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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Fluxus – „fließende“ Kunstform auch nach 60 Jahren faszinierend

Im Fokus des Jubiläumsprogramms „Fluxus Sex Ties“ künstlerische Positionen von Frauen

 Von Hans-Bernd Heier 

1962 fanden im Vortragssaal des Museums Wiesbaden, dem jetzigen Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur, die „Fluxus Internationale Festspiele Neuester Musik“ statt. Diese kulminierten in der legendären Zerstörung eines Steinway-Konzertflügels mit Axt und Säge und sorgten weltweit für Schlagzeilen. Diese spektakuläre öffentliche Zertrümmerung eines Pianos wurde als brutaler Affront gegen bürgerliche Traditionen und als regelrechter Skandal wahrgenommen. Die gewaltsame Klavier-Zerstörung ging in die Kunstgeschichtsschreibung ein und wurde als Geburtsstunde der neuen, damals noch revolutionären Kunstform angesehen.

Dorothy Iannone: „A Souvenir for Ajaxander“, 1989/90, Foto: Giorgia Palmisano, Courtesy: Archivio Conz, Berlin

Diese entwickelte sich zur Quelle international bahnbrechender Umbrüche in der Bildenden Kunst. Nach den aufsehenerregenden Festspielen in Wiesbaden schlossen sich Ereignisse in Köln, Wuppertal, Kopenhagen, Paris, Amsterdam, Den Haag, London, Nizza, Düsseldorf an und schließlich fast in aller Welt. Nun feiert die Landeshauptstadt das 60-jährige Jubiläum der Fluxus-Bewegung, die von Wiesbaden international bekannt wurde. Gleichzeitig kann der „Nassauische Kunstverein – Zentrum für zeitgenössische Kunst“ sein 175-jähriges Jubiläum mit einem performativen, fluxuriösen Programm feiern. „Ein Grund zum Jubeln“, freut sich Elke Gruhn, Leiterin des Kunstvereins.

Doch was bedeutet eigentlich Fluxus? Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „fließend“. Eine verbindliche Definition dieser Kunstbewegung gibt es nicht, ebenso wenig existiert eine fest umrissene Künstlergruppe. Fluxus sollte, und das ist bis heute so, eine offene Kunstform bleiben, eine Mischung aus Happening und Aktionskunst, in der künstlerische Ausdrucksformen wie Tanz, Theater, Film, Musik, Rezitation, Literatur Pantomime, Aktion und Elemente Bildender Kunst immer wieder neue Verbindungen eingehen.

Auch der interdisziplinäre Ansatz zwischen  Kunst und Naturwissenschaft, Gesellschaft und Politik ist kennzeichnend für die äußerst kreative Kunstbewegung. Sie hat nichts von ihrer Vielfalt und Faszination verloren, wie das umfangreiche, bunt gemischte Jubiläums-Programm der „Fluxus-Stadt“ Wiesbaden, so Kulturdezernent Axel Imholz, mit zahlreichen Ausstellungen, Konzerten, Performances, Vorträgen und Interventionen zeigt. Einige Ausstellungs-Highlights sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Unter dem Leitmotto „Fluxus Sex Ties: Die Künstlerinnen“ lenkt das Festivalprogramm den Blick speziell auf das Wirken der Fluxus-Künstlerinnen, um deren Arbeiten in Ausstellungen, Konzerten und Aktionen im öffentlichen Raum gebührend zu feiern. Während der vergangenen Jahre wurde vor allem das Schaffen der männlichen Protagonisten gezeigt Alison Knowles war damals die einzige Frau, die in Wiesbaden auf der Bühne stand. Anlässlich des diesjährigen Jubiläums beleuchtet Wiesbaden bis zum 31. Dezember 2022 ausschließlich und ausdrücklich künstlerische Positionen von Frauen, u. a. mit Arbeiten von

Cover: Das  46-seitige Festprogramm lockt mit einem reichhaltigen kulturellen Angebot an elf verschiedenen Veranstaltungsorten in Wiesbaden; Kulturamt Wiesbaden; Foto: Hans-Bernd Heier

Eine Ausstellung, die sich Kunst-Interessierte auf keinen Fall entgehen lassen sollten, ist die äußerst unterhaltsame Schau im Nassauischen Kunstverein „Fluxus Sex Ties – Hier spielt die Musik“ – und das ist wörtlich zu verstehen. Gleich im „Piano Nobile“ im ersten Obergeschoss des Kunstvereins sind von Sari Dienes, Esther Ferrer, Dorothy Iannone, Alison Knowles, Charlotte Moorman, Ann Noël, Takako Saito und Carolee Schneemann gestaltete Klaviere, Konzertflügel und Cellos aus der Sammlung Archivio Conz zu bewundern. Diese fantasievoll gestalteten Exponate verwandeln den Ausstellungsraum in einen optischen Klangkörper. 

Ann Noël „Untitled“, 1989 /2001, Piano, colour, paint, paper labels; Foto: Hans-Bernd Heier

So heiter die fantasievoll bemalten, bunten Tasteninstrumente stimmen, so bedrückend wirkt das gezeigte „Bomb Cello“, an dem Charlotte Moorman musiziert. Die Cellistin sorgte in den 60er Jahren  für weltweites Aufsehen, als sie barbusig das Streichinstrument spielte. Dies brachte ihr den Titel „topless cellist“ ein. Dafür wurde sie sogar verhaftet. Im Rahmen des Jubiläumsreigens zeigt das Kunsthaus Wiesbaden noch bis Sonntag, 31. Juli, die Präsentation „Cello im Eisbad: Charlotte Moorman und Nam June Paik. Eine Hommage in Bildern„. Damit gedenkt das Kunsthaus auch des koreanischen Komponisten und Videokünstlers Nam June Paik, der dieser Tage 90 Jahre alt geworden wäre, und richtet die Scheinwerfer auf die Persönlichkeit, die es ihm ermöglichte, seine „action music“ zur Perfektion zu führen: Charlotte Moorman. Das von ihr aufgeführte Paik-Stück „Opera Sextronique“ wurde zum Meilenstein der frühen Performancekunst. Mit ausgewählten Fotografien, Plakaten und Dokumenten aus der Sammlung von Ursula und Peter Wenzel zeigt das Kunsthaus Momentaufnahmen der gemeinsamen Arbeit und macht gleichzeitig deutlich, dass die Cellistin eine höchst innovative und eigenständige Künstlerin war.

Charlotte Moorman performing a „Bomb Cello“, 1984, Assemblage of metal, strings, bow of cello, artificial cloves; Foto: Carl Solway Gallery at Chicago Art Fair

Doch zurück zum Kunstverein: Die Schau wird umrahmt von zwei kleineren Kabinettausstellungen, die in Kooperation mit Yoko Ono und Takako Saito entstanden sind, und dazu spielerisch einladen, in Poesie und Politik von Fluxus einzutauchen. „Während die Literatur zu Fluxus stets die erstmalig gleichberechtigte Präsenz für Künstlerinnen hervorhebt, belegen 60 Jahre Ausstellungsgeschichte dennoch ihr weitgehendes Verschwinden, Übersehenwerden oder auch Verschlafen. Wie in einem Kaleidoskop erscheinen nun in einer partizipativ gestalteten Rauminstallation die Vielstimmigkeit und Virtuosität der Künstlerinnen innerhalb des offenen Ausstellungs- und Rechercheprojekts „Fluxus Sex Ties / Hier spielt die Musik!“, erläutert Elke Gruhn. 

In der Schau werden historische Positionen durch zeitgenössische ergänzt. So schildert Ann Noël mit ihrem Textbuch „The Gospel According to St. Ann“, das auf ihren akribischen Tagebucheinträgen bis zu heutigen Tagen basiert, bisher unbekannte Fluxus-Geschichten und Erinnerungen. Andrea Büttner zeigt in ihrer 5-Kanal-Videoinstallation „Piano Destructions“ die (kunst-)historisch unterschiedlichen Verhaltensmuster der Geschlechter bild- und klanggewaltig auf. Mit einem schimpfenden Chor versetzt AndrÄja Saltyte Besucher*innen musikalisch in die Jetztzeit und hinterfragt die Politisierung von Sprache und Räumen mit ihrer jüngsten Videoarbeit „Kijewer Zunge / Ich rufe Sie nicht dazu auf, die unflätige Sprache zu benutzen. Gott bewahre!“ 

In einer weiteren Kabinettausstellung im NKV sind frühe und persönliche Werke von Mary Bauermeister, zu sehen. Mehr Arbeiten der als „Mutter Gaia“ des Fluxus geltenden Künstlerin werden in einer Satellitenausstellung „Zuvielisation“ in der Humorkirche in Wiesbaden-Erbenheim gezeigt. Die noch bis zum 7. August 2022 laufende Schau in der Humorkirche, einem Privatmuseum des Sammlerehepaars Ute und Michel Berger, bietet einen Einblick in das vielseitige Werk und Wirken von Mary Bauermeister, die der Fluxus-Bewegung in ihrem Atelier in Köln maßgeblich den Weg bereitet hat. Sowohl durch ihr Werk als auch durch ihr Wirken wurde sie schon früh zur Impulsgeberin: Bereits 1960/61 lud sie zu Konzerten „neuester Musik“, Lesungen, Ausstellungen und Aktionen mit Künstler*innen, wie John Cage, George Brecht, Benjamin Patterson oder Nam June Paik ein. Kennzeichnend für ihr Oeuvre ist die Einbeziehung gesellschaftlich relevanter Themen, wie beispielsweise die kritische Auseinandersetzung mit unserer Konsumgesellschaft.

Rauminstallation „Zuvielisation“ von Mary Baumeister, Ausschnitt; Foto: Hans-Bernd Heier 

Mitten im Kirchenschiff der Erbenheimer Schau, die in Kooperation mit Kunstmäzenen Ute und Michael Berger entwickelt wurde, steht ein raumgreifender, überdimensionaler Holztisch. An einem Ende der Tafel befindet sich eine karge Holzschüssel, am anderen Ende ein edles Porzellanservice und die Reste eines Gelages mit unzähligen leeren Flaschen.

Auch die Sitzgelegenheiten bewegen sich in ihren Dimensionen zwischen einem winzigen, unscheinbaren Holzschemel und einem überdimensionierten, herrschaftlichen Thron. Dazwischen bieten zwei lange Sitzbänke eigentlich viel Platz und doch wirkt die Tafel nicht einladend: Denn wo soll man sich positionieren: Auf der „armen“ Seite, auf der es zu wenig gibt, oder auf der „reichen“ Seite, auf der es zu viel gibt? Die Künstlerin stellt die provokante Frage: „Zu viel, zu viel, zu viel“: Leben wir in einer „Zuvielisation?

Begleitet wird die großformatige Rauminstallation, die Bauermeister 2015 für das Koblenzer MittelrheinMuseum geschaffen hat, von einer Klanginstallation ihres Sohnes, dem Komponisten Simon Stockhausen, sowie weiteren Arbeiten der mittlerweile 88-jährigen Künstlerin, die ihre nach wie vor fantasievolle Experimentierfreude belegen. Die bereits in der Humorkirche installierten Fluxus-Arbeiten von Nam June Paik, Benjamin Patterson, Daniel Spoerri, Ben Vautier, Joe Jones u.a. aus der Sammlung Ute & Michael Berger treten in einen Dialog mit Mary Bauermeisters Arbeiten und  wurden bewusst von ihr in die Ausstellung miteinbezogen. 

Eigens anlässlich des 175. Geburtstags des Nassauischen Kunstvereins hat Mary Bauermeister eine Edition von 30 Unikaten ihrer berühmten verspielten „Linsenkästen“ gefertigt, die käuflich zu erwerben sind. 

„Linsenkästen“, Ausstellungsansicht; Foto: Hans-Bernd Heier

Die 1934 in Frankfurt am Main geborene Mary Bauermeister lebt heute in Rösrath. Ihr Werk entwickelte sich im Verlaufe der Jahre von zweidimensionalen Zeichnungen und Gemälden zu Objektbildern und Installationen sowie Gartengestaltungen. Thematisch beschäftigt sie sich unter Einbeziehung  aktueller Diskurse mit Natur, Poesie und Esoterik ebenso wie mit Musik, Mathematik und Wissenschaft.

Ihre Werke befinden sich in den Sammlungen namhafter Museen wie dem MoMA, Whitney Museum und Guggenheim in New York, dem Museum Ludwig in Köln oder dem Stedelijk Museum in Amsterdam. 1962 zeigte das Stedelijk Museum ihre erste Einzelausstellung, viele internationale Ausstellungen folgten. 2020 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für ihr langjähriges künstlerisches Wirken, 2021 als erste Preisträgerin den Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für ihr herausragendes künstlerisches Gesamtwerk. 

Begleitet wird die sehenswerte Präsentation in der Humorkirche von Filmen über die vielseitige Künstlerin. Mit „psst pp Piano –Hommage a Mary Bauermeister“ (2009, 11 Min.) inszenierte Gregor Zootzky in einem Animationsfilm originell die Kunstgeschichte von Dadaismus bis Fluxus, in den Hauptrollen neben Mary Bauermeister: Karlheinz Stockhausen, Hans G Helms, John Cage, Nam June Paik und Ben Patterson. 

Die Ausstellung in der Humorkirche Erbenheim ist noch bis zum 7. August 2022 jeweils von Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr sowie nach vorheriger Vereinbarung geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Das Museum Wiesbaden präsentiert unter dem Titel „Interventionen/Fluxus. Mieko Shiomi“ bis zum 25. September 2022 das Werk der japanischen Künstlerin (*1938).  Bereits 1965 initiierte sie mit ihrem konzeptuellen Werk „Spatial Poem“ (1965–1975) eine Kunstaktion, die im Umfeld von Fluxus und im direkten Austausch mit deren prominenten Vertreter*innen die Dimensionen der spielerischen Interaktion über eine räumliche Entfernung hinweg verdeutlichte. Noch heute lassen sich damit Überschneidungen zu der sich später entwickelnden Netzkunst aufzeigen.

Aus dem ausführlichen Festprogramm sei noch erwähnt „Das House of Dust“ von Alison Knowles, das 2021 auf dem Kranzplatz errichtet wurde. Das Kulturamt und „tinyBE. living in a sculpture“ laden am Donnerstag, 18. August, um 18 Uhr sowie am Sonntag, 11. September, um 15 Uhr zu Führungen durch das House of Dust der Fluxuskünstlerin Alison Knowles ein. Treffpunkt ist der Kranzplatz. Alle Interessenten können sich bis zum vorgehenden Werktag bis 12 Uhr per E-Mail an bildende.kunst@wiesbaden.de anmelden. 

Rugile Barzdziukaite, Vaiva-Grainyte, Lina-Lapelyte „Sun-Sea-Marina“, Opera Performance at Biennale di Venezia, 2019; Foto: Andrej-Vasilenko; ©Courtesy: The-Artists

Nach dreijähriger Pause findet vom 1. bis 11. September 2022  die dritte Ausgabe der Wiesbaden Biennale auf den Bühnen im und rund um das Hessische Staatstheater Wiesbaden statt. Das internationale Kunstfestival – in Kooperation mit dem Nassauischen Kunstverein Wiesbaden und Unterstützung des Litauischen Kunstvereins – bietet während dieser Zeit zahlreiche Vorstellungen von fünfzehn internationalen Künstlerinnen und Künstlern aus den Bereichen Bildende Kunst, Tanz, Film und Theater an. Mit Kilian Engels, dem langjährigen Leiter des Münchner Festivals „radikal jung“ und Chefdramaturg am Münchner Volkstheater, konnte ein renommierter neuer Festivalmacher verpflichtet werden.

„Follow Fluxus-Stipendiatin“ 2022 Daniela Ortizist

Das von der Landeshauptstadt Wiesbaden und dem Nassauischen Kunstverein Wiesbaden zum fünfzehnten Mal in Folge vergebene  Stipendium „Follow Fluxus – Fluxus und die Folgen“ geht 2022 an Daniela Ortiz (*1985, Cusco, Peru). Das Stipendium, das 2008 initiiert wurde, setzt sich zum Ziel, internationale Künstler*innen zu fördern, die in ihrem Werk die Ideen von Fluxus aufgreifen und diese weiterentwickeln. Daniela Ortiz überzeugte die fünfköpfige Jury mit ihren spielerisch anmutenden und gleichzeitig tief politisch engagierten Arbeiten. Sie schafft dadurch starke visuelle Erzählungen, die Themen wie Gewalt, Rassismus, sozialer Klasse und Migration fokussieren. Neben einem Preisgeld in Höhe von 10.000 € beinhaltet es einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt in der hessischen Landeshauptstadt (von März bis Juni 2023) sowie eine Einzelausstellung im Kunstverein (Juni 2023 bis Mai 2024). 

Weitere Informationen unter:

www.wiesbaden.de und

www.kunstverein-wiesbaden.de

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