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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Raffaela Zenoni: „Mutter Erde und ihre Besucher“ im Kunstverein Familie Montez

Impulsvortrag zur Vernissage

von Erhard Metz

Mirek Macke vor „Pépin“, 2019, Acryl auf Leinwand, 130 x 195 cm; Foto: Christoph von Löw

Lieber Kunstvereins-Familienvater Mirek Macke,
liebe Adriane Dolce, liebe Kuratorin Petra Becker,
lieber Herr Generalkonsul Doktor Hammer,
liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,
und vor allem liebe, verehrte Künstlerin Raffaela Zenoni,

„Mutter Erde“ kommt zu Familie Montez!

Das ist ein unerhörtes Ereignis! Ich werde Ihnen erzählen warum:

Doch zunächst erst einmal zum Ort der heutigen Ausstellung: Seit langen Jahren behütet Familienvater Mirek Macke als Direktor des Kunstvereins mit dem Namen Familie Montez seine Kunstfamilie, seit sechs Jahren hier an diesem wunderbaren Ort am Ufer des Mains.

Mirek Macke selbst war Absolvent der weltweit renommierten Hochschule für Bildende Künste – der Frankfurter Städelschule – bei Professor Hermann Nitsch im Fach Interdisziplinäre Kunst. Aber irgendwann entsagte er einer eigenen künstlerischen Laufbahn und nahm sich der Förderung begabter Künstlerinnen und Künstler an – im Rahmen von inzwischen weit über einhundert Einzel- und Gruppenausstellungen. Er bot damit hunderten von Künstlerinnen und Künstlern ein einzigartiges Forum, ihre Arbeiten in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Wenn jetzt dunkle Ahnungen Sie beschleichen, meine verehrten Damen und Herren, so bestätigen sich diese: Der Name dieser Künstlerfamilie rührt von der berühmt-berüchtigten Tänzerin, Halbweltdame und Zigarren rauchenden Femme fatale Lola Montez, die einst dem Bayerischen König Ludwig I. Hirn und Sinnen verdrehte und das Herz brach. Und als ob das nicht bereits genug wäre: Sie verstand es auch, des Königs und des Königreichs Portemonnaies zu leeren. Der Monarch war ihr verfallen, was letztlich auch zu seiner Abdankung im Revolutionsjahr 1848 führte.

Welche Rolle die „fesche Lola“ – so hat sie die unvergessene Marlene Dietrich besungen – noch heute in der Kunstfamilie Montez spielt, kann Ihnen anschließend Familienvater Mirek Macke näher erläutern.

Ich versichere Ihnen, meine Damen und Herren: Trotz dieses Namens ist die Familie Montez die liebenswerteste Familie dieser Stadt, ja des ganzen Hessenlandes! Und die Frankfurter Kunstszene wäre ohne diesen wunderbar umtriebigen, kreativen und deshalb vom Kulturamt der Stadt auch geförderten Kunstverein kaum vorstellbar.

Einem solchen Familienvater darf man – bei einigem Augenzwinkern – Überirdisches zuschreiben. Auf der Einladungskarte haben sie ihn gesehen, meine Damen und Herren: Ganz in seiner Pose in schwarzem Anzug, mit Fliege und Hut, als Vater der Künstlerinnen und Künstler – und dann, als Gemälde neben ihm, sofort erkennbar: als Überirdischer!

Ich sage Ihnen: So wie er zu sehen ist, von der Künstlerin ins Bild gebracht, kann man in ihm getrost den Göttervater Zeus erkennen! Der Bart nicht im Zigarrenrauch der Lola Montez vergilbt, sondern golden leuchtend im malerischen Sonnenschein der künstlerischen Palette veredelt.

Raffaela Zenoni hat ihn gemalt, ohne ihn je zuvor gesehen zu haben. Da sie die Gabe hat, die allein Künstlerinnen vorbehalten ist, nämlich die Dinge und Menschen von einer höheren, universellen Sphäre aus zu erahnen und zu erfahren, lange vor einer irdischen Begegnung, konnte sie ihn auf diese Weise malen – zwar unter dem Tarnnamen Pépin, aber doch als Göttervater Zeus!

Sie sehen, meine Damen und Herren: Wir haben uns in die griechische Mythologie begeben und folgen im weiteren Verlauf den Überlieferungen des großen griechischen Dichters Hesiod aus dem 8. bzw. dem 7. vorchristlichen Jahrhundert.

Die „Mutter Erde“, die uns Raffaela Zenoni in Gestalt des großen, 15 Leinwände umfassenden Bilderzyklusses in den Kunstverein Familie Montez bringt: Sie ist die Gaia, die aus dem Chaos geborene erste Gottheit.

Die „Mutter Erde“ – die Gaia: Sie ist das Urweib, die Wilde, die Schöne, die Weiblich-Listige, die Schöpferische, die immerwährend Gebärende, die Nährende, aber auch die Verstorbene Aufnehmende. Gleich ob man sie wie Hesiod eher anthropomorph oder wie andere Denkschulen sie eher als Allegorie der Natur versteht. Und sie ist – ich zitiere – „Das Unbeschreibliche“, „Das Ewig-Weibliche“ in den Schlußzeilen von Goethes großer Faust-Dichtung, dem bedeutendsten Werk der deutschen Literatur.

Bleiben wir noch etwas in der griechischen Mythologie – auch wenn das, was wir zu berichten haben, etwas frivol klingt und nicht ganz jugendfrei ist:

Gaia gebar im Schlaf ihren ersten Sohn Uranos, den Gott des Himmels. Und von diesem Sohn Uranos gebar sie wiederum viele Götterkinder, unter anderem die Titanen-Geschwister Kronos und Rhea. Aber nicht genug damit: Bruder Kronos und Schwester Rhea brachten in sozusagen ehelicher Verbindung wiederum viele gemeinsame Kinder hervor, unter ihnen den Göttervater Zeus.

Und nun erkennen wir – wenn wir Hesiod folgen:

Gaia, die „Mutter Erde“, ist die Großmutter von Zeus! Oder übersetzt in das heutige Ausstellungsgeschehen formuliert: Mutter Erde, von Raffaela Zenoni gemalt, besucht heute ihren Enkelsohn, den Kunstvereins-Familienvater Mirek Macke!

Ist das nicht ein erstaunliches Ereignis?

„Mutter Erde“, Gaia: Diese Urmutter allen Seins können Sie, verehrte Damen und Herren, heute Abend in den besagten 15 Bildtafeln in all ihren Wesenheiten erblicken, deuten und enträtseln. Es wird, ich verspreche es Ihnen, sehr spannend!

Göttervater Zeus nun war ein ziemlicher Schwerenöter, der mit seinen beiden Frauen und zahllosen Geliebten wiederum zahllose Götter, Halbgötter und Heroen beiderlei Geschlechts zeugte, unter ihnen so bedeutsame wie Aphrodite, die Göttin der Liebe, oder Helena, die schönste Frau des Altertums, oder Dionysos, den Gott des Weines, unseres bei Vernissagen und so auch heute Abend so geschätzten Getränks.

Gegen diesen Schwerenöter Zeus ist unser Kunstvereinsvater Mirek Macke hingegen grundsolide. Statt Liebesgöttinnen und Schönheitsköniginnen hervorzubringen, beschert er uns viele hundert Künstlerinnen und Künstler, die unsere ohne die Kunst so arme Welt mit ihren Werken beschenken und bereichern.

Künstlerinnen wie Raffaela Zenoni nun, ich sagte es bereits zu Beginn, erahnen und erfahren das mythische wie reale Weltgeschehen, die Dinge und die Menschen von einer höheren, universellen Sphäre aus. Und wenn Sie nun, meine verehrten Damen und Herren, den Bilderzyklus „Die andere Ahnengalerie“ und die Skulpturen vertiefter betrachten, so kann es geschehen, dass Sie in diesen Werken all den Göttern, Halbgöttern und Heroen der griechischen Mythologie samt deren Kindern, Enkeln, Urenkeln usw. begegnen. Bei Raffaela Zenoni tragen sie so interessante Namen wie etwa Aspasia oder Lykke, Eloise, Horus oder Tonanzia, Bajka, Enigma oder Lubov. Und sie alle besuchen, letztlich betrachtet, ihre Ur-Ahnin „Mutter Erde“.

Liebe Raffaele Zenoni, lieber Mirek Macke, meine Damen und Herren, ich hoffe, mein Ausflug in die griechische Mythologie hat Sie nicht allzu sehr strapaziert und meine ansatzweisen Vergleiche von „Mutter Erde“ und Gaia, von Kunstvereins-Familienvater Mirek Macke und Göttervater Zeus erscheinen Ihnen nicht allzu frivol.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Raffaela Zenoni: „Mutter Erde und ihre Besucher“, Kunstverein Familie Montez, bis 30. August 2020

→ Raffaela Zenoni: Malerei, Skulptur
→ Raffaela Zenoni: „Le quattro stagioni“
→ „Die andere Ahnengalerie“ von Raffaela Zenoni bei den Design Offices Frankfurt

 

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