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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Wochenmärkte im Morbihan

Eindrücke von Petra Kammann

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Der Wochenmarkt in Vannes, der 2000 Jahre alten Stadt gallo-romanischen Ursprungs und eine der ersten Bischofsstädte der Bretagne

Märkte in der Bretagne sind traditionelle Wochenmärkte, Fischmärkte und Handwerkermärkte, Flohmärkte, Antiquitätenmärkte, Töpfermärkte … Angeboten werden auf den Wochenmärkten in der Bretagne die regionaltypischen Produkte der heimischen Landwirtschaft: Milch und Käse aus der Bretagne, Eier und Geflügel, fangfrische Fische, Muscheln, namentlich Austern, und Meeresfrüchte und vor allem knackig frisches Gemüse. In manchen Städten gibt es neben dem Obst- und Gemüsemarkt die Criée, die Fischhalle, wo all diese Meeresköstlichkeiten unter einem Dach zusammen präsentiert werden wie in den nostalgischen Fischhallen in Vannes , Auray oder in La Trinité-sur-Mer.

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Die Criée von Vannes: Quicklebendig geht es hier in jeder Hinsicht zu. Crier heißt schreien. In der Bretagne ist die Criée die Fischhalle am Hafen, in welcher der frische Fang meist morgens verkauft wird

Der Fischmarkt wurde in Vannes seit dem späten Mittelalter an der Place de la Poissonnerie abgehalten, der 1821 durch eine Fischhalle ergänzt wurde. 1880 wurde dann eine neue Halle aus Granit errichtet, da die örtlichen Fischer ein größeres Gebäude forderten, das besser sauber zu halten war. Auch heute noch sind diese Hallen mit ihrer verschnörkelten gusseisernen Konstruktion täglich, besonders aber an den Markttagen, sehr gut besucht.

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Unbeschreiblich ist hier das Angebot an frischen Fischen wie Seezungen, Kabeljau, Meeresbarsch, Doraden, Heilbutt, Seeteufel, Sardinen, Thunfisch, Rotbarben und Tintenfischen oder an Meeresfrüchten wie Austern, Garnelen, Miesmuscheln, Herzmuscheln, Jakobsmuscheln, Seeigeln, Strandschnecken oder Krustentieren wie Hummer, Krabben, Langustinen, Taschenkrebsen. Malerisch sind die Meeresgaben noch dazu. Deutsche Touristen kommen hier aus dem Staunen nicht heraus. Ihnen sind diese Sorten meist nicht bekannt.

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Fischstand auf dem Markt in La Trinité-sur-Mer, dem Treffpunkt für Liebhaber des Meeres und Segler

Mit großer Selbstverständlichkeit und Professionalität werden in der Criée die Fische ausgenommen und gehäutet. Das Getier aus den Tiefen des Meeres ist den Touristen vom Aussehen, vom Namen und erst recht in Sachen Zubereitung unbekannt. Die Marktfrauen und -männer helfen ihren Kunden gern bei der Auswahl und liefern passende Rezepte mit, wenn man darum bittet. Bretonischen Hummer und Austern aus der Bretagne kennen viele Bretagne-Urlauber vom Ansehen her – zum Kauf einer solchen Delikatesse des Meeres können sich aber nur wenige entschließen. Besonders ungewohnt ist auch für Deutsche, dass wegen der Empfindlichkeit der Produkte die Märkte spätestens mittags um eins, spätestens um 13.30 Uhr bereits geschlossen werden. Denn man möchte ja das Frischeste auf dem Tisch verarbeiten. Der Markttag beginnt etwa um 8 Uhr morgens und dauert bis in die Mittagsstunden. Das gilt auch für die meisten anderen Marktstände mit frischen Milchprodukten, Eiern, Fleisch und Geflügel sowie Obst und Gemüse.

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Hier in Vannes verkauft die Bäuerin selbst

Für das Frühaufstehen im Urlaub wird man aber reichlich belohnt, denn es ist ein Sinneserlebnis der besonderen Art, einen der malerischen Märkte in der südlichen Bretagne, im Morbihan, zu besuchen. Die Gemüsestände zeigen, dass hier die aromatischsten Produkte aus Frankreichs Garten ausgestellt sind: Tomaten in allen Variationen von Rot über Gelb bis Schwarz, alte Sorten großer „Cœur de Bœuf“ (Ochsenherztomaten), kleine gelbe und rote Cocktailtomaten, weiße Rübchen, Möhren in allen Variationen, Mangold, Bohnen, frische Erbsen in Hülle und Fülle, die verschiedensten kräftigen Salate, süße Melonen, selbst im August noch Erdbeeren zum Beispiel aus Plougastel und eine bei uns unbekannte Sorte, die wohlduftende „Mara des bois“, Äpfel in allen Variationen, auch frischer Apfelmost und Cidre (Apfelwein, dessen Geschmack mit dem Frankfurter Äppelwoi jedoch nicht zu vergleichen ist).

An anderen Stellen werden frische hauchfeine Crêpes gebacken, eine frische Paella angerichtet, selbstgekochte Konfitüren angeboten, mal rotiert ein knuspriges Hähnchen auf offener Straße. An den Ständen mit den vielen Käsen steigt einem natürlich auch der Geruch der verschiedensten Käsesorten in die Nase, von Roquefort über Camembert bis zum fruchtigen Comté.

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Überall kann man die typischen bretonischen, mit salziger Butter gebackenen Kuchen wie „Far breton“ oder „Kouign Amman“ probieren

Vor allem die Märkte in den kleineren Städten, die direkt im Hafen oder in uralten Markthallen stattfinden, machen den Einkaufsbummel zum wahren Vergnügen. Hier kann man viele der angebotenen regionalen Produkte und Spezialitäten kosten – selbst frische Austern wie in La Trinité-sur-Mer, denen viele deutsche Touristen mit größtem Misstrauen begegnen. Da kommt das Meer unmittelbar auf die Zunge.

„Goûtez-goûtez“, klingt es überall. Probieren kann man an fast allen Ständen. Für den Produzenten oder Händler, oft in einer Person, ist es in der Regel ein Vergnügen, wenn es dem Kunden schmeckt. Dass dieser sich vom Wohlgeschmack zum Kauf verführen lässt, empfindet der Händler als Triumph für die Überzeugungskraft, die in den kulinarischen Dingen selbst steckt. Aufschwätzen will er nichts. Dass am Ende für ihn die Kasse dann noch stimmt, ist dabei für den Händler fast nur ein positiver Nebeneffekt.

Panorama

Stolz sind die Bretonen auf ihre variationsreichen aromatischen Gemüsesorten

Die Bretagne ebenso wie das benachbarte Loiretal gilt als ist einer der wichtigsten Gemüselieferanten für Frankreich und für den europäischen Markt. Artischocken aus der Bretagne zum Beispiel sind für Kenner eine besondere Delikatesse. Die Marktstände der Gemüseproduzenten haben ebenso wie die Verkaufsflächen von Gärtnereien und Blumenzüchtern in der Bretagne einen herausragenden Ruf. Nicht zu unrecht, denn die Produkte sind äußerst variationsreich und auch außergewöhnlich gut.

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↑ Rote Früchte wie Erdbeeren und Himbeeren auch noch im Spätsommer. Begehrt sind die Erdbeeren aus Plougastel
↓ Üppigste Blumenstände in Vannes mit den Blumen der Saison

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Aber auf diesen Wochenmärkten findet man nicht nur Essbares. Kunsthandwerker führen hier ihre neuesten und originellen Kreationen vor – meist zu geringen Preisen. An anderen Ständen wird das bekannteste Kleidungsstück der Bretagne, das blau-weiß gestreifte Matrosenhemd, präsentiert. Diese „Marinière“, wie sie hier heißt, wurde seit 1858 offiziell von der Marine getragen. Heute gibt es sie in allen farblichen Variationen und wird alljährlich von speziellen Modemachern wie Amor Lux oder Mousqueton neu erfunden. Und bei Textilien und Kunsthandwerk ist man immer noch stolz auf die fabrication française.

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↑ In La Trinité-sur-Mer gibt es auch viele Kunsthandwerkstände
↓ Besonders beliebt ist der Wochenmarkt am Montagmorgen in der Oberstadt von Auray, der sich durch die ganze Stadt zieht und auf dem man einfach alles findet, was man im Alltag braucht

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Da in Auray die Parkplätze im Zentrum dann rasch sehr voll sind, kann man in der Ferienzeit zum Beispiel den Parkplatz an der Gendarmerie an der Rue de la Forêt kostenlos nutzen. Auf dem Markt kann man vom Hut bis zum Hemd, vom Ei bis zum Huhn, von der CD bis zum frischen Fisch (in der großen Markthalle) einfach alles erwerben … Und doch hat man nicht das Gefühl, in einem großen Supermarkt zu sein. Hier spielen Gesprächsbereitschaft, Lust auf Neues, Charme und Verführung immer noch die Hauptrolle. Und der Wochenmarkt ist zwar vor allem Gelegenheit zum Einkaufen, aber auch Treffpunkt auf einen Kaffee oder einen Aperitif mit Freunden. Hier spielt das, was man im Französischen „convivialité“ (Geselligkeit, Begegnungen, Austausch) nennt, immer noch die größte Rolle …

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Musiker sorgen auch für die Stimmung wie hier die landestypische Akkordeonistin neben dem Cidre-Stand

In Vannes rund um die Place des Lices ist jeden Mittwoch und Samstag Wochenmarkt, in Auray montags, in Carnac im Sommer mittwochs und sonntags und in La Trinité-sur-Mer dienstags (Lebensmittel) und donnerstags großer Wochenmarkt mit Kunsthandwerkern.

Fotos: Petra Kammann

→ Der schroffe Norden der Bretagne − Das Pays de Léon mit seinen Kalvarienbergen

→ http://www.feuilletonfrankfurt.de/2015/06/07/uralte-steine-waelder-und-meer-legenden-und-magie-in-der-bretagne/

 

 

 

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