home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Der Goethe-Tempel auf dem Frankfurter Mühlberg

Zum 276. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe

Von Erhard Metz

Nur einige Schritte sind die beiden Bauwerke am Hühnerweg auf dem Frankfurter Mühlberg voneinander entfernt: das Willemer-Häuschen und der Goethe-Tempel. Während ersteres fast Weltruhm erlangt zu haben scheint, kennen den Goethe-Tempel wohl nur die wenigsten Frankfurter.

↑ Aussichtstempelchen im Engelbach-Bansa’schen Garten auf dem Mühlberg in Frankfurt-Sachsenhausen, am Hühnerweg 30, in reduzierter Höhe als Goethe-Tempel erhalten; Aquarell von Eugen Peipers, datiert um 1870, Historisches Museum Frankfurt; Quelle: Michael Engelbach, https://engelbach-wwr.de/
↓ Goethe-Tempel unter gleicher Adresse heute; Foto: Erhard Metz

Beide Bauwerke sind turmartige Gebäude, mit einer Aussichtsplattform beziehungsweise einem Balkon versehen, von denen damals der Blick frei über die noch weitgehend unbebauten nördlichen und südlichen, mit Gärten, Obstbäumen und auch Weinbergen bedeckten Mainufer bis in die Wetterau und zu den Taunusbergen schweifen konnte.

Das Willemer-Häuschen einst und jetzt:
↑ Johann Georg Mohr (1864-1943), Willemer-Häuschen auf dem Mühlberg (Originaltitel: Blick auf das Nebiensche Gartenhaus [sic!], im Hintergrund die Silhouette von Frankfurt mit dem Dom); Quelle Wikimedia Commons
↓ Wiedererrichtet nach Kriegszerstörungen; Foto: Erhard Metz

Dass sich der Dichterfürst, dessen 276. Geburtstag am 28. August 2025 wir gedenken, im kleinen Gartenhäuschen zumindest am 18. Oktober 1814 zusammen mit Marianne von Willemer und deren frisch angetrautem, wesentlich älteren Ehemann Johann Jakob von Willemer (1760–1838) aufgehalten hatte, ist verbrieft. Goethe soll, wie bezeugt, auf einem Fensterpfosten die Worte einzeichnet haben „Goethe den 18. Oktober 1814.“

Dass er einen Vers dazu geschrieben habe, wurde seinerzeit von mehreren Zeitgenossen bestätigt. Die Inschrift wurde jedoch nach Jahren infolge von Unachtsamkeit zu Mariannes tiefem Verdruß übertüncht (Quelle Wikipedia). Hingegen ist erwiesen, dass Goethe den nach den vorliegenden Erkenntnissen um 1830 errichten, zu seinen Ehren „Goethe-Tempel“ genannten Aussichtsturm am Hühnerweg nie gesehen hat – verließ das Dichtergenie doch am 18. September 1815 seine Geburtsstadt Frankfurt für immer.

↑ Schon im 19. Jahrhundert führte eine Platanenalle direkt zum Goethe-Tempel. Die heutige ist eine Neuanpflanzung von Anfang des 21. Jahrhunderts; Foto: Erhard Metz
↓ Der junge Goethe auf dem Mühlberg bei Frankfurt a. M.; Druckgraphik nach einem Gemälde von Frank Kirchbach; aus: „Die Gartenlaube“, Heft 14, 1896, Hrg. Adolf Kröner, Verlag Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig; Quelle: Wikisource

Goethe war der Mühlberg sicherlich seit seiner Jugendzeit bekannt, Frank Kirchbachs Gemälde mag ein Beispiel dafür sein. In der Literatur wird vermutet, dass der junge Dichter oft den Weg über den Mühlberg nach Offenbach genommen hat, um dort seine frühe Liebe, die 1758 geborene Bankierstochter Anna Elisabeth Schönemann, genannt Lili, zu besuchen, mit der er sich 1775 verlobte.

Ein Auszug aus dem erotischen Gedicht Goethes „Lilis Park“, in welchem der Liebende in die Rolle eines tapsigen Bären tritt:


Sie streicht ihm mit dem Füßchen übern Rücken;
Er denkt im Paradiese zu sein.
Wie ihn alle sieben Sinne jücken!
Und sie – sieht ganz gelassen drein.
Ich küß ihre Schuhe, kau an den Sohlen,
So sittig, als ein Bär nur mag;
Ganz sachte heb ich mich und schwinge mich verstohlen
Leis an ihr Knie – am günst’gen Tag
Läßt sie’s geschehn und krau[l]t mir um die Ohren
Und patscht mich mit mutwillig derbem Schlag;
Ich knurr, in Wonne neu geboren;
Dann fordert sie mit süßem, eitlem Spotte:
»Allons tout doux! eh la menotte!
Et faites serviteur
Comme un joli seigneur.«
So treibt sie’s fort mit Spiel und Lachen!
Es hofft der oft betrogne Tor;
Doch will er sich ein bißchen unnütz machen,
Hält sie ihn kurz als wie zuvor.

Doch hat sie auch ein Fläschchen Balsamfeuers,
Dem keiner Erde Honig gleicht,
Wovon sie wohl einmal, von Lieb und Treu erweicht,
Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers
Ein Tröpfchen mit der Fingerspitze streicht

Aus: Gedichte (Ausgabe letzter Hand, 1827)

Die von Frank Kirchbach festgehaltene Szene auf dem Mühlberg könnte gegebenenfalls, muss sich aber keinesfalls auf dem Engelbach-Bansaschen Grundstück abgespielt haben.

Ein Blick zurück:

Im Jahr 1871 verkauften die durch Eheschließungen verbundenen Bankiersfamilien Engelbach-Bansa das große Grundstück auf dem Mühlberg zwischen dem Hühnerweg und der Straße „Auf dem Mühlberg“ (heute im Eigentum der Agaplesion Markus Diakonie) an den Offenbacher Kaufmann und Fabrikanten Karl Gottlieb Oehler (1836-1909). Teil der wohl bereits damals das mit einem Landhaus bebaute, landwirtschaftlich genutzte Grundstück umfassenden Bruchsteinmauer war das turmartige Gebäude des heutigen Goethe-Tempels.

Goethe wiederum pflegte vielfältige Beziehungen zur Familie Bansa: Marie Sophie (auch Sophia) Streiber (auch: Bansa-Streiber), 1772-1842, mit deren Vater, dem Eisenacher Fabrikanten und Bankier Johann Lorenz Streiber Goethe als Minister des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach in geschäftlichen Verbindungen stand, ehelichte 1781 den Kaufmann Johann Matthias Bansa. Das junge, in Frankfurt wohnende Paar umgab sich mit Freunden auch aus dem Goethe-Umfeld, wobei Sophie „als geistreiche und für alles Schöne empfängliche, zugleich vornehme Dame in der Familie und Gesellschaft eine große Rolle“ spielte (so der Jurist sowie Wirtschafts- und Sozialhistoriker Alexander Dietz). So gewann Sophie Goethes Mutter Catharina Elisabeth Goethe – Frau Aja – zur mütterlichen Freundin und befreundete sich eng u.a. mit der Familie von Willemer. (Dass Goethe zuvor Sophies Schwester Victoria Maria Augusta, genannt Victore, den Hof gemacht hatte, sei hier nur am Rande erwähnt.)

1815 kam es in Frankfurt und in Wiesbaden zu Treffen mit ihr und Goethe persönlich; am 3. Juli 1815 unternahmen die beiden einen Ausflug zur Nonnenmühle (heute: Klostermühle) in Klarenthal. Ebenso traf man sich bei den von Willemers in der Gerbermühle.

Gegenüber ihrem Landhaus, am Rande des Grundstücks hin zum Hühnerweg, errichtete die Familie Bansa – wie ausgeführt um 1830 – in Erinnerung an Goethe den Goethe-Tempel. Der Impuls dazu kam wohl von einer Tochter der Familie, Cleophea Bansa (1793-1875), die von Goethe sehr beeindruckt war und ihn auch persönlich kannte.  Dass aber, wie man auch lesen kann, Goethe und Sophie jemals im Bereich des heutigen Goethe-Tempels zusammenkamen, kann nicht belegt werden.

Der Goethe-Tempel mit seinen beiden neuen seitlichen Aufgängen; Fotos: Erhard Metz

Angelehnt an die Bruchsteinmauer, die das Gelände zum Hühnerweg hin begrenzt, steht der seit seiner Erbauung im frühen 19. Jahrhundert, vermutlich wegen der Nähe zum Willemerhäuschen, so genannte „Goethetempel“. Allerdings hat der kleine Rundturm bis heute (im Vergleich zur obigen Abbildung) an Höhe eingebüßt; er überragt die angrenzende Mauer nur noch unwesentlich, hat jedoch an Stelle von einem zwei gegenüberliegende Treppenzugänge. Die von einem Geländer  umgebene Aussichtsplattform bietet allerdings längst nicht mehr den Blick über den von Reben bewachsenen Hang auf Alt-Frankfurt und den Taunus, wie ihn der Maler Eugen Peipers um 1870 noch auf seinem Aquarell festhalten konnte“ lesen wir bei Gottlieb Engelbach  … „An die ehemaligen Besitzer erinnert heute nur noch der Freundschaftstempel am Parkrand, nur einen Katzensprung vom Willemerhäuschen entfernt. An dieser Stelle soll sich Sophia Bansa-Streiber … , die in der Frankfurter Gesellschaft wegen ihrer schöngeistigen Natur hochgeschätzte Freundin der Frau Aja, mit Goethe getroffen haben, der gerade ihre ‚Nachbarin‘, seine ‚Suleika‘ Marianne von Willemer, besuchte.“ Letzteres bleibt jedoch, wie soeben dargelegt, eine Legende.

Literatur:

www.frankfurt-sachsenhausen.de, Hrg. Holger Nickel und Julia Mantel
Wanderweg um Sachsenhausen Nr. 3, BAUSTEIN 3/08, Herausgeber Stadt Frankfurt am Main, Dezernat Planen, Bauen, Wohnen und Grundbesitz, Stadtplanungsamt
Die Gartenaube, Heft 14, 1896
Frankfurter Personenlexikon, Ein Projekt der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen; Hrg. Clemens Greve und Sabine Hock
Michael Engelbach, https://engelbach-wwr.de/
Hans-Otto Schembs, Von Bansa bis Bethanien – Ein Gang durch den Mühlbergpark, Seniorenzeitschrift 1/2022

→ Schicksalsort Gerbermühle – Goethe und Marianne von Willemer bei seinem letzten Besuch in Frankfurt

→ Vom Darmstädter „Kreis der Empfindsamen“ zu „Goethes Ruh“ in Bad Homburg – Goethe und Louise Friederike von Ziegler, genannt „Lila“

Veranstaltungshinweis:

Die Blaue Blume e.V.

Aus Anlass seines Geburtstags am 28. August 2025:
„Reise nach Italien mit Johann Wolfgang von Goethe“

Datum: 28. August 2025
Uhrzeit: 18 bis 19 Uhr
Ort: Willemer-Häuschen Frankfurt

Texte von Johann Wolfgang von Goethe
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart & Carl Stamitz

Hans-Peter Schupp – Lesung
Saskia Schneider – Flöte & Programm

Tickets >>

Comments are closed.