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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Schirn präsentiert mit „Troika – Buenavista“ raumfüllende immersive Installation

Wie aus Künstlicher Intelligenz künstlerische Intelligenz wird

Von Hans-Bernd Heier

Die Werke des Künstlerkollektivs Troika überschreiten disziplinäre Grenzen und untersuchen die Trennlinien zwischen Natur und Künstlichkeit, Realem und Romantischem, Lebendigem und Nichtlebendigem. Die Künstler*innengruppe ergründet, wie neue Technologien die Beziehung des Menschen zur Welt beeinflussen. Für die Schirn Kunsthalle Frankfurt hat Troika eine ortsspezifische immersive Installation entwickelt, die neue und bestehende Arbeiten kombiniert und um verschiedene Arten von Intelligenz kreist.

Troika, Produktionsstill eines animierten Roboters; © Troika

Die raumfüllende Installation untersucht die Verortung des Menschen in einer Welt, in der neben der humanen auch tierische, pflanzliche und künstliche Intelligenz existieren. Das Kollektiv – bestehend aus Eva Rucki, Conny Freyer und Sebastien Noel – arbeitet seit 2003 mit Skulptur, Film, Installation und Malerei und reflektiert über weltliche und außerweltliche Landschaften sowie über die Transformation der Natur im 21. Jahrhundert durch den technologischen Fortschritt.

„Auf eindrückliche Weise und mit hoher atmosphärischer Wirkungskraft schärft die Kunst von Troika unseren Blick dafür, wie sich die Welt verändert durch den technologischen Filter, den wir über sie legen und durch den wir sie vermehrt betrachten“, erläutert Schirn-Direktor Sebastian Baden. „In der Schirn entfaltet das Künstler*innenkollektiv eine durch den Einfluss von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz kreierte futuristische Landschaft und wartet mit zwei eigens für die Ausstellung entwickelten neuen Arbeiten auf. Die Künstler*innen berühren damit hochaktuelle Fragen und Prozesse, die unsere unmittelbare Gegenwart betreffen und uns vor physische, moralische und gesellschaftliche Herausforderungen stellen.“

Troika „Ultra Red, Evergreen, Ocean Blue“, Installationsansicht; © Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Roy Bon

Die beeindruckende Ausstellung beschwört die Umweltvorstellung einer alternativen Intelligenz herauf, deren Träume von menschlichen Erinnerungen und Fantasien geprägt sind. Spektakuläre Naturszenen flimmern über Bildschirme: palmengesäumte Strände, türkisfarbene Schmelzwasserseen, sich kräuselnde Sanddünen unter sternenklarem Himmel. Wälder werden von Kameras in Baumkronen überwacht, Klimamodelle sagen langfristige Veränderungen in der Biosphäre voraus. In einer Gesellschaft, die übersättigt ist von digitalen Bildern, Beschreibungen und Simulationen, präsentieren Troikas Arbeiten eine Vision der Umweltsehnsucht, die über die menschliche Verkörperung hinausgeht.

„Früher musste man in der Morgendämmerung aufstehen oder einen Berg besteigen und in die Welt eintauchen, um eine ‚schöne Aussicht‘ zu genießen. Heute werden solche Bilder in einem ständigen Strom von Verlockungen in unsere Handys und Computer gespeist“, sagt die Kuratorin Dehlia Hannah.“Von der Werbung für den Tourismus bis hin zu Berichten über Umweltkatastrophen blättern wir durch die Extreme unseres Planeten. Haben sich die Fantasielandschaften jemals so nah angefühlt – oder so weit weg? Wenn Subjektivität in Beziehung zu unserer Umwelt geformt wird, wer werden wir dann sein? Troika geht diesen Fragen in einer neuen immersiven Installation nach, die es uns ermöglicht, die sich verschiebenden Grenzen in der Gegenwart wahrzunehmen und eine übermenschliche Welt mit allen Sinnen zu erfahren.“

Sebastian Baden und Kuratorin Dehlia Hannah bei der Pressevorbesichtigung; Foto: Hans-Bernd Heier

Während die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz rasch voranschreiten, geraten die Vorstellungen von menschlicher Intelligenz und Handlungsfähigkeit ins Wanken. An die Stelle objektiver und leicht quantifizierbarer menschlicher Eigenschaften treten Andeutungen nichtmenschlicher Formen des Bewusstseins, der Koordination und der Intention. Was wäre, wenn Pflanzen zielgerichtet und altruistisch handelten oder ähnlich wie Tiere einen Sinn für Verwandtschaft zeigten? Was wäre, wenn sich die technologischen Fortschritte in Robotik und Computertechnik von den Geboten der Effizienz, Geschwindigkeit und Optimierung, auf die sie programmiert wurden, entfernten? Könnten aufkommende Intelligenzen die ausbeuterischen Tendenzen, die die gegenwärtige Umweltkrise vorantreiben, verstärken oder sich ihnen – im Gegenteil – widersetzen?

Die fünfteilige Präsentation vereint neue und bestehende Arbeiten von Troika zu einem immersiven Erlebnis. Sie ist durchzogen von dem sich verändernden Lichtspektrum der Arbeit „Ultra Red, Evergreen, Ocean Blue“ (2024). Das halbrunde, nach Süden ausgerichtete Fenster des Ausstellungsraums ist in drei monochromatische Zonen aus Rot, Grün und Blau unterteilt – wie eine Makroversion der für digitale Bilder typischen Farbfilteranordnung.

Troika “Buenavista“, 2025, Installationsansicht; © Schirn Kunsthalle Frankfurt; Foto: Roy Bon

In dem großen Ausstellungsraum ist eine installative Landschaft, in deren Mittelpunkt zwei neu entwickelte Arbeiten stehen “Buenavista“ (2025), ein computeranimierter Film, der der Ausstellung ihren Titel gibt, sowie die mehrkanalige Soundinstallation „I Am a River“. Die großformatige Videoarbeit zeigt eine sich fortlaufend verändernde Panoramalandschaft, im Vordergrund eine geheimnisvolle Gestalt mit langen braunen Haaren. Diese ist eine wiederkehrende Protagonistin im Œuvre des Kollektivs – eine alternative Intelligenz in Gestalt eines Kuka-Industrieroboters. Die Figur reckt sich in die Höhe und wirbelt wild umher, während eine Flut von Bildern über den Bildschirm flimmert und die Landschaft in eine sich schnell verändernde Collage aus Sand, Eis, Bäumen und geologischen Formationen verwandelt. Buenavista ist eine Parodie auf die manische Zerstreutheit des Scrollens und Klickens durch unzusammenhängende Elemente auf der Suche nach der „schönen Aussicht“ und hält der menschlichen Sehnsucht nach Natur einen Spiegel vor. Die kreisenden Bewegungen der pelzigen Roboterfigur, die eine choreografische Übereinstimmung mit der sie umgebenden Welt anstrebt, werden von der Klanginstallation „I Am a River“ begleitet.

Die poetische Anrufung, die vom Sufi-Mystiker Rumi aus dem 13. Jahrhundert inspiriert ist, erinnert an die meditativen Praktiken des Wirbelns oder Kreisens von Sufi-Derwischen. Die schwindelerregende Transformation der Landschaft findet ihr Echo in der akustischen des Textes, der auf unterschiedlichen Frequenzen zwischen Verständlichkeit und Unverständlichkeit changiert. Teil der umgebenden Landschaft ist „Anima Atman“ (2024). Disteln bewegen sich wie in Zeitlupe und mit einer unnatürlichen Lebendigkeit. Die Arbeit spielt mit der menschlichen Wahrnehmung von flackerndem LED-Licht, um unsere kognitive Voreingenommenheit und letztlich die Fähigkeit, nichtmenschliches Handeln zu erkennen.

Drei Gemälde der Serie „Irma Watched Over by Machines“ zeigen die Zerstörungen durch den Hurrikan Irma, der 2017 die Karibik heimsuchte. Sie wurden von Umweltüberwachungssystemen im RAW-Format (digitale Negative) aufgenommen. Die Serie ist inspiriert von Richard Brautigans techno-utopischem Gedicht „All Watched Over by Machines of Loving Grace“. Heruntergebrochen auf farbcodierte Pixel und gemalt in einer begrenzten Palette von je sechzehn Rot-, Grün- und Blautönen, reflektieren die Szenen der Naturkatastrophe den gleichgültigen Blick der Kamera. (red.)

 

Die faszinierende Ausstellung , die nur bis zum 21. April 2025 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen ist, wird gefördert durch die SCHIRN ZEITGENOSSEN, die Aventis Foundation, den Partner der Schirn American Express. Mit zusätzlicher Unterstützung durch die Stiftung Stark für Gegenwartskunst.

Weitere Informationen unter: www.schirn.de

 

 

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