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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu KultTouren

Hauptwerke von Matisse und Bonnard demnächst im Städel

2017, August 17.

„Mein lieber Matisse“, „Mein lieber Bonnard“ – „Mein lieber Freund“

In knapp einem Monat ist es soweit. Da werden vom 13. September 2017 an bis zum 14. Januar 2018 zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland im Frankfurter Städel ausgestellt sein: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867– 1947). Die Ausstellung ist der Künstlerfreundschaft zweier Pioniere der Modernen Kunst gewidmet und sie beleuchtet neue Perspektiven der Entwicklung der europäischen Avantgarde, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der bisweilen erstaunlich enge Austausch zwischen den Künstlerkollegen zeigt sich vor allem an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit so zentralen Themen wie dem Interieur, dem Stillleben, der Landschaft und dem Akt. 

Die hochkarätigen Exponate aus international bedeutenden Sammlungen, u.a. aus dem Art Institute of Chicago, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, aus der Eremitage in Sankt Petersburg sowie aus der National Gallery of Art in Washington sind allesamt Zeugen eines langjährigen Dialogs zwischen den beiden französischen Malern, darunter auch „Großer liegender Akt“ von Matisse.
→ Der Katalog erscheint bei Prestel.

Von Petra Kammann

↑ An der Côte d’Azur tauschten sich die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard aus: Matisse bewohnte bis zum Ende seines Lebens  diese Villa aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Olivenhaine von Cimiez. Dort befindet sich heute im ersten Stock das Matisse-Museum von Nizza

↓ 1926 kauft sich Pierre Bonnard ein Haus in Le Cannet oberhalb von Cannes. Er zieht sich dort von 1939 bis zu seinem Tode 1947 zurück. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Lebensjahre entstanden hier besondere Werke. Heute kann man in dem kleinen Bonnard-Museum auf dem Hügel in Le Cannet einige anschauen (Alle Fotos: Petra Kammann)

 

„Es lebe die Malerei!“ – Dieser programmatische Ausruf von Henri Matisse auf einer Postkarte an Pierre Bonnard, die er 1925 aus Amsterdam schickte, hat nicht nur eine 62 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Künstler in Gang gesetzt, die bis 1946 andauern sollte. Dieser Satz wurde für die Ausstellung im Städel auch titelgebend. In der Korrespondenz kam die gegenseitige Wertschätzung der Kollegen zum Ausdruck, die sich häufig auch im Atelier besuchten.

So unterschiedlich die beiden Künstler auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ging es ihnen in ihrem Dialog stets um das gemeinsame Nachdenken über künstlerische Probleme der Malerei und um ihre jeweiligen Standpunkte ihr gegenüber. Anders als die von Rivalität geprägte Beziehung zu Picasso war dessen Verhältnis zu Bonnard von echter Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Das lässt sich u.a. in den Motiven und Perspektiven verfolgen, die sich teils in ihren Werken wechselseitig ergänzen.

Wie also Matisse auf Bonnard reagiert und umgekehrt, davon wird die Schau „Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!“ handeln, auf der schon vor der Eröffnung im September eine große Aufmerksamkeit liegt. Denn sie wird zahlreiche Hauptwerke dieser beiden Protagonisten der französischen Moderne aus den verschiedenen Ecken der Welt im Städel versammeln. Ein Hintergrundgespräch mit Daniel Zamani, einem der beiden Städel-Kuratoren, gab erste Einblicke, wie diese Ausstellung zustande kam und was in ihr zu erwarten sein wird.

→ Daniel Zamani, einer der beiden Kuratoren der Matisse-Bonnard-Ausstellung 

 

In der Zeitschrift Cahiers d’art 1947 hatte der Kunstkritiker Christian Zervos 1947 einen sehr gehässigen Artikel über Bonnard verfasst, der dessen angemessene Rezeption zunächst sehr behinderte, weswegen man Bonnard weder in den USA noch in Deutschland zur zeitgenössischen Kunst zählte. Seine Malweise passte nach Meinung der Kritiker  überhaupt nicht ins 20. Jahrhundert.  Zamani sieht den Grund darin, dass Bonnard keinem –ismus oder einer der Schulen, die sich seit dem Impressionismus entwickelt hatten, zuzuordnen war. Matisse jedoch wird zu einem seiner ganz großen Verteidiger.

Der reagierte nämlich auf die Kritik mit einem 2-seitigen Beschwerdebrief. „Wenn ich jemals an Bonnard gezweifelt habe, dann hat mich der Anblick eines seiner Werke an die Wahrheit erinnert, selbst in einer Schwarz-Weiß-Abbildung. Bonnard ist wesentlich tiefsinniger, als es den Anschein hat. Ich bin sicher, dass sein Werk überdauern wird,“ und quer über den gedruckten Text schrieb der Künstler demonstrativ: „Ja! Ich bezeuge, dass Pierre Bonnard ein großer Maler ist, für heute und bestimmt auch für die Zukunft.“

Felix Krämer, der wegen der von ihm kuratierten Monet-Ausstellung im Städel bestens mit der französischen Malerei und den Museen Frankreichs vertraut ist, und Daniel Zamani, der auch zuvor schon mit ihm zusammengearbeitet hatte, ließ dieses Thema nicht ruhen. Sie begannen, die Sache intensiver zu recherchieren und wollen mit einer Ausstellung überzeugen, die diesem Vorurteil ein Ende macht.

Bislang waren laut Zamani tatsächlich gezielt erst zwei Expositionen diesem Thema nachgegangen: 2006/07 in der Ausstellung in Rom Matisse e Bonnard. Viva la pittura! und eine weitere 2008 Matisse et Bonnard: Lumière de la Méditerranée im Kawamura Memorial Museum of Art und Museum of Modern Art in Hayama, allerdings mit einer begrenzten Auswahl von Exponaten. Vor allem aber kamen die beiden Kuratoren zu dem Schluss, dass man das Thema insofern vertiefen müsse, als die Bilder, welche die Künstler voneinander besaßen, in diesen Ausstellungen fehlten. Also machten sie sich auf, um sie an den verschiedenen Orten aufzutreiben.

→ Es wird die letzte von Felix Krämer betreute Ausstellung im Städel sein, bevor er die Leitung des Museum Kunstpalast in Düsseldorf als Generaldirektor übernimmt.

 

Wegen der eben schon guten vorhandenen Beziehungen zu den französischen Museen fingen sie in Paris an, Leihgaben zu erbitten: im Centre Pompidou, im Musée d’Orsay und auch bei der Ville de Paris. Nachdem klar war, dass diese bedeutenden Institutionen sie in der Aufarbeitung des Themas unterstützen würden, fuhr Felix Krämer weiter an die Tate Gallery nach London, während sich Daniel Zamani zunächst in die USA aufmachte, um die Reise für Felix Krämer in den jeweiligen Sammlungen zu recherchieren und vorzubereiten; später verhandelte dann Felix Krämer. Es ging nach New York ans Museum of Modern Art und ins Metropolitan Museum of Art und dann nach Chicago, nach Philadelphia, in die National Gallery nach Washington und zur Philipps Collection, um das Dialogkonzept jeweils vor Ort zu erläutern.

„Wir mussten mit unserer Konzeption überzeugen, indem wir das Ausstellungsprojekt vorstellen und klarmachen, dass wir inhaltlich einen neuen Blick auf die Leihgaben haben“. Sind dafür tatsächlich so aufwändige Reisen nötig? Es ist offenbar der effektivere Weg. “ Das ist auf jeden Fall sehr hilfreich, weil man vieles vor Ort direkt klären kann. Man weiß dann sofort, was geht und was auf gar keinen Fall, weil zum Beispiel bestimmte Werke aus konservatorischen Gründen ohnehin nicht reisen können, und manchmal kommt man dann vor Ort auch auf andere Ideen“, kontert Zamani und ergänzt: „Glücklicherweise hat das Städel einen guten Ruf und ist wegen der französischen Moderne mit dem Schwerpunkt Malerei renommiert, so dass man uns entgegenkommt.“

Und er fährt fort: „Im ersten Jahr haben wir insgesamt sehr hart an den Leihgaben gearbeitet. Schließlich kann man weder mit dem Inhalt noch mit dem Katalog beginnen, wenn man die Bilder nicht hat. Daher: je schneller man Zusagen bekommt, desto besser. Unser Glück war es, dass wir sehr bald Zusagen für das erste Interieur, das Bonnard von Matisse gekauft hat, bekamen wie auch für das Interieur, das Matisse von Bonnard gekauft hat. Das ging innerhalb von einer bis drei Wochen, weil das Konzept so stimmig war.“

Und dann begann natürlich auch sehr viel Denkarbeit für die beiden Kuratoren. Zamani hat dann erst einmal viel Zeit in Pariser Archiven zugebracht: in der Bibliothèque Nationale, im Matisse-Archiv, in der Bibliothèque Richelieu, im Atelier, in dem viele Kunstwerke entstanden sind und wo der Künstler 1909 gewohnt hat, manche Hinweise kamen aus dem Umfeld der Erben. So bleibt die Arbeit von Charles Terrasse, dem verstorbenen Neffen Bonnards, ein wichtiger Impuls für das Verständnis des Werkes. Und der rege Austausch mit den Héritiers Matisse bei Paris tat ein übriges.

Trotz aller sorgfältigen Vorarbeiten gab es natürlich auch Absagen, die seien allerdings  – so Zamani –  immer sehr freundlich gewesen wie im Falle von „Stillleben mit Geranien“ aus dem Jahre 1910 aus der Münchener Pinakothek, das so gut wie nie reist. Da ist zum Beispiel in Amerika auch eine fünfjährige Vorlaufplanung zu berücksichtigen, während man, wenn im Städel das Thema einmal festgeklopft ist, etwa zweieinhalb Jahre Zeit für die Realisierung hat. Natürlich kann man die Pläne der anderen Museen nicht immer kennen. Und da kann es auch passieren, dass schon alles ausgeliehen ist, was man gerne dabei gehabt hätte. Dann muss man halt schnell umdisponieren und neu recherchieren.

Eine Reihe von Werken kamen auch aus Privatbesitz. Da muss man sich an Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s wenden, die das Interesse dann weiterleiten. Dort wiederum kann man aber erst anfragen, wenn man schon andere bedeutende Zusagen hat. Dann gibt es einen Blankoleihvertrag. Häufig wollen Privatsammler auch nicht genannt werden, und da bleibt alles strikt anonym.

Insgesamt hilfreich war es sicher, dass das Städel schon im Besitz eines wichtigen Gemäldes von Matisse und eines Bonnard war. Das Bonnard-Gemälde Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909 war 1988 noch unter der Leitung von Klaus Gallwitz gekauft worden – drei Jahre nach einer großen Bonnard-Retrospektive. Einige der nun gezeigten Bilder waren auch schon einmal als Leihgaben im Städel, nun kommen sie in einem neuen Zusammenhang zurück. Den Matisse, Blumen und Keramik von 1913, der zu den bedeutenden frühen Stillleben des Künstlers gehört, hatte das Städel einst als Schenkung von Robert von Hirsch bekommen. Es war unter den Nazis beschlagnahmt worden und wurde 1962 unter großer Kraftanstrenung zurückerworben. Diese beiden Bilder werden nun übrigens neu gerahmt werden, was eher den historischen Rahmen entspricht, welche die Künstler selbst ausgewählt hätten.

Des weiteren gibt es im Haus eine komplett und gut erhaltene Matisse-Suite von „Jazz“ sowie auch Bonnards Hauptwerk der Druckgrafik ‚Einige Ansichten aus dem Pariser Leben‘. –  13 Lithografien, die der legendäre Kunsthändler Ambroise Vollard seinerzeit in Auftrag gegeben hatte. Allein dieses Beispiel beweist, dass das Städel schon früh angefangen hat, die französische Moderne strategisch zu sammeln.

Eine gute Basis im eigenen Haus, kompetente Vorarbeit und intensive Bemühungen im Umgang mit den Leihgebern vorausgesetzt, die Kuratoren hatten auch Glück:  34 Ölgemälde von Matisse und 36 Ölgemälde von Bonnard haben sie bekommen, dazu eine Statue von Matisse, eine von Bonnard, 18 Fotografien und ungefähr 33 Grafiken von Matisse und 16 Grafiken von Bonnard. Angefragt hatten sie zunächst 250 Werke; 140 werden nun zu sehen sein: „Mehr hätten wir vom Platz hier auch gar nicht handlen können. Die Bilder müssen luftig hängen, um entsprechend wahrgenommen zu werden. Wir haben z.B. zwei Odalisken von Matisse, die zwar relativ klein sind, aber so stark, dass sie eine Wand für sich brauchen“, sagt Zamani.

Testen von Farbtafeln für die Wandfarben in den verschiedenen Kabinetten

Natürlich bestimmt die Auswahl und Zusage dann auch die Ausstellungskonzeption. „Deswegen haben wir zum Beispiel für die thematisch aufbereiteten Kabinette neutrale Farben in zartem Grauton als Hintergrundfarben gewählt. Denn die Farbigkeit der Malerei soll darauf besonders zum Ausdruck kommen.“ Wichtig erschien es ihnen auch,  die  Dialogstruktur in der Städel-Ausstellung durchgängig erkennbar zu machen.

Bereichert wird die Schau durch eine Reihe von Werken des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, der beide Maler in ihren Häusern in Südfrankreich besuchte und sie in seinen legendären Schwarzweiß-Aufnahmen verewigte. Er hatte beide Künstler an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Nizza und Le Cannet besucht. „Da war innerhalb von zwei Tagen eine Fotoserie entstanden, welche die beiden Künstler ausdrucksvoll darstellt. So sieht man etwa Matisse, wie er ein schönes Modell im Pelzmantel malt, überhaupt auch seine luxuriöse Behausung im Hotel Régina in Nizza und die Villa „Le Rêve“ bei Vence, während es bei Bonnard auf dem Hügel in Le Cannet wesentlich rustikaler und bescheidener zugeht.“ Diese Fotos werden im Halbrund  im unteren Teil des Peichel-Baus mit 18 Schwarz-weiß-Fotografien den Auftakt bilden, bevor man in die Welt der Malerei eintaucht.

„Wir wollten eben die sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten darstellen, die letztlich auch einen Einfluss auf ihre Kunst hatte“, kommentiert Zamani und weiter: „Dann wird es Wände geben, wo wir sehr plakative Dialogpaare haben. In anderen Räumen wiederum hängen keine Gemälde, sondern Fotografie und Grafik. Manchmal vermischen sich die Farben. Im Obergeschoss werden ganz prominent nur die beiden Bilder Henri Matisse, Großer liegender Akt (Grand Nu couché) von 1935 aus dem Baltimore Museum of Art 
und Pierre Bonnards Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund um 1909 aus dem 
Städel hängen, zusammen mit einem weiteren Werk von Bonnard, das sehr ähnlich ist, „um dem Besucher ein ganz besonderes Dialogerlebnis zu vermitteln“. Die beiden Bilder markieren übrigens auch die Vorder- und Rückseite des Katalogs.

Kaum zu glauben, was der Perfektion einer Ausstellung vorausgeht: Zamani erläutert das erste provisorische Modell für die Raumkonzeption und Hängung der Bilder, die sich noch ständig verändern kann

„Dann wiederum haben wir Räume gebaut, in denen keine Gemälde hängen, sondern nur Fotografien und Grafik. Und wenn man die Maler nicht kennt, dann könnte man fast den Eindruck gewinnen, die Grafiken könnte vom selben Maler sein. Und in anderen Räumen wiederum ging es uns um die Atmosphäre. In einem weiteren Kabinett wiederum werden Intérieurs gegenübergestellt und zwei Fensterbilder. Über die geöffneten Fenster läuft der Besucher dann geradewegs in die Landschaft hinein. Die Landschaft wiederum führt dann zu den Stillleben. Es folgen Akte und dann die Gegenüberstellung der beiden.“

Prominente Hauptzitate aus dem Briefwechsel werden den Besucher mit Bonnards Auffassung zur Kunst vertraut machen. Da vor allem Matisse sich theoretisch äußerte, kommt das künstlerische Anliegen den Besuchern so viel näher. „Das Schwebende, das bei Bonnard in der Darstellung von Tischen und Decken zum Ausdruck kommt“ zu zeigen sowie den für die Moderne so wichtigen „dräuenden Unterton“, daran vor allem lag den Kuratoren viel.

Warum Bonnard als Schlusslicht des Impressionismus und Matisse als Vorreiter der Moderne gilt, das jedenfalls soll durch die konkreten  künstlerischen Beispiele konterkariert werden. Außerdem werden auch ästhetische Ähnlichkeiten sichtbar werden. Bei den zahlreichen gegenseitigen Atelierbesuchen in Südfrankreich haben beide Maler schließlich voneinander gelernt. Diese Wechselwirkung demnächst im Städel in Augenschein zu nehmen, wird sicher für manch freudige Überraschung sorgen.

 

Das Schloss Clos Lucé, Leonardo da Vinci und Gonzague Saint Bris, der Dandy der Literatur

2017, August 10.

Der französische Autor, Historiker und Journalist Gonzague Saint Bris (1948-2017) ist auf dem Manoir Clos Lucé aufgewachsen, etwa 500 Meter entfernt vom Loireschloss Amboise, der „Wiege der Renaissance in Frankreich“,  zu dem eine unterirdische Verbindung besteht. Hier verbrachte auch Leonardo da Vinci, das toskanische Universalgenie, bis 1519 die letzten drei Jahre seines Lebens. Heute ist das Haus ein Museum, in dem man sowohl die Fresken des Malers als auch Modelle nach seinen Erfindungen und Entwürfen finden kann.

Von Petra Kammann

Typisch für den Baustil der Renaissance: das Schloss Clos Lucé aus zartrotem Backstein mit Sandsteineinfassungen  

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„Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“

2017, August 9.

Wir wollen Ihre Sommerpause nicht stören, Sie aber bereits auf einen Teil dessen, was Sie im Herbst im Rahmen von „Frankfurt auf Französisch“ erwartet, aufmerksam machen. Vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 ist Frankreich Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse, dem bedeutendsten Treffpunkt für die internationale Verlags- und Buchbranche.

Das französische vorbereitende Komitee in Anwesenheit der neuen französischen Botschafterin Anne-Marie Descôtes und der Generalkonsulin in Frankfurt auf der Pressekonferenz im Juni 2017. Das Organisationskomitee ist der Verantwortung des Institut français unterstellt und wird von Paul de Sinety geleitet, der das Projekt – in enger Zusammenarbeit mit dem Centre National du Livre, der Französischen Botschaft in Deutschland und allen übrigen beteiligten Akteuren – definieren und verwalten wird.

Der Ehrengast-Auftritt von Frankreich bei der diesjährigen Buchmesse dürfte einige Rekorde brechen. Mehr als 130 französischsprachige Autoren werden in Frankfurt erwartet, zudem gibt es mit aktuell 473 Büchern aus verschiedenen Genres eine beeindruckende Anzahl von Übersetzungen. Im Mittelpunkt des Ehrengastauftritts steht dabei die französische Sprache.

Der Ehrengastauftritt Frankreich bildet aber auch den Höhepunkt eines französischen Kulturjahrs in ganz Deutschland mit einem vielfältigen und spartenübergreifenden Programm, das gemeinsam mit dem Institut français Deutschland umgesetzt wird.

Mehr als 350 Veranstaltungen finden 2017 unter dem Label „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“ bundesweit bereits vorher statt: Theater, aktuelle Musik, Bildende Kunst, Kino, Literaturbegegnungen und vieles mehr mit 250 beteiligten Künstlern und französischsprachigen Autoren.

Vorab daher ein paar französische Highlights für den Monat August

Schleswig-Holstein Musik Festival 2017

Hommage à Maurice Ravel

Jeden Tag gibt es ein Konzert verschiedener Ensembles zu Ehren des französischen Komponisten Maurice Ravel.

AUSSTELLUNGEN

bis zum 13. August 2017

„Meisterwerke der französischen Kunst aus dem Puschkin-Museum Moskau“

Ausstellung im Herzoglichen Museum in Gotha


Die französische Kunst bildet einen bedeutenden Schwerpunkt im berühmten Moskauer Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin. Hauptwerke etwa von Claude Lorrain, Nicolas Poussin, François Boucher und Jacques-Louis David zeigen einen repräsentativen Überblick der Malerei Frankreichs vom frühen 17. bis in das späte 18. Jahrhundert.

Die Gothaer Ausstellung präsentiert nun eine bedeutende Auswahl dieser Meisterwerke, die zum großen Teil noch nie in Deutschland zu sehen waren. Die Werke bieten dem Besucher die einmalige Gelegenheit, ein Herzstück der prachtvollen Kollektion des Puschkin-Museums zu besichtigen.

bis zum 16. August 2017

„This is my body, This is my software“


in La Plaque tournante, Berlin

Die französische Künstlerin Orlan bekommt in diesem Sommer erstmals eine Einzelausstellung in Berlin im multimedialen, multidisziplinären Projektraum La Plaque Tournante. Die Ausstellung wird unter anderem Arbeiten aus den Serien „Self-Hybridisation“ (ab 1998) und „Exogene“ (1997) enthalten wie auch das originale „Birth of War“ (1989).

bis zum 31. August 2017

„Eclats DDRDA – Splitter“ – Verlängerung


Ausstellung in der Galerie des Institut français Berlin

Das Ende der DDR kam so plötzlich wie unumkehrbar. Der Staat hatte alles geplant – mit Ausnahme seines Zusammenbruchs. Bedingt durch die damit verbundenen beschleunigten Prozesse, zerfielen mit dem politischen System auch mehr oder weniger schnell die Dinge des Alltags sowie die Orte, die damit verknüpft waren. Pierre-Jérôme Adjedj bringt durch seine Fotografien diese unbedeutend erscheinenden Orte zum Sprechen.

bis zum 2. September 2017

„Tête-à-tête – Kopf an Kopf“


im Institut français Hamburg

Im tête-à-tête zeigt die Ausstellung fünfzig spielerische bis gesellschaftskritische Zeichnungen deutscher und französischer Politiker und Literaten. Portraitiert werden die deutsch-französischen Liaisonen von renommierten deutschen (Rainer Ehrt, Walter Hanel, Frank Hoppmann) und französischen Karikaturisten und Pressezeichnern (Daniel Maja, Pancho, Honoré, Nicolas Vial). Kurator: Walther Fekl.

bis zum 7. September 2017

„Paris sera toujours Paris“)

im Institut français Bonn


Der Bonner Fotograf Jörg Balthasar ist der Promenade Plantée in Paris gefolgt, einem gut 4 Kilometer langen Eisennbahndamm mit Viadukten, dekorativen Rosenbögen, plätscherndem Wasser und Skulpturen. Der wohl schmalste und längste Park der Welt nimmt nahe der Place de la Bastille seinen Anfang und bietet besondere Ausblicke auch auf die Dächer und Häuserfassaden der Stadt.

bis zum 15. Oktober 2017

„Kartografie der Träume. Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu“

im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt

Der Franzose Marc-Antoine Mathieu gilt als einer der innovativsten Comic-Schöpfer der Gegenwart. Mit konkurrenzloser zeichnerischer Brillanz und furioser Kreativität definiert er die Grenzen des Mediums Comic immer wieder neu und fordert seine Leserinnen und Leser auf hohem Niveau heraus. Mit genialen spielerischen Grenzüberschreitungen zerlegt er die gewohnten Verhältnisse unserer Wirklichkeit radikal zu surrealistischen Visionen, in denen Traum und Realität ebenso verschwimmen wie Innen und Außen, Allmacht und Ohnmacht. Absolute Vernetztheit, absolutes Wissen oder die Frage nach Gott? Mathieu antwortet mit einer freien Verknüpfung der Dinge, Darstellungsweisen und Sprachen. Die Ausstellung Kartografie der Träume knüpft intermedial an seine Textkunst an und lässt die Besucherinnen und Besucher Teil einer Inszenierung werden.

→ Interview mit Paul de Sinety, dem französischen Commissaire Général der Buchmesse

Sonneninsel Usedom: Wo der letzte deutsche Kaiser zur Sommerfrische weilte

2017, Juli 22.

Drei Kaiserbäder, ein Weinberg, ein Wasserschloss, Bäderarchitektur, Wald, Seen, Sandstrand und rundherum Meer – was will der Urlauber mehr?

Text und Fotos: Elke Backert 

Bei der Sanierung von St. Petri in Benz, 1229 erstmals erwähnt, wurde die mittelalterliche Bausubstanz Feldstein wieder freigelegt. Der obere Turm und die Innenausstattung mit feiner gemalter Kassetten-Decke stammen aus dem 18./19. Jahrhundert.

Ich halte es nicht mit den Journalisten, denen man witzelnd nachsagt, sie guckten eine Kirche nur von außen an. Ich gehe hinein. Das mache ich auch in Benz auf der pommerschen Insel Usedom und erlebe einen alten Herrn Pastor, der zu Erstklässlern spricht. Auf kindgerechte Weise will er ihnen die Geschichte des Ortes und ihrer berühmten Kirche nahebringen. Immerhin hat sie der weltbekannte deutsch-amerikanische Maler Lyonel Feininger (1871-1956) variationsreich, mal in Öl, mal in lichten Aquarellfarben, für die Nachwelt festgehalten.

56 km lang ist der Feininger-Rundweg

Der Pastor erzählt sehr lebendig und endet mit einer tollen Geschichte, die die Zweitklässler aufhorchen lässt. Er habe eine alte Urkunde im Kirchturm gefunden, die merkwürdige, nicht entzifferbare Schriftzeichen enthält. Ein befreundeter Chinese aber habe eines der Zauberzeichen entschlüsseln können. Es stünden da drei große B, BBB, und der Chinese kannte auch ihre Bedeutung. Ein Benzer Brause-Baum wüchse im Kirchgarten.

 

Erdholländers Ex-Pastor Martin Bartels vor der Holländerwindmühle

„Habt ihr schon mal einen Brausebaum gesehen?“ – „Nein“, schreien die Kleinen. – „Doch“, entgegnet der Pastor, „den gucken wir uns jetzt mal an.“ Die Kinder stürmen hinaus. Tatsächlich hängen da an einem Baum gelbe Limonaden-Flaschen, und rote, die „reifen“, liegen schon im Gras. Jubelnde Kinder sind dem Pastor gewiss.

Der gebürtige Amerikaner Feininger hielt sich gern im beschaulichen Achterland, dem Hinterland der Insel, auf. Auf seinem Fahrrad Marke Cleveland-Ohio mit Holzfelgen und Gummibereifung fuhr er jedes Jahr Zigtausende Kilometer. Wo es ihm gefiel, warf er das Rad in den Graben und skizzierte die Landschaft, einen Weg, die Benzer Holländerwindmühle von 1830, die bis 1972 in Betrieb war, oder eben die Kirche St. Petri.

1912 schrieb Feininger aus Benz, übersetzt etwa: „Ich befinde mich inmitten der Motive, die ich mag und die mich inspirieren.“ Die Zeichnung des Benzer Erdholländers, die erste bildliche Darstellung des Kulturdenkmals, besitzt heute die Familie Rockefeller.

Das und noch viel mehr erfährt der Besucher in der schmucken Reet gedeckten Galerie gleich neben St. Petri. Für das Achterland sind Rohr- oder Schilfdächer, also Reet gedeckte Häuser, typisch, während in den drei „Kaiserbädern“ der Pommerschen Bucht, Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, die Bäderarchitektur vorherrscht, eine gelungene Summierung aller Stilepochen von der Antike bis zum Jugendstil, die im 19. Jahrhundert und in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg an der Küste entstand: Loggien, Brüstungen, Veranden, Erker, Türmchen oder Säulen.

Der Galerist Johannes Albers ist stolz auf sein kleines Feininger-Kabinett mit Kunstdrucken und einem originalen Brief, den der in Deutschland verfemte Feininger 1937 aus der Emigration in den Vereinigten Staaten schreibt: „Was wird aus all’ unseren Künstlerfreunden im nunmehrigen ’Naziland’???“

Das Feininger-Rad im Kunst-Kabinett

Auch des Malers Rad von 1897 wird im Kunst-Kabinett aufbewahrt. Albers, der „unsere kleine Strohdach-Hütte“ seit 1955 betreibt, dem Jahr, in dem Feininger die Benzer Kirche malte, erklärt gern den Inhalt eines Bildes. Ein Kunstdruck vom „Rathaus in Swinemünde“ hängt gleich zweimal an der Wand, einmal mit polnischem Titel, einmal auf deutsch. In dem Gemälde gehe es, satirisch überhöht, um die feinen Damen, hochgewachsen und in schicker Garderobe, die im Kaiserbad Swinemünde promenieren und ihre kleinen rundlichen Männer dominieren. Die Herren haben das dicke Geld für den Schick ihrer Damen. „Das wirklich erste Kaiserbad“, ergänzt Albers, „war nämlich Swinemünde.“ Dessen Zeit als Seebad begann 1820. Die „3 Kaiserbäder“ der Insel Usedom, Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, übernahmen den publikumswirksamen Namen. Nicht ohne Grund, denn Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, wählte sie als Sommerfrische.

Bei soviel Feininger ist es kein Wunder, dass die Insel dem Promi einen Rad-Rundweg widmet, 56 Kilometer lang und gekennzeichnet durch Weg-Beschilderung, aber auch durch Bronzeplatten im Erdboden vor den jeweiligen Objekten. 40 Orte, an denen man über 80 seiner Gemälde nachvollziehen kann.

Der Kunstdruck der Benzer Kirche mit den Maßen ist in der Galerie zu erwerben. Da sich die Galerie durch hervorragende Akustik auszeichnet, darf das Usedomer Musikfestival jedes Jahr im September die Räume für Konzerte nutzen.

Das legendäre Seeschlösschen

1924 spazierte aber auch kein Geringerer als Thomas Mann gemeinsam mit seiner Ehefrau Katia und den Kindern über die Promenade und feilte im Bansiner „Haus Seeblick“ am letzten Kapitel seines Jahrhundertromans „Der Zauberberg“.

Mellenthin ist der Ort, wo das gleichnamige Wasserschloss aus dem Jahre 1575 als Hotel und Restaurant dient und immer ausgebucht scheint. Weil die Portionen für Riesen gemacht sind? Inzwischen hat es eine Brauerei und eine Kaffeerösterei eröffnet. Zwei Euro „Brückenzoll“ kostet es, sich dem Schloss zu nähern. Die werden aber beim Verzehr angerechnet.

Einen Tisch vorbestellen sollten Fischfreunde, wollen sie im „Waterblick“ in Loddin essen. Hier haben sie einen schönen Blick über das Achterwasser auf die Halbinsel Görmitz, und sie treffen bei Peter Noack auf den nördlichsten Weinberg Deutschlands mit 99 Rebstöcken. Die Pflege des zwölf Jahre alten pommerschen Weingartens und Erzeugung des tiefroten Cabernet-Sauvignon „Loddiner Abendrot“ überlässt Herr Noack lieber einem Winzer von der Nahe, denn „wir Pommern sollten Kartoffeln buddeln, von Wein haben wir keine Ahnung, das ist zu komplex.“

Das Achterwasser, das zusammen mit dem Peenestrom die eigenwillig geformte Insel vom Festland trennt, lernt man bestens bei einem Segeltörn mit der „Weißen Düne“ kennen. Auf der Fahrt von Neppermin nach Karlshagen muss der Segelschoner die Wolgaster Klappbrücke durchqueren, die sich nur zu festen Zeiten öffnet. Ein aufregendes Erlebnis, zumal bei einem Abendtörn und glutrotem Sonnenuntergang.

Der größte Teil der Insel ist zusammen mit der nahen polnischen Insel Wollin seit 1966 Landschaftsschutzgebiet und als Naturpark mit einer Eule beschildert, ein Refugium für Fauna und Flora. Hier zählt man die größte Seeadler-Population Deutschlands. Am besten seien sie von der Zecheriner Brücke aus, möglichst am frühen Morgen, zu sichten. Fernglas vorausgesetzt, damit man sie nicht etwa mit der Lachmöwe verwechsele. Der lärmende Autoverkehr Richtung Anklam störe sie nicht.

Usedoms Wasserschloss Mellenthin

Dort, im Usedomer Winkel, kann man sich auch gleich die zum technischen Denkmal erklärte Eisenbahn-Hubbrücke von Karnin ansehen. Ein Meisterwerk, 1876 als 360 Meter lange Fünfbogenbrücke für die Eisenbahnstrecke Ducherow-Swinemünde erbaut. Für Schiffsdurchfahrten gab es eine Drehbrücke. Steigende Zugzahlen erforderten einen Neubau der Brückenöffnung. Dabei entschied man sich für eine Hubbrücke, die nach dem Fahrstuhlprinzip des Schiffshebewerks Niederfinow arbeitet. Ende 1933 nahm man die Brücke in Betrieb, die eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern zuließ. Am 23. April 1945 sprengte die Wehrmacht die Pfeiler der Überbauten und fuhr die „Tröge“ nach oben, um die vorrückende Rote Armee aufzuhalten.

Eine der schönsten Lindenalleen – es sollen 337 achtzig- bis 100jährige Bäume sein – führt ins 130-Seelen-Dorf Krummin, das sich wegen seines winzigen Jachthafens in der Krumminer Wiek „Klein Nizza“ nennt. Von dort blickt man zur Halbinsel Gnitz. Das Mittelstück der gotischen 750 Jahre alten Backsteinkirche, der ältesten Usedoms, ist der letzte erhaltene Teil eines Zisterzienserinnen-Klosters. Ausruhen bei hausgemachtem Kuchen und Hausmannskost lässt sich in der „Naschkatze“, dem ersten und einzigen Sitz-, Steh- und Liegecafé Usedoms. Gesine, Peter und die Katze bieten mit ihren Ferienwohnungen auch Platz zum Schlafen.

Man kann aber auch ganz allein im Sommer wie im Winter einen Strandspaziergang am weißen Dünenstrand bis nach Polen machen oder den Weg entlang der Promenade erradeln.

Peace: Auf Friedenssuche in der Schirn

2017, Juli 3.

Der Taiwanesische Künstler Lee Mingwei

„PEACE“  – Die derzeitige Sammelausstel­lung in der Schirn versteht sich als Impuls, darüber nach­zu­den­ken, was Frie­den für uns heute sein kann.  12 internationale Künstler haben zu dieser Fragestellung ihr ästhetisches Statement – größtenteils Installationen – abgegeben, darunter der französische Schriftsteller Michel Houellebecq und die Künstler Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles,  Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Katja Novitskova, Heather Phillipson, Agnieszka Polska, Timur Si-Qin, Ulay und auch der taiwanesische Künstler Lee Mingwei mit seinem seit 1998 laufenden Work in Progress: „The Letter Writing Project“. Der englische Begriff  „Peace“ wird in dieser Gruppenausstellung dabei sehr weit gefasst. Für die einen kann er die kritische Auseinandersetzung mit der globalisierten Konsumgesellschaft und ihren ökologischen und sozialen Verwerfungen bedeuten, für die anderen wiederum die Suche nach dem inneren Frieden in der Beschäftigung mit ganz privaten Dingen wie zum Beispiel Houellebecq mit seinem Hund. Daneben finden beglei­tend Live-Events wie etwa Vortra­̈ge, Lesun­gen, Poetry-Perfor­man­ces sowie Tanz- und Musik­ver­an­stal­tun­gen statt. Aber auch das Publikum ist gefordert. Die Kommentare zum Thema Frieden werden im digitalen Auftritt der Schirn weitergeschrieben. Die Ausstellung ist bis zum 24. September zu sehen.

Von Petra Kammann

Lee Mingwei in der Schirn, Foto: Petra Kammann

Mehr und mehr öffnet sich die Kunst weltweit für Formen, in denen die Besucher einbezogen werden, in denen das Werk erst in dem Moment entsteht, in dem Zuschauer ihm begegnen. In den Projek­ten des in Taiwan gebo­re­nen Küns­tlers Lee Ming­wei (*1964)  geht es um intime Begeg­nun­gen zwischen Menschen. Dabei spie­len Austausch und das Geschenk eine tragende Rolle. Was das mit Frieden zu tun hat? Aggression, Frustration und schließlich Unfrieden geschieht häufig aus einer Kränkung heraus, die einen zunächst einmal in Stockstarre versetzt und einen Abbruch der Kommunikation und der sich zusammenballenden Aggression nach sich zieht. Mit wem aber würde ich gerne wieder Frieden schließen? Und wie lassen sich dabei Hemmschwellen überwinden?

Wen habe ich gekränkt und wem würde ich einen Brief schreiben, und das am besten ganz neutral, ohne das Gesicht zu verlieren? Habe ich im entscheidenen Moment den Zeitpunkt verpasst, die richtigen Worte zu finden? Da muss dem Künstler Lee Mingwei, der zeitweise in Tokio und in New York lebte, der partizipatorische Gedanke für seine langfristig angelegte Aktion gekommen sein. Für ihn bedeutet „Peace“ zunächst einmal, über die innere Ruhe und das Denken oder gar über das Meditieren zur Ruhe kommen, zu sich selbst zu finden: „Erst wenn ich eine Balance zwischen schön und hässlich, zwischen schlecht und gut finde, kann ich mich zunächst vertrauten Freunden und der Familie zuwenden und dann erst wieder nach außen, in die Öffentlichkeit, gehen. “

In der Ausstellung PEACE sind zwei Arbei­ten von ihm zu erle­ben. Seine parti­zi­pa­tive Instal­la­tion „The Letter Writing Project“, seit 1998 ein work in progress, bildet den Auftakt zur Gesamtpräse­nt­at­ion in der Schirn:  bestehend aus drei puristischen, Ruhe ausstrahlenden klösterlichen Zen-Zellen, die der Künstler mit einem Handwerker aus Kyoto sorgfältig entworfen und gebaut hat.

Handwerklich sorgfältig ist nach altjapanischer Tradition ein Schreibplatz in der zenartigen Zelle angelegt

Wer sich hinein begibt, kann in der Begegnung mit sich selbst auf den Ursprung seiner Wünsche, Sehn­süc­hte und Bedür­fni­sse stoßen, aber auch auf die Angst, diese zu arti­ku­lie­ren.

Die Besu­cher können dann diese für sie nicht beherrschbaren Emotionen, für die sie sich nie die Zeit genommen haben, in Brie­fen formu­lie­ren und diese in die Schlitze der in der Instal­la­tion angebrachten Holzhalterungen stecken, wo dann andere Besucher sie entweder lesen oder sie der Schirn übergeben, um sie an bestimmte Adres­sa­ten verschi­cken zu lassen. Das Schreiben selbst hat für Mingwee eine reinigende Funktion. Im Laufe der Jahre hat der inzwischen in Paris lebende Künstler an die 60 000 Briefe zusammengetragen.

„Getting connected to the world“ – Die Beziehung, die mittels des Mediums Brief mit der Außenwelt geschaffen wird, wie auch das so entstandene Netzwerk zwischen Menschen gelten dem Künstler als die eigentlichen Kunstwerke, die bewusst machen, wie sehr wir alle von unseren Emotionen bestimmt sind.

Ein so unaufgeregtes wie fragiles Projekt. Ob es Kriegstreiber abhält, ist fraglich. Und doch zeigt es Alternativen auf, die so so offen sind wie der Friede selbst.

Das Statement von Lee Mingwei

„When my maternal grandmother passed away, I still had many things to say to her but it was too late. For the next year and a half I wrote many letters to her, as if she were still alive, in order to share my thoughts and feelings with her.

For The Letter Writing Project, I invited visitors to write the letters they had always meant to but never taken time for. Each of three writing booths, constructed of wood and translucent glass, contained a desk and writing materials. Visitors could enter one of the three booths and write a letter to a deceased or otherwise absent loved one, offering previously unexpressed gratitude, forgiveness or apology.

They could then seal and address their letters (for posting by the museum) or leave them unsealed in one of the slots on the wall of the booth, where later visitors could read them. Many later visitors come to realise, through reading the letters of others that they too carried unexpressed feelings that they would feel relieved to write down and perhaps share. In this way, a chain of feeling was created, reminding visitors of the larger world of emotions in which we all participate. In the end, it was the spirit of the writer that was comforted, whether the letter was ever read by the intended recipient or others.’ – Lee Mingwei

In Zusam­men­ar­beit mit dem Städel Museum, dem Deut­schen Archi­tek­tur­mu­seum, dem Museum Ange­wandte Kunst und dem Museum für Moderne Kunst sowie mit orts­an­säs­si­gen Sänger/innen arran­giert die Arbeit „Sonic Blos­som“ (2013) eine Geschenk­si­tua­tion. Dabei stel­len Sänger/innen  Besu­chern die Frage: „Darf ich Ihnen ein Lied schen­ken?“ Beide sitzen und stehen sich gegen­über, während eines von fünf Liedern von Franz Schu­bert vorge­sun­gen wird. Sonic Blos­som ist im Städel (4.–9. Juli), im Deut­schen Archi­tek­tur­mu­seum  (11.–16. Juli), im MMK Museum für Moderne Kunst Frank­furt am Main (15.–20. August), im Museum Ange­wandte Kunst (22.–27. August) und in der SCHIRN (19.–24. Septem­ber) zu erle­ben. Das gültige Ticket für das jewei­lige Haus garantiert für den Einlass.