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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Fulminanter Abschluss des 38. Rheingau Musik Festivals mit Gustav Mahlers 5. Sinfonie und der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Daniele Gatti

Glänzende Trompetensoli und Sinfonik der Spitzenklasse

Von Johannes Liebig

Hier darf man sich der Musik ganz nah fühlen: Bei der Ankunft auf dem Gelände von Kloster Eberbach hört man das Orchester noch proben. Aus der Basilika des altehrwürdigen Klosterbaus schallen gedämpfte Klangfetzen herüber und geben eine Vorahnung auf das bevorstehende Musikerlebnis. Zum Abschlusskonzert des traditionsreichen Rheingau Musik Festivals, das in diesem Jahr seine 38. Festivalausgabe präsentierte, ist die Sächsische Staatskapelle Dresden zu Gast. Auf dem Programm: Gustav Mahlers 5. Sinfonie, ein mächtiger sinfonischer Koloss, mit der Mahler nach den vokalen Ausbrüchen der 2. bis 4. Sinfonie zur rein instrumentalen Sinfonieanlage zurückkehrt.

Konzert am 6.9.25 mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Basilika von Kloster Eberbach unter Leitung von Daniele Gatti, Foto: Ansgar Klostermann

In seiner Begrüßungsansprache vor dem Konzert charakterisiert Michael Herrmann, Gründungsintendant des Rheingau Musik Festivals, die Sächsische Staatskapelle als „eines der ältesten Orchester weltweit“. Schon zum neunten Mal sei der Traditionsklangkörper im Rheingau zu Gast, der erste Auftritt datiert von 1991. Bereits vor der Gründung seines Festivals hatte Herrmann, damals schon als Konzertveranstalter in der Region aktiv, erste Kontakte zu dem Orchester geknüpft, indem er für eine Unterformation der Staatskapelle, die „Dresdner Barocksolisten“, Konzertauftritte in der Bundesrepublik organisierte. Eine lange Tradition der gegenseitigen Verbundenheit also, die das Orchester mit diesem Konzert erneuern sollte.

Im hallreichen Raum der Basilika, der eine nicht immer einfache, doch gerade für große sinfonische Werke reizvolle Akustik bietet, entfaltet bereits das eröffnende Trompetensignal (Solotrompete: Helmut Fuchs) eine entschieden kräftige Wirkung. Der folgende Orchestereinsatz am Beginn des ersten Satzes (Mahlers Bezeichnung: „Trauermarsch. In gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt“) ist von bestechender Präzision, geradezu gleißender Leuchtkraft.

Das Orchester überzeugt mit einem dichten, klanglich aufgeladenen Gesamtsound. Gatti dirigiert überraschend zurückhaltend, mit wenigen reduzierten Bewegungen – seine Klangvorstellung der Sinfonie muss der Dirigent mit der Staatskapelle, die das Werk Anfang des Monats bereits in drei Sinfoniekonzerten im heimischen Dresden präsentierte, so minutiös einstudiert haben, dass er in der dirigentischen Zeichengebung im Konzert nicht mehr viel zu tun braucht: In der Darbietung der Ausführenden vermittelt sich jedenfalls eine emotionale Intensität, die zu Gattis kontrolliertem Agieren in erheblichem Kontrast steht.

Insgesamt bieten Dirigent und Orchester eine homogene, auch in den Temporelationen stimmige Interpretation. Einzig in den lyrisch-warmen Abschnitten, die die kühle cis-Moll-Sphäre zumindest vorübergehend in einen warmen Des-Dur-Bereich mit sanftem Klarinettengesang verlassen, ist das Tempo zu schleppend, als dass der nötige Eindruck fließender Bewegung entstehen könnte. Bei manchem Einsatz der Holzbläser, deren Klang sich überragend mischt, möchte man (wahrscheinlich beeinflusst durch den Anblick der Kirchenraum-Umgebung) mitunter an Orgelklang denken.

Gattis dynamischer Einsatz des zweiten Satzes der Mahler-Sinfonie, Foto Ansgar Klostermann

Wuchtig der alsbald hereinbrechende Auftakt zum zweiten Satz („Stürmisch bewegt, mit größter Vehemenz“), den Mahler nach dem Trauermarsch als ausgedehnter Einleitung als eigentlichen Hauptsatz der Sinfonie verstanden wissen wollte. Ein wogendes Streichermeer formt die Basis für ein unendlich abwechslungsreiches Spiel musikalischer Seelenzustände: Mächtige dynamische Entwicklungen, die ins Leere laufen, einschneidende Trompetenakzente als schmerzliche Signale des Leidens, anschwellende Klangwellen, die im Nichts eines subito piano enden. Das scheinbar unendlich ausgedehnte, vorsichtig tastende und langsam an Kraft gewinnende Solo der Cellogruppe rückt Solocellist Sebastian Fritsch ins rechte Licht.

Im Scherzo, dem gravitätischen Zentrum der Sinfonie, setzt das rustikale Hornsignal des Beginns den Ton, wobei der Hornist im Sinne eines Raumklangeffekts entfernt vom restlichen Orchester aufgestellt scheint. Auch die weiteren ausgedehnten Soli, mit denen den Hörnern im Satzverlauf eine prominente Rolle zugedacht wird, bewältigen die Solisten Jochen Ubbelohde und Zoltán Mácsai bravourös. Nur einige Wackler und Ungenauigkeiten in der orchestralen Gesamtkoordination beeinträchtigen das Klangbild.


Zurückhaltende Gestik des Dirigenten Daniele Gatti lässt Rückschlüsse auf präzise Einstudierung des Orchesters zu, Foto: Ansgar Klostermann

Im Adagietto, vielen Hörern hinreichend bekannt durch die Verwendung als Filmmusik in Luchino Viscontis „Morte a Venezia „(nach der Novelle „Der Tod in Venedig“ Thomas Manns), das Mahler für eine intime Besetzung von lediglich Harfe und Streichern instrumentierte, durchflutet golden leuchtender Klang die Basilika. Gatti dabei zuzusehen, wie er in einladender Hinwendung zu den melodietragenden ersten Violinen die lang gesungene erste Themenphrase in feiner Binnenziselierung, mit kleinsten richtunggebenden Gesten gestaltet, ist pure Klangmagie. Den Übergang ins Finale nehmen die Ausführenden, wie von Mahler gefordert, attacca, wobei es eine gewisse Zeit dauert, bis die volltönenden Akkorde des Rondothemas zu einer überzeugenden klanglichen Rundung finden.

Rheingau MusikFestivalintendant Michael Hermann bedank sich traditionsgemäß mit Rheingauer Riesling, Foto: Ansgar Klostermann

In den großen Kirchenfenstern hinter dem Altarraum der romanischen Basilika kann man derweil, während Mahlers Sinfonie sich ihrem Ende zuneigt, die allmählich zunehmende Dunkelheit, das Verlöschen des Tages beobachten, das jedoch in komplementärem Kontrast zur stimmungsmäßigen Entwicklung der Musik steht: Diese durchläuft, so dem wie immer beim Rheingau Musik Festival exzellenten Programmhefttext zu entnehmen, eine Entwicklung „durch Nacht zum Licht“: vom dunkel eingetrübten Trauermarsch über wechselvolle Stationen hin zum gelöst befreiten Rondo-Finale. Die Staatskapelle unter Gatti führte diese sinfonische Reise plastisch und beeindruckend vor Ohren.

Ein kleiner Festivalrückblick

Der diesjährige Festivalsommer des Rheingau Musik Festivals wartete mit 146 Konzerten an 26 Spielstätten des Rheingaus und angrenzender Regionen auf. Über 140.000 Eintrittskarten standen für die Konzerte zur Verfügung. Die Auslastung lag bei an die 91%, etwa 100 Konzerte waren nahezu ausverkauft. Circa 3.200 Künstlerinnen und Künstler waren zu Gast beim Rheingau Musik Festival. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 8 Mio. Euro. Langfristige Sponsorenverträge, Konzerte- und Sachsponsorings, die Beiträge und Spenden der Mitglieder des Fördervereins sowie ein Landeszuschuss in Höhe von 25.000 Euro sichern die Finanzierung des Rheingau Musik Festivals.

Als Künstlerpersönlichkeiten und Fokuskünstler geprägt haben das Programm des diesjährigen Festivalsommers u.a. der Geiger Renaud Capuçon, Gitarrist Thibaut Garcia, Akkordeonist Martynas Levickis und der Dirigent Andrés Orozco-Estrada.

 

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