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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für August, 2010

Rettung für Retter

2010, August 17.

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Retter rettet Retter – wo gibt ’s denn sowas? In Frankfurt-Sachsenhausen!

(Foto: FeuilletonFrankfurt)

Auftakt im Offenbacher Hafen: Dirk Baumanns, Eva Schwab, Matthias Vatter und Eva Weingärtner auf der „Schute Vita“

2010, August 14.

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Schmuck hergerichtet: Das Ausstellungsschiff „Schute Vita“ im Offenbacher Hafen

Nun hat – nachdem bereits seit längerem in Frankfurt am Main, am Mainwasenweg Höhe Ruderdorf, ein Atelierschiff ankert – auch Offenbach ein ähnliches, wenn auch kleineres, doch sehr adrettes Wasserfahrzeug: das Ausstellungsschiff „Schute Vita“. Es liegt seit kurzem im stillgelegten Offenbacher Hafen, Einfahrt Hafen 2 – Kennern der Rhein-Main-Kunstszene durch die berühmte „Ölhalle“ vertraut. Daniela Matha, Leiterin des Projekts Hafen Offenbach, und Anja Czioska, umtriebige Meisterschülerin von Professor Kasper König und Kuratorin der neuen binnen-maritimen Aktion, tauften am gestrigen 13. August das Schiff nach einleitenden Ansprachen auf seinen verheissungsvollen Namen – möge es weiteres Leben in die Rhein-Main-Kunstlandschaft bringen! Dass bei der Taufe seefahrtsgemäss eine Flasche Sekt ihr Leben lassen musste, versteht sich von selbst. Weiterlesen

„Radical Conceptual“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst

2010, August 14.

Radikal konzeptuell – was ist das, werden sich manche fragen? Versuchen wir eine kurze Antwort.

Konzeptkunst – so lehren uns die Kunst-Weisen – hat ihre Wurzeln im Minimalismus. Der US-amerikanische Künstler Sol LeWitt (1928 bis 2007) soll den Begriff der Konzeptkunst entwickelt haben, einer ihrer Vorreiter war Marcel Duchamp (1887 bis 1968). Und was ist nun Minimalismus? Zunächst eine amerikanische Kunstrichtung als eine Gegenbewegung zur spontanen, emotionellen, zumeist abstrakten, teils auch figürlichen, von dynamischem Farbauftrag gekennzeichneten, Freiheit und Liberalismus verpflichteten Malerei des amerikanischen Abstrakten Expressionismus. Minimalismus strebt demgegenüber nach Objektivität und Klarheit, nach der Reduzierung eines Werkes auf das Grundsätzliche, auch in seiner seriellen Wiederholung.

Wie schon der Name sagt, fusst die konzeptuelle Kunst auf Konzepten und Ideen, sie erschliesst sich durch Kontextualisierung und Verknüpfung, Vorstellung und Bedeutung wie auch durch Assoziation. Ihr Verständnis setzt nicht selten eine intensivere Auseinandersetzung mit Absichten und Denken des Künstlers voraus. Sie grenzt sich, wie Duchamp formulierte, von einer sogenannten „retinalen“, also auf eine sinnliche Wahrnehmung vorwiegend durch das Auge abstellenden Kunst ab.

Folgerichtig schliesst die Präsentation „Radical Conceptual“ des Frankfurter Museums für Moderne Kunst MMK an seine vorangegangene „Yellow and Green“ an, welche den Minimalismus und die Pop-Art in den Vordergrund stellte. Wiederum zeigt das Haus verschiedene Werkgruppen aus seinem eigenen, ebenso reichhaltigen wie prominenten Bestand.

Nun aber ist Eile geboten: „Radical Conceptual“ läuft noch bis zum 22. August 2010. Wer die Ausstellung noch nicht gesehen hat, sollte sich alsbald auf den Weg in das Haus an der Frankfurter Domstrasse begeben. Und einen Vor- oder Nachmittag sollten er oder sie angesichts der Komplexität des Dargebotenen als Zeitbudget einplanen. Wir versichern: Es winkt ein reicher Lohn.

Eine spektakuläre Arbeit im Rahmen der konzeptuellen Kunst – Florian Heckers Klang-Installation „Event, Stream, Objekt“, haben wir bereits vorgestellt. Heute wollen wir, für nur ein weiteres, jedoch hoch interessantes Beispiel, den Fokus auf die aussergewöhnlichen Bilder von Alighiero Boetti richten, die sich ebenfalls im Bestand des MMK befinden.

An der Museumswand eine der Arbeiten des Künstlers, mehr als sechseinhalb Meter breit: Wie geht man damit um? Treten wir nahe heran, offenbaren sich in der grossen viele kleine und kleinste Welten, je weiter wir uns entfernen, umso mehr davon werden sichtbar. Treten wir gänzlich zurück, stehen wir vor einem kaum mehr überschau- und identifizierbaren Komplex an Farben und Formen. Natürlich ist es ebenso reizvoll, umgekehrt zu verfahren. Und wir machen bei genauer Betrachtung aus der Nähe eine merkwürdige Entdeckung: Das Bild ist nicht gemalt, sondern gestickt! Von Stickerinnen in Afghanistan, wohin Boetti eine Zeitlang jährlich reiste.

„Miniaturen des Welterlebens, gefasst in klar voneinander abgegrenzte Formen“, schreibt Sabine Sutter. „Eine Vielzahl von Geschichten lässt sich anstossen, meist sind sie inspiriert von persönlichen Erfahrungen und stets verbunden über einen Wesenskern. Jedes Emblem steht für den Einzelfall und transportiert gleichzeitig dessen ‚Idee‘ … Die Weltganzheit zeigt sich in den multiplen Erscheinungsformen des Einzelnen.“ Weiterlesen

„Mapping the Studio“ in Venedig (1): Palazzo Grassi

2010, August 12.

Wir möchten unseren Leserinnen und Lesern für ihren nächsten Aufenthalt in Venedig den Besuch zweier fantastischer Museen ans Herz legen: des „Palazzo Grassi“ und der „Punta della Dogana“ des französischen Milliardärs François Pinault respektive der François Pinault Foundation (Firmenimperium Pinault-Printemps-Redoute mit unter anderem Gucci, Puma, Yves Saint Laurent, Le Printemps oder dem Nobelweingut Château Latour und – setzen Sie sich fest hin – dem Auktionshaus Christie’s!)

Nun trifft es sich, dass in Zeiten der – ideologiepolitisch allem Anschein nach gewollten oder zumindest billigend in Kauf genommenen – Finanznot öffentlicher Haushalte (Steuergeschenke der Koalition an Hotellerie, Erben usw. lassen grüssen) auch die Diskussion um in öffentlicher und privater Trägerschaft betriebene Museen auflebt. Während sich erstere der Gefahr zunehmender finanzieller Auszehrung ausgesetzt sehen – dem finanzministeriellen wie kommunalen Rotstift fällt neben dem Sozialen zu allernächst die Kultur zum Opfer – , fliessen beträchtliche Gelder hoch Vermögender, vor allem über Stiftungen, in deren private Projekte, selbstverständlich nach dem bekannten Motto „Wer zahlt, schafft an“. Und wer beobachtet, mit welch euphorischem Jubel jene genannten politischen Kräfte hierzulande einem von den USA herüberzubranden drohenden „Philanthro-Kapitalismus“ das Wort reden, wird Schlimmeres befürchten müssen. In Vergessenheit gerät darüber, dass die vermeintlichen Grossherzigkeiten der Bill Gates, Warren Buffet und Co. mit erheblichen Steuergeschenken über und über belohnt werden, die wiederum das Steueraufkommen verkürzen und dem Gemeinwesen dringend notwendige finanzielle Mittel entziehen, so dass letztlich die Allgemeinheit den Preis für privatmilliardäre „Wohltaten“ zu entrichten hat, die jedoch dann von Entscheidungen über eine sinnvolle, im öffentlichen Interesse liegende Verwendung (ebenso wie das staatliche Gemeinwesen selbst) im wesentlichen ausgeschlossen ist.

Auf der anderen Seite verkennen wir keineswegs die bedeutsame kulturelle Rolle, die beispielsweise im Rhein-Main-Gebiet – im regionalen Rahmen – etwa dem Frankfurter Museum Giersch oder den Rüsselsheimer Opelvillen zukommt.

Nach diesem Exkurs ins Grundsätzliche nun zurück zum Palazzo Grassi und zur Punta della Dogana. Beginnen wir heute mit ersterem. Und heben gleich zu Beginn hervor, dass die Venetianer jeden Mittwoch freien Eintritt in die beiden Museen haben.

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Der Palazzo Grassi am Canal Grande, Foto: FeuilletonFrankfurt Weiterlesen

Das grüne Kanapee / 15

2010, August 11.

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(Bildnachweis: Autor unbekannt; wikimedia commons)

Ja, Herrschaften noch einmal, gibt ’s denn sowas?

Wo steht heuer  Das Kanapee-Rummel-kl das grüne Kanapee?

Na auf dem Rummelplatz, im Riesenrad, da in der Kabine rechts unten! Und wer sitzt drauf? habust natürlich! Einfach mal anklicken! Hätten Sie doch gleich ahnen können …

(©  habust; Foto: GearedBull wikimedia commons GFDL)


„Park – Sichten“: 13. Skulpturenpark in Mörfelden-Walldorf

2010, August 5.

Skulpturen unter freiem Himmel, noch dazu in einer Umgebung mit Bäumen und Sträuchern, eignet etwas Besonderes. Sie sind schutzlos der Witterung und jedwedem Wetter ausgesetzt, sie sind – zumeist – dem Erdboden verhaftet, sie korrespondieren mit der sie umgebenden Vegetation, dem Licht des Tages und der Dämmerung des Abends. Sie leben, sie verändern sich und altern, denn Sonnenglut und Regen, Schnee, Frost und Eis zeichnen ihre Oberflächen, legen Zeugnis ab vom Lauf der Zeit.

Mehr und mehr Bildhauer wenden sich, nicht zuletzt vielleicht deshalb, für ihre Skulpturen im Aussenbereich neben dem Stein den Materialien Holz und Stahl beziehungsweise Eisen zu.

Zum 13. Mal öffnet sich der Skulpturenpark Mörfelden-Walldorf in der kleinen Parkanlage am Bürgerhaus Mörfelden dem interessierten Publikum, heuer unter dem beziehungsreichen Titel „Park – Sichten“. Der Veranstalter – die Kommunale Galerie der Stadt Mörfelden-Walldorf in Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Galerien in Hessen und Rheinland-Pfalz – wählte dieses Jahr unter 35 Bewerbungen die Werke von 13 grossenteils bereits arrivierten und erfolgreichen Bildhauerinnen und Bildhauern aus, die die Frankfurter Galeristin Barbara von Stechow schon traditionsgemäss in der Eröffnungsveranstaltung vorstellte.

Neben den im folgenden präsentierten fünf Künstlerinnen und Künstlern zeigen in Mörfelden ausserdem

Lutz Brockhaus, Bruno Feger, Judith Franke, Guido Häfner, Joachim Kuhlmann, Volker Schönhals, Karina Wellmer-Schnell und Gerhard Völkle

Skulpturen und Installationen aus Holz, Eisen, Bronze, Holz und Flechtwerk, Stein, Epoxydharz, Stahl und Edelstahl. Arbeiten fast aller dieser Künstlerinnen und Künstler sind in privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten.

Mit der Natur setzt sich Roger Rigorth auseinander. In seinen beiden korrespondierenden Arbeiten „Sonne geschenkt“ – „1“ und „2“ – von 2006 verwendet er Eichenholz (215 x 200 x 23 cm) und Stahl (250 x 126 cm). Licht und Kraft der Sonne als unverzichtbares Lebenselixier bannt Rigorth im lebhaft gemaserten Holz und dem über die gesamte Fläche hinweg warmtönig oxidierten Stahl seiner Skulpturen.

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Roger Rigorth, 1965 im schweizerischen Saanen geboren, bezog von 1987 bis 1990 eine Ausbildung an der Berufsfachschule des Holz und Elfenbein verarbeitenden Handwerks in Michelstadt. Studienaufenthalte und die Teilnahme an Symposien führten ihn in nahezu alle Länder Europas sowie in alle fünf Erdteile. Rigorth, der zahlreiche Stipendien und Kunstpreise erhielt, arbeitet als freischaffender Künstler in Altheim bei Darmstadt. Weiterlesen

Ilse Dreher: Reflexionen und Metamorphosen

2010, August 2.

Ilse Dreher:
Reflexionen und Metamorphosen – Fangbilder und Stills

Von Brigitta Amalia Gonser
Kunstwissenschaftlerin

Catch me, if you can! Dieser Herausforderung der Realität stellt sich Ilse Dreher in jedem ihrer Werke – seien es die grossformatigen Fotografien, ihre Wachs-Material-Collagen oder ihre Objekte. Sie bedient sich dabei ihrer intensiven Wahrnehmung, eines ausgeprägten, auf trial and error ausgerichteten Spieltriebs und meditativer Qualitäten.

So entstehen ihre wunderbaren Fangbilder und Stills, wie ich ihre Werke nennen möchte.

Ilse Drehers Vorgehensweise unterscheidet sich von der herkömmlichen, von den Ägyptern überlieferten Enkaustik der frühchristlichen Mumienporträts und auch von deren Wiederaufnahme durch die Pop-Art, wenn letztere, und zwar Jasper Johns‘ Flaggenbilder, sie auch dazu angeregt haben: Sie macht keine Wachsmalerei im eigentlichen Sinne, sondern setzt das Wachs als Bindemittel für ihre Material-Collagen ein, wobei sie dem weiss opaken, aus Erdöl gewonnenen 100-prozentigem Paraffinwachs, welches nach dem Schmelzen bei ca. 52 bis 54 Grad glasig wird, auch Farbpigmente beimischt. Durch das sukzessive Giessen der mehrfach auf den festen Bildträger aufgetragenen und in Schlieren verfliessenden, heissen Schichten erzeugt sie spezielle Oberflächenqualitäten. In dem schnell trocknenden Wachs verfangen sich dann, wie in einem Klebstoff, die „gefundenen Gegenstände“ in neuen Sinnzusammenhängen, als skulpturale Erweiterung der Collage, wie das ähnlich schon der Dadaismus praktiziert hat.

Sammelnd erweitert Ilse Dreher im Alltag und auf Reisen ihren Fundus an objets trouvés, um von den vorgefundenen, fetischartigen Materialien, ihrem Gestaltungswillen folgend, kleine, fragile Teile für ihre Collagen auszuwählen – Spuren von Treib- und Schwemmgut an maritimen Stränden, Sand, Netze, Folien, Schnüre, Stahlwolle, Baumwolle, Späne, Styroporbällchen, Samenkerne, Blätter und Blüten.

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Sand und orange Folie, 2005, Wachs-Material-Collage, 80 x 60 cm Weiterlesen