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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Kurz vor dem 2. Lockdown – Premieren an Berliner Theatern

Schillers „Maria Stuart“ und Handkes „Zdenek Adamec“ am Deutschen Theater, „Elektra“ am Berliner Ensemble, Peer Gynt“ an der Schausbühne

von Simone Hamm

Einige Premieren fanden doch noch statt in Berlin – wenige Tage vor dem Lockdown. Anne Lenk inszenierte Schillers „Maria Stuart“ am Deutschen Theater. Einen passenderen Kommentar zu den Covid 19 Hygienmassnahmen hätte man nicht finden können. Die Bühnenbildnerin Judith Oswald hat einen riesigen Setzkasten auf die Bühne gestellt. Die Fächer sind hin zum Publikum geöffnet. In kleinen pinkfarbenen Häschen stehen die Schauspieler, sie können einander nicht sehen. Sie können einander nicht berühren. Ein jeder ist allein.

Maria Stuart von Friedrich Schiller, hier: Franziska Machens, Paul Grill, Enno Trebs
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald Kostüme, Dramaturgie: David Heiligers, Foto: Arno Declair 

Elisabeth (Julia Windischbauer) steht zögernd, zaudernd, nachdenklich in ihrem Audienzsaal, anfangs hat sie sich unter einen riesigen Kopf aus Pappmaché versteckt. Dieser Kopf mit der flotten Kurzhaarfrisur ist eine genaue Abbildung des Kopfes der Schauspielerin.

Im Kästchen unter ihr steht Maria Stuart (Franziska Machens) im Kerker: lachend, schreined, flüsternd, klagend, grimassierend, stolz.

Nur zweimal wird diese Einsamkeit durchbrochen. Einmal gelangt Mortimer zu Maria, die er begehrt. Wie ein wirrer Hampelmann kniet er plötzlich vor ihr, fasst sie grob an, wird übergriffig in mehr als einer Bedeutung des Wortes. Diese Szene bekommt eine große Dynamik angesichts dessen, das sonst alle durch Wände getrennt nebeneinander stehen, zum Publikum gewandt.

Dann stehen sich die beiden Königinnen gegenüber, Maria soll demütig sein, um Gnade bitten, doch das kann sie nicht. Lautstark fordert sie ihr königliches Recht ein und treibt die gerade noch grübelnde Elisabeth so dazu, ihr Todesurteil zu unterschreiben.

Die Männer in Anne Lenks Inszenierung sind allesamt ziemlich berechnend, ziemlich durchschaubar, ziemlich plump. Sie sind nichts weiter als Hofschranzen. Weder Maria noch Elisabeth nehmen sie Ernst.

Das großartige Ensemble des Deutschen Theaters spielt ohne Pathos, aber auch ohne die dummen Männer zu Witzfiguren zu machen. Jeremy Mockridge ist der Schwärmer Mortimer, Alexander Khuon der kühl kalkulierende Leicester. Aber sein Kalkül geht nicht auf. Er wird durchschaut.

Schuld will Elisabeth am Ende nicht sein, obwohl sie ja das Todesurteil unterschreiben hat.Überhaupt will niemand verantwortlich sein. Geopfert wird schließlich Staatssekretär Devison (Caner Sunar), ein Mann in kurzen Hosen. Elisabeth opfert der Staatsräson wegen. Ein privates Glück kennt sie nicht.

Das Ensemble in ZdenÄk Adamec von Peter Handke, Regie: Jossi Wieler, Bühne / Kostüme: Jens Kilian, Dramaturgie: Tilman Raabke, Bernd Isele; Foto: Arno Declair 

Wenige Tage zuvor war im Deutschen Theater Peter Handkes „Zdenek Adamec in deutscher Uraufführung gezeigt.

Sechs Musiker warten. Ob sie in einer Kapelle unter Bildern von Heiligen und Nonnen oder einem Café oder einem Bahnhofswartesaal – alles ist denkbar. In dem Raum steht auch eine Wurlitzer Musikbox. Sie sprechen über den  achtzehnjährigen Tschechen Zdenek Adamec, der sich 2003 auf der Treppe des Prager Nationalmuseums angezündet und verbrannt hat. ZdenÄk Adamec selbst ist nie zu sehen. Peter Handke versucht in seinem Stück „Zdenek Adamec“ eine Antwort darauf zu finden, warum der junge Steinmetzsohn aus einem böhmischen Dorf, der das Leben und die Natur liebte, sich das Leben nahm. Er ist nicht so bekannt geworden wie Jan Palach und Jan Zajíc, die sich aus Protest gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen und die Niederschlagung des Prager Frühlings verbrannt haben.

Regisseur Jossi Wieler lässt drei Schauspielerinnen und drei Schauspieler mutmaßen, reflektieren, spekulieren. Sie erfinden, sie zeigen Fakten auf, die eine ist mitfühlend, der andere sarkastisch. Regine Zimmermann, Marcel Kohler, Felix Goeser, Lorena Handschin, Lin Reusse weinen, trauern, erzählen auch von eigenem Schmerz. Und doch: sie deklamieren mehr , als dass sie spielen. Sie stellen Thesen auf.

Bernd Moser gibt im zerschlissenen Mantel, mit dünn umrandeter Brille den Waldliebhaber Peter Handke, dessen eigene Naturerfahrungen in die Figur des Zdenek Adamec eingeflossen sein könnten.

Dennoch bleibt der Abend statisch, was nicht allein den Coronaregeln geschuldet ist, sondern auch dem Text. Philosophische Betrachtungen sind nicht so leicht auf die Bühne zu bringen.

Weniger intellektuell, dafür aber überaus visuell ist hingegen Rieke Süßkows Inszenierung von „Elektra“ am Berliner Ensemble. Sie hat aus dem Elektrastoff ein Stück ganz ohne Worte gemacht. Die Figuren scheinen aus einem expressionistischen Stummfilm zu kommen, dann wieder aus einem Bob Wilson Stück. Sie reißen die Münder auf, sie gefrieren.

Das ist eine Choreografie zu beeindruckender Musik von Sven Kaiser. Nur manchmal bewegen die Schauspieler die Lippen, rufen „Mama“, „Papa“, schreien lautlos einen Satz heraus.

Der Untertitel heißt „Ein Familienalbum“. Und genau so ein Album öffnet sich. Bühnenbildnerin Marlene Lockmann hat ein Popup-Bilderbuch geschaffen, dessen Seiten sich öffnen. Mal ist ein Esszimmer zu sehen, mal springt eine große, gefährlich aussehende Schlange ins Bild. Dann wird umgeblättert.

Ein Fluch lastet auf der Familie des Agamemnon. Die vom Vater geopferte Iphigenie (Laura Balzer) wird zum Gespenst und reicht ihrer  Mutter Klytemnästra (Kathrin Welisch) die Axt, mit der sie brutal auf Agamemnon (Tilo Nest) einschlägt. Orest (Nico Holonics) tötet aus Hass, aus Liebe zu seiner Schwester Elektra.

Die Gewalt pflanzt sich fort. Ein Entkommen gibt es nicht. Die Schauspieler zeigen wortlos, aber alles andere als stumm beeindruckend dichte Szenen an diesem ganz außergewöhnlichen Abend. Rieke Süßkows Konzept, mit dem sie schon „Medea“ inszenierte, ihre Idee, wortlos und doch gewaltig spielen zu lassen, geht auch an diesem Abend auf.

Peer Gynt von Henrik Ibsen. Ein Taten-Drang-Drama von John Bock und Lars Eidinger
hier: Lars Eidinger als Peer Gynt, Foto: Benjakon, Schaubühne Berlin

Die Schaubühne wollte in dieser Woche die Premiere von „Vernon Subutex“ mit Joachim Mayerhoff zeigen. Die muss nun ausfallen und so habe ich mich entschlossen, den anderen Star der Schaubühne zu sehen. Lars Eidinger als „Peer Gynt„, ein Taten-Drang-Drama von John Bock und Lars Eidinger.

Zu Beginn betritt eine junge Frau mit Mikro die Bühne. Die schlechte Nachricht zuerst: Lars Eidinger habe sich am Morgen einen Finger abgeschnitten und sei in der Charité notoperiert worden. Die gute Nachricht, er werde spielen, unter starken Schmerzmitteln. Es gibt in Peer Gynt einen jungen Mann, der sich einen Finger abschneidet, damit er nicht zum Militär muss. Und welchem Schauspieler außer Lars Eidinger (nachdem Klaus Kinski abgetreten ist) würde man so etwas zutrauen ?

Der Blick bleibt also zunächst starr auf Eidingers anfangs schwarz behandschuhten Fingern liegen. Er hat sich das Gesicht weiß geschminkt, die Augen sind schwarz umrandet, der Mund blutrot, er ist eine Mischung aus Gründgens „Mephisto“ und dem Joker aus Batman. Er hat eine blonde Perücke aufgesetzt, steht in immer neuen Phantasiekostüm aus abgschnittener Anzugjacke, Unterhosen, Strapsen, Alukappen, Bomberjacken, riesigen Nadelstreifenanzügen  auf der Bühne. Und erst als Eidinger anfängt, auf einem Bügelbrett Klavier zu spielen mit langen, schönen, schmalen Fingern, wird es entspannter im Publikum. Denn – wie konnte man das vergessen – Peer Gynt ist ein großer Lügner, der sich eine Traumwelt erschafft. Er ist auch ein großer Freiheitsliebender, nichts darf ihn einengen, begrenzen.

Der Performance-Künstler John Bock hat ein irres Bühnenbild gestaltet, einen vier Meter großen sich drehenden Elefanten aus buntgemusterten Stoffen, Fellschwänzen, Stoffwürsten, dazu  Glaskolben, Transportleitungen. Ein Peer Gynt voller großartiger Einfälle.

Das Bühnenbild des Performance-Künstlers John Bock, Foto: Benjakon, Schaubühne Berlin

Da dirigiert Eidinger in einem riesigen Nadelstreifenanzug Edvard Griegs Peer Gynt Suite. Eidinger tanzt mit einer Trolltocher im lindgrünen Morphsuit, ein einsamer, verzweifelter Tanz. Er trinkt ein ekelhaftes selbstgemixtes Gesöff aus baked beans, Eiern und Würstchen.

In Großformat wird eine Pornoszene an die Wand geworfen und ein winziger Peer Gynt wird mittels Greenscreen-Technik in die Pornoszene hineinprojiziert, zieht die Hosen runter, will mitmachen. Keine der Damen nimmt ihn zur Kenntnis. Sie  vergnügen sich munter weiter. Ohne ihn. Peer Gynt als einer der Männer, die sich überpotent glauben, die Pornos konsumieren und später Gottweißwas erzählen werden.

Er springt hin und her, verrenkt sich, singt Songs von the Cure und Drake und Popsongs aus den achtzigern wie „Hunting high and low“ von AHA, liefert zwei Stunden lang eine einfach großartige Show ab. Es ist ein Lars Eidinger Abend. Schon als Hamlet und Richard III.  hat er sich völlig verausgabt. Hier legt er Schicht um Schicht den Peer Gynt ab und wird zu Lars Eidinger. Allerdings schält er keine Zwiebel, sondern beißt in eine Peperoni, „Peer Peroni“ bis ihm die Tränen kommen. („Lars, mehr ist meinen Eltern nach vier Jahren Jens nicht eingefallen.“)

Wer „Peer Gynt“ pur sehen will, sollte sich eine DVD von Peter Steins legendärer Schaubühneninszenierung aus dem Jahre 1971 besorgen. Wer Neues will und Sperriges, Kraftvolles und Lustiges zugleich, der sollte sich einlassen auf Lars Eidinger und John Bocks irrsinnigen, grellen Pop Peer Gynt. Ein schlicht großartiger Abend.

 

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