Der überragende Tanzabend des Garage Dance Ensembles auf der Ruhrtriennale
Eine Blumenwiese in der kargen Wüste
von Simone Hamm
Auf der Bühne des Tanzsaals im PACT Zollverein ist das Podium für die Musiker aufgebaut, das Schlagzeug, Gitarre und Flöte liegen bereit. Fünf bunt gekleidete Tänzer kommen nach und nach herein, zeichnen mit Seilen ihre Choreografie, ihre Tanzschritte auf den Boden. Jedes Seil ist anders geschlungen. Von oben werden sie mit Kameras gefilmt. So leise und behutsam beginnt der überwältigende Tanzabend des Garage Dance Ensembles, musikalisch begleitet vom Duo uKhoiKhoi.

Szene aus „How in salts desert is it possible to blossom“, Foto: Katja Illner, Ruhrtriennale 2025
.„How in salts desert is it possible to blossom“ hat die südafrikanische Choreografin Robyn Orlin ihre Choreografie für das Garage Dance Ensemble unter der Leitung von Bryan Klassen aus O’okiep nahe der namibischen Grenze genannt. (Sie haben tatsächlich lange Zeit in einer Garage geprobt.)
Im Hintergrund war zu Beginn des Abends ein Text zu lesen. Die Menschen von O’okiep sind Nachkommen der Nama und Sklaven. Sie werden „Coloured“ gennant, sind nicht schwarz genug, um Schwarze zu sein und nicht weiß genug, um Weiße zu sein. Sie haben in einer Kupfermine gearbeitet. Diese Mine ist längst stillgelegt und heute wachsen hier, mitten in der Wüste, Gänseblümchen in vielen Farben. Über 3000 verschiedene Sorten bilden einen bunten Teppich. Doch auch wenn die Geschichte von O’okiep immer präsent ist, geht es an diesem Abend nicht um das Leid der Vergangenheit.

uKhoiKhoi, Garage Dance Ensemble, Foto: Katja Illner, Ruhrtriennale 2025
Die Fünf Tänzer des Garage Dance Ensembles Byron Klassen, Faroll Coetzee, Esmé Marthinus, Jaime-Lee Hine und Georgia Julies, die Band uKhoiKhoi mit dem Komponisten und Musiker Yogin Sullaphen und der Sängerin Anelisa Stuurman zeigen die bunte Blumenpracht in der kargen Wüste.
Zu Beginn lachen die Tänzer laut. Sie feiern das Leben. In ihren bunten Gewändern werden sie zu Blumen. Sie tragen farbige schillernde Stoffe. Auf die Rückwand der Bühne werden Bilder von ihnen geworfen, bisweilen sind große, bizarre Schatten zu sehen. Die Tänzer werden zu Jagdtänzern und – mit etwas Phantasie – zu abstrakten Tieren: Vögeln, Löwen, Hyänen. Sie werden vervielfältigt durch Regenbogenismen.
Immer wieder ziehen sie die Kleider über ihre Köpfe, schälen sich aus ihnen heraus, legen sie wieder an wie einen Schutz. Denn natürlich ist das Leben nicht nur schön. Es gibt Gewalt, Diskriminierung, Frauenverachtung. Eine atemberaubende Szene beginnt wie wie ein Klagelied und endet in einer Vergewaltigung. Die Tänzerin (Georgia Julies) wird von einer Mutterfigur (Esmé Marthinus) getröstet, die sie auf ihrem Schoß bettet. Eine Pietà. Ganz vorsichtig zieht sie ihr ein bonbonrosafarbenes Kleid und tröstet sie.
In einer anderen Szene zieht sich Byron Klassen einen grünen Stoff vom Kopf. Auf der Videowand erscheint groß sein Gesicht, als sei es weißgeschminkt. Es wirkt maskenähnlich. Dann wieder tanzen und singen die Mitglieder des Garagenensembles ausgelassen. Ein extrem physischer Tanz. Ihre Bewegungen können schlangenartig sein, wild oder langsam, wenn ein Paar miteinander tanzt. Immer harmonieren sie perfekt miteinander, sind präzise, genau.
Die große südafrikanische Choreografin Robyn Orlin, die seit vielen Jahren auch in Berlin lebt, gilt als Rebellin. Sie hinterfragt Vorurteile. Sie erzählt von der Unterdrückung der Coulered People in Südafrika, aber sie wird niemals direkt, niemals platt, niemals folkloristisch und hebt sich so wohltuend ab von so manch anderem wütenden Gestampfe von Tänzern in afrikanischen Trachten vor Basthütten, die dafür auch noch Preise bekommen.
Es wird Afrikaans gesungen, nichts wird übersetzt, die tiefe Intensität des Tanzes, der Musik transzendiert die Sprache. Die Sängerin Anelisa Stuurman ist eine Performerin mit großer Simme. Yogin Sullaphen spielt Schlagwerk, Trommel, Flöte, Sytheziser. Schon allein musikalisch wäre der Abend ein Erlebnis.
Er bietet jedoch noch viel mehr: afrikanischen Tanz – und hier stimmt das ausgelutsche Wort „authentisch“ einmal – der keine Kompromisse an ein internationales Publikum macht und gerade deshalb eine so große Wirkung hat. Die begeisterten Zuschauer wollten nicht aufhören zu klatschen.
