Auf den Spuren des Jugendstils in Wiesbaden
Der „Jugendstil-Pfad“ lädt zur Entdeckung architektonischer Kleinode ein
Von Hans-Bernd Heier
Wiesbaden gilt als Stadt des Historismus und weniger als Stätte des Jugendstils. Erst durch die äußerst großzügige Schenkung der exquisiten Sammlung des kenntnisreichen Mäzens und Sammlers Ferdinand Wolfgang W. Neess im Frühjahr 2017 ist das hessische Landesmuseum zu einem der führenden Museen des Jugendstils in ganz Europa geworden – ein Riesen-Glücksfall für Museum und Stadt. Einzigartige Artefakte dieser Kunstrichtung können Gäste der Stadt, aber auch Wiesbadenerinnen und Wiesbadener nicht nur im musealen Umfeld, sondern auch über die ganze Stadt verstreut entdecken. Dabei hilft ein soeben publizierter zweisprachiger Flyer „Jugendstil-Pfad“.
Das imposante Gebäude des Wiesbadener Kuriers an der Langgasse; Foto: © Stadtarchiv Wiesbaden
Entgegen des Geschmacks von Kaiser Wilhelm II. finden sich in der Landeshauptstadt Kleinode und auch Gesamtkunstwerke der letzten globalen Kunstströmung in erstaunlicher Fülle. Der Jugendstil – eine revolutionäre Kunstrichtung an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert – war ein internationales Phänomen und formte sich als Antwort auf die Industrialisierung und den Historismus in Europa. Ausgehend von der britischen „Arts and Crafts“-Bewegung, in Frankreich und Belgien als Art Nouveau bekannt, in Wien als Secessionsstil und in Spanien als Modernismo, ist die Kunstrichtung als gesamteuropäische Bewegung zu verstehen.
Künstlerinnen und Künstler suchten in ganz Europa und darüber hinaus nach einem Stil der Zeit mit eigenem Charakter und definierten die Erscheinungsformen alltäglicher Gegenstände neu. Mit ihrer Kunst reagierten nicht nur Vertreter der bildenden Künste, sondern aller Disziplinen, auch in Tanz, Musik und Kunsthandwerk auf die gesellschaftlichen Umbrüche um 1900: Hoffnungen und Ängste wurden in utopischen und mythischen Motiven festgehalten. Typisch für die Kunstströmung sind ihre geschwungenen Linien, floralen Muster, asymmetrischen Formen und die Integration von Kunst und Handwerk in den Alltag.

Stadtplan des Jugendstil-Pfads mit 14 Sehenswürdigkeiten; Foto: © Martin Güttler, Wiesbaden Congress & Marketing GmbH
Um Kunstinteressierte bei der Suche dieses beeindruckenden Jugendstil-Erbes zu unterstützen, haben das Kulturamt der Stadt Wiesbaden, das Stadtmuseum am Markt und das Museum Wiesbaden gemeinsam das Faltblatt „Jugendstil-Pfad“ entwickelt. Man kann es es kostenlos in der Tourist-Information bekommen.
Der kleine Jugendstil-Führer „macht eindrucksvoll sichtbar, wie diese internationale Kunstströmung das Gesicht Wiesbadens mitgeprägt hat. Mit diesem neuen Kulturangebot schaffen wir einen weiteren Zugang zur Stadtgeschichte und laden Gäste wie Einheimische dazu ein, Wiesbaden mit offenen Augen neu zu entdecken“, erklärt Jörg-Uwe Funk, Leiter des Wiesbadener Kulturamtes. Und Dr. Vera Klewitz, Kuratorin Sammlung Nassauischer Altertümer am sam -Stadtmuseum am Markt, ergänzt erläuternd: „Architektonisch war der Jugendstil ästhetischer Ausdruck einer aufgeklärten gesellschaftlichen Elite – zumeist als Ornament im Fassadenschmuck und/oder als Innenausstattung. Dennoch besitzt die Stadt einzelne private Jugendstil-Juwele, wie die Villen in der Bingertstrasse und im Dambachtal“.

Dr. Peter Forster, Grete Otto und Dr. Vera Klewitz (v. l.) bei der Präsentation des informativen Faltplans; Foto: Museum Wiesbaden / Dirk Uebele
„Dank der Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess im Museum Wiesbaden wurde der Jugendstil in Wiesbaden endlich wieder sichtbar und wahrnehmbar“, so Dr. Peter Forster, Kustos der Jugendstilsammlung Ferdinand W. Neess. „Das vom Museum initiierte und von der gesamten Stadtgesellschaft gestaltete Jugendstil-Jahr 2019 hat gezeigt, wieviel Jugendstil in der Stadt vorhanden war und heute immer noch sichtbar ist. Der Jugendstil-Pfad dient auch der Erforschung jener Objekte, die wir heute oft gar nicht bewusst wahrnehmen.“
Der „Jugendstil-Pfad“ verläuft zentral durch die Innenstadt und lädt aber auch dazu ein, außerhalb der Innenstadt gelegene Stationen wie die Sektkellerei Henkell oder den Wiesbadener Nordfriedhof zu besuchen. Beginnend an der Schwalbacher Straße führt die Route entlang der „Wartburg“, vorbei am Pressehaus des Wiesbadener Kuriers hinauf zu der am Kranzplatz gelegenen Kaiser Friedrich Therme. In unmittelbarer Nähe zeugt auch die Fassadengestaltung des ehemaligen Palast Hotels vom Glanz der Grand Hotels der Jahrhundertwende. Der Weg führt die Gäste weiter zur „Drei-Lilien-Quelle“, über den „Muschelsaal“, der Gartenhalle des Wiesbadener Kurhauses zu einer Jugendstilpräsentation über das Leben in Zeiten des Jugendstils in Wiesbaden im sam – Stadtmuseum am Markt.

Blick in das prächtige, ehemalige Wohnhaus des Ehepaars Neess in der Bingertstraße; Foto: © Andreas Schlote, Mattiaqua
Einen faszinierenden Querschnitt durch alle Kunstgattungen des Jugendstils präsentiert die über 500 Exponate umfassende Jugendstilsammlung Ferdinand Wolfgang Neess im Museum Wiesbaden. Ein Besuch der Lutherkirche mit ihren filigranen Wandmalereien und prächtigen Goldschmiedearbeiten umrahmt den Jugendstilpfad im Wiesbadener Stadtzentrum. Entlegenere Orte – darunter die Trauerhalle am Wiesbadener Südfriedhof oder die Sektkellerei Henkell – sind allemal Entdeckungen für weitere Besuche.
Über alle 14 Jugendstil-Kleinode informiert das bilinguale Faltblatt( deutsch-englisch) kurz und bündig. Wer an weiteren Informationen interessiert ist, kann diese über einen QR-Code auf seinem Smartphone abrufen.
Weitere Informationen unter:
→ Exquisite Jugendstilsammlung des Mäzens F. W. Neess in Wiesbaden
→ Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach in der Wiesbadener Lutherkirche

