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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Freiräume – 110 Möglichkeiten der Welt zu begegnen“ im Romantik-Museum

Erlesene Gemälde und Ölskizzen aus der Privatsammlung Stephan

Von Hans-Bernd Heier

In einer umfassenden Sonderausstellung zeigt das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt unter dem etwas sperrigen Titel „Freiräume‘ – 110 Möglichkeiten der Welt zu begegnen“ Gemälde, Graphiken und Ölskizzen von 70 internationalen Künstlern aus der bedeutenden Privatsammlung von Klaus-Dieter Stephan. Die Freiräume des privaten Sammelns liegen im individuellen Zugriff und in der persönlichen Fragestellung an die Kunst, die neue Blicke in eine bekannte Zeit ermöglichen.

Camille Corot „Marino“, um 1826/27 Öl auf Leinwand; © Privatsammlung, Foto: Alexander Paul Englert

Im Zentrum der sehenswerten Ausstellung stehen das frühe 19. Jahrhundert, das kleine Format und neue Techniken wie die Ölstudie. Die beeindruckende Schau vereint die Werke bekannter Künstler wie Carl Gustav Carus, August Kopisch, Carl Morgenstern oder Théodore Rousseau mit Arbeiten von seltener ausgestellten, neu zu entdeckenden Malern.

Die Kollektion Stephan zählt zu den herausragenden Privatsammlungen der Kunst des 19. und späten 18. Jahrhunderts. „Aus dem umfangreichen Bestand zeigen wir eine Auswahl und stellen die Sammlung so erstmals der Öffentlichkeit vor. Charakteristisch sind hier die kleinen Formate, die Technik der Ölskizze und die Konzentration auf solche Werke, die nicht in erster Linie für Galerien und Museen, sondern für private Kontexte entstanden“, schreibt Prof. Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin Freien Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum in dem exzellenten Begleit-Katalog.

Was macht nun die freie Kunst, was den freien Künstler aus? Wie kommt man in einer Zeit großer politischer, gesellschaftlicher und ästhetischer Umbrüche zu neuen Bildern? Die versammelten Werke aus der Stephan-Kollektion verdeutlichen den Aufbruch einer Generation, die sich ihre Freiräume vielfältig, auf unterschiedlichen Ebenen und individuell eroberte.

 „Geographische Freiräume fanden sich außerhalb von Akademie und Atelier, jenseits klassischer Künstlerorte und bekannter Idealansichten, motivisch wurde Unscheinbares und Flüchtiges bildwürdig, technisch bot die Ölskizze die Möglichkeit, im Freien zu malen und dabei – entgegen den Regeln klassischer Ölgemälde – den individuellen Blick schnell festzuhalten. Oft waren es Details: Gartentore, einzelne Bäume, Fischernetze oder Uferszenen, vielfach war es die Atmosphäre, die malerisch notiert wurde“, erläutert Kuratorin Dr. Mareike Hennig, Leiterin der Kunstsammlungen im Freien Deutschen Hochstift.

Heinrich Reinhold, „Wellenstudie“ (An der Küste bei der Grotte Cocumella nahe Sorrent), 1823, Öl auf Papier auf Karton; © Privatsammlung

Auch das neue Selbstverständnis der Künstler und Künstlerinnen schuf Freiräume: Immer spürbarer wurde in den Werken die eigene Perspektive und gab sich als persönlicher Ausdruck zu erkennen.

Die Darstellung der eigenen Blicke auf die Welt gewann nach und nach autonomen Wert. Skizzen und Studien dienten nicht mehr allein als Motivvorrat für spätere Werke. Sie übten auch das schnelle Erfassen eines vergänglichen Eindrucks. Werke aus diesem Grenzbereich zwischen „privaten“ und „öffentlichen“ Bildern gelangten eher in private, als in museale Sammlungen, doch wird gerade in ihnen das Suchen und Erproben einer Generation sichtbar. Die Werke kursierten zunächst nur in Künstler- und frühen Sammlerkreisen und wiesen doch den Weg in die Moderne“, erläutert Hennig.

Und weiter: „Die Ausstellung öffnet den Blick für das, was nicht genuin für öffentliche Präsentationen oder museale Sammlungen entstand, uns heute aber besonders nah kommt: den subjektiven, nicht institutionalisierten Zugriff auf die Welt, die persönliche Handschrift, die Freiräume des Erprobens. Ihre Frische und Unmittelbarkeit haben sich diese individuellen Möglichkeiten, der Welt zu begegnen, über 200 Jahre erhalten“.

Traugott Faber „Blick durchs Fenster auf Dresden“, 1823, Öl auf Leinwand; © Privatsammlung, Foto: Alexander Paul Englert

Dies wird besonders deutlich beispielsweise in Camille Corots Ölgemälde der Albaner Berge im abendlichen Violett oder auch in der Arbeit von Johan Christian Dahl, der in den Himmel schaut und die flüchtigen Wolken skizziert. Die Ölstudie von Heinrich Reinhold fängt herrlich das transparente Grün einer brechenden Welle ein und Carl Blechen das Gold eines Kornfeldes als weiten Blick im extremen Querformat.

Was macht auf der anderen Seite den Freiraum von Sammlern aus? Dieser besteht in der Unabhängigkeit von einem vorgegebenen Sammlungskonzept und in der Möglichkeit, Perspektive und Thema individuell zu wählen. „Dabei offenbaren Privatsammlungen oft ein bemerkenswertes, aus Interesse und hoher Motivation erworbenes, kontinuierlich ausgebautes Wissen. Dies gilt auch für die Sammlung Stephan, die durch ihre herausragende Qualität, Geschlossenheit und ihren spezifischen Charakter besticht“, so die Kuratorin.

Johan Christian Clausen Dahl „Wolkenstudie“, 1835, Öl auf Papier auf Karton; © Privatsammlung, Foto: Alexander Paul Englert

Die Kehrseite von Privatsammlungen: Ihre Werke gehören häufig zu den blinden Flecken im Wissen um die Kunst einer Epoche. Selten gezeigt und fragmentarisch publiziert, entziehen sie sich weitgehend der Öffentlichkeit und Wissenschaft. „Als Orte der Sichtbarmachung rücken Museen jedoch inzwischen verstärkt von einem exklusiven Verständnis musealer Sammlungen ab und präsentieren zunehmend auch andere Formate und Perspektiven. Diese Verbindung von Bekanntem und Unbekanntem erweitert den Horizont und bricht festgefahrene kunsthistorische Vorstellung auf“, so Hennig weiter.

Dies ist dem Romantik-Museum mit der Präsentation der Privatsammlung von Stephan hervorragend gelungen. In vielfältiger Weise und großer Frische wird der Aufbruch-Charakter einer Künstlergeneration spürbar, die sich die titelgebenden Freiräume eroberte – neue Räume in geographischer, sozialer, technischer und motivischer Hinsicht. Eine geschickte Ausstellungsarchitektur führt die Besucherinnen und Besucher durch die klar gegliederte Schau.

Die Ausstellung, die bis zum 11. November 2025 zu sehen ist, wird unterstützt von der Ernst von Siemens Kunststiftung, Dr. Marschner Stiftung, Ernst Max von Grunelius-Stiftung, der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung sowie von der Andreas und Erika Dietzel-Stiftung, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Stiftung Frankfurter Sparkasse.

Weitere Informationen unter:

www.freies-deutsches-hochstift.de

 

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