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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Städtereisen

Schätze im Musée d‘ Arts in Nantes (2)

2017, Juli 29.

Einladung zu einer Zeitreise durch das Museum

Text und Fotos: Petra Kammann

Einladend die bewegliche Lichtplastik von Dominique Blais vor dem Museum ©D.Blais, „Sans titre“

Text und Fotos: Petra Kammann

Ende Juni eröffnete das ehemalige Musée des Beaux-Arts in Nantes, eines der größten französischen Kunstmuseen, nach einer mehrere Jahre andauernden Renovierung und Erweiterung unter dem neuen Namen Musée d’arts de Nantes seine Türen. Der im Herzen von Nantes gelegene typische Beaux-Arts-Palais aus dem 19. Jahrhundert und eine bereits im 17. Jahrhundert erbaute Kapelle, die nun miteinander verbunden wurden –, repräsentieren den tradierten Bürgerstolz der Stadtbewohner. Die wertvolle und erweiterte Sammlung ist nun sowohl  für die Bewohner wie für die Besucher der Stadt ein neuer Anziehungspunkt. Die auf das Gebäude fein abgestimmte Museografie der Sammlung wie auch das umfangreiche Educationprogramm sollen fortan auch für die demokratische Öffnung des Museums stehen.

Die Architektur ist inspiriert vom Ort, den Materialien und vom Licht. Der historische Teil ist in dem für Nantes so charakteristischen  Tuffstein gehalten und strahlt nun Helligkeit und Frische aus. Aufgang in die erste Etage des durch das Londoner Büro Stanton Williams renovierten Museums

„Kultur ist kein Luxus, es ist eine dringende Notwendigkeit und die Basis für alles“. Als die neue französische Kulturministerin Françoise Nyssen das renovierte und erweiterte Kunstmuseum in Nantes mit diesen Worten  eröffnete, stand dahinter ein ganzes Programm. Ihre Aussage bezog sich zweifellos auf das vorbildliche Beispiel der kunstaffinen Stadt, die ihrer Meinung nach nicht nur Strahlkraft besitzt, sondern auch Zusammenhalt stiftet: das soll es sowohl für die Besucher wie auch für die Nantaiser,  welche schon lange nicht mehr die Kunstwerke des einstigen Musée des Beaux Arts gesehen hatten. Es sollte eine Art Renaissance und Wiedererweckung der Wahrnehmung werden und der Beginn eines Gesprächs darüber, was die Dinge im Innersten zusammenhält. Denn nicht allein der Bau ist frisch. Die Kunstwerke  – darunter auch einige restaurierte – sind in neue thematische Zusammenhänge gestellt worden, was auch einem größeren Publikum den Zugang zu neuen wie zu den älteren Kunstwerken erleichtern wird.

Der Rundgang des 1801 von Napoleon gegründeten Museums, in dem schon früh gesammelt wurde, ist zunächst einmal chronologisch angelegt, wird an den verschiedensten Stellen immer wieder thematisch verknüpft und lässt Sprünge zu. Im Erdgeschoss des einstigen Palais können die Besucher die Meisterwerke vergangener Jahrhunderte, angefangen mit der italienischen Malerei aus dem 13. Jahrhundert, wiedersehen oder entdecken – je nach Ausgangslage.

↑ Die frühe italienische Kunst wird effektvoll auf blauem Hintergrund präsentiert, so dass der Betrachter thematische wie stilistische Eigenschaften und Parallelen erkennen kann

Hier wurde in einem Gang die flämische Malerei des Goldenen Zeitalters zusammenfassend präsentiert – mit der Entdeckung des Innenraums und der Landschaftsmalerei (darunter auch ein Jan Breughel) sowie Stilleben 

Etwa die Hälfte der im Erdgeschoss ausgestellten Kunstwerke stammen aus der Zeit bis ca. 1900, darunter einige künstlerische Leuchttürme aus der italienischen Renaissance wie Peruginos „Der Hl. Sebastian und der Hl. Franziskus“, Orazio Genitleschis „Diana, Göttin der Jagd“ aus dem 17. Jahrhundert, aus demselben Jahrhundert auch „Der Engel erscheint dem Hl. Joseph im Traum“ von Georges de La Tour, dem französischen Maler des Clair-obscur, dann das geheimnisvolle „Portrait der Madame de Senonnes“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres und Jean-Antoine Watteaus „L‘ Arlequin empéreur dans la lune“ aus dem 18. Jahrhundert.

Klar strukturiert und gegliedert für die Säle sind jeweils die italienische, flämische und niederländische und französische Schule zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert. Für die großformatigen Werke des 17. Jahrhundert, etwa denen von Rubens, ist viel Umraum geschaffen. Ein weiterer neuer Saal ist den antikisierierenden Statuen der „Musée-école“ von Clisson, einem italianisierten Ort in der Nähe von Nantes, gewidmet.

Ein Saal mit den kopierten antiken Skulpturen

In der Kunst des 19. Jahrhunderts, die vorzugsweise in der ersten Etage präsentiert wird, wurde die damals trendige Kunst aus Paris vom Museum gesammelt wie die Vertreter der Schule von Barbizon, aber auch großformatige Genreszenen. Nach und nach setzte man sich in der Sammlung kritisch mit dem Akademismus auseinander, zunächst mit dem eskapistischen Orientalismus wie bei Delacroix und Gustave Doré. Heute wird Jean-Auguste-Dominique Ingres Werk „Madame de Sennonnes“ von 1814 im Museum einem zeitgenössischen Werk von Sigmar Polke gegenübergestellt.

Im ersten Stock dann sind im Wesentlichen Werke zwischen dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert bis zur klassischen Moderne wie etwa Delacroix, Courbets „Cribleuses de blé“ („Die Kornsieberinnen“), Ingres zu erleben. Mit Claude Monets gelbgrünlichen „Nymphéas à Giverny“ („Seerosen aus Giverny“) , Kandinskys „Schwarzer Raster“ , den Photographien der surrealistischen Nantaiser Künstlerin Claude Cahun und mit Chaissac ist der Beginn der Moderne unübersehbar.

Monet, der dem Museum in Nantes 1922 bereits eines seiner Tableaus vermacht hatte, verweist mit seiner die Konturen auflösenden Malerei unaufhaltsam auf die neue Ausdruckskunst. Das betraf auch die Bildhauerei. Und so erscheint die Einrichtung eines Monet-Rodin-Saals sehr schlüssig. Und es war sicher ein geschickter Schachzug der Nantaisaer Museumsleiterin Sophie Lévy, dem Rodin-Museum in Paris einen konstruktiven Vorschlag zu machen. Dort lagerte nämlich im Depot das unrestaurierte  Gipsmodell der eindrucksvollen Skulptur „Les trois ombres“ („Die drei Schatten“) von Auguste Rodin (1840 – 1917).

Das Museum in Nantes schlug nun im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen vor, auch dieses für die Moderne so bedeutende Werk sorgfältig wieder aufzuarbeiten, geknüpft an die Bedingung, dass es dann auch für einen längeren Zeitraum in Nantes bleiben könne. „Die drei Schatten“ stellen die verdammten Seelen am Eingang der Hölle dar. Diese Szene aus dem „Inferno“ von Dantes „Göttlicher Komödie“ hatte den Bildhauer besonders fasziniert.

Imposant in Szene gesetzt: „Les trois ombres“ am Eingang zur Hölle, von Auguste Rodin , Foto: Petra Kammann (©Musée d’Arts de Nantes) 

Das gewaltige, 2 Meter hohe und 800 kg schwere Gipsmodell wird nun hier den berühmten „Seerosen aus Giverny“ von Claude Monet (1840 – 1926) gegenübergestellt.  Denn die beiden Künstler verband eine bewegende persönliche wie auch künstlerische   Freundschaft. Beider Werke waren auch schon 1889 in Paris zusammen ausgestellt worden und seinerzeit gemeinsam gegen die gängige Meinung der Akademie von den Kritikern Oktave Mirbeau und Gustave Geffroye  verteidigt worden.

Einleuchtend erscheint daher nicht nur die Sichtbeziehung zwischen dem starken Bildhauer und dem impressionistischen Maler als Marksteine der Moderne, sondern auch der Dialog zweier verschiedener Genres miteinander, die dem Publikum nicht so vertraut sind. So stehen im Monet-Rodin-Saal dann auch Monets „Gondoles à Venise“ aus dem Jahre 1908 und die „Seerosen“ aus dem Jahre 1917 neben Rodins Büsten von Jules Salou, Jean-Paul Laurens, Victor Hugo und Gustave Geffroye ebenbürtig Seite an Seite.

Außerdem hat das Pariser Rodin-Museum wegen dieser konzeptionellen Verbindung beider Künstlerpioniere großzügigerweise neben dem Gipsmodell auch noch die Bronzeplastik „La mort d’Adonis“ („Tod des Adonis“) und den Gips „La main crispée“ („Die angespannte Hand“) aus dem Ensemble „Die Bürger von Calais“  dem Museum zur Verfügung gestellt.

Aber auch andere Nationalmuseen haben das Ihre dazu getan, um die hier aufgezeigte und ablesbare künstlerische Entwicklung zu unterstützen: der Louvre mit dem Selbstporträt von Nicolas Poussin und „Le jeune martyre“ von Paul Delaroche, dann das Musée d’Orsay mit Pierre Bonnards „Marine à Arcachon“ sowie mit Gemälden von Félix Valloton und Edouard Vuillard und weiterer Bilder von Manet.

Das Centre Pompidou stellte dem Museum für die nächsten drei Jahre Werke von Max Ernst, Francis Picabia und Jean Arp zur Verfügung, weil sich in Nantes im 20. Jahrhundert mit Yves Tanguy, André Masson, Claude Zaun, Wilfredo Kam oder auch Matta ein surrealistischer Schwerpunkt herausgebildet hat und dieser sich für die Ausstellung anbot. Die surrealistischen Werken werden denen von Jean Dubuffet und Gaston Choissac gegenübergestellt.

Die Strömungen des 20. Jahrhunderts, repräsentiert etwa durch Auguste Herbin und Georges Vantangerloo, sind gruppiert um ein Ensemble von 11 Kandinsky-Werken aus der Zeit seines Wirkens am Bauhaus zwischen 1922 und 1933. Es folgen in der großen Galerie die Werke der abstrakten Kunst nach 1945 mit einem sehr expressiv- dynamischen Bild von Pierre Soulages, Werken von Roger Bissière, Hans Hartung und einiger Op-Art-Künstler wie Victor Vasarély sowie François Morellet.

Blick in den Saal der Kunst nach 1945, der Luft und Licht atmet

Im zweiten Stock und im sogenannten Cube, dem Neubau, geht es dann unmittelbar in die Jetztzeit und in die damit verbundene zeitgenössische Kunst mit den neuen Realisten, den Künstlern der Arte Povera und den Pionieren der Videokunst. Seit 2011 hat das Museum insgesamt 185 meist hochkarätige neue Arbeiten erworben, wie zum Beispiel Duane Hansons realistisches Environment „Fleamarket-Lady“ was deutlich zeigt, dass den Nantaisern besonders an der Teilhabe der Zeitgenossenschaft liegt, die den Anschluss an die internationale Kunstszene nicht verschlafen hat.

Bill Violas eindrucksvolles Video „Nantes Triptych“– eine archetypische Allegorie von Geburt und Tod – ist bis zum 18. März 2018 in der Chapelle de l’Oratoire zu sehen

Die komplett renovierte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, die seit 1952 unter Denkmalschutz steht und die einst dem Gebet gewidmet war, ist vollständig den zeitgenössischen Videoinstallationen vorbehalten und löst nun andere Nachdenklichkeit aus. Dort ist bis 2018 das Video „Nantes Triptych“ des amerikanischen Künstlers Bill Viola zu sehen ist.

Da sind in der dunklen Kapelle drei Bildschirme parallel geschaltet, auf denen man unmittelbar und simultan die Szenen von Geburt und Tod verfolgen kann: den Prozess einer realen Geburt zur Linken, eines Menschen unter Wasser schnorchelnden Mannes in der Mitte und dem allmählichen Tod einer alten Frau – für den New Yorker Künstler eine Allegorie des Lebenszyklus‘, von der Geburt, zur Wiedergeburt bis hin zum Tod  – einsichtig für jedermann.

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Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

2017, Juli 17.

Das ehemalige Musée des Beaux Arts von Nantes wurde als Musée d’Arts de Nantes  zum Sommeranfang 2017 nach 6-jähriger Renovierung wieder eröffnet. 

Eindrücke und Fotos von Petra Kammann

 

Die frisch renovierte Fassade des Musée d’Arts de Nantes

Nantes ist seit einigen Jahren eine dynamische Stadt, die auf Innovation und Kreativindustrie gesetzt hat. „Le voyage à Nantes“ – so der stadteigene Slogan – ist immer eine Reise wert, besonders aber auch der Kunst wegen. Dabei hat die einstige Hafenstadt an der Loiremündung ihre Geschichte nicht vernachlässigt, so auch nicht das Musée des Beaux Arts, das bislang in einem mächtigen Palais des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine kostbare Kunstsammlung vom 13. bis zum 20. Jahrhundert beherbergte.

Doch war das Museum in die Jahre gekommen und mehr als renovierungsbedürftig, u.a. weil die Fassade angegriffen, die Oberlichter, von denen das Licht auf die Kunstwerke fiel, nicht mehr dicht waren und weil sich die Verbindung von alter und neuer Kunst heute anders erschließt. Nach sechs Jahren Museumsschließung, Überarbeitung und einem zusätzlichen Neubau hat das Museum, das inzwischen Musée d’Arts de Nantes heißt, in diesem Sommer seine Tore wieder für das Publikum geöffnet.

Das ursprüngliche Gebäude, das 1900 in der Rue Clemenceau eröffnet worden war, war inzwischen für die Sammlung mit 12.000 Werken, die sich in den letzten Jahren durch bedeutende zeitgenössische Werke vergrößert hat, zu klein geworden. Nun können zusätzlich weitere 900 Werke gezeigt werden, von der alten Malerei aus dem 13. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videoinstallation. Dabei macht die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts inzwischen 55% der Sammlung aus. Da mussten neue Verbindungswege gefunden werden.

Die bisherige Ausstellungsfläche wurde vom britischen Architekturbüro Stanton Williams um 30% erweitert, auf dessen Konto auch das Royal National Theater, der Tower of London oder das Theater in Belgrad geht. Nun flutet ein 3 500 m2 große Glasfläche das Licht ins Innere des Museums. Ursprünglich gab es keine Verbindung zwischen den früheren und den heutigen Werken. Das hat sich nun gründlich geändert.

Da die Architekten das Palais auf geschickte Weise mit der dahinterliegenden Gebetskapelle, die früher nur über den Museumsgarten zugänglich war, verbunden haben, wirkt das Ensemble schon zur Straße hin heute sehr einladend, zumal sie einen minimalistischen vom lokalen Tuffstein inspirierten Kubus aus hellem Marmor wie einen Bindestrich in den Gebäudekomplex eingeschoben haben. Das gelungene neue 2 000 m2 große Gebäude, der „Cube“ ist dabei ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet.

Verbindungsgang zum White Cube

 „Die Transformation des alten Palais mit seinem neuen Vorplatz ebenso wie die neue Erweiterung, welche das Museum mit der Kapelle miteinander verbindet, ergeben ein museales Ensemble, das sich zur Straße hin öffnet, zum Viertel wie auch zur Stadt und ihren Bewohnern hin. Durch dieses Projekt wollten wir das wunderbare Licht des Atlantik sichtbar machen, in das die verschiedenen Galerien getaucht sind“, erläutert Patrick Richard, einer der beiden Architekten. Das ist den Baumeistern wirklich geglückt.

Blick in das Souterrain des Museums, wo vor allem pädagogische Räume, Restaurierungsateliers, ein Konferenzsaal, eine Salle blanche und das Depot untergebracht sind

Außerdem wurde sowohl ein Museumscafé wie auch eine Buchhandlung in den Eingangsbereich integriert. Die Kosten der aufwändigen Renovierung betrugen insgesamt erstaunlicherweise „nur“ 88,5 Millionen Euro inklusive der Fassadenrenovierung und der Restaurierung einiger historisch bedeutender Kunstwerke.

Patio im Musée d’arts de Nantes mit der Installation „De l’air, de la lumière et du temps“ von Susanne Fritscher

Beim Betreten des Gebäudes gibt es auch gleich eine weitere Überraschung, wenn der Blick auf den minimalistisch in Weiß gehaltenen 15 Meter hohen und Patio mit den übereinandergestaffelten Rundbögen fällt. Er lädt unmittelbar zum Besuch ein. Von weitem hat man den Eindruck, als rieselten unaufhörlich feine Wassertropfen von der Decke herab. Da öffnet und verwandelt sich ganz diskret ein Raum aus nichts als Licht, Luft und Atem. Und das durch eine höchst subtile Installation mit schwingenden Tönen der österreichischen Künstlerin Susanna Fritscher, die den Dialog mit dem hohen Raum des Patios aufgenommen hat: „Nur mit Luft, mit Licht und mit Zeit“.

Susanna Fritscher, Objekt „Souffle“ (Atem) im Musée d’Arts de Nantes

Begibt man sich in diesen 500 Quadratmeter großen Raum, so nimmt man ganz feine von der Decke herabrieselnde, so leicht bewegliche wie durchsichtige Silokonfäden wahr, welche einen in eine Art schleierhaftes Labyrinth führen. Sie strukturieren den Raum, den sich der Besuche  sinnesgeschärft erobert und in dem er die anderen Besucher zu Schemen verschwinden lässt. Da wird der Betrachter zum Akteur, indem er neue Räume innerhalb des Raumes schafft. Und er ist für die verschiedensten Weißschattierungen geradezu äolischen Klänge sensibilisiert. Durch die  mundgeblasenen Glasskulpturen an den Rändern erlebt man so etwas wie den Hauch eines Atems.

Die fragile und ganz leicht wirkende Installation ist ein sowohl zeitgenössisch architektonisches Entreeerlebnis als auch ein poetischer Eingang in die Welt der Kunst des Museums, das durch die Blicke von oben aus der ersten und zweiten Etage auf die Installation noch gesteigert wird. Vergangenheit und Gegenwart werden hier auf höchst raffinierte Weise miteinander verknüpft.

 

Susanna Fritscher Installation „De l’air, de la lumière et du temps“

Musée d‘Art de Nantes
10, Rue Georges Clemenceau
44000 Nantes

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Zur Debatte um die Zukunft von Schauspiel/Oper in Frankfurt

2017, Juni 28.

Schock? – Chance!

Ein Zwischenruf von Uwe Kammann 

DANKE FRANKFURT FÜR 8 GLÜCKLICHE THEATERJAHRE: Riesengroß der Schriftzug am Frankfurter Schauspielhaus. Er markiert das Ende der Intendanz Oliver Reeses am Main, vor dem Wechsel an die Spree. Die Abschiedsparty, so die Bekundungen, war fröhlich, ausgelassen. Und die Bilanz: allenthalben positive Stimmen.

Optisches Dankeschön zum Abschied von Oliver Reese (Fotos: Uwe Kammann)

Ein Abschied, der zusammenfällt mit einer Debatte, die schon einige Jahre nicht nur die Insider beschäftigt, die aber erst jetzt, mit der Vorlage eines Gutachtens, kräftig Fahrt aufgenommen und viel Wirbel ausgelöst hat. Wobei, keine Frage, der Aussagekern der nun vorliegenden Machbarkeitsstudie einem schon den Atem verschlagen kann. Denn auf sage und schreibe gut 900 Millionen Euro schätzen die Autoren die Kosten, die für die bauliche Zukunft von Schauspiel und Oper zu veranschlagen sind. Und dies ganz unabhängig von den Modellen, die denkbar sind.

Sie reichen von der Sanierung beider Häuser – die in der bürokratisch getauften Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz wie siamesische Zwillinge verbunden sind – bis zum Abriss beider Einrichtungen und zum Neubau an anderer Stelle. Auch hier wieder mit Variationen. So ist weiter ein gemeinsames Haus denkbar, ebenso aber eine klare Trennung mit zwei neuen Bauten. Dabei kämen verschiedene Standorte in Frage.

Wobei weiter zu überlegen ist: Wie lässt sich das jetzige Doppelhaus mit der gemeinsamen, verbindenden Fassade überhaupt sanieren: bei laufendem Betrieb oder besser mit einem zeitweiligen Umzug von Theater und Oper, also einer Auslagerung an andere Spielorte? Ist es günstiger, dies für beide Häuser gleichzeitig zu praktizieren, oder geht es besser Zug um Zug? Und: Wohin könnte man in der Zwischenzeit ausweichen, wie lange würde die Interimslösung dauern? Und was wäre dafür an Kosten zu veranschlagen?

Jede Frage, die beantwortet wird, wirft mindestens drei neue auf. Das alles steht unter den großen Fragezeichen: Welche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, welcher Aufwand scheint dafür angemessen? Welcher Stellenwert – und damit: welcher Wert – wird dem Theater beigemessen? Und schließlich: In welchem Zeitraum soll die Aufgabe bewältigt werden, die städtischen Großbühnen zukunftsfähig zu machen?

Ist der gegenwärtige Zustand wirklich so schlecht?

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„SomeTime“ in Middelheim mit Richard Deacon

2017, Mai 30.

Einatmen und Ausatmen in freier Natur und sich inspirieren lassen. Das Middelheim Museum in Antwerpen ist ein Ort der Kultur und der Erholung. Hier kann man neben zahlreichen anderen Skulpturen der letzten 100 Jahre bis zum 24. September auch 31 bedeutende Arbeiten von Richard Deacon entdecken. Der britische Bildhauer nimmt schon seit den 80er Jahren einen Platz an der Spitze der europäischen Bildhauerei ein.

Von Petra Kammann

↑ Einer der 9 Zugänge zum Park. Ab dem 16. Jahrhundert hatten viele wohlhabende Antwerpener Familien ihre Sommerresidenz in Middelheim
↓ Das 2012 zuletzt restaurierte Schloss regt die Phantasie an und macht den Park komplett. Es wurde im 18. Jahrhundert im Stil Ludwigs XVI. gebaut

Das Middelheim Museum ist ein einzigartiges Refugium in der Natur in Nähe des quirligen Zentrums der Hafenstadt Antwerpen und ein Freiluftmuseum, das gegründet wurde, um dem Publikum das Zusammenspiel von Kunst und Natur nahezubringen. Bedeutende Beispiele klassisch-moderner und zeitgenössischer Kunst werden dort in einer herrlichen Parklandschaft präsentiert. Auf dem riesigen Gelände mit allein drei Haupteingängen verliert sich der Besucher nicht, weil sich dort Schaukästen mit einem übersichtlichen Grundriss des gesamten Museums befinden. Weiterlesen

Präsentation des neuen Ritschl-Werkverzeichnisses in Wiesbaden

2017, Mai 16.

Ritschls faszinierendes Spätwerk – ein Fest der Farbe

Von Hans-Bernd Heier

Otto Ritschl, geboren 1885 in Erfurt, gestorben 1976 in Wiesbaden, gehört zu dem Kreis abstrakter Maler, die nach dem Zweiten Weltkrieg die westdeutsche Kunstszene prägten. Er hat ein immenses Werk von rund 1.900 Arbeiten hinterlassen, darunter etwa 1.600 Ölgemälde. Trotz hoch qualitativer Kompositionen ist dem vielseitigen Künstler der internationale Durchbruch versagt geblieben. „Da bin ich doch so alt geworden wie ein Methusalem, hab‘ geschafft wie ein Pferd, den großen Erfolg, nein, den hab‘ ich nicht gehabt“. Dieses lapidare Bekenntnis legte der bedeutende Einzelgänger als Neunzigjähriger nach nahezu 60 Jahren künstlerischen Schaffens ab.

Otto Ritschl „Komposition 76/9“, Öl auf Leinwand, 155 x 130 cm; Foto: Museum Wiesbaden Foto: @ Bernd Fickert

Mit dazu beigetragen hat sicherlich die Diffamierung Ritschls als „entarteter Künstler“ durch die Nationalsozialisten. Er verzichtete deshalb während der Nazi-Diktatur auf weitere Ausstellungen und malte nur noch heimlich. Auch nach dem Krieg mied der Maler, der häufig gegen den Strom schwamm, den von ihm abgelehnten „Kunstrummel“ und zog sich als Einsiedler in sein Wiesbadener Atelierhaus zurück. Beim Verkauf seiner Werke hielt er sich ebenfalls zurück. Wenn ein Kunstfreund ein Gemälde erwerben wollte, das er nicht verkaufen wollte, musste sein Adlatus Wolff Mirus dieses im Schlafzimmer sicherstellen. „Dem Sammler wurde gesagt, das Bild befände sich irgendwo auf Ausstellungstournee und wäre zur Zeit nicht greifbar. Mit der Zeit mussten immer mehr Bilder ins Schlafzimmer gebracht werden“, so Mirus. Ritschl selbst sprach schmunzelnd von „Schlafzimmerbildern“. Weiterlesen