leute interviewt, die zwischen 1940 und 49 geboren sind. Aus deren Biografien ist das Libretto entstanden. Die Sänger – genannt Sänger 1,2,3 usw. personifizieren eine Generation, keine Individuen. Sie schlüpfen mal in diese, mal in jene Rolle. So kann keine Emotion aufkommen. Zudem ist das Libretto unglaublich banal. Sprachlich – und inhaltlich, denn alles wird erklärt, ob da Menschen in Booten übers Meer kommen (weil in ihrer Heimat Krieg herrscht oder Hunger) oder das Haus so leer ist (weil die Kinder ausgezogen sind).
Das plätschert dahin, Verliebtsein, Ehe, Verlassen werden, Kinder, die erwachsen werden, Examina machen, von den Eltern auf Reisen eingeladen werden, Paare, Alleinerziehende, Krankheiten, Gedanken an den Tod.
Hufmanns chronologisch erzählte Geschichte aus der Perspektive der heute 75- bis 85-jährigen spielt ausschließlich in der Mittelschicht. Und das hat natürlich einen guten Grund.
Denn zu den „Lucky Ones“ zählt sicher nicht der 1940 geborene lungenkranke Bergarbeiter, der seine früheste Kindheit in Luftschutzbunkern verbracht hat.
