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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Skulpturale Fotografien in der Galerie-Peter-Sillem

Barbara Klemms Blick auf Skulpturen von der Antike bis in die Gegenwart

Spannungsreicher Dialog zwischen Fotografie und Skulptur, zwischen Licht und Schatten, zwischen Tiefe und Weite

Von Petra Kammann

Die Frankfurter Studentin und Künstlerin Lena Eckerlein vor Barbara Klemms Fotos vom Reichstag, den Christo & Jeanne Claude verhüllt hatten, Foto: Petra Kammann

Auf dem Schaumainkai in Sachsenhausen wirbt die Liebieghaus Skulpturensammlung für die Ausstellung „Bunte Götter“. Sie räumt auf mit unserer Vorstellung, dass antike Skulpturen in reinem Marmorweiß zu sein hätten, die  Göttern und Heldenstatuen der Antike seien nunmal farbig bemalt gewesen. Diese Schau, die unser Autor Hans-Bernd Heier noch für uns besprechen konnte, ist seit 2003 mit großem Erfolg um die Welt getourt und kam vor Kurzem wieder in einer vergoldeten Variante nach Frankfurt zurück. Das Haus, in dem wir sie sehen könnten, ist –  wie andere Museen derzeit auch – geschlossen. Ganz anders sind die Voraussetzungen in der Frankensteinerstraße 1, wo die Galerie-Peter-Sillem liegt.

An einer Wand im vorderen Raum hängt Barbara Klemms Serie Roden Crater, Arizona, USA, James Turrell, 2004

Dort herrscht zur Zeit minimalistische Strenge in Schwarz-Weiß. Der kompakte White Cube der Galerie mit seinem kleinen intimen Kabinett, in dem der Galerist immer wieder geschickt thematisch vergleichbare Exponate zusammenstellt, ist sogar auch von außen gut einsehbar, wenn die Türen der Galerie geschlossen sind. Und die Exponate wirken überzeugend.

Dort nämlich sind zur Zeit Schwarz-Weiß-Fotografien der Frankfurter Fotografin Barbara Klemm zu sehen, die ausschließlich Skulpturales zur Schau stellt. Berühmt geworden ist sie vor allem durch ihre politischen oder auch so authentischen Alltags-Reportagen an den verschiedensten Ecken der Welt, die sie über 40 Jahre lang für die FAZ, vor allem für die Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ gemacht hat. Allein ihre einprägsamen Schwarz-Weiß- Bilder vom Fall der Berliner Mauer sind aus keiner kritischen Zeitgeschichte mehr wegzudenken. Die Tochter des Künstlerehepaars Klemm – Vater Fritz Klemms Gemälde hängen sogar im Städel – hatte daneben aber immer auch einen emphatischen Blick für Künstler und Schriftsteller. Im Museum beobachtete sie Menschen ganz diskret, wie sie beglückt, einsam, versunken oder in Grüppchen auf Gemälde und Skulpturen schauen.

Barbara Klemm ist eine poetische Chronistin und eine der „bedeutendsten Fotografinnen, eine große Dokumentaristin und eine Künstlerin von Rang“, hieß es 2010 in der Frankfurter Paulskirche über sie, als ihr, und somit zum ersten Mal einer Fotografin, der renommierte Max-Beckmann-Preis überreichte wurde. Zu Recht. Denn jedes ihrer Schwarz-Weiß-Fotos ist eine Komposition, entstanden in einer Zeit, in der man die Fotos noch nicht unmittelbar auf der Vorschau der Digitalkamera beurteilen und auch wieder löschen konnte, wenn sie nichts taugen.

Barbara Klemm: Roden Crater, Arizona, USA, James Turrell, 2004. Signierter Silbergelatineabzug, 40 x 30 cm

Und weil Barbara Klemm sich auf Treffen mit Künstlern stets gut vorbereitete, wurde sie auch entsprechend offen von diesen empfangen. Zweifellos schätzten sie an ihr, dass sie nie darauf aus war, Sensationen preiszugeben.

So konnte sie auch James Turrell besuchen, der mit seinem Land-Art-Projekt „Roden Crater“ in einem Vulkan in Arizona, etwas so Spektakuläres erschaffen hat, dass es sie vor allem wegen des Spiels von Licht und Schatten reizte, dies fotografisch einzufangen. Zweieinhalb Tage verbrachte sie 2004 an diesem meditativen stillen Ort „Roden Crater“, wo nach den Plänen des Land-Art-Künstlers unterirdische Räume von geradezu sakraler Wucht entstehen, um das dafür geeignete Tag- und Nacht- bzw. Mondlicht abzuwarten. Durch das Spiel von Hell und Dunkel entstand auf diese Weise eine Serie von reduziert gestalteten Bildern, an denen sich von Motiv zu Motiv sowohl die Tiefe der Bohrung wie auch die Weite der das Projekt umgebenden Landschaft ermessen lässt.

Blick ins Kabinett mit den klassischen Statuen in spezieller Umgebung, Foto: Petra Kammann

Die Weite der Landschaft erlebt man auch bei den Skulpturen am Meer wie zum Beispiel bei Alexander Calders Mobile im dänischen Louisiana, das wie zur Ruhe gekommen zu sein scheint mit seinen lahmen Flügeln, oder  Eduardo Chillidas kraftvolle „Windkämme“ in der Muschelbucht von San Sebastián, die sich von links wuchtig ins Bild drängen, um die Fluten zu bändigen. 1995 fotografierte Klemm den frisch von Christo & Jeanne Claude eingepackten Reichstag nicht mit dem massenhaften Publikum, sondern mit flüchtenden und im Regen Schutzsuchenden. Durch die Beleuchtung wird dieser Ort auf das Wesentliche der Außenhaut des Gebäudes konzentriert, das durch Schnüre gehalten wird und es zu einer kompakten Skulptur macht.

Im Kabinett der Galerie erlebt man einen anmutig sinnenden antiken Jünglinge vor marodem Hintergrund wie im Palazzo Fortuny während der Biennale von Venedig, als sich 2015 der belgische Kurator, Sammler und Galerist Axel Vervoordt und die Architekturhistorikerin Daniela Ferretti Werke alte und aktuelle Kunstobjekte befragten, die nach einer Vermessung der Welt, den Gesetzen des „goldenen Schnitts“ entsprechen, um herauszufinden, ob durch den Goldenen Schnitt so etwas wie ein „Wohlfühleffekt“ entsteht.

Barbara Klemm: Palazzo Fortuny, Venedig, 2015. Signierter Silbergelatineabzug, 40 x 30 cm

In allen Fotografien spielt neben dem Licht und der klaren Komposition des jeweiligen Bildes immer auch der räumliche und historische Kontext eine bedeutende Rolle. Und oftmals beginnt man beim zweiten Blick an zu schmunzeln. Sehr witzig etwa die Hinterfronten der klassischen Skulpturen im Kapitolinischen Museum in Rom oder auch der Blick auf die Königsgräber in Saint Denis, wo die hocherhobenen Königshäupter über dem Dunkel thronen und unter dem Schwarz über den Särgen nur die Rückansichten der Füße wahrzunehmen sind. Dann, wie eine Frau im Centre Pompidou beim Betrachten des Picasso-Kopfes, die Körpersprache der Skulptur übernimmt und ihr Profil sich sogar als Pendant anbietet. Oder das Bild von der Frau mit dem weit schwingenden Rock im Tunnel bei der Biennale 2005, die sich dynamisch auf das Licht zubewegt. Bei jeder weiteren Betrachtung fallen einem immer wieder neue gelungene und raffinierte Details dieser subtilen Fotokompositionen auf. Auch Skulpturen in Schwarz-Weiß können die Wahrnehmung schärfen, nicht nur für die dritte Dimension.

Bleibt zu hoffen, dass einzelne Liebhaber der Fotografie doch noch die Gelegenheit bekommen, sich diese besonderen Bilder anzuschauen. Und sei es durch die großformatigen Schaufenster von außen.

Die Galerie bei der Vernissage von außen. Da strömten die Menschen nur so rein, es war ja noch möglich, Foto: Petra Kammann

Weitere und aktuelle Infos unter:

www.galerie-peter-sillem.com

 

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