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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Zwischen Rhein und Ruhr und Rhein und Main

Hans-Bernd Heier – Der Kunst- und Welten-Wanderer

In 30 Tagen um die Welt?

„Unser Bernd“ nullt gerade und Petra Kammann gratuliert ihm im Namen des Teams von FeuilletonFrankfurt, damit Hans-Bernd Heier in zehn weiteren Jahren umso besser runden kann. Es folgt wenig später eine Hommage unserer Autorin Renate Feyerbacher.

Dr. Hans-Bernd Heier, Foto: privat

Die „Villa Hügel“, Wohnhaus der Familie Krupp in Essen in Nähe des Baldeney-Sees

In der besonderen Stadt, in der Bernd geboren ist, befindet sich das größte Einfamilienhaus des Ruhrgebiets, das drei Generationen als Wohnhaus und Repräsentationsgebäude diente. Es wird sogar von einem Olymp überhöht, von wo aus man den Blick über den Baldeney-See schweifen lassen kann. Neben der Erhabenheit des Ortes war der Rest der klassischen Industriestadt und Ruhrmetropole nach dem Krieg allerdings ganz schön zerstört und musste mühsam wieder aufgebaut werden. Keine Sorge also. Bernd ist nicht etwa in der Villa Hügel der Familie Krupp aufgewachsen, sondern bescheiden in Essen-Rüttenscheid, wo seine Mutter, die leider nur allzu früh verwitwet war, ein Textilgeschäft führte. Zu Besuch auf den Hügel ging Bernd aber schon früh. Dort fanden nämlich schon ab 1953 regelmäßig Kunstausstellungen von internationalem Rang statt. Das hat ihn zweifellos geprägt und ihm einen Floh ins Ohr gesetzt, sich in seinem künftigen Leben intensiver mit Ausstellungen zu beschäftigen und auch darüber zu berichten.

Auch für den ehemaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle und Kurator Uwe Schneede war Folkwang „Das schönste Museum der Welt“; Foto: Petra Kammann 

Dazu gehört in Essen traditionell natürlich auch das traditionsreiche Folkwang Museum, das vor dem Krieg eine bedeutende Kunstsammlung hatte und in den 30er Jahren vom Mitbegründer des New Yorker MoMA Paul J. Sachs bei seinem Besuch in Essen im Jahr 1932 als „schönstes Museum der Welt“ bezeichnet wurde.

In diesem besonderen Museum befand sich die Rekonstruktion einer Sammlung, die 1902 vom Gründer Karl Ernst Osthaus kurz nach dessen frühem Tod 1921 nach Essen gelangt war und von Ernst Gosebruch bis 1933 weiterentwickelt und zu einer Institution mit weltweiter Ausstrahlung ausgebaut wurde mit der Sammlung außereuropäischer Kunst und der Kunst der Moderne. Darin waren so großartige Werke wie die von Georges Braque, Paul Cézanne, Giorgio de Chirico, Edmund Cross, André Derain, Henri Matisse oder Edvard Munch, allen voran das Gemälde „Weidende Pferde IV (Die roten Pferde)“ von Franz Marc, was auch Bernd wegen seiner Farbenpracht so schätzt.

Nachdem insgesamt 1400 Werke der Moderne im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 gebrandmarkt und konfisziert worden oder in der Welt zerstreut waren, konnte man das frühere Profil nach 1945 in Essen nur mühsam wieder aufbauen. Die schmerzlich entstandenen Lücken wurden durch eine kluge engagierte Ankaufspolitik ausgeglichen und man konnte an der Vorkriegs-Tradition wieder anknüpfen. Die dort gezeigte Kunst begeisterte Bernd auch schon in jungen Jahren.

Das Museum Folkwang, seit 2010 ein eleganter schlichter und lichtdurchfluteter Bau, geprägt vom britischen Architekten David Chipperfield; Foto: Petra Kammann

Für das Kulturhauptstadtjahr „Ruhr 2010“ wurde der schlichte Nachkriegneubau aus dem Jahr 1960 vom britischen Architekten David Chipperfield umgebaut und elegant erweitert. Eine Hülle nicht nur für die Meister der Moderne inklusive der farbenprächtigen Werke des Expressionismus, im neuen Rahmen konnte auch ein alter Schatz des Museums wieder ans Licht gehoben werden: die vom Museumsgründer Osthaus gesammelten Skulpturen und Objekten aus China und Japan, Griechenland und Ägypten, Java und Ozeanien.

Geschickt hatte in dieses attraktive Gehäuse auch der damalige Folkwangdirektor Hartwig Fischer, der seit 2016 das British Museum in London verantwortet, Schätze und renommierte Kuratoren, auch aus dem Ausland, in Bernds Geburts- und Kulturhauptstadt geholt und in die Museumsarbeit mit einbezogen wie zum Beispiel die erste Direktorin des Pariser Musée d’Orsay Françoise Cachin, die 2011 verstorbene Enkelin des neo-impressionistischen Malers Paul Signac. Die Manet-Spezialistin erläuterte 2010 im Folkwang hier höchst aufschlussreich Edouard Manets Bild “Die Eisenbahn” (auch “Der Bahnhof Saint-Lazare” genannt) aus dem Jahre 1874, das heute ansonsten in Washington in der National Gallery of Art zu finden ist.

Françoise Cachin war auch von 1986 bis 1994 die erste Direktorin des Musée d’Orsay und Wegbereiterin der weiteren Entwicklung des Museums; Foto: Petra Kammann

Dass das „schönste Museum der Welt“ natürlich auch eine Attraktion für den kunstbegeisterten Bernd darstellte, hätte man sich eigentlich denken können. Dennoch war die Überraschung groß, als mir seinerzeit mein früherer Frankfurter Kollege Hans-Bernd Heier plötzlich und überraschend bei meinem Besuch der Ausstellung „Das schönste Museum der Welt“ Aug in Aug gegenüberstand. In meiner fast zehnjährigen Düsseldorfer Zwischenzeit, in der ich die Kulturzeitschrift …IN RHEINKULTUR verantwortete, war mein Fokus gegenüber der Berichterstattung aus Frankfurt ein veränderter, sodass ich mit dem plötzlichen Auftauchen meines Kollegen in Frankfurter Zusammenhängen Hans-Bernd Heier so gar nicht gerechnet hatte.

Pressekonferenz mit William Forsythe im Frankfurter MMK, Mitte 2. Reihe: Hans-Bernd Heier, Foto: Petra Kammann

Nun scheinen zwischen Rhein und Ruhr und Rhein und Main unsichtbare Bande zu liegen, die auch Bernd hin – und herswitchen lassen. Schön auch zu wissen, dass es den früheren Frankfurter MMK-Kurator Peter Gorschlöter, dem ich dann in meinen späteren Frankfurter Jahren öfter gemeinsam mit Bernd im MMK begegnet war, ebenfalls ans Folkwang gezogen hat. Gorschlüter wiederum lenkt heute die Geschichte des Essener Museums, während der berühmte und viele Jahre in Frankfurt tätige Choreograph und Künstler William Forsythe der Einladung des Frankfurter Komponisten und Ruhrtriennale-Leiters Heiner Goebbels nach Essen gefolgt war, um seine Werke im Folkwang zu präsentieren. So geht es also ständig hin und her zwischen Rhein, Main und Ruhr.

Die Zeche Zollverein (ehemals größte Steinkohlenzeche der Welt, heute UNESCO-Welterbe) bei der Eröffnung der Ruhr 2010, Foto: Petra Kammann

Natürlich hat eine Ruhrgebietsstadt wie Essen nicht nur „Kultur“ zu bieten. Sie prägt ihre Kinder in verschiedener Hinsicht. Im energiegeladenen Kohlenpott mit der weltweit größten – inzwischen stillgelegten – gewaltigen Zeche Zollverein lief auch der Ball besonders schön rund, denn da wurde leidenschaftlich Fußball gespielt. So zählte auch der junge Bernd zu den begeisterten Kickern. Wie sonst hätte der Regisseur Sönke Wortmann – auch er ein Essener – seinen berühmten Film „Das Wunder von Bern“ drehen können? Die Zeche Zollverein wiederum wurde nach dem Niedergang der Kohleindustrie zum UNESCO-Welterbe erklärt. Auch von dieser einmaligen Anlage in Essen erzählte Bernd mir fasziniert.

Wiederum ging es von der Ruhrstadt auch raus in die Welt. In Bernds Geburtsstadt war nicht zuletzt die legendäre Baedeker-Reiseführer-Reihe zuhaus. Ihr Erfinder Karl Baedeker (1801 – 1859) wurde nämlich ebenfalls in Essen geboren, wie unser Geburtstagskind. Mit Entdeckerfreude, großer Lust am Reisen und mit nicht nachlassender Gründlichkeit durchstreifen die nach ihm benannten Baedeker-Redakteure, stets auf der Suche nach den schönsten Sehenswürdigkeiten, bequemsten Reisemöglichkeiten und lauschigsten Plätzche, den besten Hotels und Restaurants, schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Länder und Kontinente. Und verlegerisch ging es bei ihm – ähnlich wie bei Bernd – zunächst auf die „Rheinreise“. Hört sich so an, als wollte Bernd es ihm nachtun.

 

„Rheinreise von Straßburg bis Düsseldorf mit Ausflügen nach Baden […]“. 1839. Sammlung Kölnisches Stadtmuseum

1828 hatte der Verlagsbuchhändler Baedeker seinen Verlag von Friedrich Röhling, wo 1828 u. a. die „Rheinreise von Mainz bis Cöln, Handbuch für Schnellreisende“ des Historikers J.A. Klein erschienen war, übernommen. Der Rhein war damals das beliebte Ziel der „Grand Tour“ gebildeter Europäer, nicht zuletzt wegen des regelmäßigen Schifffahrtsverkehrs zwischen Köln und Mainz mit der Preußisch-Rheinischen Dampfschifffahrtsgesellschaft, so dass Baedeker 1832 die „Rheinreise“ nachdruckte und schon um eine „Rheinlaufkarte“ ergänzte, so dass es nur noch eines kleinen Schritts bedurfte bis zur zweiten, 1835 erschienenen Auflage, in der Karl Baedeker die „Rheinreise“ um die Strecken nach Basel, Düsseldorf und  bzw. Rotterdam erweiterte. Auch schon hier gibt es wieder Parallelen. Wegen Tochter Annabelle weitete sich später Bernds Rhein-Perspektive in Richtung Basel …

Der aufstrebende junge Hans-Bernd Heier war schon 1958 mit Freunden in Schottland unterwegs; Foto: privat

Das Baedeker-Vorbild muss auch Bernds Reiselust und Entdecker- und Reisefreude geweckt und vielleicht auch Lust auf den Rhein gemacht haben. Denn diese Orte wurden für Bernd zu wichtigen Ankerpunkten. So erledigte er den Umzug von Essen zu seinem Studienort nach Köln mühelos, zumal dort eine neue Welt für ihn aufschien.

In Köln dann konnten für Bernd „Himmel un Äd“ (Himmel und Erde/Blutwurst und Kartoffelstampf) wieder zusammenwachsen. Ordentlich arbeitete Bernd schon während seines Studiums am Institut der Deutschen Wirtschaft, als er dann bald auf einem Uniball seine geliebte Gisela und spätere Ehefrau kennenlernte. In Köln promovierte er in den Wirtschaftswissenschaften, wenngleich hier die Kunst schon eine wichtige Rolle in seinem Leben spielte, was ihn auch mit seiner Frau Gisela verband. Das erläutert Renate Feyerbacher.

In der Stadt am Rhein gab es im Mittelalter nicht nur eine Schildergasse, wo hauptsächlich die Maler von Wappenschildern ansässig waren, die selbstbewussten Maler der Kölner Malerschule hatten da sogar ihr eigenes Zunfthaus. Köln gehörte nämlich als bedeutende Handelsmetropole dem Bund der Hanse, dem Bund der Kaufleute und Städte, an. Der Mischung aus Kunst und Wirtschaft fühlte Bernd sich weiterhin verbunden.

Stefan Lochner, Die Muttergottes in der Rosenlaube: Synonym für die Qualität und Ausstrahlung der mittelalterlichen Kölner Malerei, um 1450, im Wallraf-Richartz-Museum

Im Schatten der „Muttergottes“ konnte sich hier auch die Liebe vertiefen. Na ja, so war eben auch das Wallraff-Richartz-Museum vor Bernds Besuchen nicht mehr sicher. Neben dem fleißigen und akribischen Studium wurde später in Köln dann aber auch heftig Karneval gefeiert. Und noch bis heute zieht es ihn und seine Frau zu Karnevalszeiten ins „Divertimentchen“, wo der Männergesangsverein Kölsche Lieder singt. Das Leben schien rund, aber wohl noch nicht zum dauerhaften Niederlassen geeignet.

Mit einem beruflichen Zwischenstopp bei der „Wirtschaftswoche“ in Düsseldorf, zog es Bernd dann an einen neuen Lebensort, nach Wiesbaden, und er ging zum Bund der Steuerzahler nach Mainz. Schließlich musste auf Dauer ja der inzwischen geborene Sohn Daniel auch miternährt werden. Bernds akribische Arbeit fiel auf, so dass er ans Ministerium zu Heiner Geißler nach Bonn geholt wurde. Nur, wie es im Ministerium manchmal so ist, da arbeitet man dann eher „für die Schublade“, was ihn auf Dauer langweilte. Also orientierte er sich weiter im Rhein-Main-Gebiet.

So ging es dann zur Höchst AG nach Frankfurt, wo Bernd viele Jahre arbeitete, diesmal als Sprecher für die Wirtschaftspresse, bis sich der Konzern „aufsplitterte“. In dieser Zeit konnte er es genießen, auch viel für die Kultur zu tun, da die Förderung der Künste bei Höchst damals ganz oben auf der Agenda stand. Mit seiner Liebe zur Kunst und Archäologie kam Bernd dabei voll auf seine Kosten, wovon auch FeuilletonFrankfurt regelmäßig zehrt. Aber natürlich wollte er auch etwas von der Welt kennenlernen, am liebsten „In 80 Tagen um die Welt“. Jules Verne wäre neben Baedeker zweifellos der zweite geeignete Cicerone für ihn gewesen.

Tempeltänzerinnen in Kambodscha; Foto: Petra Kammann

Und Ostasien wurde eine wichtige Region für ihn, zumal einer seiner Söhne mit seiner Familie heute in Vietnam lebt, was das Ehepaar Heier dann auch gerne zu Rundreisen durch Südostasien nutzte. Wie auch immer. Bernds Blick wurde weltumspannend, was sich auch auf seine differenzierende und kritische Wahrnehmung der Welt auswirkte. Aus dieser Sicht waren ihm nicht nur wegen seines hintergründigen Humors die Denker der Neuen Frankfurter Schule ans Herz gewachsen wie F.W. Bernstein, der das inzwischen geflügelte Wort prägte: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

Klar. Nicht nur das Essener Museum Folkwang wurde von den Amerikanern als das „schönste Museum der Welt“ gepriesen, dazu zählt heute auch das Museum Caricatura in Frankfurt, wo Bernd keine Ausstellung auslässt. Denn, das weiß auch er: „Ein Volk, das seine ´Caricatura´nicht ernähren und am Leben erhalten kann, ist nicht wert, daß es existiert“, sagte der immer wieder köstlich zu lesende Dichter und Zeichner Robert Gernhardt.

„Lebe Deinen Traum!“ begleitet einen durch die Traxler-Ausstellung im Caricatura; Foto: Petra Kammann

Blick in Hans Traxlers Ausstellung im Caricatura, Foto: Petra Kammann

Bei dieser spannenden Lebensreise des Familienmenschen Bernd, bei der hier viele Stationen ausgespart wurden, lässt sich nur mit einer anderen Karikatur enden: „Die Reise war öde/ sprach Goethe/ angekommen auf dem Mars/ (das war’s)“, denn für Goethe-Liebhaber Bernd müssen „Himmel und Ähd“ zusammenkommen.

Lebe weiter Deinen Traum, lieber und geschätzter Bernd, und lass Dich von Deinen Allerliebsten heute feiern! Vielleicht zieht Dich Deine Reiselust wenn schon nicht ins All, dann wenigstens ins Jules Verne-Museum in die Atlantik-Metropole nach Nantes, wo Industrie und Fluss, Himmel und Erde, Kunst und Alltag eine wunderbare Symbiose eingehen! Kennst Du längst? Und wenn schon. Da kannst Du Dich auch bequem auf dem Rücken von Elefanten tragen lassen. „Le Grand Eléphant“, der friedliche Dickhäuter, ist da jedenfalls aus solidem Holz geschnitzt und durch sein technisches Gestänge beweglich, wenn auch nicht ganz so beweglich wie Du…

Versprich uns, dass Du auch in den kommenden 10 Jahren weiter so entdeckerfreudig bleibst… Außerdem ist das Wandern mit Gisela in der Umgebung ja auch des Heiers Lust. Auf Dein Wohl stoßen wir an, wenn wir alle Viren verscheucht haben! Versprochen!

 „Le Grand Eléphant“ spaziert durch Nantes an der Loire; Foto: Petra Kammann

 

 

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