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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Auf den Baum gekommen – die Wiener Künstlergruppe Gelitin und der Frankfurter Rossmarkt

Zur Postkutschenzeit fällten die Räuber schon mal einen Baum über den Hohlweg und raubten das zum Halten gezwungene Gefährt aus. Die Künstlergruppe Gelitin will uns nun gewiss nicht ausrauben, aber anhalten durchaus, auf unserem hastigen Weg, südlich am Gutenberg-Denkmal vorbei, über die trostlos-graue Steinwüste mit dem euphorisch klingenden Namen Rossmarkt. Kein Ross würde freiwillig diese verbasaltierte Fläche betreten.

Gelitin: „Kühlschrank, Bett, Tastatur“, 2012, Solo-Show (diverse Ausstellungsansichten)

Aha, sagen Sie, liebe Leserinnen und Leser, interessant, und wo sind nun der Kühlschrank, das Bett und die Tastatur? Na, denn suchen Sie mal schön.

Aber nun liegt er da, ein Baum, seit dem 13. November 2012, und er wird dies noch bis in den kommenden April hinein tun. Passiert ist wenig seitdem, mit ihm und um ihn herum. Doch halt: Das verbliebene Herbstlaub hat der Gefällte inzwischen verloren. Und – zu unserem eigenen Ohrenzeugnis – aufgeregt haben sich manche Passanten schon: so einen Baum zu fällen! Und einfach liegenzulassen! Man kann doch über die Äste stolpern und sich ein Bein brechen! Spinnen die eigentlich?!

Ja und noch etwas, etwas durchaus Liebenswertes ist passiert, bereits am Abend des 15. November 2012: Einer „Stadtkünstlerin“, ihren Namen kennen wir nicht, aber ihr Bild veröffentlichen dürfen wir, wie wir uns bei ihr versicherten, einer Stadtkünstlerin also rührte die gespenstige Szenerie das Herz, und sie versah den benachbart des Gefällten stehenden Baumstumpf mit weissen Totenkreuzen, dem Requiescat In Pace sowie einem kleinen roten Andachtslicht. Unser Hinweis, dass dieser Baumstumpf an dieser Stelle ja nur ein Fake sei, konnte sie verständlicher Weise nicht trösten, denn wenn auch nicht auf dem Hochbeet am Rossmarkt, so musste der gesunde, unschuldige Baum in der Blüte seines Lebens ja an irgendeiner anderen Stelle von frevelhafter Hand gefällt worden sein. Und unser beider Herzen bewegten sich im Gleichklang.

Nun ist das mit den Herzen halt so eine Sache, und auch mit den schönen Künsten verhält es sich ähnlich. Also ein Kunstwerk per se ist ein gefällter Baum wahrlich kaum. Im Ensemble mit dem von den Zweigen des Niedergestreckten berührten Gutenberg-Denkmal und dem Rossmarkt durchaus, eine ortsbezogene Skulptur, wie Gelitin sagt, besser vielleicht eine Installation, eine künstlerische Intervention. Sie folgt – im Rahmen der Initiative „Rossmarkt³“ – den seinerzeitigen Installationen von Tomás Saraceno (2010) und Tamara Grcic (2011). Nicht allein die in Frankfurt erscheinenden Blätter haben sich bereits vor langem an dem Werk abgearbeitet, und Aufsehen bei der heimischen Bevölkerung erregt es heuer auch nicht mehr. Wer es noch nicht gesehen haben sollte, sollte dies jedoch durchaus nachholen und sich dabei – wir betonen es immer wieder – auf die Arbeit einlassen.

„Ein abgesägter Baum soll Kunst sein?“ fragte, ihre Leserschaft irritierend, die Frankfurter Neue Presse. Ärger des Publikums über ein Kunstwerk nimmt Gelitin in Kauf, provoziert ihn gar, damit sich die Betrachter mit dem Werk auseinandersetzen, entweder mit jenem Sich-Einlassen oder aber eben mit Abwendung.

Vieles mag einem einfallen: Spontan das wehmütige, immer noch eine leichte Gänsehaut erzeugende Lied „Mein Freund der Baum ist tot, er fiel im frühen Morgenrot“ der allzu früh verstorbenen Sängerin Alexandra. Die Provokation des niedergestreckten Baums in jenen Tagen, in denen vor dem Rathaus Römer der riesige, ebenfalls von Menschenhand gefällte, haushohe Weihnachtsbaum errichtet wurde. Überhaupt der Gegenakzent des am Boden Liegenden zur umgebenden Welt der Hochhäuser. Der Spott vielleicht auch über die lichten Reihen jämmerlicher Bäumchen auf dem, was vom benachbarten einstigen Goetheplatz nach dessen Graubasalt-Verschandelung noch übrig geblieben ist. Nein, darüber ärgern sich viele Bürgerinnen und Bürger und nicht über Gelitins Aktionskunst.

Die Initiative „Rossmarkt³“ läuft mit Gelitins Kunstwerk aus. Kürzlich nun hat es ein Gespräch des neuen Planungsdezernenten mit der für die sogenannte „Gestaltung“ der Platzfolge Rathenau- und Goetheplatz nebst Rossmarkt verantwortlichen Architektin Gabriele Kiefer über Möglichkeiten gegeben, wie aus der vom Vorgänger-Dezernenten angerichteten, von sehr vielen Bürgerinnen und Bürgern verabscheuten Steinwüste doch noch etwas Ansehnlicheres entstehen könnte. Dazu müsste allerdings die Stadt ihren grundsätzlichen Planungsfehler korrigieren, die einst begrünten, zu mittag- wie abendlichem Flanieren einladenden Flächen im Herzen der Innenstadt einem merkantilen Messe- und Ausstellungsbetrieb zu opfern, der dort nun, von Zeit zu Zeit, sein – zumeist auch noch dröhnend-lautes – Unwesen treibt.

Von rücklinks bedrängt: das Gutenberg-Denkmal, die Herren Johannes Gutenberg, Johannes Fust und Peter Schöffer werden der künstlerischen Aktion nicht gewahr, und die den Sockel umgebenden Allegorien von Theologie, Poesie, Naturwissenschaft und Technik blicken stumm vor sich hin; der Eingang zum unterirdischen Parkhaus lässt sich an Hässlichkeit nun wirklich nicht mehr überbieten

Die interdisziplinäre Wiener Künstlergruppe Gelitin (früher Gelatin) – Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban (geboren zwischen 1966 und 1971) – ist für allerlei Spektakuläres und Überraschendes wie auch Provokantes und Subversives gut, Humoristisches bis Clowneskes eingeschlossen. Die vier lernten sich 1978 in einem Sommercamp kennen. 1993 starteten sie ihre internationale Ausstellungskarriere, die sie 2001 und 2011 auf die 49. bzw. 54. Biennale von Venedig (bei ersterer bespielten sie unter dem Kommissariat der in Frankfurt als ehemalige Schauspielintendantin bekannten Elisabeth Schweeger den Pavillon Österreichs) oder zur EXPO 2000 in Hannover führte. Dass die Gruppe darüber hinaus um den ganzen Globus herum auftrat und auftritt, versteht sich dabei fast von selbst.

Gelitin, Wien, 2009, © Gelitin, Foto: Maria Ziegelböck

Fotos (soweit nicht anders angegeben): FeuilletonFrankfurt

 

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