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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Paradise in Transition“ in der Galerie Heike Strelow

Von Erhard Metz

Wir stecken mitten in der Corona-Pandemie. Ist es da – bereits – Zeit, so wurde kürzlich gefragt, für eine literarische, eine künstlerische Reflektion? Wir meinen ja. Nun geschieht dies in der laufenden, äußerst sehenswerten Ausstellung „Paradise in Transition“ in der Frankfurter Galerie Heike Strelow nicht nur, aber auch, auf sehr verschiedene Art und Weise: unterschwellig subtil, berührend, beängstigend, bedrohlich, aber auch humorvoll, ironisch, clownesk – eben höchst komplex, stehen doch die Begriffe Paradies für Ersehntes wie Verlorenes, Transition für Vorgänge im kultur- wie soziopolitischen Prozeß.

Jonny Green, Coronation of the Covid King, 2020, Oil on canvas, 25 x 20 cm

Jonny Green, All Hail the Covid King, 2020, Oil on canvas, 25 x 20 cm

Der britische Künstler Jonny Green stellt gleich die Verbindung der Corona-Pandemie zum vermeintlichen „Paradies“ her. Barocke Puttengelchen hieven ein hochovales Medaillon „COV 19“ auf einen Regenbogen, dem Symbol des alttestamentarischen Bundes zwischen Gott und Menschen, aber ist der Bogen nicht bereits in zwei Teile zerbrochen? Drunten im Irdischen huldigt man dem „Covid“-König, man weiß nicht, ob dieser sich mit einem spätbarocken Prunk- oder einem rheinländischen Karnevalskostüm ge- oder verkleidet hat. Vor der Brust das bekannte Requisit eines Maskenballs – Anspielung auf die allgegenwärtige Maskenpflicht. In seiner Rechten hält er etwas, was – auch – als ein kleines Christenkreuz gedeutet werden kann.

Die Arbeiten sind in vielfältiger Weise lesbar, was sie – wie ganz allgemein eine solche Kunst – auszeichnet. Religiöse Menschen werden einen gänzlich anderen oder auch gar keinen Zugang zu ihnen haben, Leute, die mit Stanniolpapier auf dem Kopf und Amuletten behängt herumlaufen, Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker wieder einen anderen und beißenden Spott ausmachen, Kunsthistoriker werden sich nach Farbauftrag und Pinselduktus sowie Zitaten in der bildenden Kunst umsehen und an Formensprache und Farbpalette etwa eines Rubens oder Tiepolo denken. Wer das Covid 19-Virus als eine weltweit aktuelle Bedrohung erlebt, wird ob des „Covid Kings“ den Kopf schütteln. Also was, liebe Leserinnen und Leser, macht denn nun eigentlich Greens so zeitbezogene wie spannend-fesselnde, ja faszinierende Malerei aus?

Jonny Green, 1966 in Yorkshire geboren, graduierte am Londoner Royal College of Art mit dem M.A. und an der Norwich School of Art mit dem B.A. in Fine Art Painting. Der Künstler lebt und arbeitet in London und Yorkshire.

Der venezuelanische Maler José Vivenes greift das vor allem aus der christlichen Ikonographie vielfach bekannte Motiv des Engelsturzes auf – wir denken an entsprechende Werke von Peter Paul Rubens, Pieter Bruegel d.Ä., Antonio Viani oder Giuseppe Cesari, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

José Vivenes, Es buena medida una historia repetida, 2018/2019, Öl auf Leinwand, 147 x 147 cm

Vivenes rekurriert in dem Bildtitel auf die „alte Geschichte“, bekannt aus dem Alten und dem Neuen Testament und dem Koran, wie auch auf John Miltons gewaltiges Versdrama „Parasise Lost“: Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, das Aufbegehren der Engel gegen Gott und ihre Bestrafung mit dem Sturz in die Hölle. Bereits im 17. Jahrhundert wurde das Epos als eine Art Gleichnis für die politische Situation in England verstanden: dem Scheitern der puritanischen Revolution und der Wiedererrichtung der Monarchie. So visualisiert Vivenes in seinen Arbeiten die sozialen Spannungen in seiner Heimat. Er blickt dabei nicht nur auf die Sündhaftigkeit des Menschen, sondern hinterfragt auch die Rolle von Staat und Kirche in Venezuela. Zum Motiv des Engelsturzes in Zeiten der Corona-Pandemie wird im christlichen Kontext immer wieder auch die Frage einer Bestrafung der Menschheit durch Gott, aber auch die Frage der Theodizee gestellt.

José Vivenes, 1977 in Maturín, Venezuela geboren, lebt und arbeitet in Caracas.

Björn Drenkwitz,
↑ First Cry, 2020
↓ Last Breath, 2020
jeweils Cymatik C-Print, 100 x 100 cm

Leben und Tod, gerade auch in Zeiten von Corona, greift Björn Drenkwitz in seiner großartigen zweiteiligen Arbeit „First Cry – Last Breath“ auf: Er visualisiert den ersten Schrei eines Neugeborenen und den letzten Atemzug eines Sterbenden. Wie in vielen seiner früheren Werke bedient er sich dabei technischer Mittel und wissenschaftlicher Verfahren: Entsprechende Audioaufnahmen werden in eine Flüssigkeit eingespielt, die dadurch in Schwingungen versetzt wird; eine hochauflösende Kamera zeichnet diese Vibrationen auf. Das Verfahren beruht auf einem von Hans Jenny, einem Schweizer Naturforscher, entwickelten, Kymatik genannten Prozeß.

Björn Drenkwitz (s. „Meaningful Silence“ in der Galerie Heike Strelow) umfaßt mit seinem zweiteiligen Werk das Leben zwischen dessen Polen Geburt und Tod. Beides steht in einem untrennbaren Zusammenhang, das eine bedingt das andere, was der Künstler durch die inhaltliche wie formale Ähnlichkeit seiner Bilder verdeutlicht. Dem Betrachter wird auf subtile Weise angeboten, sein eigenes Leben, seine eigene Existenz zu reflektieren.

Björn Drenkwitz wurde 1978 in Frankfurt am Main geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet. Er studierte – nach dem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main – von 2003 bis 2010 Medienkunst an der Kunsthochschule Mainz und an der Kunsthochschule für Medien in Köln bei den Professoren Dieter Kiessling (als Meisterschüler) und Mischa Kuball. Drenkwitz lehrt an der Mainzer Hochschule Medientechnik in der Klasse Medienkunst.

Der Schweizer Künstler Dimitri Horta führt und verführt uns in seinen so überaus sinnlich-betörenden, einem Phantastischen Realismus zuzurechnenden Werken in surreale Welten.

Dimitri Horta,
↑↓ jeweils „Covid 19, Paradise Lost“, 2011 – 2020, Oil on canvas, 22,4 x 20,2 cm

In seinem zwischen Figürlichkeit und Abstraktion pendelnden Bilderzyklus „Covid 19, Paradise Lost“ – diese Arbeiten tragen alle den gleichen Titel – entfaltet er traumhafte, ebenso poetische wie absurde Erzählungen, die uns faszinieren. Hybride Wesen auf Stelzen und Rädern bewegen sich in Kreisen und Ovalen auf unsicherem Boden und treten aus ihnen heraus. Gestirnartige Blumen, durch den Bildraum huschende Hasen, aus geheimnisvollen Urgründen herausschwimmende Fische wecken Assoziationen an ein Paradies, das hinter der Realität nur noch in traumhafter Erinnerung und aus tieferen Bewußtseinsschichten aufscheint. Die mit Kunstharz und Lacken überzogenen Leinwände verstärken diese Distanz. Covid 19 kennzeichnet die – neue – Realität.

Dimitri Horta, 1970 in Lausanne geboren, lebt und arbeitet in Zürich.

„Paradise in Transition“: eine sehr sehenswerte, sinnlich-opulente Ausstellung mit Werken weiter von Starsky Brines, Florian Heinke, Sam Jackson und Carolein Smit; man sollte sie keinesfalls versäumen.

„Paradise in Transition“, Galerie Heike Strelow, bis 30. August 2020 (Finissage: 27. August 2020, 18 Uhr)

Bildnachweis: © Galerie Heike Strelow / Werke Björn Drenkwitz, Dimitri Horta © VG Bild-Kunst, Bonn

– Weitere Berichte über Ausstellungen in der Galerie s.u. „Heike Strelow“ –

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