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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„I did it My Way“  – Ivo Van Hoves Auftakt der Ruhrtriennale 2025

Eine Enttäuschung

von Simone Hamm

Lars Eidinger kann vieles. Er ist ein Richard III., der ins Mikrofon bellt, er ist ein verlorener Peer Gynt unter einer lockigen Perücke mit weißgeschminktem Gesicht. In Salzburg gab er einen grüblerischen Jedermann. Eidinger machte einen „Tatort“ zum Ereignis als unsichtbarer Mörder, der scheinbar durch Wände gehen kann. Unvergesslich und sehr berührend ist er im „Polizeiruf“ mit Matthias Brandt als unglücklicher Transvestit, dessen Partner getötet worden ist. In „Babylon Berlin“ ist er ein angepasster Großindustrieller, dem Wahnsinn ziemlich nah. In Maren Ades „Alle anderen“ zeigt er ein Mann, der unsicherer ist, als er vorgibt zu sein. Und was immer er spielt, er spielt es herausragend.

I Did It My Way, Regie: Ivo Van Hove. Lars Eidinger, Larissa Sirah Herden © Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2025

Lars Eidinger fotografiert, stellt aus, legt auf, führt Regie.

Ivo Van Hove will noch eine andere Facette Eidinger zeigen. „I did it my way“ heißt der Abend, mit dem die diesjährige Ruhrtriennale eröffnete.

Schon im vergangenen Jahr hatte Ivo Van Hove bei er Eröffnung einen Star singen lassen. Da wurde deutlich, dass Sandra Hüller zwar eine der allerbesten Schauspielerinnen ist, aber eben keine außerordentlich gute Sängerin.

In diesem Jahr also Lars Eidinger, der vieles kann, aber eben nicht gut singen. Sein Gegenüber Larissa Sirah Herden singt ihn an die Wand. Zudem greift Ivo van Hofe einfach zu hoch. Selbst die tolle Sängerin Larissa Sirah Herden ist eben keine Nina Simone, deren Lieder sie performt. Und erst Recht ist Lars Eidinger kein Frank Sinatra.

Wenn man sich schon an „My way“ oder „I’ve got you under my skin“ oder „Blackbird“ , das Nina Simone auch komponiert hat, singt, sollte es also eine völlig neue Interpretation sein.

In 29 Songs will van Hofe die Geschichte eines verlassenen weißen Mannes und einer sich von ihm emanzipierenden schwarzen Frau erzählen, die sich der Bürgerrechtsbewegung anschließt. Ohne Worte, nur mit Musik.

Aber die Geschichte wird eben nicht wirklich erzählt. Die Songs werden einfach aneinander gereiht. So kann keine Spannung aufkommen.

Vor einem weißen Haus und in dessen Inneren spielt sich so gut wie nichts ab. Herden wirft ihre Kleidung aus dem Fenster. Eidinger hockt traurig in der Ecke. Er darf nicht wirklich spielen, nicht aus sich herausgehen.

Did It My Way, Regie: Ivo van Hove. Samuel Planas, Lars Eidinger, Ida Faho, Larissa Sirah Herden, Marco Labellarte, Sylvie Sanou (v.l.n.r.) © Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2025

Jede(r) von ihnen hat zwei alter Egos, zwei Tänzer. Serge Amié Coulibaly hat choreografiert, wenn man das denn so nennen kann. Sie bebildern die Songs, mehr nicht. Es wirkt unfreiwillig komisch, wenn die beiden Männer schmerzverzerrt auf dem Boden liegen.

Sonst hopsen die vier mit Eidinger und Herden auf der Bühne herum, formen mit ihren Händen Herzchen, klopfen sich auf die Brust. Pure Banalität. Ohne jede Spur von Humor, von Ironie. Coulibaly meint das tatsächlich erst.

Einmal an diesem Abend wird es dann doch  emotional. Zu „Why? (The King of Love is Dead) werden Filmausschnitte aus Martin Luther Kings Leben an die Hauswand projiziert. „Strange Fruit“ zeigt ein Foto, auf dem ein weißer Mann mit dem Finger auf etwas deutet. Dann wird das Foto aufgezogen, ganz gezeigt und wir sehen, worauf  der weiße Mann seinen Finger gerichtet hat: Zwei Schwarze, offenbar gelyncht, hängen an einem Baum.

Das ist einfach, klar, sehr deutlich. Und, obwohl durchaus berührend, viel zu wenig für einen Eröffnungsabend der Ruhrtriennale. Herausreißen kann auch Larissa Sirah Herden diesen Abend nicht. Obwohl sie Präsenz hat und eine kraftvolle Stimme. Denn wer die unverwechselbare Stimme von Nina Simone im Ohr hat, ihre Modulationen, ihre Verlangsamung, kann nicht so ganz zufrieden sein. Ich möchte Larissa Sirah Herden sehr gern noch einmal hören. Mit weniger ikonographischer Musik.

Ivo Van Hove will keine Grenze ziehen zwischen Pop und Hochkultur, zwischen Musical und Musiktheater. Er will die Schwellenangst auf der Ruhrtriennale senken, junge Menschen ins Theater locken.

Allerdings frage ich mich, ob die wirklich Frank Sinatra Songs hören möchten. Gesungen von Lars Eidinger. Hätte Ivo Van Hove Eidinger doch spielen, agieren lassen! So hat er dem großen Lars Eidinger mit diesem Auftritt keinen Gefallen getan. Und sich selbst auch nicht.

 

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