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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Zum Tod des faszinierenden Theatermenschen Claus Peymann

Über die kompromisslose Wirksamkeit von Theater

Eine Hommage von Walter H. Krämer

Claus Peymann hat meine Begeisterung für das Theater befeuert. Inszenierungen von ihm haben mich auf meinem Lebensweg begleitet. Ich mochte seine Art, sich den vermeintlich Mächtigen entgegenzustellen und deren Autorität in Frage zu stellen. Bei meiner ersten Begegnung mit „seinem“ Theater war ich 16 Jahre alt. Im damals noch existierenden Theater am Turm (TAT) in Frankfurt inszenierte er 1966 die Uraufführung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ als Beat- und Rockkonzert.

Claus Peymann während einer Versteigerung auf dem Hof des Berliner Ensembles Berlin, 25.06.2011, Foto:SpreeTom / commons wikimedia

Die FAB FOUR aus Liverpool dienten als Vorbild.  Ein radikales Sprech- und Sprachstück mit Publikumsbeschimpfung. Es gab Tumult, Gelächter, Handgreiflichkeiten. Aber es war auch die Geburtsstunde eines modernen Theaters – ein Theater, das mit althergebrachten Traditionen brach. 6o Jahre danach versucht sich die Regisseurin Claudia Bauer am Schauspiel Frankfurt erneut an diesem Stück von Peter Handke. Das wird Claus Peymann nun nicht mehr erleben, denn er ist am Mittwoch, dem 16. Juli 2025, im Alter von 88 Jahren in seinem Haus in Berlin‑Köpenick gestorben.

 

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„Publikumsbeschimpfung“

von Peter Handke

 

Geboren am 7. Juni 1937 in Bremen, verschrieb er sich schon früh dem Theater, das er so sehr brauchte wie die Luft zum Leben. Er feierte erste Erfolge in den 1960er Jahren im Hamburger Studententheater, brachte in Frankfurt am Main drei Stücke von Peter Handke zur Uraufführung – neben der „Publikumsbeschimpfung“ noch „Kaspar“ und „Das Mündel will Vormund sein“.

Von Berufs wegen Regisseur übernahm er jedoch auch über mehrere Jahre hinweg immer wieder Verantwortung als Intendant, so in Stuttgart von 1974 bis 1979, in Bochum  von 1979 bis 1986, am Wiener Burgtheater von 1986 bis 1999 und zuletzt in Berlin am Berliner Ensemble (BE)  von 1999 bis 2017. Danach folgten Arbeiten als freier Regisseur. Zuletzt 2023, sein „Warten auf Godot“ im Theater in der Josefsstadt in Wien. Peymann betonte immer, dass er zwar ein ausgebildeter Regisseurs sei, die Aufgaben als Intendant aber nie gelernt habe.

Wichtig war ihm die enge Zusammenarbeit mit noch lebenden Autoren wie Peter Handke, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek und Peter Turrini. Mehrere Stücke von Thomas Bernhard wurden von ihm bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und es verband ihn eine innige Freundschaft mit diesem österreichischen Autor. Für einen handfesten Skandal sorgte die Uraufführung von Bernhards „Heldenplatz“ 1988 am Wiener Burgtheater.

Das Stück, eine scharfe Kritik am Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit, wird heute als ein Jahrhundert-Ereignis und Erweiterung des Theater-Kanons betrachtet, forderte aber zur Zeit der Uraufführung zum 100‑jährigen Jubiläum des Burgtheaters erregte Diskussionen heraus: Vorab-Leaks, öffentliches Tamtam in Politik und Medien, massive Proteste, Polizeischutz, sogar Mist‑Ladungen vor der Burg – Peymann und Bernhard wurden sogar bespuckt und tätlich angegriffen. Mich begeisterte diese Inszenierung, für die ich extra nach Wien reiste und war beglückt, dass Theater eine solche Außenwirkung haben und polarisieren kann.

Anlässlich der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Raststätte“ in der Inszenierung von Claus Peymann 1994 wurde Jelinek auch von Leserbriefschreibern persönlich diffamiert. Ihre Texte wurden als „perverse Ergüsse“ einer kranken Frau denunziert, es wurden sogar offen Todeswünsche artikuliert. Höhepunkt des von der FPÖ inszenierten Kulturkampfes gegen Jelinek war eine Plakataktion im Jahr 1995. „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk … oder Kunst und Kultur?“, stand auf dem Plakat, das die FPÖ anlässlich der Wiener Gemeinderatswahlen 1995 verbreiten ließ.

Pures Theaterglück vermittelte das als unspielbar gescholtene Stück „Die Hermannsschlacht“ von Heinrich von Kleist in Bochum. Claus Peymann belehrte alle Kritiker eines Besseren. Seine Aufführung der „Hermannschlacht“ mit Kirsten Dene als Thusnelda und Gert Voss als Hermann der Cherusker waren das Theaterereignis des Jahres 1983 und (m)eine Reise nach Bochum allemal wert. Diese Klassiker-Neuinterpretation festigte Peymanns Ruf als politischer Provokateur und modernisierender Regisseur.

Zwei der besten Schauspieler aller Zeiten: Gert Voss (Hermann) und Kirsten Dene (Thusnelda) in Claus Peymanns Kleist-Inszenierung „Die Herrmannsschlacht“ am Schauspielhaus Bochum 1982. © Unbekannt | Schauspielhaus

Claus Peymann wollte mit seiner Arbeit, seinen Inszenierungen „Stachel sein im Fleisch der Mächtigen!“  Dies gelang im wohl noch am Besten in Wien. In Berlin kaum noch – da liefen seine Inszenierungen oft ins Leere. Obwohl immer wieder großartig, wenn ich nur an seinen Richard II. mit Michael Mertens denke.

Er war nicht zimperlich mit seiner Kritik und scheute auch harsche öffentliche Äußerungen nicht – beispielsweise bei Buhrufen gegen seine Stücke wie in Salzburg (2002), als er den Rufer*innen entgegenrief: „Gegen die Dummheit des Premierenpublikums ist kein Kraut gewachsen“.

Was ein kluger und zugleich mutiger Intendant und Regisseur für ein Theater und eine Stadt bedeuten kann, ist an seiner Zeit in Stuttgart erkennen. Claus Peymann war von 1974 bis 1979 Schauspieldirektor am Staatstheater Stuttgart. Sein Vertrag wurde nicht verlängert. Eine Liebesbeziehung zwischen Theater und Publikum wurde von der Politik willkürlich beendet und das Band zerschnitten. In einer hysterisch aufgeladenen Zeit, brachte ihm eine Geldsammlung für die Zahnbehandlung inhaftierter Terroristen der RAF ins Fadenkreuz der Politik und der Presse. Er wurde als „Dramaturg des Terrors“ bezeichnet und gekündigt.

Vier Stunden lang Standing Ovations nach den wirklich letzten Auftritten der Schauspieler*innen in Stuttgart bei einer legendären Abschlussveranstaltung. Eine Wirksamkeit von Theater war in Stuttgart beim Publikum zu spüren, von der man anderorts nur träumen konnte: das Theaterwunder von Stuttgart in der Ära von Claus Peymann.

Claus Peymann wird in Erinnerung bleiben als ein Künstler, der mit Leidenschaft, Provokation und kompromissloser Haltung das Theaterleben geprägt hat. Als Intendant führte er große Häuser zu Publikumsrückgewinnung und Debatten – immer begleitet von Skandalen und Scharmützeln mit der Kulturpolitik. Seine Regiearbeit und sein Einsatz für zeitgenössisches und klassisches Theater bleiben unvergessen. Sie wurden mit 19 Einladungen zum Berliner Theatertreffen belohnt und ausgezeichnet. Peymann zählt, das vergisst man schnell, weil er seit 2001 nicht mehr berücksichtigt wurde, daher zu den dorthin meist eingeladenen Regisseuren.

Als Regisseur war er ein zentraler Akteur des Regietheaters im deutschsprachigen Raum – stets am Rande des Skandals, stets gesellschaftlich relevant. Seine Inszenierungen – laut oder leise – forderten, verstörten, provozierten und veränderten das Theater. Claus Peymann faszinierte und polarisierte, weil er Theater kompromisslos als Spiegel der Gesellschaft verstand. Politische Themen brachte er nicht nur auf die Bühne, sondern mischte sich auch lautstark in öffentliche Debatten ein. Und er glaubte an die verändernde Kraft des Theaters.

Für mich haben Inszenierungen von Claus Peymann gezeigt, was Theater sein kann und zu leisten vermag, wenn man auf die Texte der Dichter und die schauspielerischen Qualitäten eines Ensembles vertraut. Und dass es Mut und Engagement braucht, um in dieser Welt etwas zu bewirken. Ohne ihn und sein Theater wäre ich ein anderer Mensch und Theatergänger geworden.

Ob er im Himmel die Kraft findet, weiter zu inszenieren, werden wir nie erfahren. Was aber gewiss ist: er wird vom Himmel herabschauen und des Öfteren über das Treiben hier unten den Kopf schütteln.

 

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