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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Premiere der Wagner-Oper „Parsifal“ in einer Inszenierung von Brigitte Fassbaender

Musik-Magie als Vorspiel einer glücklicheren Welt

Von Uwe Kammann

„Je mehr ich mich darum bemühe, desto mehr wird mir dieses Werk zum Monument des Unerklärlichen“: So sah und sagte es Brigitte Fassbaender, die Regisseurin des aktuellen „Parsifal“, vor der Premiere an der Frankfurter Oper. Und jetzt, nach den vier Stunden der ersten Aufführung. Ist das Publikum einer Erklärung nähergekommen? Ist das, was Wagner (programmatisch?!) als „Bühnenweihfestspiel“ gleichsam als Summe seiner bisherigen Werke für das neue Festspielhaus als Autor und Komponist geschaffen hat (uraufgeführt 1882), eineinhalb Jahrhunderte später immer noch oder überhaupt zugänglich? Tragen seine Botschaften, wenn denn deren Intentionen sich herauslösen oder übersetzen lassen?

Schlussapplaus für die Solisten, hier mit Regisseurin Brigitte Fassbaender (2.v.li) , Foto: Petra Kammann

Versucht haben es ja viele, die Bayreuther Festspiele waren immer wieder Labor und Schauplatz der oft heftigsten Auseinandersetzungen. Wieviel Tradition darf oder soll sein? Welches Maß an Moderne ist zwingend notwendig, um Überkommenes über Bord zu werfen, um  Erstarrtes zu verflüssigen, um vermeintlich Zeitgemäßes herauszuarbeiten?

Ein extravaganter Künstler wie Christoph Schlingensief durfte sich daran versuchen, ein provokanter Exzentriker wie Jonathan Meese wurde erst ein- und dann wieder ausgeladen, Regisseure wie Uwe Eric Laufenberg wurden verrissen (FAZ: „zerquetscht zwischen Pseudoaktualität und handgeschnitzter Oberammergau-Konvention“ (2016), auch Jay Scheib ging es 2023 nicht besser (Die „Frankfurter Rundschau“ zum zahlenmäßig begrenzten Technok-Einsatz von augmented reality: „Ohne Brille sah man eine mit etwas Video aufgepäppelte analoge Vorstellung, wie ein anständiges Stadttheater sie allemal zusammenbringt“. Auch an absoluten Gegenwartsbezügen fehlte es nicht, so lagerten schon einmal im nordarabischen Ambiente Flüchtlinge auf der Bühne.

Auf solche vordergründigen Bezüge verzichtete Fassbaender in Frankfurt. Die ins 12. Jahrhundert zurückreichende Artussage behielt ihren Kern mit den Themen von Ritterlichkeit, Tugenden, Welterkundung, Ritualordnung, eingebettet in religiöse Elementarbilder und spirituelle Suche nach Überzeitlichem und fundamentalen Gewissheiten beim menschlichen Streben nach einer verlässlichen Überheimat. All dies fand sich in Wolfram von Eschenbachs Parzival-Roman, der sich auf die vielfach variierte Sage vom heiligen Gral stützte.

Kann diese historische Grundfigur heutigen Menschen in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft noch etwas sagen, sind eine solche traditionsbestimmte Sinnsuche und eine solch’ festgefügte, ritualbefestigte Glaubenswelt noch plausibel zu vermitteln? Nun, hieran entzündete sich schon der Zweifel Brigitte Fassbaenders, sie urteilte klar, dass alles, was Wagner in seine eigene Deutung und Darstellung der Grals-Geheimnisse hineingewoben hatte – in einer Kombination von „Weltsichtigkeit und Überdimensionalität“ –, zu komplex für eine eindeutige Auslegung sei. Die Interpretation, so habe sie gelernt, erfordere „ein Übermaß von Mut“. Vermutlich, so fügte sie hinzu, „auch den der Verzweiflung“.

v.l.n.r. Ian Koziara (Parsifal) und Andreas Bauer Kanabas (Gurnemanz) sowie Andrew Kim und Andrew Bidlack (Knappen), Foto: Monika Rittershaus

Nun, das sah man in dieser engen Konsequenz ihrer Interpretation nicht an. Wohl aber, dass Fassbaender dem Wagnerschen Ernst einige ironische Brechungen gegenüberstellte. Dazu gehören erst traurige Schwanenflügel, zum Schluss dann Sonnenbrille und Trenchcoat des wanderheimkehrenden Parsifal; oder Brezeln statt der Oblaten beim weihevollen Abendmal; schlussendlich gegenseitiges Zuprosten per Sekt, um eine glückliche Auflösung der gesellschaftlichen Un-Ordnung und Schieflage zu feiern.

Zudem: Ein hollywoodreifes Happyend per Kuss besiegelt in der Frankfurter Inszenierung das Ende der (Irr-)Wege der anfangs zwielichtig gezeichneten Kundry (für Wagner die Verbindung von „fabelhaft wilder Gralsbotin“ und „verführerischem Weib“) und des Gralskönigs Amfortes: Dessen Greisenvater Titurel muss sich als Rest-Würdenzeichen mit einem kümmerlichen Hermelin-Verschnitt begnügen, später lässt ihm die Regisseurin gerade noch Rollator-Kraftreste.

Reicht das, um die Rittergesellschaft, die anfangs („erster Aufzug“) in flannelgraue Theater-Anzüge der Fast-Zeitlos-Moderne gekleidet ist, als hoffnungslos verloren zu kennzeichnen, kaum zu heilen bei ihrem Sinnverlust, der sich in der ewig währenden Wunde manifestiert, mit der Amortes geschlagen ist? Eine Wunde überdies, die nur mit dem symbolisch überhöhten Speer zu heilen ist, den ein übergangener, ausgeschlossener Widersacher an sich gebracht hat, der nun als Zauberer Klingsor ein eigenes (Garten)-Reich hütet?

v.l.n.r. Jennifer Holloway (Kundry), Ian Koziara (Parsifal) und Nicholas Brownlee (Amfortas) sowie Ensemble, Foto: Monika Rittershaus

Nun, das alles lässt sich weder auf den ersten noch auf den zweiten oder dritten Blick zwingend auf die heutige Gesellschaft und ihre Akteure übertragen. Natürlich, an überzeitlich zu verstehender grundlegender Einengung und Düsternis fehlt es nicht. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker (er ist auch für die Kostüme verantwortlich) zwängt anfangs die Ritterrunde zwischen raumhohe, perfekt abschottende dunkle Mauern, bevor es dann die zweite Spielstätte öffnet, einen großzügig-reichen Macht- und Prachtraum, der (im zweiten Aufzug) auch Klingsor dient, dort als Rahmen für das eigene lustvoll-böse Agieren.

Hier baut Fassbaender auch eine Sexzene ein – der Zauberer (ohnehin eher als Karikatur angelegt) entpuppt sich als geiler Bock (und nennt sich dabei „Meister“), der sich Kundrys bemächtigen will. Allein, Parsifal, der seine als reine Torheit vereinnahmte Natur weitgehend abgelegt hat, ist stärker, unter gewaltigem Theaterdonner ist der Untergang des Bösewichts besiegelt, der damit wieder zugängliche zauberimprägnierte Speer wird (als dann ewiger Hand- und Handlungsbegleiter) seine heilende Kraft bei der Rückkehr in die Gralsgesellschaft entfalten können.

Ian Koziara (Parsifal) umringt von Klingsors Zaubermädchen und Chor, Foto: Monika Rittershaus

Zu den launigen Einfällen gehört an dieser Stelle, dass Wagners ursprünglich-natürliche Blumenmädchen als weißheitere Schar von Bräuten ihre Verführungskünste dem siegreichen Parsifal (der nun statt des anfänglichen Holzfällerhemds ein ritterlich anmutendes Wams trägt) angedeihen lassen wollen. Der sich, hehr wie er ist – der angedichteten Reinheit verpflichtet? –, dem streichelnden Dutzendbegehren der Mädchen entzieht (nur eines darf mit erotischen Tütü-Dessous dem anzüglichen Klischee entsprechen, das andere Regisseure schon weidlich ausgemalt haben).

Mit Parsifals Rückkehr in die Ritterrunde ist dann die glückliche Wendung möglich, der heilige Gral – dieses sinnversprechende, übersinnliche Gefäß – darf seine Erlösungskraft ausstrahlen. Zweimal wird dieser Gral enthüllt, in grotesker Übergröße, hell goldgleißend zum Schluss. Hat die Regie einen WM-Pokal zu dieser Dimension steigern wollen, ist auch das Goldene Kalb mitgemeint? Womöglich, das bleibt offen. Wie auch die allpräsenten groben Fake-Felswände der Grotte – die der Szenerie ebenso einen Wandelrahmen geben wie sie einen Blick in ein Einsiedler-Paradies des bayerischen Märchenkönigs öffnen, später auch den Durchgang zum kreuzbesteckten Totenreich eines Friedhofs freigeben –, wie also auch diese gigantische Bühnendeko als ironisches Großzitat verstanden werden können, die als steinerne Erblast.

Andreas Bauer Kanabas als Gurnemanz bekam viel Applaus, Foto: Petra Kammann

Diese Ambibalenz ist, so scheint es, der durchgehende Zug dieser Inszenierung. In der gleich anfangs – als Fortsetzung eines religiösen Rituals, eines Gottesdienstes, dem einige aufmüpfige Knaben gleich entfliehen wollen – die so knappe wie existentielle Frage aufgeworfen wird: „Was ist gut, was ist böse?“ Sie entspricht dem ordnend-klärenden Denken des Ritters Gurnemanz, der in der Oper eine Rolle einnimmt wie der Evangelist in Bachs Passionen: als haltgebender, wissender Erzähler. Herausragend meistert diese unglaublich fordernde Partie Andreas Bauer Kanabas. Es ist phänomenal, wie er – der er seit über zehn Jahren zum Ensemble der Frankfurter Oper gehört – mit äußerster Sprachverständlichkeit ebenso wie mit interpretatorischer Geschmeidigkeit dem Geschehen feste Strukturen einzieht.

Herausragend die Solisten des Abends, Foto: Petra Kammann

Auch die übrigen Solisten – Nicholas Brownlee als Amfortas, Alfred Reiter als Titurel, Jan Koziara als Parsifal, Iain Macneil als Klingsor, Jennifer Holloway als Kundry – beweisen mühelos, auf welch’ hohem Niveau in Frankfurt gesungen wird; und das gilt nicht nur für die stimmliche Brillanz, sondern auch für die nie zu unterschätzende Charakterausleuchtung bei der Darstellung.

Nicht minder beeindruckend die Leistung des Chores. Unter der Leitung von Gerhard Polifka, der seit zwei Jahren stellvertretender Chordirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin ist, entwickelte der Frankfurter Chor – der mit dem Gesang der Bräute eben auch einen speziell weiblichen Part intonierte – eine ungemeine Wucht, die allerdings in jeder Phase nie die Präzision verlor. Diese geballte Stimmenmacht ist natürlich ein wesentlicher Teil des Wagnerschen Universums. Wenn es, wie hier, seine innere Linie als Feuer offenbart, ist dies einfach nur tief bewegend und beeindruckend.

Aber all’ dieses Können – das sich nie selbstverliebt ausstellt, sondern gleichsam wie selbstverständlich realisiert wird – wurde bei dieser Premiere noch übertroffen durch das Wunder des Orchesterklangs. Wer die Augen schloss, der vernahm zwar auch die mäandernd wiederholten Schlüsselworte wie Sünde, Schuld, Heil und Heiland, aber vor allem tauchte er ein in eine flirrende Klangwelt.

Wer je Skepsis empfunden hat beim Wagnerschen Pathos, der erlebte hier eine Umkehr. Welch’ eine Magie, welch’ wahre Zauberkraft – transparent, schwebend, alle Stimmungslagen ausdeutend, alle Seelenschichten umspielend, unter- und abgründig schwelgend, in poetischer Feinheit die kleinsten Szenerien ausmalend, dann tragische Konturen zeichnend – ein klangliches Universum entfaltete sich, das zugleich gefangen hielt und in höchste Höhen entführte.

Nicholas Brownlee (Amfortas; in der Bildmitte sitzend) und Ensemble, Foto:Monika Rittershaus

Kein Wunder, dass Thomas Guggeis, dieser blutjunge Orchesterchef, vom Publikum geradezu enthusiastisch gefeiert wurde. Wiederum kein Wunder – oder doch? –, dass er nach dieser phänomenalen Leistung voller Dynamik auf die Bühne sprang und sein Orchester (ja, seines, uneingeschränkt) mit energischen Gesten aufreihte, um diesen hochverdienten Beifall ebenfalls zu genießen. Warum das ausgedehnte Vorspiel, dass die ganze Spanne der Wagnerschen Vorstellungswelt umfasste, von changierenden Vorhangprojektionen der impressionistischen Monet-Ansichten der Kathedrale von Rouen begleitet wurde, das hat sich übrigens nicht erschlossen.

Gefeierter Star des Abends: Thomas Guggeis, der junge GMD der Frankfurter Oper, Foto: Petra Kammann

Aber diese Anspielungs-Gründelei war/blieb eine quantité negligeable, überdeckt vom Klangzauber dieses Abends. Er ließ auch, bei geschlossenen Augen, die in sich verschlossene (und wundgeplagte) reine Männerwelt vergessen machen, welche unablöslich zur Gralsgläubigkeit gehört und durch die Inszenierung eines individuellen Hollywood-Happyends und das befreiende Ablegen der späteren Lemuren-Uniformen der Grottengesellschaft nicht aufgehoben wird.Befreiend: schon ein Vorzeichen einer bald zu erringenden gesellschaftlichen Freiheit? Nicht wirklich, nein, dieses Versprechen machte Brigitte Fassbaender mit dieser Wagner-Deutung nicht. Aber das von Thomas Guggeis eröffnete musikalische Universum vermittelte mehr als nur eine Vorahnung – im oszillierenden Klangbild einer glücklicheren Welt.

Weitere Vorstellungen:

24., 29. Mai 2025
1. Juni  (15.30 Uhr),
7., 9. (15.30 Uhr),
14., 19. Juni 2025 

Falls nicht anders angegeben, beginnen die Vorstellungen um 17 Uhr. 

Karten sind bei unseren üblichen Vorverkaufsstellen, online unter: www.oper-frankfurt.de oder im Telefonischen Vorverkauf 069 – 212 49 49 4 erhältlich

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