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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Ein Interview mit der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Karin Schmidt-Friderichs

ZWISCHEN DEN STÜHLEN UND DEN ZEITEN

Petra Kammann traf Karin Schmidt-Friderichs, die zweite Frau an der Spitze des knapp 200 Jahre alten Börsenverein des Deutschen Buchhandels, im Frankfurter Haus des Buches. Sie wollte von der Vorsteherin wissen, wie sich die Buchbranche durch die Pandemie verändert hat und vor welchen Herausforderungen sie steht.

Vorsteherin des Börsenvereins Karin Schmidt-Fridrichs; Foto: Petra Kammann

Petra Kammann: Wenige Monate, nachdem Sie hochmotiviert das Amt der Vorsteherin des Börsenvereins angetreten haben, gab es den ersten Lockdown.

Karin Schmidt-Friderichs: Eigentlich hatte nach der Buchmesse 2019 alles ganz vielversprechend angefangen. Mit dem Frühjahr 2020 kam dann die Absage der Leipziger Buchmesse, wenig später wurden die Geschäfte geschlossen. Ich erinnere mich noch gut: Es war tatsächlich ein Freitag, der 13. Eigentlich sollte die Messe in vollem Gange sein. Ich war nach Leipzig zu einer Beiratssitzung gefahren. Und als ich da am leeren Bahnhof stand, wurde mir schlagartig bewusst, dass etwas kolossal anders war. Und das war ein trauriges Gefühl. Die Leipziger Buchmesse war nicht die einzige, die abgesagt wurde. Auch die London Bookfair und die Kinderbuchmesse in Bologna fanden nicht statt.

Nun ist abermals Frühjahr und die Leipziger Buchmesse fällt bereits zum zweiten Mal aus. Da könnten Sie theoretisch auch schon aus Ihrer Erfahrung im Umgang mit der Pandemie schöpfen. Was aber heißt das für die Buchhandlungen, für die Branche, für Sie?

Beginnen wir mit der guten Nachricht. Was sich gezeigt hat, ist, dass die Menschen dem Lesen von Büchern treu geblieben sind. 21 Prozent der Leser*innen greifen häufiger zum Buch als vor der Pandemie, in der Altersgruppe 10 bis 19 Jahre sogar noch mehr. Was vielen bisher nicht in dem Maße bewusst war, ist, dass die Buchhandlungen schon immer digital gut aufgestellt waren. Es gibt kaum eine Buchhandlung, die nicht einen Online-Shop hat.
Daher lautet die nächste gute Nachricht, dass viele während der Coronakrise von der Möglichkeit erfahren haben, Bücher bei ihrer Buchhandlung online zu bestellen. Und tatsächlich nutzten diese Möglichkeit auch rund 1 Million Kund*innen erstmals. Das konnte die Einbußen der Buchhandlungen zumindest in Teilen abfedern. Allerdings sagte mir eine Buchhändlerin, sie habe das Gefühl, im Lockdown zur Sachbearbeiterin geworden zu sein. Dabei sei sie doch Buchhändlerin, die vor allem vom Kundenkontakt, von Empfehlungen, von weitergegebenen Leseerfahrungen lebe. Eine Buchhandlung heißt eben auch: Stöbern, sich inspirieren lassen von präsenten Büchern, Empfehlungen von kompetenten Buchhändlern bekommen. Oft ist es so, dass man ein Buch in der Buchhandlung kaufen will und man mit fünf Büchern unterm Arm wieder herausgeht. Das tut man nicht in dem Maße, wenn man online stöbert.

Mit anderen Worten: es gibt erhebliche Umsatzeinbrüche im Verhältnis zum Umsatz des Vorjahres?

Auf jeden Fall. Das können wir an den Zahlen ablesen. Beim ersten Shutdown lag das Minus im Sortimentsbuchhandel bei 65,7 Prozent. Im Januar und Februar 2021, also im zweiten Lockdown, waren es im stationären Buchhandel -42,8 Prozent. Wir haben halt eine Branche, die mit geringen Margen arbeitet, sowohl in Verlagen wie in den Buchhandlungen. Trotzdem war die Nachfrage nach Büchern nach der Wiederöffnung der Buchläden groß. Und vor den Schließungen haben die Menschen kräftig Bücher gehamstert, das zeigen die Umsatzspitzen jeweils kurz davor.

Hat das mit der Preisbindung von Büchern zu tun?

Die Margenschwäche hängt eher damit zusammen, dass wir so kultiviert und kulturerklärend unterwegs sind und inhaltlich viel Zeit und Energie in unsere Produkte stecken und dabei die Ladenpreise für Bücher immer noch moderat halten.

Karin Schmidt-Friderichs, im Gespräch zugewandt und optimistisch

Sie sind nicht nur selbst Verlegerin. Als Vorsteherin des Börsenvereins stehen Sie ja auch für die Interessen der anderen Verlage. Und die konnten ihre Frühjahrsproduktion nicht in dem Maße verkaufen wie vor dem Lockdown. Dasselbe wiederholte sich dann im Herbst, als die Frankfurter Buchmesse nur digital präsent war. Und im neuen Frühjahr fließt die Produktion noch immer nicht ab, weil beispielsweise auch die begleitenden Autorenlesungen wegfallen. Wie sind Sie auf der Verbandsebene damit umgegangen?

Im vergangenen Frühjahr haben ganz viele Verlage Titel, die herauskommen sollten, in den Herbst geschoben. Wenn Sie mich als Verlegerin ansprechen: ich wollte gar nicht so viele Titel schieben. Bei uns waren es eher die Autoren, die verschoben haben, weil ihnen ihr Hauptbusiness weggebrochen war. Weniger Bücher zu produzieren, heißt natürlich: weniger Umsatz. Im Herbst haben viele Verlage Titel dann noch einmal verschoben. Laut einer Umfrage des Börsenvereins 2020 zog die Schließung der Buchhandlungen im Frühjahr 2020 bei den Verlagen einen Umsatzrückgang von 30,9 Prozent mit sich, von Januar bis Mai 2020 bedeutete das insgesamt ein Minus von 14,5 Prozent bei den Verlagen. Angesichts des zweiten Shutdowns ist die wirtschaftliche Lage in vielen Verlagen daher angespannt.

Die Frankfurter Buchmesse mit Publikumsverkehr: da war die Welt noch „in Ordnung“; Foto: Petra Kammann

Traditionell treffen sich im Januar die Publikumsverlage bei der Jahrestagung der Interessengruppe Belletristik und Sachbuch des Börsenvereins in München. Wurde in diesem Jahr diskutiert, dass man sich nun um eine veränderte Buchproduktion kümmern müsse?  Zuletzt konnte man davon ausgehen, dass es etwa 70 000 echte Neuerscheinungen pro Jahr gibt. Das ist ganz schön viel. Muss man das jetzt runterfahren? Oder was heißt das in der Konsequenz?

Die Bilanz der Neuerscheinungen von 2020 liegt uns noch nicht vor. Umfragen haben aber ergeben, dass Verlage teilweise verschoben oder gar nicht veröffentlicht haben. Das heißt aber auch, dass die Newcomer, die Einsteiger, die noch unsicheren Pferde, nicht loslaufen konnten. Als Sprecherin des aktuellen Vorstands habe ich selbst wie auch der Börsenverein als Verband, immer Vielfalt mit großen Buchstaben über unser Programm geschrieben. Entwicklungen wie diese gehen zu Lasten der Jungen, der noch Unbekannten. Gerade sie sind aber auch diejenigen, welche die Vielfalt eines Programms ausmachen. Insofern sehe ich das mit Sorge.

Bedeutet das auch, dass es in der Verlagsszene zu stärkeren Konzentrationen kommen wird? Die wenigen großen Verlagsgruppen verschlingen die kleineren Verlage und dann bleiben noch ein paar kleine Newcomer? Sind es nicht auch vor allem die mittelgroßen Verlage, welche die Szene sehr beleben. Was bedeutet es, wenn sie wegbrechen?

Da glaube ich an die Resilienz der Branche. Aber sicher wird auch die Konzentration weiter fortschreiten. Überall auf der Welt werden derzeit die Großen noch größer, die Mitte hat es schwer, und es gibt etliche quirlige Kleine. Davon bleibt auch die Verlagsbranche nicht verschont. Aber momentan mache ich mir um typische Vertreter mittelgroßer Verlage wie Suhrkamp und Hanser keine Sorgen.

Nun haben gerade die Mittleren doch auch das, was man eine große Backlist nennt, also auch viele Klassiker, die man immer wieder nachdrucken kann.

Ja, die haben sie, weil sie über viele Jahre solide Arbeit geleistet haben. Denken wir nur mal an so einen Titel wie „Die Pest“ von Albert Camus. Der war plötzlich im Lockdown heiß begehrt und wurde ständig gekauft.

Heißt das, dass wir vielleicht lieber von den vielen Neuerscheinungen, die dann jeweils auch entsprechend beworben werden, wieder runterkommen und stattdessen lieber Backlist-Titel und Klassiker zu bestimmten Themen pflegen sollten?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Wenn man die Buchhändler dazu befragt, so sagten sie: die Leute haben am Ende gekauft, was wir ihnen empfohlen haben. Ich denke, sowohl Neuerscheinungen als auch Backlist sind wichtig für den Buchhandel und die Verlage.

Wie haben sich denn in dieser schwierigen Zeit die verschiedenen Genres entwickelt? Wer hat profitiert? Das Hörbuch, das E-Book, die belletristischen Bestseller oder das Sachbuch?

Das E-Book ist zunächst leicht gestiegen, zum Jahresende hin dann auch wieder abgeflacht.
Was mich freut, ist, dass das Kinder- und Jugendbuch im Krisenjahr 2020 heftig zugelegt hat. Im Vergleich zum Vorjahr hatte es Zuwächse von 4,7 Prozent. Schließlich mussten die Kinder zu Hause beschäftigt werden, was mit Büchern sehr gut geht. Und da im ersten Lockdown viele Menschen selbst Brot gebacken haben, wurden jede Menge Brotbackbücher verkauft. Insgesamt sind Kochbücher und Kinderbücher die Gewinner der Krise, während Reisebücher mit minus 26,1 Prozent starke Einbrüche verzeichneten. Die Belletristik mit einem Minus von 1,6 Prozent und Sachbücher mit einem Minus von 1,3 Prozent haben sich wacker gehalten.

Lebendes Statement von HR-Literaturkritiker Alf Mentzer; Foto: Petra Kammann 

Kommen wir zum Sachbuch. Sie haben ja jetzt die Verleihung eines Sachbuchpreises ausgerufen. Er hätte eigentlich schon im letzten Jahr vergeben werden müssen. Wie kam es dazu?

Ich würde mir ja gerne die Erfindung des Sachbuchpreises ans Revers heften. Das wäre aber nicht richtig. Er war schon auf den Weg gebracht, als ich zur Vorsteherin gewählt wurde. Den Preis zu verleihen, wäre mir hingegen schon im letzten Jahr eine Ehre gewesen, weil ich ihn als wichtiges Zeitzeichen sehe. Das sorgfältig lektorierte Sachbuch stellt gerade in einer Zeit von Fake News, Häppchennews ohne Tiefgang, Social Media und sozialer Blasen einen besonderen Wert dar. Gerade jetzt kann man ein gut lektoriertes Sachbuch wirklich gebrauchen.

Gewissermaßen als Vorarbeit zur Bewertung durch eine Jury haben ja Sie dazu noch ein neues Format entwickelt. Um ihre Meinung gebeten werden nicht nur die klassischen renommierten Kritiker, sondern im Vorfeld auch die Blogger. 

Blogger*innen sind für uns andere, wichtige Stimmen: Jeder Mensch kann heute ein Sender oder Publizist sein, und viele machen das richtig gut. Daher ist es für den Börsenverein wichtig, diese Stimmen auch aufzunehmen. Sie rezensieren die Titel, die die Jury nominiert hat und bieten somit noch einmal andere Blicke auf die Kandidaten für den Preis. Das Format gibt es beim Deutschen Buchpreis bereits seit einigen Jahren.

Stellen Selfpublisher eine Gefahr für Sie dar? Die passen doch eigentlich nicht zu Ihrem Kerngeschäft der professionellen Verlegerei.

In einer veränderten Welt muss ein Verband, der in vier Jahren schon 200 Jahre alt wird, auch offen für neue Tendenzen sein. Grundsätzlich muss man heute als Mensch mit Sendungsbewusstsein nicht mehr über ein riesiges Kapital verfügen oder ein kapitalhabendes Unternehmen überzeugen, um erfolgreich und reichweitenstark kommunizieren zu können. Das hat ja auch viel mit Freiheit zu tun. Es gehört zu einer pluralen Welt dazu. Daher sehen wir Selfpublishing nicht als Gefahr, sondern als Ergänzung des Buchmarkts an. Es ist auch ein Ansporn: Die Verlage mussten noch nie so klar definieren, was ihre eigentliche Leistung ist.

Die Verleihung des Buchpreises 2020 unter hygienischen Bedingungen im Frankfurter Römer; Foto: Petra Kammann

War der Deutsche Buchpreis für Sie auch dahingehend ein Vorbild, wenn es darum geht, für das Sachbuch ebenso Sponsoren zu gewinnen? Wenn ja, nehmen die Sponsoren dann auch Einfluss auf die Entscheidungen?

Wir haben verschiedene Partner. Hauptförderer bei beiden Preisen ist die Deutsche Bank Stiftung.  Aber die Jury ist absolut unabhängig. Weder die Förderer noch wir mischen uns da ein. Selbst ich als Vorsteherin bekomme erst kurz vor der Verleihung das Ergebnis der Jury mitgeteilt.

Haben Sie schon über einen Ort und über eine besondere Inszenierung nachgedacht?

Die Preisverleihung findet im Humboldt Forum im Berliner Schloss statt, ein wirklich perfekt passender Ort. Wie beim Deutschen Buchpreis stehen auch hier die Autoren und Autorinnen im Zentrum. Die Preisverleihung wird natürlich auch übertragen, damit sie bundesweit mitverfolgt werden kann.

Vergleichsweise gut ist es im Corona-Jahr beim Deutschen Buchpreis gelaufen. Sogar mit einer durchaus ungewöhnlichen Entscheidung für die in Frankreich lebende Preisträgerin Anne Weber, die ihr Buch „Annette. Ein Heldinnenepos“ in ungewohnt gebundener Sprache wie ein langes Poem angelegt hat. 

Sowohl die Juryentscheidung als auch die Autorin haben mich selbst sehr beeindruckt. Eine bemerkenswerte Frau. Die Stimmung im Kaisersaal im Römer war bei der Verleihung trotz der wenigen anwesenden Personen sehr feierlich.

Nun hat der Börsenverein traditionell einen weiteren, ganz besonders bedeutenden Preis zu vergeben: den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie durften ihn als Vorsteherin  im vergangenen Herbst zum ersten Mal verleihen. Das war ja außerordentlich herausfordernd für Sie, vor allem nach der fulminanten Verleihung im Jahr zuvor an den für die Aufforstung des Regenwaldes engagierten brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado. Amartya Sen, der Friedenspreisträger 2020, konnte wegen der Reisebeschränkungen durch Corona in der Paulskirche nicht einmal anwesend sein. Die ansonsten immer dicht gefüllte Paulskirche war fast menschenleer und die Feier wurde im Wesentlichen mit Abwesenden von Bildschirm zu Bildschirm übertragen. Das hatte wenig Aura. Wie haben Sie das erlebt?

Das war schon eine sehr besondere Verleihung. Als am Samstagnachmittag vor dem Friedenspreissonntag auch noch der Bundespräsident aus verständlichem Grund abgesagt hat, war das schon ein schwieriger Moment. Und ich konnte mir ein paar Tränen nicht verkneifen. Aber dann haben wir getan, was unter den Umständen möglich war. Stellen Sie sich mal vor, wie das vor der Digitalisierung gewesen wäre. Natürlich muss ich rückblickend feststellen: Wenn man mir im letzten März gesagt hätte, dass diese Planungsunsicherheit noch ein Jahr anhalten wird, wäre ich vielleicht etwas verzweifelt geworden. So haben wir dann doch das Beste gemacht, was unter den schwierigen Umständen möglich war.

Friedenspreisträger Jaron Lanier spielte 2014 bei der Preisverleihung in der Paulskirche auf seiner laotischen Flöte; Foto: Petra Kammann

Muss man Bücher und Buchpreise heute anders inszenieren? Beim Friedenspreis ist das sicher nicht ganz so leicht, es sei denn, jemand wie der jüdische Geiger Yehudi Menuhin greift in der Paulskirche zur Geige oder wie der amerikanische Informatiker Jaron Lanier, der in seiner Rede, die vor der Verführbarkeit der Massen durch das Internet warnte, zum Abschluss auf seiner laotischen Flöte spielte. In der Regel steht doch das Wort im Vordergrund, das von der „Kanzel“ gesprochen wird.

Jeder Preis hat sein eigenes Fluidum. Beim Friedenspreis soll vor allem zugehört und nachgedacht werden. Da darf auch ein Hauch Beklemmung entstehen, das darf unter die Haut gehen. Ich empfinde den Friedenspreis als einen Preis, der einen auf sich selbst zurückwirft. Sogar in einer üblicherweise vollbesetzten Paulskirche sind alle konzentriert bei der Sache. Bei der Verleihung an den brasilianischen Preisträger Sebastiao Salgado sagte mir sogar anschließend ein Vorstandsmitglied: „Der Eindruck war so groß und so stark. Ich komme nicht mit zum Festessen. Ich möchte jetzt nicht mit Leuten reden und stattdessen allein sein und nachdenken.“

Wie kann ein dreispartiger Verband wie der Börsenverein kommunizieren, was ihn bei den verschiedenen Aktivitäten und bei den unterschiedlichen Interessenslagen der Mitglieder ausmacht?

Die drei Sparten machen die Sache zwar im Alltag nicht immer leichter, aber die Relevanz und Außenwirkung viel größer. Würden wir nur für eine Sparte sprechen, dann hätten wir viel weniger Bedeutung und bekämen wesentlich weniger Aufmerksamkeit. Wir vertreten zwar nicht alle Bereiche aus der Wertschöpfungskette Buch, die Autor*innen, Übersetzer*innen oder Drucker*innen haben etwa eigene Verbände, aber wir haben dennoch viel Gewicht, etwa in der Politik und werden dort durchaus auch gehört.

Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2020 mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (li) und BV-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs (re) in der Festhalle – leider unter Ausschluss der Öffentlichkeit; Foto: Petra Kammann

Daneben gehören zur Börsenvereinsgruppe auch die Frankfurter Buchmesse und MVB. Die größte Internationale Frankfurter Buchmesse hat nun mutig angekündigt, im Herbst eine Präsenzmesse zu planen.  

Ja, es braucht gerade jetzt auch Mut. Und ich hoffe sehr, dass es klappt. Das hoffen auch viele andere Menschen, Verlage, Kulturmenschen mit uns. Wie es dann am Ende werden wird, kann ich nicht sagen, dafür habe ich natürlich keine Glaskugel. Es wird mit einem strengen Hygienekonzept geplant, die Messe wird natürlich anders aussehen als vor der Pandemie. Aber die Branche wünscht sich eine Messe. Vielleicht sind bis dahin viele Menschen geimpft, das würde uns natürlich sehr freuen.

Aber eine so kostbare Tochter wie die Frankfurter Buchmesse zu haben, bedeutet auch, dass die Verluste gewaltig sind, wenn sie in Frankfurt nicht stattfinden kann, und zwar um ein Vielfaches mehr als die Messe in Leipzig.

Die Leipziger Buchmesse wird von der Leipziger Messe ausgerichtet; wir sind ihr ideell, nicht aber materiell verbunden. Die Frankfurter Buchmesse hingegen ist ein Tochterunternehmen des Börsenvereins. Und wenn das Kernprodukt von ebendiesem Unternehmen nicht stattfindet, dann geht es der Firma nicht gut. Es ist auch unmöglich, die lebendige Messe als Wirtschaftsmodell 1:1 ins Digitale zu verlagern, das liegt auf der Hand.

Dass ich hier trotzdem mit einem gewissen Optimismus sitze, liegt u.a. daran, dass die Restrukturierung der Frankfurter Buchmesse erfolgreich war und nun stabil aufgestellt ist. Auch das Land Hessen und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien haben die Messe unterstützt. Glücklicherweise hat die Frankfurter Buchmesse weltweit einen Ruf wie Donnerhall. Niemand möchte auf sie verzichten.

MVB ist eine weitere Tochter des Börsenvereins. Wie sieht es denn da wirtschaftlich aus?

Corona macht vor keinem Unternehmen halt. Titel, die nicht erscheinen, werden nicht ans VLB gemeldet und auch nicht im Börsenblatt oder im BuchJournal beworben. Darüber hinaus sind die Anzeigenerlöse beim Börsenblatt zurückgegangen.

Sie gehen ja nicht nur Partnerschaften mit der Stiftung Humboldt Forum oder der Deutsche Bank Stiftung ein, sondern mit dem „Nationalen Lesepakt“ auch mit dem Bildungsministerium und der Stiftung Lesen.

Beim Lesepakt sind 150 fördernde Unternehmen beteiligt. Das ist wichtig, wenn man sich klarmacht, dass jedes fünfte Kind, das die Grundschule zur 5. Klasse verlässt, zwar Buchstaben erkennen, aber nicht wirklich lesen kann und sich das dann leider in der Bildungskarriere als Nicht-Karriere fortsetzt. Ohne Lesekompetenz ist ein erfolgreiches Berufsleben nicht machbar. Das ist ein Desaster in einem Industrieland wie Deutschland. Seit der Hamburger Erklärung von Kirsten Boje müsste eigentlich jedem klar sein, dass da etwas zu tun ist. Das ist eigentlich bedrückend, dass in der Politik nicht längst schon viel mehr passiert ist.
Die Stiftung Lesen und der Börsenverein versuchen nun mit dem Lesepakt das, was es schon an Förderung gibt, zu bündeln und sichtbar zu machen und auch Signale in Richtung Politik zu richten, wie wichtig Leseförderung ist. Der Buchhandel ist ja seit je her sehr engagiert. Nur ein paar Beispiele: Neben dem Vorlesewettbewerb gibt es zum Welttag des Buches am 23. April in diesem Jahr bereits zum 25. Mal die Aktion „Ich schenk Dir eine Geschichte“. Das Buch kann von Schulklassen kostenlos in Buchhandlungen abgeholt werden. Damit erreichen wir auch  die Kinder, die nicht von den Eltern in die Buchhandlungen gebracht werden. Außerdem gibt es Online-Lesungen.

Kommen wir zu Ihnen persönlich. In der fast zweihundertjährigen Geschichte des Börsenvereins sind Sie als Vorsteherin die zweite Frau. Ist das etwas Besonderes? Oder sind Sie so eine Mischung aus Mut, jugendlichem Leichtsinn und Leidenschaft und Leistungsbereitschaft?

Nun bin ich die zweite Frau an der Spitze des Börsenvereins. Die erste Frau an der Spitze, Dorothee Hess-Maier, Verlegerin des Ravenburger Verlags, hat die Wiedervereinigung gemanagt. Sie hat mir dafür die Coronakrise überlassen. Aber mal Spaß beiseite. Heute muss ich niemandem mehr erklären, warum ich das als Frau mache. Die Branche ist ohnehin sehr weiblich. Der Buchreport hat kürzlich ein sensationelles Sonderheft mit Verlegerinnen gemacht. Da war ich begeistert. Nur als Vorsitzende der Stiftung Buchkunst hatte ich beim Internationalen Wettbewerb einmal eine etwas befremdliche Situation. Da war ein Irani nicht bereit, die Urkunde von mir als Frau entgegenzunehmen. Ansonsten habe ich in meiner gesamten Laufbahn noch nie erlebt, dass etwas als komisch empfunden wurde, nur weil ich Frau bin.

Voller Optimismus: Karin Schmidt-Friderichs in ihrem Arbeitszimmer im Haus des Buches; Foto: Petra Kammann

Aber Sie bewältigen insgesamt ein großes Pensum, als Verlegerin, die ursprünglich den Beruf der Architektin gelernt und als solche auch gearbeitet hat. Daneben sind Sie Ehefrau, Mutter, Großmutter… Haben Sie einen Hang zum Multitasking?

Überhaupt nicht. Ich versuche einfach, eins nach dem anderen zu erledigen. Vorsteherin zu sein, ist das anspruchsvollste Ehrenamt, das ich je innehatte. Das ist gerade in Krisenzeiten fast wie ein zweiter Fulltime-Job.
Die Kinder (34 und 36) sind aus dem Haus und brauchen mich nicht mehr. Die Enkel sind in Hamburg und in München. Wenn ich dort bin, bin ich ganz und gar Großmutter.
Es gab lediglich eine kritische Situation im Lockdown, als ich meiner Tochter, die gerade ein zweites Baby erwartete, versprochen hatte, dass ich mich um ihr erstes Kind kümmere, das noch keine zwei war und weder KITA noch Betreuung hatte, und das Hotel, in dem ich sonst immer wohnte, wegen Corona geschlossen war.
Dann habe ich morgens von 4 Uhr an, bis meine Enkelin gegen 7 Uhr wach wurde, für den Börsenverein gearbeitet, anschließend – so knapp 12 Stunden – mit ihr gespielt, bis sie wieder ins Bett ging. In der Mittagspause zwischendurch meiner Tochter etwas zu Essen gekocht, mich von 20 Uhr bis Mitternacht dann um den eigenen Verlag gekümmert, danach war wieder der Börsenverein dran. So etwas geht drei Wochen lang gut, und dann ist man erschöpft. Aber so hab ich schließlich auch mein Architekturstudium abgeschlossen.

Kommen Sie selbst eigentlich noch zum Lesen? Wenn ja, was lesen Sie?

Selten kam ich so wenig zum Lesen wie jetzt. Aber ich lese gerne. Zuletzt „Löwen wecken“, ein Buch von der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen, in dem es um Schuld geht. Der Protagonist lädt Schuld auf sich, die er zu vertuschen sucht und macht damit alles nur noch immer schlimmer…. Und z. Z. lese ich „Im Grunde gut!“, ein Sachbuch (Bestsellerliste), das von einem sehr positiven Menschenbild ausgeht. Da draußen im Moment nicht alles so gut läuft, bekommt mir das als Ausgleich gut.

Die erfolgreiche Kinderbuch-Autorin war auch Friedenspreisträgerin 

Können Sie sich an Ihr erstes Leseerlebnis erinnern?

Ich liebte Astrid Lindgren. Das war wohl bei allem um 1960 Geborenen so. Ich war 8, als der erste Mensch auf dem Mond landete. Und das durfte ich bei den Nachbarn meiner Großmutter im Fernsehen gucken. Da bin ich aufgestanden und habe mich vor die Nachbarn hingestellt und gesagt: ich werde übrigens die erste Frau auf dem Mond sein. Da haben sie gelacht. Dabei haben mir die Bücher von Astrid Lindgren immer den Rücken gestärkt.

→Die 72. Frankfurter Buchmesse – Special Edition ist eröffnet

Infos zum Sachbuchpreis:

Die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verleiht den mit insgesamt 42.500 Euro dotierten Deutschen Sachbuchpreis an ein herausragendes, in deutscher Sprache verfasstes Sachbuch, das Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung gibt.

Aus den acht nominierten Titeln kürt die Jury das Sachbuch des Jahres, das am 14. Juni 2021 in Berlin verkündet wird. Der oder die Preisträger*in erhält 25.000 Euro, die sieben Nominierten erhalten je 2.500 Euro.

Die Jury:

Das ist die Jury
  • Dr. Klaus Kowalke (Buchhandlung Lessing & Kompanie)
  • Tania Martini (die tageszeitung)
  • Dr. Jeanne Rubner (Bayerischer Rundfunk)
  • Denis Scheck (ARD)
  • Hilal Sezgin (freie Autorin)
  • Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger (Wissenschaftskolleg zu Berlin)
  • Dr. Kia Vahland (Süddeutsche Zeitung)

Blogger*innen:

präsentieren die Nominierten auf den Kanälen des Deutschen Sachbuchpreises / Vorstellung der Blogger*innen ab 4. März 2021 / Hashtag #sachbuchpreisbloggen

Acht Titel, acht Blogger*innen, acht Perspektiven auf ausgezeichnete Sachbücher: Unter dem Hashtag #sachbuchpreisbloggen diskutieren und rezensieren Buchblogger*innen ab Mitte April 2021 die nominierten Titel des Deutschen Sachbuchpreises.

Die Beiträge sind auf den Social-Media-Kanälen und auf der Website des Deutschen Sachbuchpreises abrufbar. Ab sofort stellen sich die Teilnehmenden auf den Sachbuchpreis-Kanälen vor – und das ohne viele Worte. In Foto-Interviews beantworten sie Fragen anhand von Buchtiteln und lassen Raum für Diskussion und Interpretation.

Zum Deutschen Sachbuchpreis bloggen: Sandro Abbate – novelero, Juliane Noßack und Stefan Diezmann – Poesierausch, Romy Henze – Travel Without Moving, Anne Spitzner – Literaturlärm (Youtube), Sascha Pommrenke – Koreander, Bettina Schnerr – Bleisatz, Steffen Twardowski – Sachen lesen, Petra Wiemann – Elementares Lesen

Die Blogger*innen erhalten nach Bekanntgabe der Nominierten am 6. April 2021 je einen Titel per Losverfahren, den sie vorstellen und besprechen. Darüber hinaus wählen sie einen weiteren Titel aus, zu dem sie einen kreativen Beitrag in einem Format ihrer Wahl gestalten. Alle Beiträge erscheinen bis Ende Juni 2021 auf InstagramFacebook und Twitter, auf der Website des Deutschen Sachbuchpreises sowie den Kanälen der jeweiligen Blogger*innen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist Schirmherrin des Deutschen Sachbuchpreises. Hauptförderer des Preises ist die Deutsche Bank Stiftung, darüber hinaus unterstützt die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss die Auszeichnung.

Weitere Informationen: 

www.deutscher-sachbuchpreis.de

und

 

 

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