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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Ein Atelierbesuch bei der Frankfurter Stahlbildhauerin Nele

Wer ist Nele?

Renate von Köller, die Präsidentin des Zonta Club II Frankfurt Rhein-Main, lud am 26. September Kunstinteressierte ein zu einem exklusiven Besuch in das Atelier von E. R. Nele in die luftige Frankfurter Naxos-Halle in der Waldschmidtstraße. FeuilletonFrankfurt-Herausgeberin Petra Kammann hielt eine kurze Einführung in das Werk von Nele.

Nele demonstriert die Drehscheibe, auf der ihre „gefesselte“ Skulptur wie auf einer Wurfscheibe angebracht ist. Alle abgebildeten Werke © E. R. Nele; Foto: Petra Kammann

Wenn man schon Nele heißt, also: die „Strahlende“, die „Leuchtende“, „die aus dem Geschlecht der Cornelier Stammende“, und gleichzeitig als „Gefährtin von Till Eulenspiegel“, der dem Volk ständig den Spiegel vorhält, gesehen wird, dann ist einem schon etwas Besonderes in die Wiege gelegt worden.

Nele trägt außerdem ein Zusatzkürzel in ihrem Namen, das ebenso sprechend ist: E. R. Nele; also Eva, die Urweibliche, ein Name, der ihr allerdings in der Nazi-Zeit aufgezwungen wurde, und Renée, die Wiedergeborene. Wenn man dann noch als Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode 1932 in Berlin geboren, aber im kriegszerstörten Kassel aufgewachsen ist und im bürgerlichen Leben den Namen Bode mithalf den Weg bekam, dann liegen Kritik an aktuellen Zuständen und die sprühende Lust an der Umsetzung solcher Erfahrungen in bewegende Bilder und Skulpturen förmlich auf der Hand, vorausgesetzt, die Begabung stimmt.

Und wer wollte das bezweifeln? Kurzum: der Name steht für etwas sehr Eigenes, Dynamisches und Kämpferisches. Nele wurde Stahlbildhauerin, gleich, ob im kleinen oder im großen Format. Sie arbeitet mit den unterschiedlichsten Materialien wie Plexiglas, Folien, Drahtblechen und Kunststoffelementen, sie macht Brandcollagen, zeichnet und lässt komplexe Installationen entstehen. Daneben ist sie eine Schmuckkünstlerin von internationalem Format.

Begrüßung durch die Zonta-Präsidentin von Frankfurt/RheinMain II Renate von Koeller (links) und kurze Einführung von FeuilletonFrankfurt-Herausgeberin Petra Kammann (rechts), Foto: Gözde Ju

Gleichzeitig ist Nele, die immer auch viel in der Welt unterwegs war, in Frankfurt äußerst präsent, wo immer sie mit ihrem roten Haarschopf und ihren blitzenden Augen auftaucht, spätestens seit 1965, nachdem sie nämlich mit ihren Arbeiten auf der documenta II (1959) und der documenta III im Jahr 1964 vertreten war. Zugleich ist sie eine vielgeehrte Instanz. Die Goetheplakette (2008) ist nur eine ihrer zahlreichen Auszeichnungen oder auch der Hessische Kulturpreis (1987).

Modell der beweglichen Skulptur „Die Windsbraut“, die auf dem Dahlberplatz in Höchst steht, Foto: Petra Kammann

In Frankfurt begegnet man ihren Skulpturen an unterschiedlichen Orten. In Höchst zum Beispiel schwingt sich ihre 5 m hohe kinetische Stahlskulptur „Windsbraut“, deren Fußende sich ins Unendliche dreht, aus dem Verkehrskreisel heraus in die Lüfte. Beweglich wirken auch ihre rot schillernden beweglichen Schemen von Menschengruppen, die viele sicher von ihren Spaziergängen im Palmengarten, aus dem herrlichen Park kennen.

Sardegna-Figurenkreis aus lackiertem Stahl; Foto: Petra Kammann

In der Oberfinanzdirektion auf dem ehemaligen Areal des Schlachthofes am Mainufer kann man ihre 1995 entstandene Skulptur „Europa“ wahrnehmen, die tänzerisch aus einem Wasserbecken herauszuspringen scheint. Eine abstrahierte menschliche Figur, die zwei aktuelle Europafahnen schwenkt und bei wechselndem Licht durch ihre gebrochene Oberfläche viele Facetten zeigt. Ein optimistisch hoffnungsfroher Aufbruch zu einem geeinten Europa, wenn auch der schwankende Grund des Wassers im Becken darunter changiert. Im begrünten Innenhof der Johann-Wichern-Schule im Victor-Gollancz-Weg in Eschersheim wiederum stehen drei „Flügelskulpturen“ (1966) von Nele, dort auf Bronzesäulen mit kugeligen Köpfen und Flügeln.

Nele lässt sich in ihren Skulpturengruppen von zeitaktuellen politischen Situationen wie von den Werken so zentraler Schriftsteller wie Friedrich Hölderlin, Georg Büchner, Heinrich Heine, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler oder Erich Fried inspirieren. Sie bilden oft die gedanklich-poetische Grundlage ihrer Skulpturen oder Skulpturengruppen oder dienen als Hintergrund für ihre Installationen, wie im Falle der  Skulptur „Memory Sphäre“ zum Thema „Freiheit für das Wort“, welche den verfolgten und inhaftierten Schriftsteller der Welt gewidmet ist.

Das Relief – eine Hommage an die Schriftstellerin Else Lasker-Schüler; Foto: Petra Kammann

Leichtigkeit und Schwere, Balance und die Gliederung räumlicher Dimensionen – diese Gegensätze bestimmen insgesamt ihre massiven wie ihre filigranen Werke, die immer ganz beweglich wirken. Sie offenbaren die Lust der Künstlerin am Spiel – sie ist schließlich die Gefährtin von Till Eulenspiegel. Ihre Vorliebe für Materialien aus der industriellen Welt zeigen ihre Modernität, wobei der Mensch mit seinen Stärken und Schwächen stets im Zentrum ihrer Motivwelt steht.

Auch beschäftigt sie immer wieder ein Thema, das sie nicht loslässt, die Verschränkung von Zeit und Utopie „Yesterday & Tomorrow“ war der Titel einer Rückschau auf ihr Werk mit Skulpturen und Installationen aus den Jahren 1985–2011 anlässlich ihres 80. Geburtstages. Und in gewisser Weise ist die hellwache Künstlerin auch Friedensaktivistin.

Modelle der „leeren Mäntel“ aus: „Die Rampe“,  im Hintergrund die Installation „Diotima“; Foto: Petra Kammann

No war“ heißt eine ihrer Wand-Installationen, in Waldeck-Frankenberg, wo sie den Holocaust-Opfern ein Denkmal gesetzt hat. Das eindrucksvollste Werk der dezidiert kritischen Pazifistin ist zweifellos ihre Installation „Die Rampe“ in Kassel mit dem originalen Reichsbahn-Frachtwaggon ohne Fenster, auf dessen Rampe unheimliche menschenleere Mantelschemen gebeugt hinabsteigen. Das Mahnmal für die Deportierten und Opfer des Holocaust.

In ihrem Heine-Projekt erinnerte sie an die Bücherverbrennung. Und in den „Victims“ sieht man verbundene eingewickelte aggressive Köpfe mit Speerspitzen.

Fast transparent die Köpfe aus feiner Stahlwolle; Foto: Petra Kammann

Transparenter und aus Plexiplas hingegen sind die neueren Köpfe ihres „Brain Gardens“ aus feingewebten Stahltexturen, und farbig wie die unterschiedlichen Gehirnareale.

Dass Nele neben ihren bildhauerischen Arbeiten immer auch Bühnenbilder entwickelte, Lehraufträge an der Frankfurter und der Gießener Universität ausübte, ist eine andere Geschichte. Dass sie darüberhinaus eine fabelhafte Schmuckdesignerin ist, das hat sicher die ein oder andere von Ihnen  schon mitbekommen. Vielleicht sind Sie gar im Besitz eines ihrer Schmuckstücke.

Eine fundierte Ausbildung erhielt sie übrigens nicht nur an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin, sondern auch ganz praktisch und handwerklich im renommierten Studio Lacourière in Paris bei dem Meistergraveur, bei dem schon so bedeutende Künstler wie Georges Braque, Marc Chagall, Joan Miró, Pablo Picasso, Henri Matisse und Pierre Soulages gearbeitet haben bzw. haben arbeiten lassen. Aber vielleicht können wir auch noch etwas über ihre handwerkliche Arbeit durch sie selbst erfahren, da wir in ihrem Atelier sind und gezielt nachfragen können.

Diethild Stürz (Mitte), International Director Nominativ Committee des Zonta-Clubs Gießen-Burg Staufenberg  war eigens mit ihrem Mann aus Gießen zum Atelierbesuch gekommen, Foto: Petra Kammann

Eines wird schon auf den ersten Blick klar. Ein Besuch reicht bei dem vielfältigen Werk nicht aus, denn zu jeder Skulptur gibt es eine bewegte und bewegende Hintergrundgeschichte, sei es zu 9/11, wo die Menschen förmlich aus den Häusern fallen, zum zerbrochenen „Runden Tisch“ der Wendezeit, der Darstellung einer doppelten Gefängniszelle, „Cage in Cage (writers, artists, photographers, journalists in prison)“ oder zu den einsamen Booten im weiten Meer aus der Flüchtlingskrise…

Nele Gestaltungswille und Ihre ständige Inspiration durch aktuelle Themen scheinen schier unermesslich zu sein.

→ Hommage an E. R. Nele : Im Zentrum der Mensch (1)

→ E. R. Nele in der Frankfurter KunstKulturKirche Allerheiligen

P.S.: Die Einnahmen des Events kommen gemeinnützigen Projekten von Zonta für Frauen zugute.

 

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