home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Dagmar Schuldt: Archäologie der Gedanken. Von der Kunst des Sichtbaren und Unsichtbaren

Wieviel damals steckt im heute? Wege- und Gedankennetze abseits des Krönungswegs

Von Petra Kammann

Mit der Ausstellung „Archäologie der Gedanken – Von der Kunst des Sichtbaren und Unsichtbaren“ zeigt das Archäologische Museum Frankfurt ab dem 10. September 2025 eine Einzelausstellung der in Hamburg lebenden Künstlerin Dagmar Schuldt. Mit deren genreübergreifendem künstlerischen Projekt macht das Museum auf den südwestlichen Stadtraum Frankfurts aufmerksam, insbesondere auf Niederrad und auf den Frankfurter Stadtwald, und zwar auf das, was auf den ersten Blick nicht mehr sichtbar, aber erinnerungswürdig ist.

Schichten und Geschichten einer Stadt: Dagmar Schuldts  „Karte Frankfurt 2.2.“, 2024 Papier, Schellack, Tuschen, Graphit, 21 x 29,7 siebenmal gefaltet, Foto: Dagmar Schuldt, Courtesy: Claus Friede Contemporary Arts 

Einst hieß es ausgehend von den Pariser Mai-Unruhen 1968 bald auch metaphorisch in Frankfurt: „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, was nicht zuletzt unter Daniel Cohn-Bendit zur Gründung der Zeitschrift Pflasterstrand, dem Sprachrohr der linken Sponti-Szene, führte.

Eine andere Bedeutung bekam der Strand und das, was darunter liegt, für die in Hamburg lebende Künstlerin Dagmar Schuldt. Ausgehend von dem, was sie an Schutt am kilometerlangen Elbstrand bei Jork vorfand, regte sich in ihr der Wunsch, den Restspuren der Vernichtung, die zutage traten, nachzugehen, die entweder durch den Krieg oder früher noch durch den großen Hamburger Brand zustande gekommen waren, der im Mai 1842 große Teile der Altstadt zerstört hatte. Diese Spuren wollte sie künstlerisch verdichten.

Detail aus dem sieben Meter langen Bodenmosaik „Gedankengang“ von Dagmar Schuldt, in dem Scherben zusammengelegt und bearbeitet  wurden, Foto: Petra Kammann

Ein Höhepunkt der Ausstellung: das sieben Meter lange Bodenmosaik „Gedankengang“ im ehemaligen Chorraum des Karmeliterklosters, das aus historischen Fliesenfragmenten zerstörter Häuser entstand, die Schuldt mit Zeichnungen in blauer Glasurfarbe übermalte. Dabei verwob sie ihre persönlichen Erinnerungen mit kollektiven Geschichtsschichten – etwa auch mit Ornamenten aus verschiedenen Kulturen oder mit Poesiebucheinträgen.

Dagmar Schuldt vor der Videoarbeit, die den Elbstrand mit dem Kriegsschutt zeigt, Foto: Petra Kammann

In der Videoarbeit „Schicht – Um Schicht – Umschichten“, die individuell vor dem Bildschirm erlebbar ist, werden diese Fliesenfragmente in wechselnden historischen und landschaftlichen Kontexten gezeigt – von musealen Sammlungen bis hin zu den erwähnten Elbstränden bei Jork.

In ihren Arbeiten untersucht die Künstlerin seit vielen Jahren die Konstruktion und Wirkung unserer Wahrnehmung von Geschichte und Erinnerung und macht urbane und landschaftliche Orte als Wege- und Gedankennetz auf neue Art und Weise erfahrbar. Sie verbindet ihre Arbeiten mit Fragestellungen wie etwa: Wie setzen sich die Fragmente unserer Erinnerung zusammen, auch aus dem, was wir nicht mehr sehen, wahrnehmen oder erinnern können?

Museumsleiter Dr. Wolfgang David erläutert die Zusammenarbeit mit der Künstlerin, Foto: Petra Kammann

Da bot sich das Frankfurter Archäologische Museum sowohl als Kooperationspartner wie auch als Ausstellungsort für sie an. Sein Leitender Direktor Dr. Wolfgang David hat sich nämlich mit den unbekannteren oder vergessenen Orten der Stadt Frankfurt beschäftigt, wird doch die Umgebung von Frankfurt seit Jahrtausenden von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen durchquert und besiedelt, die zwangsläufig Spuren hinterlassen haben. „Es gibt hier in Frankfurt nicht nur kurze Kaiserwege“, ergänzt David schalkhaft, es seien die einstigen Handelsrouten, Pilgerwege, Verkehrs- und Kommunikationsknotenpunke gewesen, die diese Stadt und ihre Geschichte bis heute prägten und einen Austausch von Gedanken von überallher ermöglichten.

Kurator Claus Friede, Contemporary Arts, im Dialog mit der Künstlerin Dagmar Schuldt, Foto: Petra Kammann

In Frankfurt hatten sich nach ausführlichen Gesprächen im vergangenen Jahr an dunklen Wintertagen Dagmar Schuldt und ihr Kurator Claus Friede mit Wolfgang David zusammengesetzt, um die sie umtreibenden Fragestellungen auszubrüten und zu konkretisieren.

So definierte die stets bildlich denkende Künstlerin den Begriff „Gedanke“ als sich immer wieder neu verzweigendes Wegenetz. Entsprechend wird „Geschichte“ von ihr als Landschaft wahrgenommen und künstlerisch entsprechend umgesetzt. Im Foyer des Museums entstanden so sieben rostige Stelen als Wegweiser mit Stempelpunkten, die den Eingang zur Ausstellung markieren und den Blick in verschiedene Richtungen lenken. Schuldt hat dann diese städtischen und landschaftlichen Orte komprimiert und als Wegenetze erfahrbar gemacht. Sie laden nun zu einer interaktiven Erkundung vergessener Ort ein.

Die Künstlerin Dagmar Schuldt vor der Stele „Waldfried“, Foto: Petra Kammann

Die sieben von Schuldt ausgewählten Geopunkte im südwestlichen Stadtgebiet markieren historische Verweise, die Besucherinnen und Besucher mithilfe einer Kunstlandkarte aufsuchen können. Durch Stempelabdrücke soll so ein individuelles Erinnerungsdokument entstehen, das zugleich Kunstwerk, Andenken und Anreiz für eine analoge Wanderung zu diesen bislang noch nicht entdeckten Orten ist.

Mit der Ausstellung der „Archäologie der Gedanken“ stellt Dagmar Schuldt so grundlegende Fragen wie: Aus welchen Fragmenten entsteht unsere Erzählung von Geschichte – und wie prägt Erinnerung unsere Zukunft?

„Mit sieben Stelen als Ausgangspunkt lässt sich Frankfurt erwandern. Die Karten – Sammlung der Orientierung / Führen uns nicht, sie überreden uns /Erforschen uns / Archäologie der Gedanken“, erläutert sie und leitet uns mit der aufklappbaren Wegekarte an, uns selbst auf den Weg zu machen.

Ihre Anmerkung und ähnliche Texte, die Bezug auf Erinnernswertes nehmen, stehendaher  für sieben verschiedene, in Vergessenheit geratene „Monumente“, denen die Künstlerin jeweils ein charakteristisches Stempelmotiv zugeordnet hat.

Das heutige Karmeliterkloster steht für die Teilzerstörung des Klosters als Ausgangspunkt einer Wanderung, Foto: Petra Kammann

1 Karmeliter (das zerstörte Kloster als Ausgangpunkt) 2 Waldfried (Libanonzeder in umittelbarer Nähe der einstigen Villa Walfried im Carl von Weinberg-Park, die der jüdische Industrielle, Mitbesitzer der Cassella-Werke und berühmter Frankfurter Mäzen Arthur von Weinberg 1908 an der Niederräder Landstraße bauen ließ), 3 Grundweg (Durchquerungsraum südlich der Zentrale des Deutschen Olympiabundes/Otto Fleck Schneise – wo Kelten-Römer-Burgunderstraßen aufeinandertreffen), 4 Schäferstein (im Niederräder Bruch mit befriedeten Buchen-Eichen-Kiefernwald), 5 Tiroler Schneise (Erholungswald nach der Revolution 1848, heute ein Gestrüpp), 6 Paul Gerhard (kleine barocke Kirche/ Alte Sachlichkeit  trifft auf  Neues Frankfurt / Zickzackhausen) 7 Hügelgrab (Niederräder Landstraße 26 / geplünderter Scheinhügel)

Ein kurzer Rekurs auf die Geschichte der einstigen Villa Waldfried, von der heute keine Spur mehr sichtbar ist, ist exemplarisch zu sehen. Sie steht für etwas Zerstörtes, für das Dagmar Schuldt in der aktuellen Ausstellung malerisch und gestalterischSchicht um Schicht als Brücke zur Erinnerung der dahinter liegenden Geschichte geschaffen hat.

Dagmar Schuldt vor den Übermalungen der nicht mehr sichtbaren Villa, wo nur noch eine Libanon-Zeder auf den Standort hinweist, Foto: Petra Kammann

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft hatte der Besitzer der Villa Waldfried Carl von Weinberg Deutschland nämlich 1939 verlassen müssen, floh nach Italien ins Exil zu seiner Schwester, wo er bereits 1943 starb.Der 1861 in Frankfurt geborene Carl von Weinberg zählte zu den wichtigsten Industriellen Deutschlands. Gemeinsam mit seinem Bruder Arthur von Weinberg, Teilhaber und kaufmännischer Leiter der Leopold Cassella & Co. Farbenfabrik in Frankfurt, die später mit der I. G. Farbenindustrie AG fusionierte, hatten sich die beiden Brüder damals als große soziale Wohltäter Frankfurts außerordentliche Verdienste erworben.

So waren sie als Mitglieder des Städelschen Museums-Vereins bedeutende Förderer des Museums und Stifter des Liebieghauses. 1938 wurde unter dem Druck der Nationalsozialisten die großartige Sammlung Carl von Weinbergs auf die städtischen Museen verteilt. Seine bedeutende Kunstsammlung umfasste immerhin europäische Gemälde von Rang und Skulpturen vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert – darunter eben auch die Christus-Johannes-Gruppe, die Carl von Weinberg und seine Frau Ethel May in den 1920er-Jahren erworben hatten. Von ihr war die Künstlerin fasziniert und ließ sich inspirieren.

Ein riesiger Bestand von über 200 Skulpturen gelangte 1938 an das Liebieghaus. Es war die umfangreichste Erwerbung des Hauses während der NS-Zeit, die Carl von Weinberg weit unter Wert verkaufen musste, um allein ein kurzes Bleiberecht in seiner selbst erbauten Villa zu erlangen.

Von Weinberg, der einst hochgeschätzte Ehrenbürger Frankfurts, war unter den neuen politischen Bedingungen seines Vermögens beraubt worden. Seine wertvollen Kunstwerke wurden übergangsweise in seiner im englischen Landhausstil gebauten „Villa Waldfried“  in Niederrad untergebracht.

Bereits 1937, nach dem Tod seiner Ehefrau Ethel May, hatte der weitsichtige Kunstsammler seinem einzigen Enkel Richard von Szilvinyi als Alleinerben eingesetzt. Es waren die „wertvollsten Werke der Plastik und des Kunstgewerbes“, die von Szilvinyi dann der Stadt Frankfurt im Jahr 1952 stiftete, die aus der restituierten Sammlung seines Schwiegervaters Carl von Weinberg stammten und an ihn erinnern sollten. Dem Liebieghaus schenkte von Szilvinyi damals die Holzskulptur Christus und Johannes.

Dagmar Schuldt: „Stempel-Waldfried“, 2025 Stempelentwurf Courtesy: Claus Friede Contemporary Arts

Im Liebighaus finden wir daher noch heute oder besser wieder die bedeutende, um 1350 am Oberrhein entstandene Holzskulptur  Christus und Johannes, die 1938 von Weinberg erworben hatte, 1949 restituiert und 1952 dem Liebieghaus, geschenkt wurde. Der von Schuldt zu dieser Geschichte entwickelte Stempel stilisiert die Umrisse dieser wertvollen Skulptur und erinnert mit dem „Druckmittel“ des Stempels an den einstigen Mäzen, dem mehr als Unrecht geschehen war.

Ein Teil dieser Geschichte von der nicht mehr sichtbaren Villa findet sich außerdem in der Ausstellung im Archäologischen Museum noch in den intensiven Übermalungen mit Schellack, die Dagmar Schuldts über die Karte gelegt hatte, die dem Ort jegliche Individualität nehmen und ihn bis zur Unkenntenlichkeit überzeichnen sollte.

Froh über die inspirierende  Zusammenarbeit – v.li:  Kurator Prof. Claus Friede, Dagmar Schuldt und Dr. Wolfgang David, Foto: Petra Kammann

Weitere zentrale Werke der Ausstellung sind in ihrer Serie „Kartografie eines Zwischenraums“ zu sehen, in der sie historische Karten der Stadtgeograhie Frankfurts übermalt und Schicht für Schicht neu kontextualisiert hat.

Dagmar Schuldt: „Karte Frankfurt 1“, 2024 Papier, Schellack, Tuschen, Graphit, 21 x 29, 7, Foto: Dagmar Schuldt Courtesy: Claus Friede Contemporary Arts 

Nicht von ungefähr. Schließlich wurde die Umgebung von Frankfurt, an der eben immer schon Handelsrouten, Pilgerwege, Verkehrs- und Kommunikationsknotenpunkte lagen, ständig durchquert und besiedelt. Seit Jahrtausenden wurde dieses Zentrum von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen geprägt, die einen Austausch von Gedanken ermöglicht haben.

Insofern wird der Begriff „Gedanke“ künstlerisch und alles andere als ideologisch von Dagmar Schuldt als sich verzweigendes Wegenetz definiert und weitergestaltet. Damit wird „Geschichte“ von ihr als Landschaft wahrgenommen, welche die Besucher individuell auf einer Wanderung weiterspinnen können, wenn sie die Landkarte als Anregung für eigene Entdeckungen nehmen. Da verknüpfen sich Regionalität und Internationalität auf besondere Weise.

 

Ausstellung im Archäologischen Museum 

Dagmar Schuldt Archäologie der Gedanken. 
Von der Kunst des Sichtbaren und Unsichtbaren
10. September 2025 – 31. Mai 2026

Infos auf Webseite:

https://archaeologisches-museum-frankfurt.de/ausstellungen/dagmar-schuldt-archaeologie-der-gedanken

Die Ausstellung ist in Kooperation mit Claus Friede (Contemporary Arts) entstanden und wurde durch die großzügige Förderung der Dr. Marschner Stiftung ermöglicht.

Comments are closed.