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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Urlaubsbrief aus der Türkei / 7

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Erzählung

von © Robert Straßheim

(Erstes  Kapitel)   (Zweites Kapitel)   (Drittes Kapitel)  (Viertes Kapitel)  (Fünftes Kapitel)  (Sechstes Kapitel)

Siebtes Kapitel

Mittwochmorgen

Habe gestern Abend und heute am Strand hemmungslos gelesen, und jetzt ist der Kater da: Nur noch das kurze Kapitel „Tod im Leben“ ist mir verblieben.

Es war unverantwortlich, all die Mittel zur Leseverhütung zu vernachlässigen. Ich muss mich jetzt verstärkt Zara widmen. Wenn sie doch nur ganz für mich verfügbar wäre!

Ach, alles ist weit schlimmer als vor ein paar Tagen – nicht nur, dass ich ohne Lesestoff bin und mich meiner Abhängigkeit schäme, nein, die Lektüre der „Alchemie“ ließ mich glauben, dass ich alles verstehen und damit über die Tyrannei dieser kleingeistigen Denkmaschine entkommen würde, aber mein jetzt wieder genauso jämmerlich nach Büchern lechzendes Ich spricht allem Glauben Hohn, und ich bin zernichtet – gutgut.

Nach dem Essen werde ich das letzte Kapitel lesen, und dann weiß ich nicht weiter. Auch gut, oder?

nachmittags

Ist es mir willkommen, dass Zara ein Kind wünscht? Jaja, natürlich sage ich ja, besonders nach dem ganzen Feild. Es ist nicht so, dass ich jetzt hier sitze und denke, du Armer, das sind erstmal deine letzten freien Ferien, in denen du die Freiheit hast, alles zu genießen. Ja, aber doch ein wenig Angst habe ich davor, was ich alles aufgeben muss, wenn ich nächstes Jahr Vater werden sollte: Die Ruhe, vor allem die Nachtruhe und die Mittagsruhe, die Zeit zum Lesen, die Häufigkeit des Sex, die Ordnung und so weiter, und so fort, du weißt ja besser, welche Opfer Eltern bringen müssen. Was ich gewinne, ist sehr zweifelhaft, wenn ich die Babys in meiner Umgebung sehe – eigentlich will ich sie gar nicht sehen, ich teile Zaras Vorfreude kaum – für mich wird die Vaterschaft eine Übung im Dienen sein, schon als guter Schüler habe ich gelernt, meine Aufgaben zu machen.

Zara plant schon genau, was sie haben will: ein Mädchen mit blauen Augen, schwarzen Haaren. Ein verzeihlicher Irrtum, solche narzisstischen Wünsche zu hegen. Gewöhnlich kommt es anders, nämlich so, wie man es braucht, und nicht so, wie man es will. Zara zufolge sollte ein Mädchen lange Haare haben, ich dagegen fordere eine kurze Frisur, das ist praktischer beim Waschen und beim Spielen. Wir finden keine Einigung, aber das ist im Moment egal.

Nicht so egal ist mir das Thema Fernseher, über das wir seit Monaten, Jahren verhandeln: Für mich bedeutet eine fernsehfreie Wohnung ein Refugium des Friedens, der Muße, des Raums für Beziehung. Zudem erleichtert es die Erziehung enorm, da bist du uns ja ein Vorbild. Also erklärte Zara in Frankfurt kürzlich ihre Einwilligung, dieses Monster abzuschaffen, sobald sie schwanger wird.

Jetzt, wo ich mich schon darauf freue, ein Inserat aufzusetzen, um uns von dem Koloss zu befreien, unsere Abendstunden zu bereichern, beharrt sie darauf, eine pädagogische Praxis mit Fernseher finden zu wollen. Warum kann sie einen gefassten Beschluss nicht einhalten? Warum muss das Leben so kompliziert sein? – Dabei regt sie sich auf, wenn die Nichten fernsehen, sie weiß, wohin das führt – guckt aber selber mit. Rational ist da nichts auszurichten – wie mit dem Rauchen. Mir bleibt nur die Tat. Nicht so sehr auf die Worte, auf die Taten kommt es an. Mindestens dreimal am Tag schalte ich den Nichten den Fernseher ab, nicht über die Fernbedienung, sondern den Hauptschalter. Dann gibt’s mal kurz Geschrei, aber der Kasten bleibt vorerst aus, weil die Macht der Erwachsenen stärker ist.

Gleich wollen Zara und ich ausgehen, Zara sagt, dass ich kommen soll, sie sei fertig, aber ich glaube, das ist mal wieder eine ihrer kleinen Lügen, sie hat nicht mal Schuhe an.

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So gedulde ich mich weiter bei deinem Briefe, früh genug werden wir gleich im Strandcafé sitzen, zwei Becher heißen Wassers bestellen und unser Teesäckchen mit Rooibuschtee eintunken, und wenn dann keine Störung mehr zu erwarten ist, der Tee trinkfertig, werde ich mich entspannt in den Stuhl zurücklehnen und bereit sein, jede Frage zu beantworten, die Zara mir stellen würde. Wenn wir eine Weile geschwiegen haben werden, wenn Zara etwas geredet hat, wenn wir wieder eine Weile geschwiegen haben, sie sich vielleicht beschwert, dass ich nicht mit ihr rede, wenn ich sage, du fragst mich ja nichts, wenn sie dann etwas fragt, oder wenn sie nichts fragt, wenn wir noch mal geschwiegen haben, dann kann ich vielleicht reden. Ich bin ein guter Zuhörer, aber ein schlechter Redner, ich brauche eine verpflichtete Zuhörerin, und das ist in unserer Beziehung schwer, denn Zara neigt zur Ungeduld. Am besten eignet sich das dyadische Gespräch für uns. Das muss man verabreden, um die Form muss man sich bemühen, der Gewinn an Offenheit und Nähe ist phantastisch. Ich bin ein versteckter Erzähler, der seinem Wert nicht traut. Deshalb das Schreiben, das ungefährlicher ist als das Reden. Als Kind war ich sehr einsilbig. Meine Mutter pflegte zu fragen, wie es in der Schule war, meine Antwort erschöpfte sich in einem Wort: Normal! Erschöpft sein, heißt hier: Alles war verausgabt, weiter konnte ich nicht sprechen, aus Angst vor ihren Kommentaren. Zara kommentiert gerne. Vielleicht habe ich sie ja deshalb zur Frau. Ich muss darüber hinweg kommen. Du bist ein großer Erzähler, das ist etwas, worin du mir Vorbild bist. Also, lieber Markus, Zara hat die letzten Kajalstriche gezogen, wir brechen jetzt auf, ich werde an dich denken, so war das Schreiben wieder zu etwas gut.

Donnerstag

Mevlana sagte: „Wollt ihr leben, so sterbt in Liebe. Sterbt in Liebe, wenn ihr am Leben bleiben wollt.“

Gut, schön, also laufe ich mit solchen Mantras herum. Allerdings muss ich vorsichtig sein, wenn ich Zara so etwas aufsage, wird sie sich wohl neue und schlimmere Sorgen um mich machen! Das lasse ich mal sein, grabe mich mal tiefer in mich selbst ein, fange den Feild einfach von vorne zu lesen an. Feild will ja, dass das Ego stirbt, und wenn es, immerzu sich um sich selbst drehend, verrückt wird, ist das ein gutes Zeichen, oder? Kennst du doch aus deiner Klinik? Nicht umsonst kreiseln die Derwische.

Keine Angst, um nicht abzudrehen, habe ich abends noch meinen PC-Arbeitsplatz, und überhaupt alle sorgen mit ihrem Lärm dafür, dass ich in der Mittelwelt bleibe.

Wenn ich mir nur sicher wäre, welche Fesseln gut und welche besser abzuschütteln wären. Jetzt bräuchte ich deinen Rat! O Freund, wärst du da!

Ich ahne, was du sagen würdest: Halte dich an Zara. Mal sehen.

Freitag

Gelungene Flucht! Ich will nichts mehr lesen. Es reicht, mit Zara zu sein, am liebsten würde ich Zara auf dem Schoß sitzen, von ihr getragen sein, von ihr gefüttert sein. Wundervoller Regress! Keinen Willen mehr haben, nur mit Zara mitgehen, mit Zara schwimmen, Zara zuhören, wenn sie mit anderen redet. Und wenn sie spricht? Dann spreche ich so wie sie, suche ihre Melodie, ihre Geschwindigkeit, und ich suche, ihre Gedanken zu lesen. O, ein neues Universum erschließt sich mir zum Lesen! Bei Tisch reichte ich ihr Ekmek, Peynir, füllte ihr Glas nach, schüttete ihr Salz auf den Salat bis sie schrie, so drückte ich ihr auf den Bauch, damit sie besser schreien konnte, sie schrie also, je nachdem wie ich drückte, wie eine Sirene auf und nieder; und ich wusch den Salat in fließendem Wasser wieder rein. Auch die Nichten haben viel Spaß damit, dass ich so fürsorglich bin, und ich habe meine Aufmerksamkeiten auf sie ausgeweitet, nach dem Essen holte ich drei mit Zahnpasta bestrichene Zahnbürsten, die ich Zara und den Kindern in die krakeelenden Münder stopfte. Damit passe ich mich auch ihrer Kultur vortrefflich an – ziele aber nicht auf das populäre Dickmachen, sondern auf Gesundheit. Und wenn Zara mit der einen sprach, ging ich zur anderen, zerrte sie vom böse strahlenden Fernseher fort, redete aufgeregt auf sie ein: „Beta, Beta, Gamma, Gamma, von Kathodenröhre Gefahr, Gefahr, Dikkat, Dikkat!“ in Zaras Tonfall, und wenn die Worte fehlten, ahmte ich ihre Laute nach: „Oh Mau, ah mau“, und wir alle hatten viel zu lachen.

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Wie die Zeit verschwindet, ohne eine Zeile ist der Tag in unserer Familie schon vergangen! Nur fort vom Papier, du verzeihst, als guter Freund, und beglückwünschst mich sicherlich, meinst, dass ich auch noch den Abend ausschlürfen solle! Du alter Genießer, einmal ist doch ein Ende. Aber wenn ich es anders betrachte: das Gedankenlesen ist ein guter Zeitvertreib!

Samstagmorgen

Nun ist er doch herangekommen: der letzte Tag für mich im Morgenlande. Ein Ende mit der Not. Naja, ich will nicht ungerecht sein – außerdem fürchte ich mal wieder Zaras Schelte, wenn ich nur negativ schreibe. Was also gut war, und was bleibt:

Der Zauber des ersten Morgens, Aufgehobensein im Schoß der Unendlichkeit.

Und die letzten zwei Tage, da ich über den Nabel Zaras mit ihrer Familie verbunden war. Wie musste ich schrumpfen, um da durch zu passen, aber wie pulste das Leben in mich und durch mich hindurch! Ohne Worte.

Das Gedankenlesen, wenn es auch nicht so recht klappte: Heute früh machte ich den Kindern den Fernseher an, aber die behaupteten, sie hätten überhaupt nicht gucken wollen! Dabei waren sie schon aufgestanden, und ich wusste nicht, was sie sonst denken könnten? Und ich selber wusste auch nicht, was ich hätte denken können. Mit einem Buch wäre alles viel einfacher. Aber was hätte ich versäumt, wenn ich gelesen hätte:

„Abla, Abla“, rief ich, zu Abla laufend, und führte sie bei der Hand ins Wohnzimmer zu den Kindern. „Look, your children do not want to watch TV any more!”

Abla schaute ihre Mädchen an, befragte sie, die Kinder schauten auf mich, ich gab ihnen Zeichen, und sie antworteten der Mutter etwas sehr Braves – jedenfalls lachte Abla mich an: „Well done!“, und ich gab zurück: „Mau, Abla, your education is a good work“, und umarmte sie.

abends

Zara fragt mich neuerdings, ob ich traurig sei, weil wir uns morgen trennen werden? – O mau, sage ich, zuhause warten so viele Bücher und endlos Arbeit auf mich, außerdem werden wir ja nur für drei Wochen getrennt sein.

Meine Antwort befriedigt mich selber nicht so ganz, so frage ich mich weiter: Was braucht es zum Glück? Brauche ich, dass Zara jeden Tag, jede Minute um mich ist? Wäre ich hier glücklich, wenn ich immer Zara hätte? Oder einen anderen Nabel? Und genügend Bücher, Fachbibliotheken, Fernleihen und jederzeit Zugang zum PC? Was fehlt noch? Ein schnelles Internet, ein Laserdrucker und ein klimatisiertes Büro? – Nein, auch das reichte nicht. Meine Freunde fehlen mir. – Und wenn ich in Frankfurt mit Zara zusammen bin, alles habe, Freunde und Bücher, wäre ich dann glücklich? Vermutlich ja – wenn Zara selber auch Arbeit und Freunde in Frankfurt hat und darin aufgeht. Ist das wahr? Wären wir dann wirklich glücklich? Würde nicht noch irgendetwas fehlen? Müssen zum wahren Glück so viele Bedingungen erfüllt sein?

Warum sind wir so neurotisch und erkennen unser Glück nicht unmittelbar? Dass wir leben, ist das nicht Glück genug?

Nein. Wir erwarten zuviel. Ich erwarte zuviel. Ich jämmerliche Erwartungsmaschine. Was habe ich dann auf dieser Welt zu suchen?

Wenn ich in der Uni Stress habe, also fachlich und organisatorisch richtig gefordert bin, dann kann ich viel geben und brauche wenig. Das ist es, was das Leben füllt. Dann kann ich die Momente der Entspannung genießen wie ein besonderes Geschenk. Aber auch die Arbeit ist auf gewisse Weise ein Genuss, denn ich spüre, wie die Energie zwischen mir und den Studenten fließt. Oder ich sitze am PC und weiß, wozu ich was mache. Ich diene. Dienen ist Leben.

So will ich denn nicht länger säumen, sondern sehen, was zu tun ist! Meine Zara umfangen! All unsere Mau-Maus herzen!

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(Fotos: © Robert Straßheim)

(Letztes Kapitel)

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