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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Serras Skulpturen im Spiegel von Dirk Reinartz Fotografien

Museum Wiesbaden zeigt spannende Aufnahmen vom Entstehungsprozess der stählernen Monumentalskulpturen

Von Hans-Bernd Heier

Richard Serra zählt zu den renommiertesten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Seine kolossalen Stahlskulpturen prägen heute viele Landschafts- und Stadträume. Der deutsche Fotograf und Bildjournalist Dirk Reinartz reiste für ein Verzeichnis der Skulpturen Serras viele Jahre um die Welt und hielt diese fotografisch fest. Unter dem Titel „work comes out of work“ versammelt eine Schau 125 Schwarz-Weiß-Fotografien von Dirk Reinartz zum Werk von Richard Serra im Museum Wiesbaden. Zu sehen  noch bis zum 14. September.

Dirk Reinartz, o. T. (Walzen der Grobbleche für die Skulptur „Dirk’s Pod“ in der Dillinger Hütte in Dillingen), 2003 © Dirk Reinartz Estate / Deutsche Fotothek und Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung in Wiesbaden schaut auf Serras Skulpturen mit den Augen des Fotografen Dirk Reinartz. Es sind Momentaufnahmen von Entstehungsprozessen, kunstvoll eingefangene Momente von Licht- und Schattenspielen sowie Dokumente des Lebenswerkes Richard Serras.

Der 1938 in San Francisco geborene und im 2024 in Orient (NY) verstorbene Richard Serra widmete sich ab den 1970er Jahren immer monumentaler werdenden Stahlskulpturen aus tonnenschweren Stahlbändern und massiven kubischen Elementen. Seine Skulpturen wirken durch schiere Massivität, aber auch durch die Platzierung im Raum, in dem Betrachterinnen und Betrachter sich geradezu körperlich mit ihnen  auseinandersetzen müssen. Serra wandte sich dem industriellen Prozess zu in einer Zeit der beginnenden Deindustrialisierung. Damit setzte er der Schwerindustrie ein melancholisches, aber umso kraftvolleres Denkmal. Die Produktionsprozesse und die dahinterstehenden Arbeiter waren ihm wichtig.

Für Serra war das Wirken in Fabriken und Stahlwerken folgenreich: „Meine frühe Entscheidung, ortsbezogene Arbeiten aus Stahl zu bauen, befreite mich aus dem traditionellen Künstleratelier. Stahlwerke, Werften und Fertigungsanlagen wurden zu meinen Ateliers“.

Mit diesen Worten verweist Richard Serra auf die Prozesse, die zur Entstehung seiner oft monumentalen Skulpturen erforderlich sind. An die Stelle einsamer künstlerischer Handarbeit tritt ein komplexer, energieintensiver und arbeitsteiliger Prozess in der Schwerindustrie. Aus der Zusammenarbeit mit der Industrie gehen jeweils einzigartige Kunstwerke hervor, und nicht selten führt die Auseinandersetzung mit den industriellen Arbeitsweisen zu neuen Werken „work comes out of work“, eben.

Ausstellungsansicht; Foto: Hans-Bernd Heier

Der Fotograf Dirk Reinartz, 1947 in Aachen geboren und 2004 in Berlin gestorben, war einer der bedeutendsten deutschen Nachkreigsfotografen und Bildjournalisten. Er studierte Fotografie bei Otto Steinert an der Folkwangschule in Essen. Von 1998 bis zu seinem Tod war Reinartz Professor für Fotografie an der Muthesius Hochschule in Kiel. Da er über viele Jahre hinweg die Entstehung und den Aufbau von Richard Serras Skulpturen fotografisch begleitet hat, sind auf diese Weise. Bilder entstanden, die weit über eine reine Dokumentation hinausgehen und eine eigene Bildqualität entwickeln.

Reinartz‘ subtil graduierte Schwarz-Weiß-Fotografie fängt die besondere Atmosphäre im Walzwerk, in der Schmiede und in der industriellen Weiterverarbeitung ein. Sowohl die Produktion der einzelnen Skulpturenelemente als auch die fertig installierten Werke vor Ort hält der Fotokünstler in eindrücklichen Aufnahmen fest.

Serra und Reinartz lernten sich 1983 kennen. Von Reinartz Fotoarbeiten war Serra sehr angetan: „Fotografie ist eine Erweiterung meines Auges. Dirk Reinartz wurde mir zum Auge. Zusammen sind wir viel gereist und ich vermisse es, mit ihm zu arbeiten“.

Nach Reinartz‘ Tod hat der Bildhauer „verschiedene Fotografen mit Aufnahmen von seinen Skulpturen beauftragt, ohne dass es erneut zu einer vergleichbaren intensiven Zusammenarbeit kam“, schreibt Dr. Silke von Berswordt-Wallrabe in dem Vorwort des exzellenten Begleitbuchs der sehenswerten Schau.

Reinartz Handabzüge sind Unikate; die unzähligen Grauabstufungen visualisieren die Prozesse, die das Material während des Schmiedens transformieren. Weiß glühender Stahl erhellt die Motive in surrealer Weise. Dem Meisterfotograf, der einmal sagte: „Das allerbeste am Licht ist jedoch seine andere Seite – der Schatten. Für mich wahrscheinlich noch wichtiger als das Licht selbst“, gelingt es mit seiner Schwarz-Weiß-Fotografie, dem Bildhauer ein bleibendes Denkmal zu setzen.

Begleitend zur Präsentation zeigt das Museum Wiesbaden einen Saal mit skulpturalen Werken und großformatigen Ölkreide-Arbeiten Richard Serras. Die Ausstellung ist ein Projekt der Stiftung Situation Kunst, Bochum und wurde zuvor 2023/2024 im KUBUS von Situation Kunst (für Max Imdahl) gezeigt.

Neben den Dauerausstellungen sind im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur außerdem noch die Sonderausstellungen „Faszination 19. Jahrhundert – Sven Drühl: Künstler – Sammler –Theoretiker“ bis zum 28. September und „Honiggelb – die Biene in Natur und Kunstgeschichte“ bis zum 8. Februar 2026 zu sehen Dirk Reinartz, o. T. („Bramme für das Ruhrgebiet“ von Richard Serra), 1999, © Dirk Reinartz Estate / Deutsche Fotothek und Stiftung F.C. Gundlach

→ Museum Wiesbaden zeigt Einzelschau des Künstlers und Sammlers Sven Drühl

Museum Wiesbaden präsentiert „Honiggelb – die Biene in Kunst und Natur“ (1)

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