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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Lesenswert: Georgische Erzählungen – Aka Morchiladze Roman „Der Filmvorführer“ und „Die Erfindung des Ostens“ von Irma Tavelidze

Georgien, dieses ferne Ländchen am östlichen Rand von Europa, scheint uns schon lange sehr nahe zu stehen. Bilder seiner majestätischen Berglandschaften und lieblichen Weinbauregionen, seiner malerischen Wüsten-Gegenden, uralten christlichen Klöstern und gut gelaunten Folklore-Sängern kennt hierzulande fast jeder. Mit seiner Jahrtausende alten Kultur und vor allem mit seiner facettenreichen Literatur aber waren hierzulande bislang nur wenige vertraut. Das könnte sich ändern, nachdem im Lauf dieses Jahres eine bemerkenswerte Vielfalt georgischer Klassiker und Gegenwartsautoren übersetzt wurde und deutsch Leser nun aus einer wunderbaren Fülle älterer und jüngerer Prosa-, Lyrik- und Essay-Bände auswählen können.

Von Gisela Erbslöh

Aka Morchiladze, Foto: Nata Sopromadze

Aka Morchiladze zum Beispiel.

„Der Filmvorführer“

Der 1966 in Tbilissi geborene Autor ist derzeit der wohl meistgelesene und beliebteste Schriftsteller Georgiens. Seine Bücher haben zur Zeit gleich mehrere deutsche Verlage im Programm, der Mitteldeutsche Verlag etwa (mit „Obolé“ und „Schatten auf dem Weg“) und der Weidle Verlag. Letzterer brachte schon im Frühjahr Morchiladzes frechen und zugleich tieftraurigen Roman „Reise nach Karabach“ heraus. Seine Verfilmung soll einen wahren Sturm auf die georgische Kinos ausgelöst haben. Da erzählt Morchiladze von einer Generation, die in der Sowjet-Zeit aufwuchs und in dem dann folgenden Chaos des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs der neunziger Jahre ihr Erwachsenen-Leben beginnen sollte. Starre Traditionen und patriarchalische Familienstrukturen lassen Morchiladzes Protagonisten allerdings kaum Raum, ihren eigenen Weg zu finden.

In ähnlichen Verhältnissen, doch mit völlig anderem Ausgang, spielt sich ein weiterer Roman des versierten Erzählers ab, „Der Filmvorführer“, ebenfalls bei Weidle erschienen. Er handelt von der ungewöhnlichen Freundschaft zweier Personen, beginnt in den frühen siebziger Jahren, springt kurz zurück in die Zeit der Oktoberrevolution und in die frühe Stalinzeit, endet, mit offenem Schluss, im 21. Jahrhundert und verrät und, ganz nebenbei, viel über die unverarbeiteten Traumata der georgischen Gesellschaft.

Im einzigen Kino eines Provinzstädtchens am Fuß des Kaukasus arbeitet und wohnt unter ärmlichen Bedingungen die Titelfigur namens Islam Sultanow. Er ist, wie der Name verrät, kein Georgier, sondern ein Fremder mit verdächtiger Vergangenheit, der viele Jahre in einem stalinistischen Straflager verbrachte. Im Städtchen nennt man ihn nur den „Tataren“, wie alle Muslime, und hält Distanz. Dass er der Erbe eines winzigen Sultanats am Hindukusch war, dessen Familie die Sowjets nach der Oktoberrevolution umbrachten, interessiert hier niemanden – außer dem gut vierzig Jahre jüngeren, ewig ahnungslosen Nachbarsjungen Beso. Der unterscheidet sich von den übrigen Jungen im Ort durch seine verblüffende Aufrichtigkeit und seine Lust am Bücherlesen.

Beso ist im Roman der bereits erwachsene Ich-Erzähler seiner eigenen Geschichte. Er soll sie, so heißt es in der Vorbemerkung ihres fiktiven Übersetzers ins Georgische, in fehlerhaftem Englisch verfasst haben, um sie seinem Arbeitgeber, einem Ausländer, zu hinterlassen. Dieser Einfall des Autors trägt zur Geschichte nichts Wesentliches bei, hat aber zu Folge, dass die Übersetzerin Iunona Gunduli den Text in holpriges, vielfach unklares Deutsch übertrug. Das ist schade, doch sollte man sich keineswegs davon abhalten lassen, das Buch zu lesen – die Kraft der Geschichte, die sich zwischen Ich-Erzähler und Filmvorführer abspielt und Stück für Stück aus dem Erinnerungsnebel hervortritt, überwiegt das sprachliche Störmanöver bei weitem.

„Islam Sultanow“, sagt Beso einmal lakonisch, „erzählte mir alles. Von Dingen, die mich zwangen, darüber nachzudenken, wie ich so alt geworden war, ohne eine Ahnung davon zu haben.“ Und das ist nicht nur die fürstliche Abstammung des Alten, sondern auch wie dieser in früher Jugend alles verlor: Familie, Besitz, Rechte und Zukunft und doch nie vergaß, wer er ist und was er sich schuldet. Beso selbst hat es nicht leicht: der Vater ist früh gestorben, die Familie arm, einen Studienplatz an der Universität bekommt er nicht, wird stattdessen in die Sowjetarmee eingezogen und schließlich in Afghanistan eingesetzt. Dass Beso all das einigermaßen unbeschadet übersteht, hat er der Lebenserfahrung und Voraussicht seines alten Nachbarn zu verdanken. Als Besos Kompanie in einen Hinterhalt gerät, werden alle abgeknallt, außer ihm, der den afghanischen Soldaten ein geheimnisvolles Schreiben vorweisen kann. Sultanow hat es ihm mitgegeben und es ist klar, dass hier einer am Werk war, der zwar früh von seinem Volk getrennt wurde, aber nie dessen Sprache und Eigenheiten verlernt hat.

Beso, immer noch blutjung, kehrt nun aus Afghanistan in seine Heimat zurück und nichts ist mehr wie es vorher war. Die Sowjetunion zerfällt, der politische Umbruch setzt ein, die georgische Gesellschaft spaltet sich, die Jugendfreunde machen im kriminellen oder nationalistischen Milieu Karriere. Beso aber ist anders. Wie ein Schelm  laviert er sich durch alle Gefahren hindurch und kommt doch auf keinen grünen Zweig. Bis der Filmvorführer eingreift und ihn beinahe zu seinem Glück zwingt. Zu einem einfachen Happyend aber führt das noch längst nicht.

Er hätte begriffen, so ähnlich drückt es Beso einmal aus, dass sein Land, nämlich das sowjetische Georgien, in Wirklichkeit völlig anders war, als es vorgab zu sein. Wohl jeder hätte das damals gespürt, aber kaum jemand sprach darüber. Denn wer etwas ausspreche, müsse auch handeln. Genau das möchte Beso dann irgendwann tun. Von seinem „Tataren“ hat er gelernt, dass es im Leben nicht allein um die Frage geht, ob einer sein warmes Plätzchen und eine Familie erhält, sondern was dabei aus ihm wird und wie er zu seinen Überzeugungen steht. Und weil der Protagonist die fixe Idee hat, ein ehrlicher Mann bleiben zu wollen, greift der Autor zu einer Art Märchen-Wende. Der Alte, einstiger Erbe eines Fürstenreichs, erklärt Beso zu seinem Erben und Beso nimmt die Erbschaft an. Worin sie besteht und wie sie realisierbar ist, bleibt offen.

Undramatisch, lakonisch erzählt uns Morchiladze vom Chaos im georgischen Alltag der postsowjetischen Jahre. Mafiosi und politische Abenteurer gelten als neue Stützen der Gesellschaft. Das Land fällt in Trümmer, doch immer noch tun Eltern alles, um ihre Kinder bis ins hohe Alter hinein zu lenken. Da wird intrigiert und gedroht, geschossen und gesoffen, was das Zeug hält. Doch letzten Endes warten ja alle nur darauf, dass die Liebe der Jungen die autoritären Alten besiegt. Und wenn es gelingt, schweißt es die junge  Generation auf überraschende Weise zusammen. „Ein verrücktes, unregierbares Land“, sagt im Roman einer, der sich in der Politik auskennt. Eine verrückte und schöne Geschichte über Vertrauen und Freundschaft, über die sich noch lange staunen und nachdenken lässt.

Aka Morchiladze, Der Filmvorführer. Roman.

Aus dem Georgischen von Iunona Guruli.

Weidle Verlag, 132 Seiten, 19.00 Euro

 

„Die Erfindung des Ostens“

Foto: © Edition Tapeta

Mit dem buchstäblich Verrückten befassen sich auch die phantastischen Erzählungen der Autorin und Übersetzerin aus dem Englischen Irma Tavelidze.  Während der Buchmesse wurde sie im Frankfurter Römer mit dem renommierten georgischen SABA-Preis ausgezeichnet – für einen Essay-Band, der leider noch nicht auf Deutsch zu haben ist. Ihre fiktive Prosa aber liegt im Berliner Verlag FotoTAPETA vor.

„Die Erfindung des Ostens“ – so lautet der Titel des Erzählbands und so heißt auch die erste der darin enthaltenen Geschichten. Da verbringen ein sehr junger Mann und ein Mädchen, Ika und Ia, miteinander die Nacht. Die Umstände sind dramatisch: ein Erdbeben findet statt, der Junge hat zuvor schwer getrunken, die Wohnung, in der er landete, ist nicht die seine, sondern die seines Freundes und das Mädchen bebt vor Angst. Man kann das alles als ironisches Zitat des romantischen Schauerromans, aber Ika und Ia sind durchaus Kinder von heute. Ihre Umgebung spiegelt, was sich in Kopf und Körper regt, zunimmt und sie schließlich beherrscht. Der Rausch endet, als der Morgen anbricht. Da packt Ika, den Jungen, das Grauen. Denn die Nacht verging ja nicht nur in der Ekstase, sondern auch im Erzählen. Er erzählte, sie animierte ihn, weiter und weiter zu sprechen. Es ging um Geschichten anderer Eroberungen, erst einer erfolglosen zwischen jungem und älterem Mann, dann einer erfolgreichen zwischen jungem Mann und älterer Frau und diese endet mit einem Mord. So haben Ika und Ia ihre Phantasie spielen lassen und sich gegenseitig verführt.  Es war ein Wechsel von Wollen und Sich verlieren, von Beherrschen und sich Beherrschen lassen. Dabei hält Ia Ikas Geschichten für erfunden. Tatsächlich aber verrät er in ihnen seine eigene Geschichte, verbunden mit der wahnsinnigen Hoffnung,  das wirklich Geschehene könne sich (zurück)verwandeln in reine Vorstellung und damit irgendwie auflösen. Doch nur eine Zeit lang bieten das Erzählen und der physische Rausch eine Zuflucht vor der Last der Schuld.  Mit dem Ende der nächtlichen Geschichte ist auch das Ende der Illusion gekommen. So lässt sich Tavelidzes Erzählung „Die Erfindung des Ostens“ als  Neufassung des Märchens von „Tausend und einer Nacht“ verstehen, und zugleich als eine Hommage auf die Verwandlung der schnöden und schmerzhaften Welt in Literatur überhaupt. Aus der wir freilich immer, oder fast immer wieder auftauchen müssen.

Nicht alle Geschichten von Tavelidze enden mit dem Blick in einen inneren Abgrund wie die Titelerzählung. Aber in allen geht es um Menschen, die getrieben werden von ihrer Phantasie, von sexuellem Verlangen, von unbändiger Lust, andere zu besitzen und von einer überbordenden Einbildungskraft, die sich das Objekt der Begierde so zurecht biegt, wie es in Wirklichkeit garantiert nicht war. So werden Erinnerung und Lust zu einer Geißel, die den Betroffenen abhängig macht wie eine Droge. Aber nicht nur von dieser Droge nähren sich Tavelidzes Protagonisten, sondern auch von den realen, dem Alkohol etwa, der nie genug den Schmerz betäuben kann, der sie angesichts des Auseinanderklaffens von Phantasie und Wirklichkeit überfällt. Meisterhaft beherrscht Tavelidze die Techniken der Verwirrung. Unmerklich tauschen Frau und Mann, Verführer und Verführte die Rollen, immer wieder ändert sich im Lauf einer Erzählung die Perspektive, mischt sich Gegenwart mit Vergangenheit, Realität mit Vorstellung oder eben mit Erfundenem. Kein Zufall, dass innerhalb der Geschichten auch Schriftsteller eine Rolle spielen. In  starken Bildern hangeln sich die Personen von Rausch zu Rausch, bis für Momente „äußerste Nüchternheit“ geboten scheint. Dabei blitzen Geschichte, Politik oder Gegenwart nur als Versatzstücke eines Lebens auf, das Tavelidzes Figuren kaum berührt. Wie der Stalinaufkleber am Fenster des Linienbusses Gori-Tiflis, dessen Anblick die Protagonistin dazu bringt, sich in ihrer Not an das verhasste Idol zu wenden. Oder, in der vielleicht schönsten der hier versammelten Geschichten, „Flora und Fauna im Paradies“, das Militärflugzeug, das zuerst im Traum, dann in der realen Vergangenheit am Himmel erscheint, um den russisch-georgischen Krieg in Südossetien anzukündigen. Mit Ausnahme einer einzigen, allzu konstruierten Geschichte, die ganz am Anfang steht, bieten Irma TavelidzesErzählungen ganz großes Lesevergnügen. Unter dem Titel:

Die Erfindung des Ostens. Georgische Erzählungen. Edition foto TAPETA. Aus dem Georgischen von Iunona Guruli, 140 Seiten, 15 Euro.

 

 

 

Die Rezensionen wurden im Oktober von SWR2/Lesenswert gesendet, Morchiladze  am 10.10. 2018 gesendet und Tavelidze am 11.10.2018

Nachzuhören unter:

swr2/literatur/lesenswertkritik/Rückschau

und

http://podbay.fm/show/268931350/e/1539179700

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