home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die wunderbare Welt des Hugo Gernsback in Bingen

Auf der Route der Industriekultur

Von Winfried Kaminski

Das Bingener Museum am Strom hat sich einer naturheilkundlichen Visionärin verschrieben: der Ortsheiligen Hildegard. Seit wenigen Tagen jedoch nähert sich im selben Museum eine Ausstellung einem technischen Visionär: Hugo Gernsback (1884-1967)

Einer „Kathedrale des Fortschritts“ gleicht das ehemalige Elektrizitätswerk, Foto: Stadt Bingen 

Über ihn informiert bis zum 26. November 2017 die anregende Schau „Die wunderbare Welt des Hugo Gernsback„. Dass Bingen der Präsentationsort wurde, hat gute Gründe. Denn Gernsback, damals hieß er noch Gernsbacher, hatte Anfang des 20. Jahrhunderts am Rheinischen Technikum, einer Höheren Technischen Lehranstalt, Elektrotechnik studiert. Hinzukommt, dass sich der aktuelle Ausstellungsort im historischen Gebäude des ehemaligen Bingener Elektrizitätswerk befindet. Somit ergibt sich ebenfalls ein Zusammenhang mit dem utopischen Phantasten und visionären Technikadepten.

Hugo Gernsback hielt es nicht allzu lange in Bingen, 1904 ging er nach New York. Dort begann seine beispiellose Karriere. 50 Jahre nach seinem Tod im Jahre 1967 ist ihm nun diese Ausstellung gewidmet: Er starb geehrt und anerkannt als Autor, Verleger und Erfinder. Die New York Times widmete ihm einen ausführlichen Nachruf und feierte ihn als „Vater der Science-Fiction-Literatur“.

Damit hat sie aber nur einen Teil seines Schaffens gewürdigt. Denn Gernsback hatte einen ganz eigenen fantastischen Kosmos geschaffen. Er war ein durchaus ambitionierter Tüftler und Frickler. Er bezog die Vorstellung von der USA als dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, auch in Bezug auf die Technik, insbesondere die Elektrotechnik, wo seine eigenen Ideen, aber auch die von Edison, Marconi und Nikola Tesla und vielen anderen zum Zuge kamen.

1901: Postkarte vom Technikum Bingen, Quelle: Stadt Bingen

Gernsback folgte dabei einer Doppelstrategie: Auf der einen Seite schuf er Magazine, welche die neuesten Techniken und Technologien feierten und auf der anderen Seite bot er in seinen Magazinen zum Teile eigene Erfindungen oder elektrotechnische Bausätze anderer zum Verkauf an. Er popularisierte und informierte über das jeweils Neueste und Fortgeschrittenste aus dem Bereich der elektronischen Kultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, d.h. über Radio, Fernsehen. Dabei rückte er auch die Revolution der Mobilität (Autos, Flugzeuge, Zeppeline etc.) ins Zentrum.

Zur Verbreitung seiner Schriften zog er hervorragende Grafiker heran, die den technischen Utopien und Fantasien bildhaften Ausdruck verhalfen. Die Umschlagseiten der Magazine waren meist reißerisch bunt und die technischen Geräte zielten auf Mitmach- und Selbermachaktionen, so dass physikalische Phänomene wie die Funkübertragung oder elektromagnetische Wellen in jedes Heim endringen konnten.

Seine Magazine trugen anfangs so trockene Namen wie: „Modern Electric“, „The Electrical Experimenter“, „Science and Invention“ oder sie bezogen sich auf „Radio News, „All About Television“ und „Radio Craft“. Bei diesen Publikationen überwogen noch das technisch Informierende sowie die Einladung, zu experimentieren und auszuprobieren. In der ersten Reihe standen Anleitungen zum Radio-Basteln,  Do-it-yourself-Hinweise.

In diesen technischen Magazinen war aber schon angelegt, was dann mit dem Untertitel „Magazine for Scientifiction“ ab seit 1927 in den „Amazing Stories“ zunehmend in den Vordergrund rückte. In dieser Serie veröffentlichte Gernsback eigene Erzählungen aber auch zum Beispiel solche von H. G. Wells. In seinen „Wonder Stories“, dem Magazin für „Prophetic Fiction“,  bekamen es seine Leser endgültig mit Bedrohungen aus dem Weltall oder mit den Ungeheuern vom Meeresgrund zu tun.

„Museum am Strom / © Artwork:  Frank R. Paul Estate, Questa / USA

Gernsbacks Weg kann als einer beschrieben werden, der von den Science facts zur Science fiction und schließlich zu den Cold facts führte, weil er bei aller überbordenden Fantasie doch auch ein Erfinder war: etwa der einer Batterie, eines elektrolytischen Unterbrechers, eines elektrischen Schalters oder eines Telefonempfängers. Gernsbacks Begabung, technische Erfindungen in eine narrative Umgebung einzubetten, sie zu übersteigern und „amazing“ erscheinen zu lassen, war ein Teil seines Erfolgsmodells. Dieser Weg kann entlang unzähliger Titelillustrationen im Bingener Museum nachvollzogen werden.

Wer also im Rheintal einmal nicht nur das Niederwalddenkmal oder das Rüdesheimer Roseneck sehen möchte, dem sei – auf der gegenüberliegenden Rheinseite – diese Ausstellung nachdrücklich empfohlen.

Das Museumsgebäude selbst verkörpert mit seiner denkmalgeschützten repräsentativen Architektur von 1898 die gründerzeitliche Technik-Begeisterung. Einer „Kathedrale des Fortschritts“ gleicht das ehemalige Elektrizitätswerk mit seiner großen Maschinenhalle, den neogotischen Fenstern und einer kühnen Deckenkonstruktion. Das industrielle Erbe des Gebäudes ist auch nach der behutsam durchgeführten Umgestaltung und Umnutzung als Museum deutlich ablesbar geblieben.

Das Museumsgebäude markiert heute den westlichen Eckpfeiler der bis Aschaffenburg im Osten reichenden überregionalen Initiative „Route der Industriekultur Rhein-Main“.  Ein großer, auch für Busse geeigneter Parkplatz ist am Haus vorhanden, und das Museum ist fußläufig von den Bahnhöfen Bingen-Stadt und Bingen-Hauptbahnhof erreichbar. Auch Anlegestellen der Personen- und Fährschifffahrt befinden sich in unmittelbarer Nähe.

Museum am Strom,  Bingen am Rhein, Museumstraße 3, Tel. 06721 184-353

Comments are closed.