home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

LAOS – Ein paradiesisches Refugium

Impressionen und Fotos von Paulina Heiligenthal

Entlang steiler Bergspitzen, unbegangener Schluchten und dichter Wälder mäandert eine kurvenreiche, schmale Asphaltstrasse durch das Hochland von Laos. Bergketten durchziehen das Land – mit Höhenzügen, die von Norden, mit dem mit 2.850 Metern höchsten Berg Phu Bia in Richtung Süden gegliedert sind. Während des Monsuns wächst und wuchert es im Bergklima. Die Regenzeit hat das Kronendach der Bäume gesäubert.

Die Schönheit der Bergwelt von Laos

Der Glücksbringer im Fahrzeug – der omnipräsente Zauber für eine sichere Fahrt – besteht aus zahlreichen farbenprächtigen Bändern mit Schleifchen, aufgereihten weißen Perlen und Stoffblumen als Bommel. In den engen Kehren der Serpentine tänzeln und schwingen sie fröhlich mit.

Die Bevölkerungsdichte ist hier sehr gering, nur ab und an führt der gewundene Weg  durch Straßendörfer und an Gemüseständen vorbei. Die verstreut liegenden Häuser sind typische Bambusbauten, zum Schutz vor Ungeziefer und Hochwasser auf Pfählen. Vereinzelt tragen sie rote Fahnen mit Stern, Hammer und Sichel, den Pathos Lenins beschwörend. Hier wohnen die Parteimitglieder.

Vor ihrem Haus flicht die junge Mutter flink ein Dach, während die Kinder genüsslich Brausepulver schlecken

Der erfahrene und besonnene Fahrer bringt das Fahrzeug souverän, geradezu behende durch die Haarnadelkurven, die umrahmt sind von einer grandiosen Kulisse nahezu unberührter, ungezähmter und ursprünglicher Natur. In sattesten Nuancen von Grün präsentieren sich subtropische Eichen und Kiefern, an meterhohen Bambushainen, wedelnden Miscanthus giganteus und majestätischen Bananenstauden vorbei. Eine einzigartige und wunderbare Bergwildnis.

Bambusfloss auf dem Nam Song bei Vang Vieng

Ich kann mich auf der Berg- und Talfahrt durch dieses Wunderland, diese Terra Incognita, nicht satt sehen, bin betört und begeistert. Dies ist eine der schönsten und atemberaubendsten Strecken in Laos. Ich bin so in den Bann gezogen, dass ich die acht Stunden der sicherlich nicht ganz ungefährlichen Überlandfahrt nach Vang Vieng nicht als Strapaze empfinde.

Die erste Pause bringt uns zum Aussichtspunkt Salaview Kiov Muang mit seiner spektakulären Aussicht, die den Blick frei gibt auf einen Fluss, der nach der Regenzeit zu einem mächtigen Strom anschwellen wird. Er wird die Reisfelder bewässern und die Fische speisen. Das Schwemmland ist besonders fruchtbar für Reis, der in Laos hauptsächlich angebaut wird. Man kennt hier zwischen 3000 und 4000 verschiedene Sorten. Mittlerweile kann Laos seine Bevölkerung vollständig mit Reis in bester Qualität ernähren und produziert sogar leichte Überschüsse. So bald der Reis 50 cm hoch gewachsen ist, werden den Geistern vier Hühner – darunter ein weißes – geopfert, um böse Geister abzuwehren.

Säubern der Frühlingszwiebeln auf dem Markt von Muang Kasi

In der Ebene gedeihen ferner Mais, Soja- und Mungobohnen, Kartoffeln, Baumwolle, Zucker, Tee, Kaffee und Yamswurzeln, die in der Naturheilkunde angewandt werden. Da das kaum erforschte Land mit seiner geheimnisvollen Bergwelt nahezu unzugänglich ist, dient nur zehn Prozent der Fläche zur landwirtschaftlichen Nutzung. Weihnachtssternbäume umsäumen das Hochplateau, ein Hahn stolziert herum, ein Äffchen an einer Kordel laust sich. Es gibt einen kleinen Supermarkt und nicht zuletzt ein „Ort der Harmonie“, der asiatische Euphemismus für das „stille Örtchen“, das man dann glückselig verlassen kann…

Augen wie Sterne –  ein strahlendes Mädchen im Bergdorf

Hochgelegen in Abgeschiedenheit von der Welt besuche ich eine Siedlung, in dem eines der Bergvölker lebt. Eine Dorfgemeinschaft, die ohne Strom und fließendes Wasser auskommen muss. Angelockt vom seltenen Geräusch eines Fahrzeugs kommt eine große Zahl von entzückenden Kindern freudestrahlend  aus den Häusern gerannt. Einige tragen ihre kleinen Geschwister auf dem Arm. Als Überraschung bekommen alle vom unserem Guide Vila ein kleines Sonntagsgeschenk – ein Tütchen mit Brausepulver, das gerne geschleckt wird.

Der eigentliche Grund unseres Besuches ist allerdings, die Hausapotheke einer Bekannten mit einem Vorrat an Medikamenten wie Aspirin und anderen benötigten Heilmitteln anzureichern. Eine schöne Geste.

Getreide und Gemüse trocknen an der Sonne

Draußen liegen Gemüsesorten und Getreide ausgebreitet auf großen Planen zum Trocknen an der Sonne. Ein schwarzes Schweinchen schnüffelt unaufgeregt nach Nahrung. Meterhohe Bougainvilleen  und Sukkulenten schmücken das Bergdorf. Eine junge Frau mit Handschuhen flicht gekonnt ein Dach aus Palmblättern. Ein betagtes Ehepaar ist sichtlich stolz, fotografiert zu werden. Die alte Dame wirkt wie die heimliche Chefin, selbstbewusst die Zigarette in der einen, einen schwarzen Stock in der anderen Hand.

Bereits 2005 wurde der Anbau von Schlafmohn zur Gewinnung von Opium  erheblich eingedämmt und den Farmern alternative Anbauarten aufgezeigt, da zu viele Laoten abhängig wurden. Mittlerweile ist der Gebrauch illegal.

Knackiges Grün für Gesundheit pur in Muang Kasi

Im Norden der Provinz Vientiane liegt die Flussstadt Muang Kasi mit seiner belebten Hauptstraße und einer bunten Vielfalt an Geschäften. Der traditionelle Markt mit seinen üppigen Gemüseständen und mannigfaltigen Aromen ist nicht nur für die Einheimischen, auch für die in der Umgebung lebenden Bergvölker ein willkommener Anlass zum Plausch und Austausch von aktuellen Ereignissen. Hier findet man auch Wurzeln, Pilze und Baumrinden für die bewährte Naturmedizin.

Das köstliche Mittagessen besteht aus einer üppigen Nudelsuppe, deren Gemüsebeilage ich selbst zusammen stellen darf. Eine kulinarische Besonderheit ist die nie gekannte Vorspeise in Form von gebratenen acht Zentimeter langen, weißen Maden, gewürzt mit Chili und Kaffirblättern. Diese tierischen Proteine, nur zögerlich genossen, werden aus Bambusrohren herausgepult und erinnern geschmacklich an Gambas. Auch wenn es verboten ist, Laoten genießen privat gern alles, was kreucht und fleucht: zum Beispiel Eidechsen, Schlangen, Eichhörnchen und Fledermäuse.

In der Webkultur stehen Streifen für Erhabenheit, Rauten und Zickzack-Muster für Wissen. Die Pflanzenfarbe Indigo schützt vor Krankheit und Insekten

In einigen Bergdörfern wird wunderschöne, meisterliche Textilkunst präsentiert. Die spinnenden und webenden Frauen sind für die Herstellung ihres qualitativ hochwertigen Kunsthandwerkes gerühmt. Da Laos über lange Zeit hinter Bambusgardinen von der Welt abgeschottet war, ist die hochentwickelte Handwerkskunst, wie beispielsweise die Jahrhunderte alte Seidenwebkultur, bis heute bewahrt geblieben. Sie gibt den Frauen eine eigene Identität.

Gegen Abend steigen Nebelschleier hoch im Karstgebirge von Vang Vieng

Vang Vieng, eine idyllische Kleinstadt am Nam Song Fluss, liegt halbwegs zwischen dem UNESCO-Welterbe Luang Prabang und der Hauptstadt Vientiane. Der Fluss ist hier gesäumt von imposanten Kalksteinformationen, eingebettet in der endlosen, sattgrünen Pracht der subtropischen Monsunwälder, umgeben von Reisfeldern. Die Zikaden singen, Nebelschleier steigen den Fluss hoch, Boote gleiten der Abendsonne entgegen.  Eine atmosphärische Stimmung im Naturparadies, im Refugium, ursprünglich und malerisch.

Um die Jahrtausendwende wurde das unbekannte, verschlafene Provinzstädtchen Vang Vieng über Nacht von vergnügungssüchtigen Backpackers aus der ganzen Welt als Partymeile entdeckt. Innerhalb kurzer Zeit entstanden am Uferrand des Nam Song viele Bars, die neben alkoholischen Getränken, auch Fruchtshakes mit Marihuana, Magic Mushrooms und Opium-Tee für den Rausch anboten. Die Hauptattraktion war die legendäre Tubing-Strecke am Flussufer, an der sich Bar um Bar aneinander reihte. In aufgepumpten Lkw-Reifen ließ man sich für fünf Dollar den ganzen Tag flussabwärts von einer Bar zur nächsten treiben, angelockt von den Willkommensdrinks der Animateure. Das Ufer mit Wasserrutschen, Schlammbecken, Lianen, zusammen gezimmerten Türmen war wie ein Abenteuerspielplatz  für über die Stränge geschlagene, junge Erwachsene.

Fischer gaben ihre Arbeit auf, aus Furcht vor dem schlechten Karma, das von den hemmungslosen Gästen ausging.  Erst als es 2011 Dutzende von verunglückten Opfern gab, wurde internationaler Druck auf die laotische Regierung ausgeübt, die „dieses Vergnügungsparadies der Maßlosigkeit“ in 2012 für immer räumen ließ.

Das Kennzeichen auf dem Triumpfbogen von Vientiane

In einer Tiefebene inmitten der fruchtbaren Landschaft erstreckt  sich Vientiane, „Stadt des Mondes“ und Landeshauptstadt seit 1560, über mehrere Kilometer am Ufer des Mekong. Hier bildet er die natürliche Grenze  zu Thailand. Seit 1996 sind beide Länder durch eine 1774 Meter lange thailändisch-laotische Freundschaftsbrücke verbunden. Der mächtige Strom, gespeist aus den Bergen, dominiert Laos und fließt über 1.900 km durch das Land. Es werden mehr als 2 Millionen Tonnen Fisch pro Jahr gefangen. Das ist mehr als im gesamten Mittelmeer. In der Regenzeit schwillt der Mekong  gewaltig an und alle Eilande im Fluss verschwinden über Nacht.

Gegründet in 13. Jahrhundert, ist die Hauptstadt das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes, das sich zunächst kontinuierlich entwickelte. Unter dem französischen Protektorat stagnierte diese Entwicklung, da die Interessen der Franzosen auf Vietnam gerichtet waren. Nachdem in Asien der Zweite Weltkrieg am 1. September 1945 für beendet erklärt wurde, ernannte sich das Königreich Laos gegen den Widerstand Frankreichs für unabhängig.

L’Arc de triomphe in der Hauptstadt Vientiane

Am Ende der prächtigen Xang-Avenue, in einer symmetrischen Grün- und Erholungsanlage und mit großen Wasserfontänen umgeben, ragt das Denkmal Patuxai, Vientianes „Arc de Triomphe“ oder Siegestor für die Gefallenen der Befreiungskriege empor. Das monumentale, viertorige Gebilde ist 49 Meter hoch und wurde in den 1960er Jahren errichtet. Detailreiche Freskenmalerei in Pastell- und Goldtönen im Inneren, Skulpturen, Zinnen und Zuckerbäckertürmchen aus der indischen Mythologie zieren draußen das Bauwerk. Die oberste Plattform kann man über mehrere Etagen, in denen sich Touristengeschäfte befinden, erklettern, um ein faszinierendes Panorama über die beschauliche, geruhsame Stadt zu genießen.

Die Klosteranlage Si Saket in Vientiane

Auf dem Komplex des Präsidentenpalastes befindet sich der ehemalige Königstempel Ho Pha Keo, schlicht als Ho (Saal) bezeichnet, da hier nie Mönche lebten. Nach zwei Zerstörungen und Wiederaufbauten wurde Ho 1950 in ein Museum umgewandelt, das eine der besten Sammlungen antiker Buddha-Figuren in Südostasien enthält. Einige sind mehr als 1500 Jahre alt. Auch Grenzsteine, Tempelinschriften, Sandsteinstele, Palmblattmanuskripte von unschätzbarem Wert  und ein goldener Thron sind hier beheimatet. Der Garten des Museumsareals ist ein wahrer Brunnen der Ruhe für das „Chi“, das vitale Gleichgewicht der Seele. Die duftenden Blumen, die aufgefächerten Bananenstauden, die zahlreichen farbenfrohen Schreine, tragen zur Entschleunigung bei.

Schräg gegenüber dem Museum liegt das älteste erhaltene Heiligtum der Stadt, das Wat Si Saket. Es ist in siamesischem Stil erbaut und blieb als Einziges von den Verwüstungen der Siamesischen Armeen 1828 verschont. Auf dem umschlossenen Areal befinden sich für eine Klosteranlage charakteristische Bauten wie ein Trommel- und Glockenhaus, eine Bibliothek, offene Pavillons, Säle und Kutis, spartanische Mönchsunterkünfte, Reliquienschreine sowie der Kultbereich.

Der überdachte Wandelgang ist das Herzstück der Anlage. Er beherbergt über 300 Buddha-Statuen, einige mehr als 1500 Jahre alt, in unterschiedlichen Größen und aus Silber, Bronze, Stein oder Holz. An der Rückwand zur Innenseite bergen Nischen mehr als 2000 kleine Buddhas, die ein eindrucksvolles Gesamtwerk bilden. Im Herzen der Anlage schmücken flammenartige Naga-Schlangen als Schutzmächte die Giebel des dreifachen Satteldaches des großen Tempels, der von mächtigen Säulen gestützt wird.

Die himmlische, alles überstrahlende Kultstätte PhaThat Luang ist das Nationalsymbol von Laos

Gigantische, graue Betonwüste neben funkelnder, blattgoldener Herrlichkeit, bewaffnete Posten in Oliv neben friedfertigen Mönchen in Safran-Orange: Vier Kilometer außerhalb des Zentrums erhebt sich nahe einem schier grenzenlosen Exerzierplatz das erhabene, majestätische Sakralheiligtum Pha That Luang. Nach Verabschiedung der Verfassung in 1991 wurde That Luang zum Nationalsymbol und Wahrzeichen von Laos.

Das mit seinen Maßen von 68 mal 68 Metern imposante, prunkvolle und alles überstrahlende Bauwerk ist quadratisch und in die vier Himmelsrichtungen weisend errichtet worden. Es erstreckt sich auf drei Terrassenebenen, jeweils von stilisierten Lotosblättern aus Stein gestützt. Der 45 Meter elegant aufragende That, dessen Spitze eine stilisierte Bananenblüte darstellt, ist eine terrassenförmige Stufenpyramide. Vier Tore führen zur zweiten, 48 mal 48 Meter großen Plattform. Dreißig kleinere Stupas nehmen die Form des Hauptheiligtums auf. Im Inneren soll sich ein Reliquienschrein mit dem Brustbein von Buddha befinden.

Großer liegender Buddha im Wat Pha That Luang in Vientiane

Der Stupa steht grundsätzlich für den Geist von Buddha und ist das höchste Symbol der Erleuchtung und der täglichen Achtsamkeit. Ein Monument, das  Harmonie und Liebe symbolisiert, Empathie und Weisheit verkörpert, das Ästhetik und geistige Kraft vermittelt. Er wird zum Erhalt des Friedens in der Welt errichtet und fördert das äußere Gleichgewicht und den inneren Frieden.

Die Klosterbauten um That Luang herum sind Sitz des höchsten laotischen Mönchsordens. Hier beeindruckt in herrlicher Parkanlage ein goldglänzend leuchtender, überdimensionaler, liegender Buddha. Er wird wie alle Buddha-Statuen mit geweihtem Wasser gereinigt. Historisch belegt ist ein ähnlicher Stupa aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, entworfen vom König Sethathirath, nachdem er 1630 die Hauptstadt von Luang Prabang nach Vientiane verlegte. Dieses königliche Heiligtum wurde mehrfach von marodierenden Siamesen und von feuerliebenden Horden der Ho aus China geplündert und zerstört. Die École Française d’Extrême-Orient ließ es in den 1930ern nach den Originalplänen komplett wieder aufbauen. Der allerheiligste, königliche Stupa in goldenem Gewand soll den Himmelswesen mittels Sonnenstrahlen den Weg auf die Erde zeigen. Der Weg von Unvollkommenheit zur Vollkommenheit.

Glückliche Novizen auf dem Dach des Triumphbogens in Vientiane

An großen Festtagen strömen Mönche und Pilger aus allen Winkeln des Landes herbei um das religiöse Heiligtum in eine Lichterprozession und ein Blumenmeer von Opfergaben umzuwandeln. Längs ist die Freude an Festtagsgewändern, an Feiern, an wieder auferstandener Musik, an betörenden Düften dem spröden, freudlosen, kommunistischen Alltag gewichen. In Respekt und voller Würde.

Laakon, Laos! Auf Wiedersehen, Laos, Du bezauberndes Land des Lächelns! Möge Dir Deine Authentizität, Deine Friedfertigkeit, Deine Sanftmütigkeit und Dein Lächeln erhalten bleiben.

 

Comments are closed.