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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Landschaften

Das gute Leben auf der Märcheninsel Fünen

2017, August 6.

Von Elke Backert

Sonneninsel Usedom, Märcheninsel Fünen, Aussagen, nachzuhaken. Klar, Usedom hat die meisten Sonnenstunden Deutschlands im Jahr. Aber die dänische Insel Fünen? Mit 2.985 Quadratkilometer die drittgrößte Insel Dänemarks, liegt sie märchenhaft zentral von Meer umgeben zwischen dem Kleinen und Großen Belt. Und märchenhaft klingt ebenso, dass Chinesen eine starke Besuchergruppe stellen. Volle Busladungen steigen an Sehenswürdigkeiten wie dem Schloss Egeskov aus und kommen begeistert aus dem Schlossgarten zurück.

Kein Haus ohne Rosen und schöne Türen

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Sonneninsel Usedom: Wo der letzte deutsche Kaiser zur Sommerfrische weilte

2017, Juli 22.

Drei Kaiserbäder, ein Weinberg, ein Wasserschloss, Bäderarchitektur, Wald, Seen, Sandstrand und rundherum Meer – was will der Urlauber mehr?

Text und Fotos: Elke Backert 

Bei der Sanierung von St. Petri in Benz, 1229 erstmals erwähnt, wurde die mittelalterliche Bausubstanz Feldstein wieder freigelegt. Der obere Turm und die Innenausstattung mit feiner gemalter Kassetten-Decke stammen aus dem 18./19. Jahrhundert.

Ich halte es nicht mit den Journalisten, denen man witzelnd nachsagt, sie guckten eine Kirche nur von außen an. Ich gehe hinein. Das mache ich auch in Benz auf der pommerschen Insel Usedom und erlebe einen alten Herrn Pastor, der zu Erstklässlern spricht. Auf kindgerechte Weise will er ihnen die Geschichte des Ortes und ihrer berühmten Kirche nahebringen. Immerhin hat sie der weltbekannte deutsch-amerikanische Maler Lyonel Feininger (1871-1956) variationsreich, mal in Öl, mal in lichten Aquarellfarben, für die Nachwelt festgehalten.

56 km lang ist der Feininger-Rundweg

Der Pastor erzählt sehr lebendig und endet mit einer tollen Geschichte, die die Zweitklässler aufhorchen lässt. Er habe eine alte Urkunde im Kirchturm gefunden, die merkwürdige, nicht entzifferbare Schriftzeichen enthält. Ein befreundeter Chinese aber habe eines der Zauberzeichen entschlüsseln können. Es stünden da drei große B, BBB, und der Chinese kannte auch ihre Bedeutung. Ein Benzer Brause-Baum wüchse im Kirchgarten.

 

Erdholländers Ex-Pastor Martin Bartels vor der Holländerwindmühle

„Habt ihr schon mal einen Brausebaum gesehen?“ – „Nein“, schreien die Kleinen. – „Doch“, entgegnet der Pastor, „den gucken wir uns jetzt mal an.“ Die Kinder stürmen hinaus. Tatsächlich hängen da an einem Baum gelbe Limonaden-Flaschen, und rote, die „reifen“, liegen schon im Gras. Jubelnde Kinder sind dem Pastor gewiss.

Der gebürtige Amerikaner Feininger hielt sich gern im beschaulichen Achterland, dem Hinterland der Insel, auf. Auf seinem Fahrrad Marke Cleveland-Ohio mit Holzfelgen und Gummibereifung fuhr er jedes Jahr Zigtausende Kilometer. Wo es ihm gefiel, warf er das Rad in den Graben und skizzierte die Landschaft, einen Weg, die Benzer Holländerwindmühle von 1830, die bis 1972 in Betrieb war, oder eben die Kirche St. Petri.

1912 schrieb Feininger aus Benz, übersetzt etwa: „Ich befinde mich inmitten der Motive, die ich mag und die mich inspirieren.“ Die Zeichnung des Benzer Erdholländers, die erste bildliche Darstellung des Kulturdenkmals, besitzt heute die Familie Rockefeller.

Das und noch viel mehr erfährt der Besucher in der schmucken Reet gedeckten Galerie gleich neben St. Petri. Für das Achterland sind Rohr- oder Schilfdächer, also Reet gedeckte Häuser, typisch, während in den drei „Kaiserbädern“ der Pommerschen Bucht, Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, die Bäderarchitektur vorherrscht, eine gelungene Summierung aller Stilepochen von der Antike bis zum Jugendstil, die im 19. Jahrhundert und in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg an der Küste entstand: Loggien, Brüstungen, Veranden, Erker, Türmchen oder Säulen.

Der Galerist Johannes Albers ist stolz auf sein kleines Feininger-Kabinett mit Kunstdrucken und einem originalen Brief, den der in Deutschland verfemte Feininger 1937 aus der Emigration in den Vereinigten Staaten schreibt: „Was wird aus all’ unseren Künstlerfreunden im nunmehrigen ’Naziland’???“

Das Feininger-Rad im Kunst-Kabinett

Auch des Malers Rad von 1897 wird im Kunst-Kabinett aufbewahrt. Albers, der „unsere kleine Strohdach-Hütte“ seit 1955 betreibt, dem Jahr, in dem Feininger die Benzer Kirche malte, erklärt gern den Inhalt eines Bildes. Ein Kunstdruck vom „Rathaus in Swinemünde“ hängt gleich zweimal an der Wand, einmal mit polnischem Titel, einmal auf deutsch. In dem Gemälde gehe es, satirisch überhöht, um die feinen Damen, hochgewachsen und in schicker Garderobe, die im Kaiserbad Swinemünde promenieren und ihre kleinen rundlichen Männer dominieren. Die Herren haben das dicke Geld für den Schick ihrer Damen. „Das wirklich erste Kaiserbad“, ergänzt Albers, „war nämlich Swinemünde.“ Dessen Zeit als Seebad begann 1820. Die „3 Kaiserbäder“ der Insel Usedom, Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, übernahmen den publikumswirksamen Namen. Nicht ohne Grund, denn Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, wählte sie als Sommerfrische.

Bei soviel Feininger ist es kein Wunder, dass die Insel dem Promi einen Rad-Rundweg widmet, 56 Kilometer lang und gekennzeichnet durch Weg-Beschilderung, aber auch durch Bronzeplatten im Erdboden vor den jeweiligen Objekten. 40 Orte, an denen man über 80 seiner Gemälde nachvollziehen kann.

Der Kunstdruck der Benzer Kirche mit den Maßen ist in der Galerie zu erwerben. Da sich die Galerie durch hervorragende Akustik auszeichnet, darf das Usedomer Musikfestival jedes Jahr im September die Räume für Konzerte nutzen.

Das legendäre Seeschlösschen

1924 spazierte aber auch kein Geringerer als Thomas Mann gemeinsam mit seiner Ehefrau Katia und den Kindern über die Promenade und feilte im Bansiner „Haus Seeblick“ am letzten Kapitel seines Jahrhundertromans „Der Zauberberg“.

Mellenthin ist der Ort, wo das gleichnamige Wasserschloss aus dem Jahre 1575 als Hotel und Restaurant dient und immer ausgebucht scheint. Weil die Portionen für Riesen gemacht sind? Inzwischen hat es eine Brauerei und eine Kaffeerösterei eröffnet. Zwei Euro „Brückenzoll“ kostet es, sich dem Schloss zu nähern. Die werden aber beim Verzehr angerechnet.

Einen Tisch vorbestellen sollten Fischfreunde, wollen sie im „Waterblick“ in Loddin essen. Hier haben sie einen schönen Blick über das Achterwasser auf die Halbinsel Görmitz, und sie treffen bei Peter Noack auf den nördlichsten Weinberg Deutschlands mit 99 Rebstöcken. Die Pflege des zwölf Jahre alten pommerschen Weingartens und Erzeugung des tiefroten Cabernet-Sauvignon „Loddiner Abendrot“ überlässt Herr Noack lieber einem Winzer von der Nahe, denn „wir Pommern sollten Kartoffeln buddeln, von Wein haben wir keine Ahnung, das ist zu komplex.“

Das Achterwasser, das zusammen mit dem Peenestrom die eigenwillig geformte Insel vom Festland trennt, lernt man bestens bei einem Segeltörn mit der „Weißen Düne“ kennen. Auf der Fahrt von Neppermin nach Karlshagen muss der Segelschoner die Wolgaster Klappbrücke durchqueren, die sich nur zu festen Zeiten öffnet. Ein aufregendes Erlebnis, zumal bei einem Abendtörn und glutrotem Sonnenuntergang.

Der größte Teil der Insel ist zusammen mit der nahen polnischen Insel Wollin seit 1966 Landschaftsschutzgebiet und als Naturpark mit einer Eule beschildert, ein Refugium für Fauna und Flora. Hier zählt man die größte Seeadler-Population Deutschlands. Am besten seien sie von der Zecheriner Brücke aus, möglichst am frühen Morgen, zu sichten. Fernglas vorausgesetzt, damit man sie nicht etwa mit der Lachmöwe verwechsele. Der lärmende Autoverkehr Richtung Anklam störe sie nicht.

Usedoms Wasserschloss Mellenthin

Dort, im Usedomer Winkel, kann man sich auch gleich die zum technischen Denkmal erklärte Eisenbahn-Hubbrücke von Karnin ansehen. Ein Meisterwerk, 1876 als 360 Meter lange Fünfbogenbrücke für die Eisenbahnstrecke Ducherow-Swinemünde erbaut. Für Schiffsdurchfahrten gab es eine Drehbrücke. Steigende Zugzahlen erforderten einen Neubau der Brückenöffnung. Dabei entschied man sich für eine Hubbrücke, die nach dem Fahrstuhlprinzip des Schiffshebewerks Niederfinow arbeitet. Ende 1933 nahm man die Brücke in Betrieb, die eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern zuließ. Am 23. April 1945 sprengte die Wehrmacht die Pfeiler der Überbauten und fuhr die „Tröge“ nach oben, um die vorrückende Rote Armee aufzuhalten.

Eine der schönsten Lindenalleen – es sollen 337 achtzig- bis 100jährige Bäume sein – führt ins 130-Seelen-Dorf Krummin, das sich wegen seines winzigen Jachthafens in der Krumminer Wiek „Klein Nizza“ nennt. Von dort blickt man zur Halbinsel Gnitz. Das Mittelstück der gotischen 750 Jahre alten Backsteinkirche, der ältesten Usedoms, ist der letzte erhaltene Teil eines Zisterzienserinnen-Klosters. Ausruhen bei hausgemachtem Kuchen und Hausmannskost lässt sich in der „Naschkatze“, dem ersten und einzigen Sitz-, Steh- und Liegecafé Usedoms. Gesine, Peter und die Katze bieten mit ihren Ferienwohnungen auch Platz zum Schlafen.

Man kann aber auch ganz allein im Sommer wie im Winter einen Strandspaziergang am weißen Dünenstrand bis nach Polen machen oder den Weg entlang der Promenade erradeln.

Picknick-Zeit – auch im Museum, im Frankfurter MAK

2017, Juli 19.

Summer in the city – Eine Reise durch verschiedene Zeiten und Räume einer Esskultur im Freien

Petra Kammann hat sich die Schau „Picknick-Zeit“ im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt angesehen 

 

Balázs Vesszösi, Gündem Gözpinar, Déjeuner sur l’herbe 2.0, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst

In Anspielung auf Edouard Manets berühmtes Gemälde „Déjeuner sur l’herbe“ von 1863 prangt einladend gleich am Eingang des Museums eine gesprayte Version des Originals. Damals galt Manets Bild als das erste provokative Kunst-Event. Es wurde von den Juroren des Pariser Salons abgelehnt, da dort nur „anständige“ Tableaus hängen sollten. Doch die Freude an der neu empfundenen Freizügigkeit war unaufhaltsam und machte Furore. Heute hängt das Bild im Pariser Musée d’Orsay und zieht die Touristen an. Und getafelt wird nach wie vor mit großer Lust im Grünen.

In der Schau „Picknick-Zeit“ erzählen bis zum 17. September 2017 auf über 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zahlreiche Objekte, Installationen, Fotografien und Filme sowie die verschiedensten Picknick-Utensilien vom Variantenreichtum der beliebten Kulturpraxis Picknick in den verschiedensten Ecken der Welt. Denn der Kult ums entspannte Speisen im Freien zieht sich rund um den Globus und machte nicht erst im 19. Jahrhundert Geschichte; schon die alten Griechen schätzten das Mahl unter freiem Himmel.

Auch in anderen Kulturen reicht diese Tradition viele Jahrhunderte weiter zurück bis ins 8. Jahrhundert zum Beispiel bei den Japanern. Sie schufen feinste Lack-Utensilien und eigene Sake-Fläschchen für das höfische Kirschblütenfest, das im Freien gefeiert wurde. Die älteste Darstellung eines Picknicks in der Schau ist eine sizilianische Jagddarstellung in einem antiken Mosaik aus dem 4. Jahrhundert, bei dem Männer, auf einem Stibadion (eine Art Bett) lagernd, rund um einen Rost genüsslich ein Hähnchen grillen.

→ Picknickkoffer für 4 Personen von Barret’s & Sons, London, 1900, Korpus aus Leder, Textil, Geschirr aus Porzellan und Metall emailliert, Glas, Bast. Sammlung Axel Plambeck, Zürich, Foto: Uwe Dettmar, © Museum Angewandte Kunst

Spätestens mit der Erfindung des Picknickkorbs im England des 18. Jahrhunderts ging es zunächst ganz royal und auch snobbish zu. Und das sogar bis heute. Man denke nur an die britischen Kultorte Goodwood, Ascot, Epsom, Henley, auf denen das Picknickvergnügen mit sportlichen Ereignissen verbunden ist oder an Glyndebourne, in Südengland,  wo seit der Gründung 1934 eine Opernaufführung fester Bestandteil des Essgelages ist.

Porzellangeschirr, Silberbesteck und mundgeblasene Champagnerflöten lassen dabei keine Wünsche offen. Und in Frankreich etwa wurden für Auto- und Motorradfahrten ins Grüne eigens elegant-stabile Lederkoffer von Louis Vuitton entwickelt. Bei den Briten wurde absurderweise sogar auch im Krimkrieg zum gesellschaftlichen Ereignis Champagner serviert, bevor das Picknick durch die Industrialisierung der Städte und dank der zunehmenden Mobilität breiter Gesellschaftsschichten zum Gemeingut wurde.

Da erwies sich etwa leichtes Aluminiumgeschirr als überaus praktisch, wenn es zum Beispiel zum Bergwandern in die Schweiz ging. Mit der Demokratisierung ging auch die Produktion von Kunststoffgeschirr einher. Wunderbare Beispiele sind hier aus den skandinavischen Ländern zu sehen. Denn für die Mahlzeiten im Freien wurden spezielle Utensilien entwickelt. So stehen Designprodukte aus Kunststoff für pragmatischen Komfort. Speziell erdachte Tische und Stühle, Kleidung, Fächer und Schirme ergänzen die Auswahl der Ausstellungsexponate.

In einer eigens für die „Picknick-Zeit“ angefertigten Serie von Karikaturen spießt der Maler, Cartoonist und Illustrator Hans Traxler, dem ein kleines Häuschen in der Ausstellung gewidmet ist, die kleinen Absurditäten des britischen Picknicks mit spitzer Feder auf: Die Briten lassen sich sogar die Mahlzeiten nicht am, sondern im! Swimmingpool servieren … Und aus Frankfurt steuerte der Ruderclub Germania, der an der Regatta in Henley teilgenommen hat, sogar ein Rennruderboot bei .

Mit einem solchen Rennruderboot des Ruderclubs Germania waren die Frankfurter bei der Royal Henley Regatta auch dabei… Foto: Petra Kammann

Ob beim High Society Event in der feinen britischen Gesellschaft oder der fröhlichen Landpartie: das ungezwungene Picknicken in der Natur erweist sich stets als gemeinschaftsstiftend; so zieht sich die Lust an der spielerischen Freiheit quer durch die gesellschaftlichen Schichten und wirkt entspannend. Auch heute erfreut es sich großer Beliebtheit. Und in den westlichen Metropolen zeichnet sich ein Trend zum Revival des arrangierten Picknicks ab, sei es beim stilvollen „Dîner en Blanc“, wo alle Gäste weißgekleidet kommen, oder bei schlichten und fröhlichen Ausflügen mit Kind, Kegel und Klappgrill ins Grüne.

Unterschiedliches ist ausgestellt: Picknick in den Bergen (Jean Troillet und Nicole Niquille beim Vorbereiten eines Fondues auf der K2-Expedition, Pakistan, 1985, © Alpines Museum der Schweiz, Bern) und bei der Henley Royal Regatta, mit dem Foto von Julian Gregor, 2016, Museumsansicht, Foto: Petra Kammann

Die Frankfurter Fotografin Barbara Klemm hat in den letzten 40 Jahren weltweit zahlreiche Picknick-Szenen aufgenommen, die erstmals in dieser Ausstellung dem Publikum gezeigt werden. Auf Reisen, die sie auf ihren FAZ-Reportagen etwa nach Kapstadt, China, in die Ukraine oder den Iran führten, bannte sie die Szenen dieses geselligen Beisammenseins poetisch auf ihre schwarzweißen Rollfilme.

In China ging es 1985 noch sehr schlicht zu… (Peking, China, 1985, © Barbara Klemm). Die Fotografin steuerte insgesamt 35 Schwarz-Weiß-Fotografien mit Picknick-Szenen aus verschiedenen Ländern bei. 

Aber auch andere künstlerische Aktionen lassen sich in der variationsreichen Schau im Museum für Angewandte Kunst ausmachen wie in dem groß angelegten partizipativen Kunstprojekt BIGNIK der Riklin-Brüder, die seit 2012  in der einstigen Textilregion Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee mit Hilfe der Bevölkerung eine überdimensionale Picknickdecke für die ganze Region herstellen.

Nähwerkstatt der BIGNIK-Aktion der Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin: Auf der Rampe beim Bahnhof Goldstatt werden die gesammelten Decken auf eine Größe gebracht, damit sie anschließend zu einer Riesen-Picknickdecke ausgelegt werden. Foto der Museumsansicht: Petra Kammann

Oder das „Déjeuner sous l’herbe“ des Eat Art-Künstlers und Nouveau Réaliste Daniel Spoerri. Er hatte im Jahre 1983 hundert Personen aus der Pariser Kunstszene zu einem Picknick-Bankett in den Park des Schlosses Montcel in Jouy-en-Josas an eine eine 40 Meter lange Tafel geladen, zu der Geschirr und Besteck mitgebracht werden sollten. Nach dem Tafeln im Freien ließ er die Überreste dieses Events vor Ort vergraben (daher „sous l’herbe“). Erst 2010 wurden Teile von Spoerris Aktion als erstes zeitgenössisches Kunstwerk von Archäologen wieder ausgegraben. Ein vom Künstler angefertigter Bronzeabguss der Ausgrabungsobjekte ist in der Ausstellung ebenso zu bestaunen wie eine Fotodokumentation von BIGNIK.

Auch historisch ist die variationsreiche Ausstellung interessant und lehrreich. So steht  in einer Ecke das Tor vom Stacheldrahtzaun des Eisernen Vorhangs sowie ein halber Trabi, der, stehen gelassen bei der Flucht am 19. August 1989 nach Österreich, an ein Ereignis im ungarischen Sopron erinnert, nämlich an das „Paneuropäische Picknick“, an dem  die ersten DDR-Bürger den Zaun, der sie vom Westen abtrennte, überwanden – weil niemand sie mehr aufhielt und auf sie schoss!

Die Spanne des Dargestellten ist äußerst breit. Sie verweist sowohl auf ungewöhnliche Aspekte der Picknick-Kultur wie auf den Frankfurter Wäldchestag oder auf die einmalige Sperrung des Ruhrschnellwegs im Jahre 2010, als die Metropole Ruhr auf diese Weise zum Kulturhauptstadtevent zusammenfand wie auch auf Traditionen in anderen Erdteilen. Da wirft die Ausstellung einen Blick auf den Totentag in Mexiko, wo in einem mehrtägigen Fest auf den Friedhöfen zwischen tanzenden Skeletten gepicknickt wird.

Fondueland Gstaad, Riesen-Caquelon, Installation in der Ausstellung Picknick-Zeit, 2017, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Und wenn dann am 1. August 2017  die Schweiz ihren 726. Geburtstag feiert, lädt das Schweizer Generalkonsulat in Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Museum für Angewandte Kunst und Gstaad Saanenland Tourismus zu einem gemeinsamen Picknick in den Museumspark ein, wo auch das Riesen-Caquelon unübersehbar ist. Da werden dann im Metzlerpark kulinarische Besonderheiten aus der Schweiz wie Biokäse-Raclette aus der Region Gstaad oder Schweizer Wein, Bier oder helvetische Limo aus Milchserum zum Selbstkostenpreis angeboten.

Ob man sich am Main dann wie in den Alpen fühlt, wird man sehen oder besser hören, wenn nämlich das Alphorn-Duo Alpcologne zu jeder vollen Stunde und zu jeder halben Stunde ertönt.

Als besonderes Geschenk an Frankfurt ist der Eintritt in das Museum während der Öffnungszeit von 10 Uhr bis 18 Uhr für alle Besucherinnen und Besucher frei.

Im Rahmenprogramm der Schau „Picknick-Zeit“ und in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum lädt das Museum Angewandte Kunst im August zu einer thematischen Filmreihe ein. In den fünf ausgewählten Filmen spielt das Picknick eine Schlüsselrolle: Sie zeigen die Lust und Sinnlichkeit, die kollektive Vergnügtheit oder aber das komische Misslingen der Mahlzeit in der Natur. Neben zwei Klassikern von Jean Renoir führen die Filme nach England Anfang des 19. Jahrhunderts, folgen dem geheimnisvollen Ausflug australischer Schülerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts oder zeigen den Konflikt des französischen Bürgertums mit dem Leben in freier Natur im Mai 1968.

Den Auftakt der Reihe bildet am 2. August um 18 Uhr der impressionistische Film „Eine Landpartie“ von Jean Renoir aus dem Jahr 1936. Eine junge Frau aus Paris erlebt bei einem Tagesausflug aufs Land ihre erste Liebe. Renoir gelang es eindrucksvoll, die literarische Vorlage von Guy de Maupassants mit viel Liebe zum Detail nachzugestalten. 

Veranstaltungsort ist das Deutsche Filmmuseum.

 

Mythos Tour de France: Sport, Schau, Leidenschaft

2017, Juni 6.

Eine Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum

Ausstellungsansicht MYTHOS TOUR DE FRANCE©NRW-Forum Duesseldorf, Foto M. Scherag

von Angelika Campbell

Radsportler, das ist klar, haben stramme Waden. Wie stramm die tatsächlich sind – und dass sie häufig Blessuren davontragen – , ist derzeit im NRW-Forum in Düsseldorf festzustellen. Überlebensgroße Schwarzweiß-Fotos aus dem Projekt „Peloton Legs“ von Timm Kölln zeigen den Stolz und das Kapital der Sportler, ihre Beine, und stimmen die Besucher auf die sehenswerte Gruppenausstellung „Mythos Tour de France“ ein. Am 1. und 2. Juli startet die diesjährige Tour von der NRW-Landeshauptstadt aus über Belgien und quer durch Frankreich bis nach Paris.

Die Schau zum Grand Départ führt uns durch die gewaltigen Bildwelten der Tour de France und konfrontiert uns mit atemberaubenden Landschaften, zu Helden stilisierten Fahrern, bedeutungsvollen Orten und enthusiastischen Fans. Sie macht deutlich, dass die Tour de France nicht nur Sportevent der Sonderklasse ist, sondern auch voller Mythen, Legenden und Ikonen steckt. Folgerichtig lockte sie schon immer die besten Fotografen der Welt an, die über den Blickwinkel des Sportreporters hinaus die Faszination des Rennens im Bild festhielten

Tour de France 1982. The peloton sweeps into Paris and onto the Place de la Concorde past the Hotel Crillon. France. 1982 Weiterlesen

Kultur, Natur und Rheinromantik: 4. Skulpturen-Triennale Bingen „NAH UND FERN“ eröffnet

2017, Mai 28.

Eine Bereicherung für die Kulturlandschaft von Rheinland-Pfalz

20 zeitgenössische künstlerische Positionen sind bei der vierten Skulpturen-Triennale in Bingen unter dem Motto „NAH UND FERN“ thematisch vereint. Erstmals werden auch einige Arbeiten in der Binger Innenstadt gezeigt. Der Ausstellungsparcours schafft damit eine Verbindung zwischen Rheinufer und Stadtkern.

Von Hans-Bernd Heier

Christian Achenbach (links) und Stifter Kuno Pieroth in der Rheingauer Landschaft; Foto: Gisela Heier

Die neue Skulpturen-Triennale der Gerda und Kuno Pieroth Stiftung in Bingen am Rhein ist im Mai 2017 feierlich eröffnet worden. Bereits zum vierten Mal seit 2008 werden auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau zeitgenössische Skulpturen entlang des Ufers am Rheinkilometer 529 gezeigt. Erstmals sind in diesem Jahr auch Arbeiten in der Binger Innenstadt zu sehen. Der Ausstellungsparcours schafft damit eine Verbindung zwischen Rheinufer und Innenstadt. „Wir freuen uns, dass die Skulpturen-Triennale 2017 in der gesamten Stadt angekommen ist. Kunstliebhaber müssen in diesem Jahr nicht nur nach Kassel oder Venedig reisen, sondern können großartige Kunstwerke auch in der romantischen Rheinlandschaft von Bingen genießen“, so Oberbürgermeister Thomas Feser. Weiterlesen