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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Auch im Kleineren das ganz Große: Werner Tübke im Städel Museum

Eine einzigartige Schenkung ist zu bewundern: die Sammlung Eduard und Barbara Beaucamp

Von Uwe Kammann

Staatskunst, igitt. Das war, salopp formuliert und zugespitzt, lange Zeit eine gängige Reaktion der westlichen Kunstkritik, wenn es um Maler aus der DDR ging. Dazu kam noch die Vokabel Sozialistischer Realismus, und fertig war das Urteil. Natürlich, wer sich tiefgreifender mit der Kunst befasste, die hinter der Mauer entstand, der korrigierte das Verdikt sofort mit einer Vorsilbe, so dass es sich ganz anders las: Vor-Urteil. Einer, der mit dieser Korrektur unermüdlich beschäftigt war, blieb lange Zeit ein Einzelkämpfer: Eduard Beaucamp, der seit 1966 über viele, viele Jahre das Kunstressort der FAZ leitete.

Dr. Eduard Beaucamp, langjähriger Feuilletonchef der FAZ, Kunstsammler und Kenner der DDR-Kunst, Foto: Petra Kammann

Wieder und wieder zeigte er auf, welche Qualitäten in den Werken von Werner Tübke, Willi Sitte, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer – den im Westen immerhin namentlich bekannten Größen – steckte. Er, der Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie studiert hat, trat unermüdlich dafür ein, in seinen Artikeln und in Buchveröffentlichungen, genau hinzuschauen, sich nicht vom nahezu unerschütterlchen Dogma der Überlegenheit des Non-Figurativen leiten zu lassen.

Der Erfolg blieb lange Zeit überschaubar. Erst in den letzten Jahren wachten Sammler auf, wagten auch Museen den zweiten und dritten Blick. Um (verwundert?) festzustellen – beispielsweise das Düsseldorfer Kunstmuseum 30 Jahre nach dem Mauerfall in einer großen Überblicksausstellung –, welcher Reichtum zu entdecken war.

Werner Tübke (1929 – 2004), Ignatius von Loyola, 1978, Grafit und Aquarell auf Velinpapier 235 x 232 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025

So löste sich langsam (und beileibe nicht vollständig) die Missachtung, oft genug offene Feindschaft der westlichen Kunstszene, gerade im Nachkriegsdeutschland, auf: gegenüber der im Osten Deutschlands herausgebildeten, überaus eigenständigen Malerei aus Dresden, Berlin, vor allem Leipzig (das schnell mit einer Passepartout-Bezeichnung als „Leipziger Schule“ gleichgesetzt wurde). Verbindungslinien waren natürlich offenkundig und schon beim oberflächlichen Betrachten zu erkennen. Wegen der  Figürlichkeit dieser Malerei, wegen ihren Verweisen, Verbindungen und Anspielungen auf frühere Malepochen, so der Renaissance und des Barock, wegen ihrer Zitaten und Mythen-Anklängen, wegen ihrer Erzähllinien, ihren Realismen, die oft nur mit dem Begriff ‚magisch’ richtig zu kennzeichnen waren und sind.

Volker Stelzmann (links) im Gespräch mit Eduard Beaucamp in DIE GALERIE; Foto: Petra Kammann

Noch heute, im zarten, auf die Neunzig zusteuernden Alter, ist Eduard Beaucamp ein temperamentvoller Verfechter der so lange verkannten Maler mit dem Stempel DDR. Frankfurter Kunstfreunde kennen das bestens, wenn er Ausstellungen im Westend in einführenden Gesprächen so kenntnisreich wie unterhaltsam die nötigen Konturen verleiht, natürlich auch zur Freude von Peter Femfert, der in „Die Galerie“ am Grüneburgweg mit großer Überzeugung und Passion große Namen aus dem Osten präsentiert; so wiederholt Volker Stelzmann, dessen Bilder in jedem Einzelwerk belegen, wie meisterlich – viele sagen sofort: altmeisterlich – er malt, wie sorgfältig er seine Farbschichten aufträgt, wie meilenweit die minutiös ausgemalte Bildszenen entfernt sind vom oft trotzigen Nein einer Konventionsmoderne.

Die Stifter Dr. Barbara Beaucamp und Dr. Eduard Beaucamp in DIE GALERIE, Foto: Petra Kammann

Welch’ ein überaus großzügiges Geschenk an die Öffentlichkeit also, dass Eduard Beaucamp eine (seine!) ganz eigene Sammlung von Zeichnungen und Aquarellen vom wahrscheinlich bekanntesten Vertreter der Leipziger Schule (bleiben wir beim verbreiteten Begriff), also von Werner Tübke, vor zwei Jahren dem Städel vermacht hat. Und welch’ wunderbare Gelegenheit für alle, die Tübke schon kennen (1977 war er mit Werner Heisig, Wolfgang Mattheuer und Willi Sitte auf der documenta 6 vertreten, oft tituliert als ‚Staatskünstler‘) oder ihn entdecken wollen, dass jetzt noch bis Ende September die 46 Werke dieser Schenkung (beste Frankfurter Tradition, die hier Beaucamp und seiner Frau Barbara zu verdanken ist) im Saal der Graphischen Sammlung zu sehen sind. Zu ihnen kommen zwei Zeichnungen aus der Sammlung Fritz Mayer (deren Konzentrat 2023/24 in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche zu sehen war).

Im Städel ist Tübke übrigens (glücklicherweise) kein Unbekannter, so war er 2019 in der Schau „Große Realistik & Große Abstraktion“ (2019) vertreten, neben Werken von  A.R. Penck und Gerhard Altenbourg. Bei der in den Gartenhallen gezeigten Zusammenstellung „Zurück in die Gegenwart“ waren ebenfalls dem ‚Osten‘ zuzuordnende Künstler zu sehen, so Arno Rink, Neo Rauch, Wolfgang Mattheuer und Hermann Glöckner. Der Sammlungsbestand des Städel werde in dieser Richtung „kontinuierlich erweitert“, versicherte Sprecherin Pamela Rohde gegenüber FeuilletonFrankfurt.

Wie hoch die jetzt gezeigte Sammlung der Tübke-Zeichungen – ein Glücksfall, der sich der jahrzehntelangen engen Verbindung (tatsächlich: eine Freundschaft) Beaucamps zum Künstler verdankt – in ihrem Rang einzuschätzen ist, hat der Kunstwissenschtler und -kritiker Stefan Trinks in einem großen Beitrag für die FAZ herausgearbeitet. Wobei er das weite Spektrum ausmisst, das mit diesem Werk verbunden ist, pendelnd mit Begriffen und Zitaten zwischen Realismus, Historismus und Idealismus, anspielend auf Künstler (Vorbilder?) wie Hieronymus Bosch, Bruegel und Goya, verweisend auf Epochenübergänge zwischen Spätmittelalter und Renaissance.

Cover des vom Städel Museum herausgegebenen Katalogs

Für das 20. Jahrhundert diagnostiziert Trinks Bezüge zu Dalis Surrealismus, Dix’ Expressionismus, Picassos politische Bilder und „die stets marionettenhaft wirkenden Figurinen Carl Hofers. Manierismus, die altmeisterliche Maltechnik und die „absolute inhaltliche Freiheit“, so Trinks in seiner nahezu überschwänlichen Würdigung, ließen Tübkes Kunst „einzigartig werden“, seine Werke bewahrten bis heute ihre Faszination. Die jetzige Städel-Ausstellung unter dem Titel „Werner Tübke – Metamorphosen. Die Sammlung Beauchamp“ belege anschaulich die Frische des Werks mit seiner „Mischung aus immer weiter perfektionierter Technik und nie versiegender Expermentierfreude“.

Trinks hebt auch das Spezifikum dieser „spektakulären Auswahl“ hervor. Sie ermögliche nämlich einen Gang durch Tübkes Werk von den 50er Jahren bis in die frühen Jahre unseres Jahrhunderts (der 1929 geborene Künstler starb 2004), und zwar „entlang seiner konstanten Zerrissenheit und lebenslangen Parteinahme für die Verlierer der Geschichte, wie die unterlegenen Bauern im Krieg von 1525 oder jene der unausgesetzten sozialen Aufstände von der französischen Revolution bis ins zwanzigste Jahrhundert“.

Werner Tübke (1929 – 2004) , Straße in Brüssel (mit Selbstbildnis), 1965, Feder in Schwarz auf Velinpapier, 227 x 278 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025

Der in dieser Reihe erwähnte „Bauernkrieg“ hat – dies wurde im westlichen Deutschland am meisten rezipiert – Tübke zu einem  monumentalen Panorama im thüringischen Bad Frankenhausen herausgefordert, ausgeführt (und 1987 vollendet) als größtformatiges „Wimmelbild“ (darf man so sagen?) in einem eigens errichteten Rundbau. Diese Darstellung des heroischen Bauernaufstandes – eine Passionsgeschte, nahezu prosaisch tituliert als „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ – macht jeden Besucher staunen. Von den Dimensionen her (1800 Quadratmeter!) lässt es eigentlich keinen Vergleich mit den jetzigen Zeichnungen zu. Doch schnell zeigt sich: Ihnen ist eine ebensolche Intensität eingeschrieben, sie lassen die gleiche innere und äußere Leidenschaft und künstlerische Meisterschaft erkennen und bewundern.

Werner Tübke (1929 – 2004),  Harlekin am Strand, 1965, Grafit auf Velinpapier,  408 x 398 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2025

Was zur Empfehlung führt: Wer kann, der sollte in diesem Sommer/Frühherbst unbedingt ein Zweierlei zu Einem verbinden: die großartige, in ihrer Art einzigartige „Metamorphosen“-Ausstellung im Städel mit den Zeichnungen Werner Tübkes besuchen. Und dann nach Bad Frankenhausen im thüringischen Kyffhäuserkreis fahren. Die dreieinhalb Stunden im Auto wird er nicht bereuen. Denn sie eröffnen dann einen künstlerischen Weitblick, der über die Jahrhunderte hinaus das geschichtliche Ereignis zu einem menschlichen Passions-Panorama weitet. In jeder Hinsicht: unvergesslich.

WERNER TÜBKE

METAMORPHOSEN

bis 28. September 2025

Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main

Besucherservice:
+49(0)69-605098-200, info@staedelmuseum.de

Öffnungszeiten:
Di, Mi, Fr, Sa, So + Feiertage 10.00–18.00 Uhr, Do 10.00–21.00 Uhr

Sonderöffnungszeiten:
Aktuelle Informationen zu besonderen Öffnungszeiten unter staedelmuseum.de

Katalog:
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog mit einem Vorwort von Philipp Demandt und Texten von Eduard Beaucamp, Regina Freyberger und Herwig Guratzsch, deutsche Ausgabe, 158 Seiten, 25,50 Euro (Museumsausgabe)

 

→ Künstler aus der DDR – Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast: „Utopie und Untergang“

 

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