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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Großartige Schau zur „Klassischen Moderne“ in Wiesbaden

Glücksfälle – wie Kunst ins Museum kommt

Von Hans-Bernd Heier

Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des Landesmuseums Wiesbaden beschloss ein Wiesbadener Privatsammler die bereits testamentarisch avisierte Schenkung seiner bedeutenden Kunstsammlung öffentlich zu machen. Die über Jahrzehnte gewachsene hochkarätige Kollektion des Wiesbadener Mäzens, der anonym bleiben möchte, umfasst rund 100 Artefakte mit dem Schwerpunkt auf expressiven Impressionismus, Expressionismus und „Neue(r) Sachlichkeit“. In der Ausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker…Oder wie Kunst ins Museum kommt“ wird nun eine erlesene Auswahl von 50 Arbeiten dieser Sammlung erstmals präsentiert. Dies geschieht in Kombination mit 45 früheren Schenkungen, um deutlich zu machen, wie präzise sich das neue Konvolut in die bereits vorhandenen Bestände des Hauses einfügt und diese aufs vorzüglichste bereichert. Mit der herausragenden Schau würdigt das Museum gleichzeitig das großzügige Engagement seiner Mäzeninnen und Mäzene und dokumentiert, wie Kunst ins Museum kommt.

Ilona Singer „Bildnis Francesco von Mendelssohn“, 1928; Privatsammlung Wiesbaden; Foto: Ketterer Kunst GmbH & Co KG, München

Schwerpunkt der testamentarisch zugesagten Sammlung sind Kunstwerke von Künstlerinnen und Künstler aus dem Umfeld der „Neuen Künstlervereinigung München“ (u.a. Erma Bossi, Adolf Erbslöh, Alexej von Jawlensky, Alexander Kanoldt, Marianne von Werefkin), des „Blauen Reiters“ (Elisabeth Epstein, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter), der Künstlergruppe „Brücke“ (Erich Heckel, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff) sowie der Neuen Sachlichkeit (u.a. Josef Scharl, Georg Schrimpf, Ilona Singer). Hinzu kommt eine Vielzahl an Skulpturen und Plastiken (u.a. Ernst Barlach, August Gaul, Gerhard Marcks, Milly Steger, Louise Stomps). Ein außergewöhnlich hoher Prozentsatz stammt von Künstlerinnen.

Max Slevogt „Pfälzische Landschaft“, 1910, Museum Wiesbaden, Schenkung aus einer Wiesbadener Privatsammlung 2021; Foto: Museum Wiesbaden/ Bernd Fickert

Diese hochkarätige Sammlung wird in Beziehung gesetzt mit vorausgehenden bedeutenden Schenkungskonvoluten (Heinrich Kirchhoff 1915–1933, Hanna Bekker vom Rath 1987 oder Frank Brabant 2018). Dadurch zeigt sich, dass das Hessische Landesmuseum Wiesbaden fast ausschließlich aufgrund des außerordentlichen bürgerlichen Engagements zu einem der führenden Museen für Expressionismus in Deutschland und darüber hinaus geworden ist.

„Die uns überlassenen beziehungsweise versprochenen Konvolute sind Meilensteine in der Geschichte der ‚Abteilung Klassischen Moderne‘ am Museum Wiesbaden“, so Kurator Dr. Roman Zieglgänsberger. „Hinsichtlich Defiziten und Nachholbedarfen ergänzt das Konvolut kongenial: Im Bereich der Skulptur und bei den nicht nur bei uns, sondern weltweit viel zu sehr vernachlässigten Künstlerinnen, von denen es noch viele zu entdecken gibt“, schreibt Museumsdirektor Dr. Andreas Henning im Vorwort des exzellenten Katalogs.

Ausstellungsansicht; Foto: Christoph Boeckheler

Sammler und Museen pflegen laut Kurator steten Kontakt, teilweise stimmen die Mäzene und Mäzeninnen ihre Kollektionen sogar auf die Museumsbestände ab. So konnten Privatsammler durch Erwerbungen auf dem Kunstmarkt gezielt Sammlungslücken schließen – Glücksfälle für das Hessische Landesmuseum. Der Ausstellungsrundgang zeigt, wie die Schenkungen ineinander verzahnt sind, welche Beziehungen die Künstlerinnen und Künstler zueinander pflegten, in welchen Netzwerken sie agierten – seien es bekannte wie „Der Blaue Reiter“ und die Vereinigung „Brücke“ oder bislang weniger offensichtliche Verbindungen der Kunstschaffenden untereinander.

Max Beckmann „Weiblicher Akt mit Hund“ 1927, Museum Wiesbaden, erworben 1987 aus der Sammlung Hanna Bekker vom Rath mit Unterstützung des Vereins der Freunde zur Förderung der bildenden Kunst in Wiesbaden e.V.; Foto: Museum Wiesbaden/ Bernd Fickert

Unter den über 100 ausgestellten Gemälden befinden sich lediglich zehn Werke, die das Museum selbst aus seinem eigenen Haushaltsetat angekauft hat. Der Großteil der Exponate kam durch generöse Schenkungen ins Museum – oder wird dies künftig noch tun – etwa die Sammlung Frank Brabant oder die aktuell avisierte Schenkung des Wiesbadener Mäzens, die beide testamentarisch festgeschrieben sind. Damit bietet die Ausstellung nicht nur Einblicke in die Museumsgeschichte und erklärt, wie es zu den Zueignungen gekommen ist, sondern gewährt gleichzeitig auch einen Blick in die Zukunft, wie die „Abteilung Klassische Moderne“ des Museums Wiesbaden einmal aussehen wird.

„Diese hochkarätige avisierte ,neue‘ Schenkung im Jahr des 200. Museumsjubiläums erstmals präsentieren und damit öffentlich machen zu dürfen, ist sicherlich ein Höhepunkt in der langen Geschichte des Museums“, so Henning, „Eine derart präzise, auf ein Museum zugeschnittene Sammlung gespickt mit Hauptwerken an Gemälden und Skulpturen der Avantgarde ist ein seltener Glücksfall – dafür gilt dem großherzigen Mäzen, der anonym bleiben will, unser aller großer Dank.“

Ulrich Neujahr „Tatjana Magid-Riester“, 1928, Sammlung Frank Brabant, Wiesbaden; Foto: Sammlung Brabant

Ausgangspunkt der Klassischen Moderne im Wiesbadener Museum war die um 1910 begonnene, berühmte, etwa 800 Werke umfassende Avantgarde-Sammlung des Privatiers Heinrich Kirchhoff (1874–1934). Diese grandiose Kollektion war für das Museum als Schenkung vorgesehen, musste aber aufgrund der Kulturpolitik der Nationalsozialisten aus dem Museum entfernt werden. Dies hinterließ empfindliche Fehlstellen. Dennoch ist diese Kollektion, deren Werke sich heute weitverstreut in den bedeutendsten Museen der Welt befinden (u.a. in den New Yorker Museen MoMA, Metropolitan Museum of Art oder Salomon R. Guggenheim), laut Zieglgänsberger, „ständiger Bezugspunkt der Sammlungstätigkeit des Museums Wiesbaden“. Hanna Bekker vom Rath beispielsweise besuchte des Öfteren Heinrich Kirchhoff in seiner Stadtvilla, wodurch sie sich nach und nach zur Netzwerkerin und Kunsthändlerin entwickelte, und Frank Brabant wiederum erwarb sein erstes Kunstwerk 1964 in Hanna Bekkers Frankfurter Kunstkabinett. „Eines kam zum anderen, wodurch die Sammlung des Museums wie ein über Jahrzehnte natürlich gewachsener Organismus erscheint, den es so nur in Wiesbaden geben kann“.

Die hervorragende Schau „Feininger, Münter, Modersohn-Becker … Oder wie Kunst ins Museum kommt“, für die der Hessische Ministerpräsident Boris Rhein die Schirmherrschaft übernommen hat, ist bis zum 26. April 2026 im Museum Wiesbaden zu bewundern. Unterstützt wurde die Ausstellung von den Freunden des Museums Wiesbaden e.V.

Weitere Informationen unter:
www.museum-wiesbaden.de

 

 

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