Der Magier – ein Nachruf auf Robert Wilson (* 4. Oktober 1941 in Waco, Texas; † 31. Juli 2025 in Water Mill, New York)
Der Regisseur von Licht, Raum und Bewegung
Von Simone Hamm
Seine Kulissen sind minimalistisch, blaues Licht, wenige Effekte. Die Handlung schränkt Robert Wilson radikal ein. Und den Text. Robert Wilson sagte oft, er sei weniger interessiert an Dialogen und der Handlung eines Stückes, ihm käme es auf die Mischung von Licht, Raum und Bewegung an. Zuerst käme das Licht, dann kämen Text und Musik.
Szene aus: Robert Wilsons La traviata, Musiktheater Linz 2015. Kostüme: Yashi Tabassomi, Photo:
In seinen frühen Inszenierungen verzichtete er auf jeden Dialog. Auch den größten Dramatikern ließ er nicht viel Text. Selbst Shakespeare hat er aufs Wesentliche reduziert wie bei seiner Inszenierung von King Lear in Frankfurt 1990.
Im siebenstündigen Stück Deafman Glance (Le Regard du Sourd) aus dem Jahr 1971 und im zwölfstündigen Stück Life and Times of Joseph Stalin aus dem Jahr 1973 war kein einziger Satz zu hören.
Ganz anders ging er mit der Zeit um. Wenn jemand versuche, auf der Bühne natürlich zu wirken, sei das banal, sagte er. Seine Schauspieler gingen nicht, sie schritten. Sie nahmen sich alle Zeit der Welt.
Wilson ließ sie jede Bewegung sich ausdehnen. Das konnte fast rituell wirken. Dazu trug auch bei, dass die Gesichter seiner Schauspieler oft weißgeschminkt waren.
Seine Stücke konnten schier endlos dauern. In KA Shiraz im Iran führte er 1970 Mountain nd Guardenia Terrace auf: 168 Stunden lang, an zehn Tagen.
Doch obwohl die Stücke lang dauern und die Schauspieler sich betont langsam bewegen, obwohl die Handlung radikal eingeschränkt ist, sind die Abende von Bob Wilson, wie er häufig auch genannt wurde, paradoxerweise spannend, offen für vielfältige Interpretationen. Und obwohl seine Inszenierungen formal streng sind, gibt es viel zu sehen und zu staunen.
Robert Wilson hat das Publikum mit diesem so ganz anderen Theater vom ersten Augenblick an verzaubert. Er hat uns eintauchen lassen in eine so ganz andere Welt. Er hat uns träumen lassen. Er hat nicht psychologisiert, nicht politisiert. „Ich lade die Leute ein zum Tagträumen“ hat er einmal gesagt.
Einstein on the Beach, uraufgeführt beim Festival in Avignon ist für Wilsons Verhältnisse geradezu kurz gewesen, dauerte nur knapp fünf Stunden. Philip Glass hat die Musik zur Oper geschrieben. Es gibt keine Handlung. Einsteins Biografie wird allenfalls angedeutet. Ein 9 Meter langer lichtblauer Stab dreht sich langsam von der Horizontalen in die Vertikale hoch. Viel mehr geschieht nicht. Das Publikum konnte gehen und kommen, wann und wie es wollte.
Vor fast 50 Jahren inszenierte er am politischsten Theater Deutschlands, der Schaubühne am Halleschen Ufer, Death, Destruction & Detroit. Mit schwarz gekleideten Männern, einem Dinosaurier zur Musik von Keith Jarrett.
1984 wurde tThe Civil Wars in Köln uraufgeführt. Die Musik kam unter anderem von Philip Glass, David Byrne und von Schubert. Das Libretto schrieb Heiner Müller. Während eine goldene Riesenschildkröte übers Schlachtfeld kriecht, schlief die Dame neben mir ein. Der Applaus weckte sie auf. „Wie konnten Sie nur schlafen?“, fragte ich sie. „Ich habe noch sie so gut geschlafen“, antwortete sie: „Noch nie so wunderbar geträumt.“ Wilson hätte nichts dagegen gehabt.
Robert Wilson wurde 1949 in Texas geboren. Weil er stotterte, ließen ihn seine Eltern Tanzunterricht nehmen. Als er Anfang zwanzig war, verließ er sein konservatives Elternhaus. Vor allem sein Vater hatte Probleme mit der Homosexualität seines Sohnes. Wilson ging nach New York, studierte Architektur und Malerei. Er war begeistert von den Choreografien Merke Cunnighams, George Balanchine und Jerome Robbins. Diese Choreografien waren streng und mehrdeutig. Das war der Weg, den er gehen wollte.
In diesem Stil hat er Opern inszeniert, den Lohengrin an der konservativen MET, den Parsifal in Hamburg. Die einen waren begeistert. Die anderen schäumten. Noch.
Immer hat Bob Wilson mit anderen Künstlern zusammen gearbeitet. Mit Heiner Müller in Köln. Marina Abramovic bat Wilson, ihren Tod zu inszenieren. Das täte er gern, sagte er, aber er wolle auch ihr Leben inszenieren. „The life and Death of Marina Abramovic“ wurde 2011 auf dem Festival von Manchester aufgeführt. Marina Abramovic spielte sich selbst. Eine unglaublich schöne, starke Frau.
Mit Tom Waits rockte Wilson am Thalia Theatre in Hamburg The Black Rider.
In Düsseldorf spielte Christian Friedel Dorian, eine Figur, zusammengesetzt aus Dorian Gray, Oscar Wilde und Francis Bacon. Da geht es um Schönheit, um Vergänglichkeit.
Zuletzt wurde in Düsseldorf eine Moby Dick-Version von Bob Wilson gefeiert. Bevor noch irgendetwas auf der Bühne geschieht, ist das Publikum hingerissen vom düsteren Bild eines riesigen, springenden Wals mit großen Maul, wilden Augen. Dieser Wal ist schwarz.
Jetzt ist der große Magier des Theaters in Watermill, nahe New York City, wo er Gründer und künstlerischer Leiter des Watermill Center, einem internationalen Labor für Kunst, war, am 31. Juli im Alter von 83 Jahren gestorben.
→ Der Magier des Welttheaters Bob Wilson erzählt „Moby Dick“ als Märchen auf der Bühne
→ Dorian – Ein magischer Abend von Bob Wilson
→ Wilson „Dorian“ demnächst in Dresden
Weitere Infos unter:
www.robertwilson.com
www.watermillcenter.org
Die einzige deutschsprachige Publikation von Robert Wilson:

NAHAUFNAHME Robert Wilson
Mit einem Text von Heiner Müller von 2006
Broschur. 216 Seiten. 106 Abb.
ISBN 978-3-89581-165-4
15,– € *

