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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Meisterhaft: das Cello-Klavier-Duo Benjamin Kruithof und Marco Sanna in Bad Homburg

Hauskonzert als kammermusikalisches Ereignis bei Viviane Goergen

Von Uwe Kammann

Der Hessische Rundfunk hat seinen „Cello-Frühling“ gerade mit dem Motto „Quick & Classic“ angekündigt. Mit einem anschließenden „Meet & Greet“ an der Bar, inklusive der Gelegenheit, mit den Musikern zu sprechen. Ganz anders die Intonation in der Einladung zu einem frühsommerlichen Konzertabend in Bad Homburg. Dort heißt es schlicht: „Hauskonzert bei Viviane Goergen“. Was dann bedeutete: einem Cello-Klavier-Duo zu lauschen, das tatsächlich, wie die Hausherrin gleich anfangs betonte, auf allerhöchstem Niveau musiziert. Der Cellist Benjamin Kruithof und der Pianist Marco Sanna schlugen allein mit den ersten Tönen in einem großzügigen Salon mit Blick auf den Kurpark das kleine/feine Publikum in den Bann – und wurden mit überreichem Beifall belohnt.

Einleitende Worte der Pianistin und Nachwuchsförderin Viviane Goergen, Foto: Petra Kammann

Schon beim ersten Stück, der „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky, bewiesen die beiden, wie eng ihr Spiel aufeinander abgestimmt ist – ohne direkten Blickkontakt, in gleichsam blindem Verständnis. Allerdings, es war beileibe nicht ihr erster gemeinsamer Konzertauftritt. So waren sie in der Kölner Philharmonie vor zwei Jahren unter der vielversprechenden Ankündigung „rising stars“ aufgetreten; ein Konzert in der Berliner Philharmonie wurde im vergangenen September von der Kritik als „Sternstunde der Kammermusik“ gefeiert. Ohnehin, Benjamin Kruithof und Marco Sanna wurden trotz ihrer noch jungen Jahre mit Preisen überhäuft, die renommiertesten Konzertsäle im internationalen Rahmen standen und stehen ihnen offen.

Bestens aufeinander eingespielt: der Pianist Marco Sanna und Benjamin Kroithof, Foto: Petra Kammann

Was in Bad Homburg sofort zum Schwärmen verleitete: der überaus warme Ton des Cellos, ein sehr rares Instrument – nur vier gingen aus der Werkstatt des vor allem als Klavierbauer berühmten Bartolomeo Christofori hervor. Kruithof liebt dieses ihm von der Stretton Foundation zur Verfügung gestellte Instrument sehr. Dessen tonaler Exzellenz aus dem 18. Jahrhundert stand beim Hauskonzert der moderne Steinway-D-Langflügel – auf ihn ist Viviane Goergen, selbst herausragende Pianistin, zu Recht stolz – in nichts nach.

Erstaunlich dabei, dass die kraftvolle Kombination der beiden Instrumente die naturgemäß begrenzte private Räumlichkeit nicht überforderte. Im Gegenteil, der doppelräumige Salon wirkte wie ein zusätzlicher Resonanzkörper, der das intensive Zusammenspiel nochmals steigerte, ihm eine geradezu körperlich spürbare Präsenz und Energie verlieh.

Was natürlich schon der Anfang der 30er Jahre entstandenen italienischen Suite von Igor Strawinsky – eine sehr freie Bearbeitung italienischer Triosonaten aus dem 18. Jahrhundert – mehr als zugute kam. Serenadenhaftes, durchaus melodiös, bildet den Auftakt, dann folgt Tänzerisches – aber schon darin steckt Aufreizendes und Wildes, wie es die Interpretation der beiden Musiker fast ungebärdig aufscheinen ließ. Um dann, ganz in der Intention des Komponisten, das Rhythmische markant herauszuarbeiten und diverse Klangspielereien klar zu konturieren, in denen Melodiöses nur noch in Fragmenten hervortritt.

Ganz anders dann – enorm kontrastierend schon im sehr zarten Auftakt – der Zyklus „Trois Pièces“ der französischen Komponistin Nadia Boulanger (die seit der Wende zum 20. Jahrhundert auch als Klavier- und Orgelvirtuosin, als Dirigentin und Chorleiterin sowie als Pädagogin wirkte). Wenn die Vorstellung von Frühling musikalisch zu übersetzen wäre, dann sicher so, als anfangs zart perlende Entsprechung der berühmten Bildimpressionisten. Getuscht, gehaucht, ein subtiles Versprechen von unbeschwerten Anfängen – auch dies vermittelten Kruithof und Sanna meisterhaft.

Das Cello umspielte dabei im ersten der drei Stücke, einem Moderato in es-Moll, die von Sanna zart intonierte, aber nie süßliche Klavierbegleitung in genau der richtigen Stimmung. Während im zweiten Stück, einem Doppelkanon in a-Moll mit elegischem Hauch, die Rollen hörbar verkehrt werden – indem hier das Klavier dem Cello im winzigen Achtel-Abstand folgt: eine höchst raffinierte Konstellation, welche die beiden Solisten in einer sehr feinen Abstufung interpretierten.

Benjamin Kruithof folgte mit seinem Cello den emotionalen Stimmungen der Komponisten, Foto: Petra Kammann

Bevor sie dann, im dritten Stück, eine ganz andere Tonalität anschlugen, stark rhythmisiert, kraftvoll, geradezu rasant, mit vorwärtstreibenden Pizzicato-Akkorden, mit vielfältigen musikalischen Einfällen – eine sehr eigenwillige Ausdrucksform, die dem impressionistischen Ausgangstimbre verblüffend andere Tonfacetten beimischt. Auch hier war wieder zu hören, wie beinahe traumwandlerisch Kruithof und Sanna einander ergänzen: als ob zwei Instrumente zu einem würden.

Genau diese eingespielte, einswerdende Zweisamkeit verlieh dann auch dem dritten Teil dieses fulminanten Hauskonzerts eine hohe Intensität, mit einer inneren Spannung, die sich bei der berühmten, 1901 entstandenen Sonate in g-Moll op. 19 von Serge Rachmaninow spürbar auf das gebannte Publikum übertrug. Diese innere Übereinstimmung ist überaus wichtig, um die Ausdruckskontraste des Stücks bestens konturiert hervortreten zu lassen und all’ jene tiefen, geradezu aufwühlenden Gefühlsschichten hervorzurufen, welche der Komponist dieser Sonate mitgegeben hat.

Fast atemlos verfolgte man bei dieser leidenschaftlichen, entschlossen vorwärtsgetriebenen Interpretation alle hochdramatischen Wendungen des Stücks. Dies beginnt mit getragener, schmerzvoller Dunkelheit, besser noch: Düsternis – welches Instrument könnte die darin sich spiegelnde Verzweiflung besser vermitteln als ein Cello, zumal dann, wenn es mit so tiefempfundener Anteilnahme gespielt wird wie von Kruithof? –, eine Stimmung, die im Finale durch ein furioses Aufleuchten, durch eine bis zum Taumel reichende Freude abgelöst wird.

Kritiker beschrieben dieses tief berührende Wunderwerk der Kammermusik – das der Komponist nach der Heilung von einer Depression schrieb – als schwelgerisch, aber gleichwohl geprägt von einer klassischen Disziplin, wie sie allen Werken Rachmaninoffs eigen sei. Aber gleichzeitig verfüge die Sonate über jede Menge Ecken und Kanten und, damit verbunden, über enorme technische Herausforderungen. In der Tat, genauso war es an diesem Abend zu hören. Und auch zu sehen. Denn dank der intimen Nähe zum Cellisten war es atemberaubend, die Griffe Kruithofs zu beobachten, schier akrobatisch tanzten die Finger auf den Saiten, um all’ die spannungsvollen Volten der Sonate mit äußerster innerer Anteilnahme in eine existentielle Lebendigkeit zu übersetzen.

Auch die Solisten freuten sich über das gelungene Zusammenspiel, Foto: Petra Kammann

Der Beifall wollte nicht enden. Was – natürlich, trotz der Verausgabung –– noch eine Zugabe bescherte: Peter Tschaikowskys „Pezzo capriccioso“ (op. 62 in h-moll). das in einer Version für Cello und Klavier im Jahr 1888 erstmals in Paris aufgeführt wurde, im Salon der Sängerin Maria Benardaki. So, als Salonmusik, wird es auch eingestuft, allerdings als höchst kultivierte, die gerade den Cellisten als Virtuosen glänzen lässt. Gleichwohl, bei diesem Hauskonzert hatte auch der Pianist Marco Sanna einen sehr markanten Part, der sich keinesfalls hinter Fortissimo-Stellen und vom Cello vorgetragenen, fast majestätisch interpretierten melodiösen Tonbögen verstecken sollte. Wobei es natürlich schon optisch verblüffend war, mit welcher Virtuosität Kruithof bei den überaus schnellen Spicatto-Passagen seine Griffe ausführte, bei denen der Tonumfang des Instruments bis in die höchsten Lagen ausgereizt wird.

Nochmals folgte ein überschwänglicher, von großer Bewunderung und Faszination getragener Applaus, der natürlich auch äußerste Dankbarkeit einschloss für die in Bad Homburg vielfältig (so regelmäßig in der Kulturkirche) auch als Pianistin aktive Gastgeberin, welche dieses Hauskonzert – zu dem dann ein von angeregten Gesprächen begleiteter Wein-Nachklang gehörte – arrangiert hatte. Wobei einer der beiden phantastischen Künstler, der Pianist Marco Sanna, sich nach der Zugabe blitzschnell verabschieden musste. Im vollen Vertrauen darauf, dass ihn die Deutsche Bahn noch am selben Abend nach Köln zurückbringen würde.

Verabschiedung. Musste noch am selben Abend nach Köln zurück – der Pianist Marco Sanna, Foto: Petra Kammann

Aber es blieb eben für die Gäste noch die Gelegenheit, sich mit Benjamin Kruithof ausführlich auszutauschen; nicht zuletzt, um beispielsweise zu erfahren, dass er seine Karriere sage und schreibe schon im Alter von fünf Jahren begonnen hat, in einem grundmusikalischen luxemburgischen Elternhaus. Ein Weg, der ihn jetzt in alle Welt hinausführt. Und zu dem aktuell auch eine Station ganz in der Nähe Frankfurts gehört – die vielgerühmte Kronberg Academy mit ihrem weltweit einmaligem Forum, das nach dem Jahrhundert-Cellisten Pablo Casals benannt ist.

Benjamin Kruithof, so wird es bei allen Gästen des Abends nachhallen, ist mit seinen 24 Jahren ein Cellist, der dem weltberühmten Namenspatron schon jetzt alle Ehre macht.

Der Cellist genießt seine Ausbildung an der Kronberg Academy, Foto: Petra Kammann

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