Annegret Soltaus Retrospektive „Unzensiert“ – noch wenige Tage im Städel zu sehen
Die Risse des Lebens und Nähte als Lebensfäden
Soltaus radikale Vernähungen des verletzten Körpers
Von Petra Kammann
Galt die in Darmstadt lebende Annegret Soltau (*1946) lange Zeit als Geheimtipp, so genießt sie mit ihrer feministisch inszenierten Fotografie und ihrer Body Art in der Kunstwelt inzwischen internationalen Ruhm. Das Frankfurter Städel widmet ihr unter dem Titel „Unzensiert“ noch bis zum 17. August eine Retrospektive mit rund 80 Werken aus mehr als fünf Jahrzehnten. Mutig wurde Soltaus Arbeit allerdings schon 2011 unter dem Titel „Generativ“ in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks gewürdigt, die damals alles andere als widerspruchslos hingenommen wurde. Zuvor war sie damals mit dem feinen Marielies-Hess-Kunstpreis ausgezeichnet worden.
Die Ausstellung „Unzensiert“ zeigt zu Beginn der Schau zarte, auf den ersten Blick ästhetisch wirkende Zeichnungen sowie die ersten Foto-Übernähungen von Soltaus eigenem Gesicht und ihres eigenen Körpers.
Schon früh macht sie sich selbst zum Experimentierfeld, indem sie den weiblichen Körper ins Zentrum ihrer künstlerischen Forschung stellte – nicht, wie in der Kunstgeschichte nachzuverfolgen – als begehrenswertes Objekt, sondern als Trägerin von Erfahrung, Erinnerung und Widerstand. Gleichzeitig spinnt sie sich in einen Kokon ein, den sie im weitern Lebensverlauf aufbricht.

Blick auf den Eingang zur Ausstellung mit den vernähten Gesichtern, Foto: Petra Kammann
So, indem sie ihre beiden Schwangerschaften thematisiert. In den 1970er Jahren war dies ein eher unübliches Thema, galten doch zu dieser Zeit Mutter-Sein und Künstlerin-Sein noch als unvereinbare Gegensätze.
Die Künstlerin Soltau aber versucht, ihrer Gedanken, Ängste und Zweifel Herr oder Frau zu werden, indem sie „Tagesdiagramme“ ihrer widersprüchlichen Gefühle in Mindmap-ähnlichen Notizen zusammenstellte und diese durch feine Linien verbunden hat.

Die Geburt erscheint fast clean: Blick auf das Geburtsvideo in der Ausstellung, Foto: Petra Kammann
Dann präsentiert sie in der Städelschau die Installation der fortlaufenden Serie „Vatersuche“, die in ihrem Leben auf ein sperriges Gelände führt. Die unerfüllte Sehnsucht bleibt. In der Werkgruppe „Personal Identity“ wiederum füllte sie die Leerstelle im ausgehöhlten Passfoto durch Dokumente aus dem eigenen Leben auf, wo nach ihrem eigenen Tod künftig nur noch ihre eigene Sterbeurkunde Platz finden soll.
Die Vielfalt des Soltauschen Werkes, was allein die künstlerischen Genres angeht, ist dazu äußerst vielschichtig: So bekommt man in der Schau Einblicke in Soltaus Um- und Verwicklungsperformances, in gestichelte Radierungen, Fotoradierungen, Installationen, Fotovernähungen, generationelle Assemblagen und in Videofilme.
Selbst groteske Märchengestalten, halb Mensch, halb Tier, aus Fotografien der Künstlerin in Kombination mit Tierbildern, Porträts ihrer Angehörigen sowie digital manipulierten Bildern dringen zeitweise in ihre „chirurgische Operationen“. Es entstanden Assemblagen wie etwa die in „N.Y.FACES“, wo Soltau mit Spritzen und Zähnen bewaffnet, künstlerisch auf die Anschläge und Zerstörungen des 11. September reagiert. Die mediale Berichterstattung verknüpft sie mit ihrer individuellen Erschütterung. Mit den Fragmenten unterschiedlicher Körper, die sie collagiert, lotet sie ebenso konsequent die biologischen Grenzen der Individualität und der Identität aus.

Junge Frauen befragen Annegret Soltau, wohl zum Thema Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Foto: Petra Kammann
Die Rituale des Fotografierens und Posierens, des Ausreißens, Selektierens, Collagierens und Vernähens hinterlassen in den Werken Annegret Soltaus Spuren, die auf die Komplexität des Lebens selbst verweisen. Schon beim Hinschau stellen sich beim Betrachten der Werke Fragen wie: Pulsiert nicht unter der Haut das eigentliche Leben? Wie aber kann man diese Schicht mutwillig zerstören, um sie dann wieder zusammen zu nähen?
Sieht Soltau mit ihren fast 80 Jahren vielleicht auch deshalb immer noch fabelhaft aus und schaut einen strahlend an, und so, als hätte sie die Pein der Malträtierung ihres eigenen Körpers selbst nie erfahren, weil sie unablässig an der Spur des Lebens selbst und vielleicht auch an der des Über-Lebens arbeitet.

Blick in die Ausstellung, Foto: Petra Kammann
Dabei hat Soltau immer schon kompromisslos mit den jeweiligen Tabus gebrochen, so, wenn sie etwa männliche und weibliche Körperteile und Genitalien auseinanderreißt und unter den Familienmitgliedern, Mutter, Vater, Tochter, Sohn vertauscht.
Auch ihre ebenso gepeinigten „Opfer“ scheinen häufig aus Trotz zu lächeln. Wurde aus diesem Grund die Wand hinter einem Werk ihrer großen Serie „Generativ“ aus den Jahren 1994/2005 bewusst in Rosa gehalten? Eine Verharmlosung? Oder sollte die Farbe möglichst junge Frauen anlocken, damit sie sich schon mal mit ihrem Frau-Sein, das mit der unerbittlichen Veränderung des weiblichen Körpers einhergeht, vertraut zu machen? Unabhängig von der individuellen Person wird der natürliche Verfallsprozess sichtbar gemacht und entwickelt eine eigene Ästhetik.

Ausstellungsansicht, Foto: Petra Kammann
Wenn Soltau sich mit den gelebten Verbindungen der weiblichen Linie ihrer eigenen Familie auseinandersetzt und vier Generationen zur Schau stellt, zeigt sie diese schonungslos nackt: Deren Körper hat sie respektlos zerschnitten, bearbeitet und mit aller Sorgfalt zu „Generationsmischwesen“ vernäht. Ist das nicht irritierend oder gar indiskret? Mitnichten. Vielmehr scheint eine neue bislang noch nicht gesehene Realität auf.
Ihr Handwerk beherrscht die Künstlerin übrigens perfekt. Schließlich hat Soltau als ganz junge Frau schon einige Zeit in der Unfallchirurgie am Hamburger Hafen als Operationsassistentin gearbeitet. Nadel und Faden als klassisch weibliches Attribut wirken in ihrem mehrschichtigem Werk daher als ironisch eingesetzt und radikal transformiert.

Leben, das an Fäden hängt, Soltau reagiert mit einem Lächeln darauf, Foto: Petra Kammann
Man muss ihre Arbeiten eben nur von der Rückseite betrachten, um allein die zarten gestichelten und geknoteten, teils baumelnden schwarzen Fäden wahrzunehmen, die als „Negativ“ gewissermaßen eine Art Gegenwelt zu den gewaltsamen Verfremdungen des geschundenen Körpers darstellen.
Wie sie in ihrem verstörend-surrealen OEuvre die Themen, Gewalt, Verletzlichkeit, Schwangerschaft, Geschlechtlichkeit, Vatersuche, Verpuppung und Familie auf ihre Weise verarbeitet hat, ohne zu verzweifeln, macht vermutlich nicht nur jungen Frauen Mut. Und die entstandenen Bilder – Archetypen gewissermaßen – , die vergisst man so schnell nicht.
Die Ausstellung
„Unzensiert“ im Städel Museum
bis zum 17. August 2025.
Der fadenhefetete Katalog

„Unzensiert“ erschien im Verlag Hirmer, dessen Machart allein schon ein Soltau-Objekt ist, das geradezu Künstler-Buch-Qualitäten hat und ein Sammel-Objekt werden könnte. Im Museum kostet er 39,90 Euro, im Buchhndel 49,60 Euro..
Weitere Ausstellungen in Frankfurt

Blick mit Isabelle in die Ausstellung „On the Etch“ in der Galerie Anita Beckers, Foto: Petra Kammann
Frühe Fotoradierungen von Annegret Soltau, die zwischen 1973 und 1982 entstanden sind, waren im Frühsommer (17. M ai-21. Juni 2025) unter dem Titel. „On the Etch“ in der Galerie Anita Beckers zu sehen.
Dort ließ sich nachverfolgen, dass schon in den frühen Radierungen Themen wie Identität, Körper, Weiblichkeit, Schmerz, die Soltau körperlich und nicht abstrakt, wie es zu dieser Zeit Mode war, sondern konkret erfahrbar machen wollte und die sich als Risse in ihren Selbstporträts, ihren Anfang genommen hatten.
→„ZeitErfahrung“: Vernähe Deine Wunde – Annegret Soltaus Vaterportraits

