Schiedam: Stadt der starken Frauen, der Mühlen und der Spirituosen
750 Jahre Schiedam in der niederländischen Provinz Süd-Holland
Von Paulina Heiligenthal
Sie flattern fröhlich an historischen Häusern und Schiffen, an den Mühlen, sogar an der Kirche. Erst recht am Rathaus: die Schiedam-750 Flaggen. Zur Feier ihrer 750- jährigen Geschichte, die Zukunft fest im Blick.

Eine der drei gußeisernen Zugbrücken von Schiedams „geschütztem Stadtgesicht“/“Beschermd stadsgezicht“, Foto: Paulina Heiligenthal
Sie war eine herausragende und eine großartige Persönlichkeit, die Frau, die Schiedam und ihre über 82.000 Einwohner in diesem Jahr 2025 zum Feiern bringt, die Stadt jubeln lässt.
Nämlich, vor 750 Jahren erhielt Schiedam Stadtrechte und damit besondere Privilegien und Rechte zur Stärkung der wirtschaftlichen und politischen Autonomie von sage und schreibe einer Frau. Ja, von Aleida von Holland, auch Gräfin von Hennegau oder von Avesnes genannt.
Schiedam, benannt nach ihrem kleinen Fluss Schie, ist in der niederländischen Provinz Süd-Holland gelegen. Westlich und noch keine 10 km entfernt, liegt die pulsierende Stadt Rotterdam mit dem größten Hafen Europas. Der Flughafen ist gerade mal 6 km entfernt. Schiedam liegt keineswegs im Schatten der Stadt an der Rotte. Im Gegenteil. In Hinblick auf die Zukunft arbeitet man eng zusammen.
Ein Blick zurück in die Vergangenheit…
Das historische Zentrum, der Korte/Kurze und der Lange Haven, angelegt im 13. Jahrhundert, bilden das Herz der Stadt. Es verzaubert mit authentischem Charme, strahlt Wohlstand aus, spiegelt die reiche Geschichte wider. Historische Plattboote wie Tjalks ankern in diesen Häfen, die in anderen Städten Grachten genannt werden.

Viele historische Häuser am Langen Haven haben einen Glockengiebel und stehen unter Denkmalschutz, Foto: Paulina Heiligenthal
Zugbrücken und Lagerhäuser mit Glocken- oder Treppengiebeln, monumentale denkmalgeschützte Häuser und Gaslaternen am Kai, jetzt Natrium betrieben, umrahmen die Häfen. Sie bilden das prächtige einmalige Gesicht der Stadt – wie man in den Niederlanden sagt – das Stadtbild. Fünf weitere Häfen sind als Jachthäfen gekennzeichnet, mit malerischen Anlegeplätzen und maritimem Flair für die Wasser- und Lebensgenießer.
Einige wenige Straßennamen erinnern noch daran, dass Schiedam einst den inoffiziellen Spitznamen Zwart Nazareth/Schwarzes Nazareth hatte. Um 1880 wurden hier jährlich mehr als eine Million Flaschen Jenever produziert. Ruß der Hunderten von Brennereien und Glasfabriken färbten die Fenster und die Giebel im Destillierviertel schwarz. Dort, wo Blut, Schweiß, Tränen vergossen wurden, um einen großartigen alten Jenever zu kreieren.
Vieles hat sich seitdem verbessert: Mit einer Oberfläche von 71,3 Hektaren und 272 gelisteten Monumenten, darunter 36 stimmungsvolle Gaslaternen, gehört Schiedam seit 2005 offiziell zum „geschützten Stadtgesicht“/Beschermd stadsgezicht.

Die fröhlichen Wimpelketten und die Flagge am historischen Schiff weisen auf die 750-Feier hin, Foto: Paulina Heiligenthal
Dies beinhaltet staatliche Subventionen, um die kulturhistorische Anerkennung des Stadtbildes für die Zukunft zu erhalten. Aus diesen Gründen investiert Schiedam ambitioniert in seine idyllische Innenstadt, das einmalige Dutch Distillers District, das heute dort zum Wohnen einlädt. In eine offene und grüne Stadt mit dem Charakter eines Dorfes. Für ein lebendiges Miteinander.
Wer war die starke Frau, die zwischen Rittern und Mönchen herausragte?
Sie, die diese Stadt vor 750 Jahren Stadtrechte verlieh? Sie, die – wie keine andere – Schiedam geprägt hat und von größter Bedeutung für dessen Aufstieg war?
Aleida von Holland, 1228 -1284, war die aus der Ehe des Grafen Floris IV von Holland mit Machteld von Brabant geborene Tochter, aus dem Hause Holland. Eine faszinierende Frau mit ungewöhnlich viel politischem Einfluss in dieser männerdominierten Ära.

33-jährig eröffnete die mutige Witwe Maria Gall das erste weiblich geführte Spirituosengeschäft in den Niederlanden, Foto: Paulina Heiligenthal
Alles nahm seinen Anfang 1246 in Frankfurt am Main ob ihrer Vermählung mit dem Grafen Jan I von Hennegau, frz. Hainaut, wallonisch Hinot. Zustande gekommen durch die Vermittlung ihres älteren Bruders Willem II von Holland.
Ein wahrer Netzwerker, der einen Ehevertrag mit dem Haus Avesnes im heutigen Süd-Wallonien/Belgien und Valenciennes/Frankreich aushandelte. Zuvor hatte er den Grafen im Erbstreit gegen dessen Mutter Margarete von Flandern unterstützt, um seine Pläne erfolgreich durchzusetzen. Nicht ganz uneigennützig.
Margarete, 1202 -1280, jüngste Tochter des ersten römischen Kaisers von Konstantinopel 1204, Balduin IX, war als elternlose Zehnjährige dem mächtigen dreißigjährigen Ritter Burkhard von Avesnes aus Hennegau anvertraut worden, der sie noch im selben Jahr heiratete.
Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor. Auf Druck ihrer älteren Schwester Johanna, die der Ehe die Legalität absprach, wurde diese 1215 von Papst Innocentius III für ungültig erklärt. Die Eheleute trennten sich vorläufig jedoch nicht. Erst nachdem Burkhard, der geweihte Subdiakon, in Haft genommen war.
Im Jahr 1223 schloss Margarete eine zweite Ehe mit Wilhelm von Dampierre. Wegen der Erbfolge erregte der Rechtsstatus dieser zweiten Eheschließung großes Aufsehen. Margarete wollte ihren Sohn Wilhelm aus zweiter Ehe als alleinigen Erben designieren.
Ein erbitterter Erbkrieg entstand. Jetzt kam Willem II. mit seinem guten Draht zum Klerus ins Spiel. In ihrem Eroberungswillen wollte sich Margarete das südlich von Holland gelegene Seeland einverleiben. Um dies zu verhindern, wollte Wilhelm II. ihre angestrebte Macht schwächen.
Er erkämpfte mit klerikalem Segen die Grafschaft Hennegau für den Erstgeborenen Jan I. Dieser erhielt daraufhin Schwester Aleida als Ehefrau! Ein gelungener Schachzug, ein geschicktes politisches Bündnis!
Teil der Absprache waren die Übertragungsrechte seines Lehnsguts der Könige von Schottland durch Willem II. an seine Schwester. Als Aleidas Ehemann 1257 verstarb, blieb sie mit sieben Kindern zurück. Für ihren minderjährigen Sohn Jan II von Avesnes wurde sie Regentin von Hennegau.
Ein Jahr nach ihrem Ehemann, verstarb auch ihr Bruder Floris, der Vogt. Jetzt brachte sie sich auch als Regentin von Holland für ihren Neffen Floris V., dessen Mutter noch am Leben war, ein. Damit überspannte sie den Bogen. Ihre adligen Gegner tolerierten keine weibliche Führungspersönlichkeit, keine Regentin. Auch dann nicht, als König Richard von Cornwall, 1262 ihre Position als Regentin bestätigte.
Sie zwangen Aleida, 1263 Holland zu verlassen. Dort hatte sie sich 1258 im attraktiven eingedeichten Poldergebiet, dem heutigen Schiedam, niedergelassen. Im Jahre 1268 erklärte ihr mittlerweile erwachsen erklärter Neffe Floris V., inzwischen 12 Jahre alt, die Zustimmung zur Rückkehr, um zusammen mit ihr zu regieren. Möglicherweise spielte der Lehrmeister des Neffen, der Historiker Jakob van Maerlant, hier eine Rolle. Er widmete Aleida sein erstes Werk Alexanders Geesten, ein Lehrbuch über Alexander den Großen. Vermutlich für Floris V verfasst, damit er lernt zu regieren.
Die wahren Ikonen der Stadt
Einst mahlten hier mehr als 30 Mühlen. Um mehr Wind in der bebauten Umgebung abzufangen, wuchsen sie in die Höhe. Die höchsten Mühlen der Welt. Größtenteils im Einsatz, um Getreide für Brennereien zu mahlen, die Malzwein für die Jenever Industrie brannten.

Die elegante Mühle De Kameel – eine Replika nach dem Original von 1715 – hat eine stattliche Höhe von 30,5 Metern, Foto: Paulina Heiligenthal
Noch heute symbolisieren 5 erhaltene Riesen in Gesellschaft von 2 weiteren Mühlen jüngeren Datums, die blühende Industrie des 17. und 18. Jahrhunderts. Ikonisch prägen sie die Innenstadt. Im Auftrag des Besitzers Carolus Nolet aus der berühmten und international erfolgreichen Brennerei-Dynastie Nolet, gegründet 1691, wurde mit 40 Metern 2005 die höchste aller Mühlen weltweit, inklusive der Flügel 55 Metern Höhe, im klassischen Stil errichtet. Als repräsentativer Blickfang in der Stadtmitte, als Windkraftanlage für den Destillierie Nolet, in der elften Generation in Familienhand. Seit 2016 mit dem Prädikat „Königlich“ versehen.

Das Patrizierhaus Nolet wurde 1804 vom italienischen Architekten Giovanni Giudici im Stil des Ludwigs XVI. am Langen Haven fertiggestellt, Foto: Paulina Heiligenthal
Der erste Stein für die Mühle „De Walvisch “, legte ein Herr Nolet 1794. Sie wurde von 26 Brennern gepachtet. 2018 erhielt De Walvisch die Funktion einer Museumsmühle, eine Erinnerung an die industrielle Vergangenheit. Wer die zahlreichen Stockwerke meistert, wird mit einem grandiosen Panorama belohnt. Es gibt einen Museumsladen, der nicht nur ein großes Sortiment frisch gemahlener Mehl- und Backprodukte anbietet, sondern auch reizende Geschenke zum Verkauf präsentiert.
Starke Frauen hinter dem Getränk
Die Häfen der Stadt spielten eine entscheidende Rolle im Aufstieg zur Welthauptstadt des Jenevers. Eine echte Männerwelt? Auch, wenn die Produktion fast ausschließend von Männern realisiert wurde, zählten die alkoholproduzierenden Gilden im 18. Jahrhundert bereits ca. 40 weibliche Mitglieder. Starke Frauen!

Frauen in der Jenever-Werbung, Foto: Paulina Heiligenthal
Die Erfindung der Destillle schreibt man Dschabir ibn Hayyan, auch Abu Musa genannt, Alchimist und „Vater der Chemie“, zu. Geboren *um 721 in Khorassan, Persien, dem heutigen Iran, verstorben um 815 in Kufa, im Irak. Sein latinisierter Name lautet Geber. Seine Jugend verbrachte er im Stamm seiner Mutter in Arabien.
Eine starke Frau, die einen sehr fähigen Lehrer für ihren Sohn organisierte. Er wurde in den Fächern Mathematik, Astronomie und Philosophie unterrichtet. Zu seinen wichtigsten Beiträgen in der noch heute gültigen Chemie gehören Entdeckungen verschiedener Säuren, chemischer Verbindungen, sowie Labortechniken. In mehreren Hundert Bücher beschrieben. Auf Arabisch.
Aus seinen 1300 Werken über mechanische Geräte geht hervor, dass er großen Wert auf die experimentelle Wissenschaft legte. Er gilt als Vorreiter der angewandten Wissenschaften. Erst im 14. Jahrhundert wurde das Destillieren von Alkohol über Europa verbreitet. Anfangs wurde der Alkohol für medizinische Zwecke verwendet, als Heilwasser zur Verlängerung des Lebens.

Allerlei Wissenwertes über Jenever im Nationalmuseum von Schiedam, Foto: Paulina Heiligenthal
Der 1614 in Hanau geborene niederländische Arzt Dr. Franciscus de le Boë, süd-flämischer Abstammung aus Cambrai, ging als Wissenschaftler mit Professur in Leiden mit dem Namen Sylvius durchs Leben. Er entwickelte das „Aqua Jumperi“, eine Medizin zur Bekämpfung von Sodbrennen, Magen- Darmproblemen und mehr.
Es wird nicht vermeldet, ob die Anwendung zum Einreiben gedacht war. Nur allzu schnell erkannte man den angenehmen, Euphorie steigernden Nebeneffekt der Medizin. Jenever wurde dermaßen populär, dass die Regierung einen Mangel an Getreide zum Backen von Brot befürchtete. Professor Franciscus Sylvius, Begründer der naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin, gilt somit als Entdecker des Jenevers, des mit Kräutern und Wacholderbeeren als Geschmackskomponente versehenen Malzweines.

Im Distillierbereich des Museums überrascht ein überdimensionaler Hahn, Foto: Paulina Heiligenthal
Am ikonischen Langen Hafen, Nummer 74 befindet sich seit 1996 das Nationaal Jenevermuseum Schiedam in der ehemaligen Malzweinbrennerei De Locomotief. Hier lernt man alles über das Getränk mit der geografisch geschützten Bezeichnung, „l’appellation controlée“, das gemäß der Europäischen Gesetzgebung nur in Belgien und den Niederlanden produziert werden darf. Hier werden die exotischen Zutaten zum Malzwein anschaulich dargestellt. Betörend sind die Düfte, die sich hier erschnuppern lassen.

Die Glasglocke beeinhaltet eine Zutatenkomposition – im Kolben erschnuppert man die passende Duftnote, Foto: Paulina Heiligenthal
Und wie Jenever, mittelniederländisch Genever, in Zusammenarbeit mit Belgien, seine Reise in die weite Welt antrat. Dass der Beginn von Gin Jenever war…. Unterhalb der Treppenstufen liest man die Werbesprüche der jeweiligen Firmen. Darunter den berühmtesten Satz eines TV-Werbespots aus den 60-er Jahren „Schatz, hast Du den Bokma kaltgestellt?“

Der verführerische Jenever hält Einzug in die Welt, Foto: Paulina Heiligenthal
In diesem Jahr beleuchten das charmante Museum wie auch das Städtische Museum die starken Frauen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten. Wie kann es auch anders sein? In einer Sonderausstellung „Starke Frauen hinter dem starken Getränk“ wird der wesentlich größere Einfluss auf und die Bedeutung für diesen Wirtschaftsbereich, anders als bislang angenommen, gezeigt.

Eine Trennwand aus den unterschiedlichsten Jeneverflaschen, Foto: Paulina Heiligenthal
Ein Spiegel seiner Zeit. Von Hausfrau bis Lustobjekt oder Serviererin. Die Art, wie Frauen abgebildet wurden, sagt vieles über die gesellschaftlichen Auffassungen und die Rollenverteilung jener Zeit aus. Die starken Frauen verwalteten das Geld, pflegten das Netzwerk und waren für den Vertrieb verantwortlich. Oft im Hintergrund, immer unverzichtbar.
Sie beherrschten das Kapital, unterstützten wohltätige Zwecke und Bedürftige, waren die attraktiven Gesichter in der Werbung, standen an der Spitze eines Unternehmens. Aus alten Archiven geht hervor, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von allen Erwachsenen in schweren Berufen, der Frauenanteil überraschenderweise 47% betrug.
Ein bekanntes Beispiel für Frauenpower ist Maria Gall, die vor über 140 Jahren, als alleinstehende 33-jährige Witwe mit mehreren Kindern ihren ersten Spirituosen- und Weinhandel in Amsterdam eröffnete. Mutig und fortschrittlich. Nach dem kundenfreundlichen Motto „kein Auftrag zu groß, kein Auftrag zu klein, kein Auftrag zu weit“ war der Kunde immer König und sie die treibende Kraft hinter einer Kette, die ihre beiden Söhne als Gall & Gall fortsetzten. Heutzutage der größte Getränkespezialist der Niederlande.
Die tempelähnliche Hafenkirche von 1824 – gestiftet von wohlhabenden Jeneverhändlern – hat auch nach 200 Jahren nichts von ihrer Pracht eingebüßt, Foto: Paulina Heiligenthal
Übrigens, in Amsterdam bestellt man ein Pikketanussie. Ein molukkisches Deminutiv. Semi-chic! Jeder weiß, was gemeint ist. Hier steckt das Wort Anis drin! Hätten Sie etwa an etwas Anderes gedacht?
Die Geschichte vom Kurzjäckchen, auf Niederländisch: Kortjakje
Das Kinderlied Kortjakje/Kurzjäckchen habe ich früher nur allzu häufig und sehr gerne gesungen. In der von Nonnen geführten Schule. Zu Hause, schaukelnd und lauthals schmetternd im Garten, um Familie und Nachbarschaft zu beglücken. Die fröhliche Melodie basiert auf dem französischen Volkslied „ Ah! Vous dirai-je, maman“ aus 1761. „Twinkle, twinkle, little star“ heißt es auf Englisch, ein Wiegenlied mit dem Text von Jane Taylor aus dem Jahr 1806. Der deutsche Text „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ wurde 1840 von Hoffmann von Fallersleben verfasst. Mozart improvisierte 12 Variationen in C (K265) zu dieser Melodie.
Wer hätte gedacht, dass die Interpretationen des Textes dieses populären Kinderliedes im schrillen Kontrast zur hübschen Melodie stehen und keineswegs unschuldig scheinen? Die Leichtigkeit der Musik gegenüber einem tristen Text über ein Mädchen, das wochentags immer krank ist, sonntags jedoch nie. Denn dann geht es in die Kirche. Unter dem Arm ein Buch, in Silber gefasst. Das Silberwerk.

Verehrter Leser, urteilen Sie selbst welche die beste Jahreszeit für Jenever ist, Foto: Paulina Heiligenthal
War es hypochondrisch, eine Simulantin, nur sonntags nie? Wollte es in der Kirche prunken mit ihrem kostbaren Psalmenbuch? Der Name „Kortjakje“ wirft Fragen auf. Was wie ein Kosename oder eine Verniedlichung klingt, könnte auf eine Person hinweisen, die armselig und elend aussieht. Wie kommt es dann zum Buch mit Silberwerk?
Auf einem Liederblatt des Liederarchivs, Anfang des 18. Jahrhunderts, steht die erste Version von Kortjakje, vermutlich eine Frau von zweifelhafter Reputation. Ihr Name lautet Ragel Valderappus in der Ganovensprache, in der Übersetzung Rachel Gesindel. Sie wird quasi angeprangert und verspottet, weil sie vom Jenever lebt. Suggeriert wird hier der Name einer Alkoholikerin: Kort/kurz bezieht sich auf ein starkes Getränk, einen Kurzen.
In diesem Fall eine Verballhornung von Cognacje, die Verkleinerungsform von Cognac. Manchen Historikern nach deutet der Name auf Soldaten-Prostituierten, die mit Napoleons Armee mitzogen, deren Korsagen Kortjakjes, eine Bezeichnung für leichte Damen, hießen.
Das Kranksein, im Bett liegen könnte ein Euphemismus für ihren lockeren Lebensstil sein, mit dem sie ihr Geld verdiente. Sich, sozusagen liegend stehend hielt. Der Kirchenbesuch und das Buch mit Silberwerk? Eine Tasche mit Silbermünzen, um sich von Sünden frei zu kaufen? Eine Abbitte um Vergebung. De Kirchenbesuch gar eine persönliche Dienstleistung für den Herrn Pastor? Fragen über Fragen. Das Lied intrigiert und fasziniert.
Den Destillierdamen schmeckte natürlich auch ein randvolles Gläschen Jenever. Für sie wurden die etwas süßeren Arten wie Zitronen- und Beerenjenever kreiert. In einer historischen Zeitung aus dem belgischen Yperen wurde 1901 ein Lehrer mit folgenden Satz zitiert, „dass Frauen nach ihrem Einkauf im Geschäft immer ein Glas Jenever mit einem Zuckerwürfel darin angeboten wurde, da sie sonst nicht wiederkämen“. Ein Pastor meinte, dass die Frauen in seinem Dorf mehr Jenever genossen als die Männer.
Schiedam verbeugt sich in diesem Jahr vor allen starken Frauen, huldigt sie. An erster Stelle Aleida von Holland. Ihr gebührt die größte Ehre, sie genießt die höchste Verehrung.
Es gibt eine Aleida-Münze, eine besondere Anerkennung für besondere Verdienste der Einwohner*innen von Schiedam!

