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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

documenta 13 in Kassel (24)

Kader Attia: Erschütternde Begegnungen

Wir möchten Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, den Besuch dieser Installation in der zweiten Etage des Fridericianums, einschliesslich der Dia-Projektion, als ein „must see“ sehr ans Herz legen, auch wenn sie dem Betrachter einiges an Arbeit zumutet. Ein Kunstwerk zu errichten oder herzustellen ist ein oft langwieriger, durchaus mühsamer und schmerzensreicher Prozess; warum sollte man dem Betrachter nicht Ähnliches an Sich-Zeit-Nehmen, Mühe und Schmerzen abverlangen dürfen?

Kader Attia verbrachte viele Aufenthalte in Algerien, Kinshasa und Brazzaville. Sein besonderes Interesse fanden dabei afrikanische künstlerische Objekte, die nach Frakturen oder anderweitigen Beschädigungen wiederhergestellt wurden, in einer Weise jedoch, dass diese Reparaturen sichtbar blieben. Der Künstler identifiziert damit einen wesentlichen Unterschied zur europäischen Auffassung von Restaurierung, die eine gleichsam unsichtbare Wiederherstellung eines beschädigten Werkes zum Ziel hat.

Kader Attia nimmt als „Vorbilder“ im Gesicht verwundete, notdürftig chirurgisch-plastisch operierte Soldaten des Ersten Weltkriegs zum Modell. Derart verletzte Physiognomien lässt er von afrikanischen Holz-Bildschnitzern in freier Weise nachmodellieren. In seiner Dia-Projektion stellt Attia die „Vorbilder“ und die Schnitzarbeiten gegenüber. Natürlich erzählt er dabei auch ein Stück Kolonialgeschichte, wie sie wieder auf die Europäer zurückkommt, theatralisch in seiner Regallandschaft inszeniert. Eine Art von „kultureller Rückaneignung“ will darin erkennbar werden.

Dazu zählen hunderte, in zig Vitrinen ausgestellte Fundstücke, insbesondere in Afrika vorgefundene Artefakte der bereits erwähnten Art.

Ob der Künstler mit seiner Arbeit die erhoffte Brücke zwischen abendländischer und maghrebinischer Kultur schlägt, wie manche Rezensenten es postulieren, mag dahingestellt sein. Auf alle Fälle ist sie eine der unverzichtbar sehenswerten Präsentationen der diesjährigen documenta.

Kader Attia, 1970 in Dugny / Seine-Saint-Denis in einer algerischen Familie geboren, studierte an der Pariser École Supérieure des Arts Appliqués Duperré, an der Escola de Artes Applicades La Massana in Barcelona sowie an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs, Paris. Er stellte vielfach weltweit aus und nahm 2003 an der 50. Kunstbiennale in Venedig teil. Der Künstler lebt und arbeitet in Berlin und Algier.

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  documenta 13 in Kassel (1)
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→ documenta 13

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